bis 13. Oktober 2019 - Fritz Rémond Theater, Bernhard-Grzimek-Allee 1, 60316 Frankfurt am Main

Foto: Fritz Rémond Theater

Winterrose

Komödie von Christa, Agilo und Michael Dangl, Regie: Udo Schürmer

In digitalen Zeiten dauert es angeblich keine elf Minuten, bis sich – laut einer Werbeanzeige – ein Single neu verliebt. Bei Elisabeth (Verena Wengler) dauert es gute zwei Theaterstunden, bis sie und der anfangs sehr wortkarge und abweisende Anton (René Touissaint) sich auf einer Parkbank tief in die Augen blicken und die Zuschauer*innen mit der Hoffnung auf ein Happy End in die Welt draußen entlassen werden.

„Winterrose“ entstand als Gemeinschaftsprojekt des Schauspielerehepaars Christa und Agilo Dangl in Zusammenarbeit mit ihrem Sohn Michael. Unter der Regie von Udo Schürmer und im Bühnenbild von Tom Grasshof ist diese Komödie im Fritz Rémond Theater Frankfurt zu sehen.

 

Elisabeth verabredet sich unter dem Pseudonym „Winterrose“ mit Männern, die sie vorab durch Zeitungsannoncen kennengelernt hat. Bevor sie dann die Auserwählten im Café Kindermann (!) trifft, beobachtet sie diese durch ein Fernglas und kommentiert lautstark und schonungslos offen ihre ersten Eindrücke und erzählt Geschichten zu vorherigen Treffen – und das jeden Mittwoch.

 

Wie ist das mit der Liebe im Alter und der Sehnsucht nach einem neuen Partner? Und wie lernt man diese kennen? Während ein junger Gärtner / Parkwächter (Gabriel Spagna) Elisabeths Erzählungen gerne hört und mit seinem Kofferradio für musikalische Setzungen sorgt, ist Rentner Anton sichtlich genervt und fühlt sich in seiner Zeitungs- und Buchlektüre sichtlich gestört. Tag für Tag auf (s)einer Parkbank, die er sich neuerdings mit Elisabeth teilen muss, hat er sich durch die Weltliteratur gelesen. Angefangen bei der Odyssee, über die Nibelungen und Krieg und Frieden ist er jetzt bei Dante Alighieri und seiner Göttlichen Komödie gelandet – und dies bietet reichlich Gelegenheit zu Wortspielereien und Witz.

 

Elisabeths Zeitungsbekanntschaften sind allesamt ein Reinfall. Einer begrüßt sie mit dem Satz, dass sie ja überhaupt keine Ähnlichkeit mit seiner Mutter habe und entpuppt sich als wahres Muttersöhnchen. Einer redet nur lateinisch und wieder ein anderer nur in Reimen („Ach liebe Frau Elisabeth, sie kommen aber reichlich spät. Es freut mich sehr, es freut mich sehr. Ach setzen sie sich bitter her. Ich werde gleich dem Kellner winken, was möchten sie denn gerne trinken?“). Hundebesitzer kommen schon gar nicht in Frage denn – so verkündet sie lautstark – es dauert nicht lange, dann heißt es nur noch: „Hols! Brings! Sitz! Platz! Aus!“

 

„Winterrose“ ist eine romantische Komödie, die das Recht auf Bindung und die Sehnsucht nach Beziehung thematisiert und dies mit teils bissigen Pointen und Kommentaren auf den Punkt bringt. Neben der Sprache ist allerdings das Spiel mit Blicken und Gesten bedeutungsvoll – es erzählt oft mehr als die Worte von den Befindlichkeiten der drei Schauspieler*innen. Besonders in einer Szene gelingt Verena Wengler geradezu ein Kabinettstück mit Blicken und Gesten. Wie sie ihren Sitznachbarn Anton von oben bis unten mustert, ist allerfeinste Schauspielkunst und lenkt den Blick endlich auf den Mann neben ihr. Überhaupt ist das Spiel zwischen diesen beiden das eigentlich Spannende. Wie sie sich allmählich aus ihrer Panzerung hervortrauen, Verletzungen thematisiert und sichtbar werden das hat Reiz und Tiefe. Bis hin zum Schluss, als Anton sie mit folgenden Worten treffend beschreibt und sie sich erstmals erkannt und gesehen fühlt: „Eine Winterrose ist voller Widersprüche. Sie blüht, ist aber kalt wie Schnee. Sie kann duften, hat aber lauter Dornen. Sie ist stark und trotzt dem Winter, aber sie ist zerbrechlich wie Kristall.“ Nach all den Kontaktanzeigen, vergeblichen und enttäuschenden Begegnungen endlich ein Licht- und Ausblick auf eine beidseitig erfüllende Beziehung.

(Walter H. Krämer)

 

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erstellt am 10.6.2015