20. November 2019 20:00 Uhr - Schauspiel Frankfurt (Kammerspiele), Neue Mainzer Straße 15, Frankfurt

Szenenfoto: Felix Grünschloß

Aus Staub

Jan Neumann, Hausregisseur am Nationaltheater Weimar und für seine dortige Inszenierung von Schillers „Wilhelm Tell" gerade für den Faust Theaterpreis 2019 nominiert, hat mit den Schauspieler*innen Altine Emini, Sebastian Kuschmann, Friederike Ott, Sebastian Reiss, Julia Staufer und Uwe Zerwer gemeinsam das Stück „Aus Staub" entwickelt.

Darin geht es um gesellschaftliche und private Umbrüche, und jede(r) der Spieler*innen ist gleich in mehreren Rollen zu sehen. Am Anfang der Stückentwicklung stand ein Spaziergang von Dramaturgin Ursula Thinnes mit dem Regisseur durch das Frankfurter Westend und die danach getroffene Entscheidung, Geschichten ab der sogenannten „Stunde null" in einer Wohnung – Schubertstraße 45. 2. OG, links – und mit deren wechselnden Bewohner*innen zu entwickeln und zu erzählen.

Mittels Recherchen im Institut für Stadtgeschichte, dem Deutschen Architekturmuseum und Gesprächen mit Zeitzeugen verschafften sich alle Beteiligten einen Überblick über 70 Jahre auch Frankfurter Geschichte.

Herausgekommen ist dabei ein Kaleidoskop von Geschichten, die teils skurril, witzig, berührend und erhellend sind. Wir erfahren eingangs etwas über die Frankfurter Trümmerverwertungsgesellschaft TVG, die nach dem Zweiten Weltkrieg Material für den Wiederaufbau aus den Trümmern der gerade zerbombten und zerstörten Stadt gewann – von Friedricke Ott mit umwerfendem Charme dargeboten.

Aktivist*innen von Weiberrat und Häuserkampf kommen zu Wort, der Fall der Mauer wird thematisiert, die Finanzkrise und natürlich auch der 11. September 2001. Ein Gastarbeiterkind macht sich auf den Weg zu seinem bereits in Deutschland lebenden und arbeitenden Vater, findet mit Sätzen aus den Romanen von Hedwig Courths-Mahler sein privates Glück und eröffnet hier in der Stadt den ersten italienischen Eissalon. Altine Emini im Fat-Suit dabei zuzusehen, wie sie sich in der neuen Umgebung zurechtfindet, ist sprachlich und spielerisch ein Genuss. Julia Staufer überzeugt als frauenbewegte und quasselnde Soziologiestudentin mit einer bravourös vorgetragenen Performance in Schnellsprech ohne Punkt und Komma.

Wie perfekt das Ensemble aufeinander eingestimmt ist, zeigt sich insbesondere auch in der Szene, in der der Familienvater den Rest der Familie davon überzeugen will, doch mit ihm nach Cottbus zu ziehen, um nach der Wende dort beim Aufbau Ost zu helfen. Da werden Klischees zwischen Ost und West – sehr zur Freude der Zuschauer*innen – auf den Punkt gebracht. Bei jeder ihrer Begegnungen stellt die Mutter einen Kuchen auf den gedeckten Tisch – dauerlächelnd und singend Friedericke Ott – und der Sohn (Uwe Zerwer) fragt nach dem vermissten Vater. Als die Mutter ihm endlich die ganze Wahrheit über ihre gemeinsame NS-Vergangenheit erzählt, hört er schon nicht mehr zu. Hier wird Verdrängung und Sprachlosigkeit zwischen den Generationen im Nachkriegsdeutschland sichtbar, weckt Erinnerungen und löst Betroffenheit aus.

Die nicht chronologisch geordnete Sicht auf die Zeit nach 1945 endet mit dem letzten Bewohner und dem Abriss des Hauses Schubertstraße 45 im Hier und Heute. Seine Demenz lässt sich nicht mehr aufhalten und wie im Zeitraffer ziehen Bilder der Erinnerung noch einmal an ihm vorüber. Wie Uwe Zerwer diese sich allmählich ausbreitende Demenz auf der Bühne sinnlich erfahrbar und erlebbar macht, ist zugleich berührende und große Schauspielkunst.

Eine insgesamt beeindruckende Arbeit des gesamten Teams und ein kleines Juwel im Spielplan des Frankfurter Schauspiels! (Walter H. Krämer)

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erstellt am 10.6.2015