bis 12. Januar 2020 - Opelvillen Rüsselsheim, Ludwig-Dörfler-Allee 9, 65428 Rüsselsheim

Konkrete Poesie / poesia concreta

2017 forderten Studentenvertreter, Eugen Gomringers „avenidas" von der Südfassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule zu entfernen. Sie empfanden die 1952 entstandenen Verse als sexistisch – und konnten sich mit ihrem Anliegen durchsetzen. Die Debatte um „avenidas" habe Gomringer, der heute 94 Jahre alt ist, aufgebracht und sehr geschwächt, berichtet Beate Kemfert, Kuratorin der Opelvillen Rüsselsheim.

Der von Gomringer in den Fünfzigern mitbegründeten „Konkreten Poesie" und ihrem brasilianischen Pendant, der „poesia concreta", widmet Kemfert nun eine Ausstellung. Die beiden Avantgarde-Strömungen ähneln sich vielfach. Ihre Sprache ist lakonisch und knapp. Meist erscheinen die Texte in konsequenter Kleinschreibung. Viel Wert wird auf die formale Gestaltung der Gedichte gelegt. Sie können zum Beispiel kreisrund sein oder wellenförmig. Die Form schafft eine zusätzliche Bedeutungsebene. So entstehen poetische Sprachbilder im wahrsten Sinn.

Im ersten Obergeschoss der Opelvillen sind diverse „konkrete" Gedichte von Eugen Gomringer, Augusto de Campos, Haroldo de Campos und Décio Pignatari zu lesen, zu sehen und zu hören. Auch ein Tisch, an der Gomringer und Pignatari 1955 in Ulm zusammensaßen, ist Teil der Präsentation. Das Treffen gilt als Auftakt der internationalen Bewegung der „Konkreten Poesie". Durch die Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG), an der Gomringer als Sekretär des Rektors Max Bill wirkte, lässt sich eine Verbindungslinie zur Ausstellung ziehen, die zeitgleich im Erdgeschoss der Opelvillen zu sehen ist.

Der Brasilianer Geraldo de Barros (1923-1998) besuchte 1951 die Vorgängerinstitution der HfG Ulm. In Zürich traf er zudem Max Bill. Damals experimentiere de Barros mit abstrakten Schwarzweißfotografien, die er „Fotoformas" nannte. Einige dieser Fotografien werden in Rüsselsheim gezeigt. 1954 gründete er zusammen mit einem Dominikanerpriester das Kollektiv „Unilabor". Es entwarf und produzierte Möbel. Erstmals seien „Unilabor"-Produkte öffentlich außerhalb Brasiliens zu sehen, betont Beate Kemfert.

Geraldo de Barros war als Möbeldesigner Autodidakt. Unilabor" habe eigentlich günstige Einrichtungsgegenstände herstellen wollen, sagt Michel Fravre, Leiter des Geraldo de Barros-Archivs in Genf. Allerdings hätten vor allem Intellektuelle und Architekten die Möbel gekauft. „Unilabor" verfolgte ursprünglich ein sozialistisch inspiriertes Konzept. Alle Mitarbeiter sollten, unabhängig von ihrer Position, gleich bezahlt werden. Sie lebten in einer Siedlung, teilten auch Freizeitaktivitäten. 1961 musste Geraldo de Barros das inzwischen gewachsene Unternehmen auf Druck der Belegschaft verlassen. Drei Jahre später putschte sich in Brasilien das Militär an die Macht. Das Experiment „Unilabor" endete 1967. (el)

Abb.: Eugen Gomringer, avenidas, 1952, © Eugen Gomringer

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erstellt am 10.6.2015