bis 26. Januar 2020 - Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, 60594 Frankfurt am Main

© Per Heimly

House of Norway

Norwegen ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019

Idee und Konzept der Ausstellung stammen von Museumsdirektor Matthias Wagner K und Sabine Schirdewahn. Fünf Mal reisten sie in das weite Land und wurden fündig. Neben 47 künstlerischen und gestalterischen Positionen präsentiert die Ausstellung 24 Kurzfilme aus Norwegen.

Ein besonderer Schwerpunkt und Blick liegt auf den Samen, einer indigenen Volksgruppe, deren Kulturraum, Sápmi, sich über Norwegen, Schweden, Finnland und Teile Russlands erstreckt, und deren künstlerischen Ausdrucksformen.

In ihrer komplexen Formensprache und den ungewöhnlichen Materialien verweben sich Geschichte und Gegenwart in besonderer Weise. So erzählt das in aufwendiger Handarbeit hergestellte Werk „Historja“ von Britta Marakatt-Labba in einem Bilderfluss von der Geschichte der Sámi People. Es handelt sich dabei um einen dreiundzwanzig Meter langen Fries aus Leinen, der mit filigranen Motiven bestickt ist. Auf dem glatten weißen Stoff wölben sich in oft nur millimetergroßen Formen winterliche Birkenwälder, braune, schwarze und rote Tierkörper, Menschen mit roten Mützen, Rentierschlitten, Zelte, Gewässer, Wiesen, Häuser, Ställe, Kirchen, ein Parlament und der Sternenhimmel. Das Werk, 2017 auf der documenta 14 erstmals in Deutschland gezeigt, ist in der Ausstellung in einer Videoadaption zu sehen.

 

Beeindruckend auch die Installation „Gielastuvvon“ (deutsch: Gefangen) von Máret Ánne Sara. Sie besteht aus Lassos, die normalerweise von Rentierhirten eingesetzt werden. Jetzt baumeln Dutzende von ihnen wie Galgen von der Decke. Die Künstlerin bezieht sich dabei auf Reglementierungen seitens der norwegischen Regierung in Bezug auf Weideflächen und Größe der Rentierherden, die besonderes für die jüngere Generation eine Bedrohung ihrer Existenzgrundlage bedeutet.

 

Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung ist ein eigens für das Sámi National Theatre Beaivvás konzipierte Bühnenlandschaft, in der vom 12.Oktober bis 9. November insgesamt 24 Mal das Stück „JOHAN TURI“ in samischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln aufgeführt wird.

 

Das Bühnendrama geht zurück auf die Biografie des Rentierhalters Johan Turi (1854–1936) und erzählt die Geschichte seines langgehegten Traums, ein Buch zu veröffentlichen, das von den Lebensumständen der Sámi erzählt und die norwegischen Behörden und Unternehmen dazu bewegen soll, ihre restriktive Haltung gegenüber dem indigenen Volk zu ändern.

 

Ergänzt wird der Raum durch Fotografien des samischen Fotografen Per Heimly, die Porträts von samischen Einwohner*innen in ihren traditionellen Trachten zeigt.

 

Erstmals werden Zeichnungen mit lyrischen Prosatexten des Künstlers Edvard Munch (1863 – 1944) aus der Sammlung des Munchmuseet in Oslo gezeigt. Diese Textzeichnungen sind Teil einer Sammlung von insgesamt 81 Blättern mit handschriftlichen Notizen und Anmerkungen, Skizzen, Holzschnitten und Zeichnungen ohne Text, von denen im Museum Angewandte Kunst jetzt sechs zu sehen sind und den Künstler auch als herausragenden Lyriker ausweisen

 

Auch einen Blick auf eine dunkle Seite der norwegischen Geschichte bietet das „House of Norway“: Im 17. Jahrhundert kam es in Nordnorwegen zu einer Welle von Hexenverfolgungen, unter denen die von Vardø mit zu den schlimmsten zählten. Mehr als 100 Menschen wurden der Hexerei beschuldigt, und 77 Frauen und 14 Männer wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

 

Zur Erinnerung an diese Hexenverfolgungen wurde das Mahnmal Steilneset Memorial in Vardø im Jahre 2011 nach Plänen des Schweizer Architekten Peter Zumthor errichtet. Dieses Mahnmal, bestehend aus einer Gedenkhalle (einer 120 Meter langen Holz- und Segeltuchkonstruktion) und einem kleinen quadratischen Pavillon mit Wänden aus Stahl und 17 Rauchglasplatten, wird eindrucksvoll dokumentiert durch Fotografien von Ken Schluchtman.

 

In der Ausstellung gibt es außerdem nordisches Design, aktuelle norwegische Mode, traditionelles und aktuelles Kunsthandwerk, Architektur, Möbel für zu Hause und den öffentlichen Raum sowie Video- und Filmarbeiten, beispielsweise die Trilogie „Under Earth“ von Ingrid Torvund, zu sehen.

 

Die Schau liest sich wie eine Reise durch ein Land, das von unterschiedlichen Landschaften, Klimazonen und Bevölkerungsdichten geprägt ist. Für einen Besuch sollte man Zeit mitbringen.

(Walter H. Krämer)

 

Foto: Per Heimly, Anna Sara, aus der Serie „Heart of Lightness", 2015 © Per Heimly

 

Weitere Informationen 


erstellt am 10.6.2015