bis 28. August 2019 - Domplatz, A-5020 Salzburg

© SF/Matthias Horn

Jedermann

Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes von Hugo von Hofmannsthal

 

Seit 1920 erschallt der Ruf „Jedermann“ über den Domplatz in Salzburg, und die Inszenierung dieses Spiels vom Sterben des reichen Mannes ist mehr als Kult, sondern trifft auch noch heute die Zuschauer*innen (mehr als 30.000 Pro Jahr) mitten hinein in existenzielle Fragen über Leben und Tod. Beispielhaft vorgeführt am Leben und Sterben eines reichen Mannes.

 

Da ändert auch das immer wiederkehrende Bohei um die Besetzung und Kleiderfrage der Buhlschaft wenig, sondern ist eher so zu verstehen, wie es Valery Tscheplanowa, die diesjährige Buhlschaft, treffend formuliert: „In dem Stück geht es um den Tod. Zwei Stunden lang. Und die Buhlschaft wird als willkommene frische Brise wahrgenommen. Darum hat diese Figur eine solche Bedeutung erlangt. Sie soll möglichst frisch sein, möglichst lebendig und lebenshungrig sein, und das Kleid soll besonders rot sein!“

 

Valery Tscheplanowa ist eine ideale Besetzung für die Rolle der Buhlschaft in der Inszenierung von 2019, bei der der Regisseur Michael Sturminger versucht, neue Akzente zu setzen. Dies wird besonders deutlich am Bühnenbild und bei der Gewichtung der Rollen. Glaube (Falk Rockstroh), Mutter (Edith Clever), die Vettern (Björn Meyer und Tino Hillebrand), die Werke (Mavie Hörbiger) und Buhlschaft stehen gleichberechtigt nebeneinander und konfrontieren sich mit Jedermann – mit Tobias Moretti schon im dritten Jahr hintereinander überzeugend besetzt – und er sich mit ihnen. Will er anfangs noch den Dom zum Lusttempel umbauen, so geht er geläutert und gläubig am Ende in das Gotteshaus hinein – und die Kulisse des Salzburger Doms spielt hierbei vortrefflich mit und kann wahrlich nicht getoppt werden und ist wohl Teil des Erfolges an diesem Ort.

 

Erstmals gibt es einen Vorhang, der sehr an den berühmten Brecht’schen erinnert und den Blick auf die Spielfläche vor dem Dom anfangs verdeckt. Die drei großen Bögen und die vier großen Figuren, die im Zentrum der Fassade stehen, sind gespiegelt und werden in ganz feinen Linien wiederholt. Dadurch erweist das neue Bühnenbild dem Dom, gegen dessen Architektur anzuspielen, einfach nur töricht wäre, seine Reverenz und es entsteht gleichzeitig ein neuer Raum zwischen dem Dom und der Bühne. Damit soll deutlich gemacht werden, dass man sich zwar auch heute noch mit diesem Jahrtausend alten Thema und diesem Text, der bereits über 100 Jahre ist und seiner Aufführungsgeschichte beschäftigt, ihn allerdings mit heutigen Menschen aus heutiger Perspektive anschaut.

 

Die Glocken des Doms läuten das Spiel ein. Danach setzt das Ensemble E 13 musikalische Akzente – mit Elementen aus Jazz, Folklore, World und Klassik (Komposition Wolfgang Mitterer). Vielschichtige Klangfarben entstehen und durch alle Beteiligten – neben die Protagonisten*innen des Stücks, die Tischgesellschaft, Kellnerinnen und Kellner, die Schuldknechtskinder und auch dem Ensemble E13 entstehen immer wieder schöne Bilder, Choreografien (Andreas Heise) und Tableaus.

 

Durch eine kippbare Bühnenfläche wird es möglich, anschaulich zu demonstrieren, wie das Weltbild des Jedermann ins Rutschen kommt – dabei gehen dann auch jeden Abend etliche Stühle, Tische und viel Geschirr zu Bruch – und mit welcher Kraft sich Jedermann anfangs gegen seinen bevorstehenden Tod wehrt und sich an das Leben klammert.

 

Theaterabende sind dann besonders interessant, wenn sie überraschen, vermeintliche Wahrheiten in anderem Licht erscheinen und es Augenblicke gibt, die berühren. Besonders wichtig bei Stücken, die eine lange Aufführungstradition haben und an die große und oft die immer gleichen Erwartungen geknüpft sind. Hier hat der Regisseur für seine – nun überarbeitete und zum Teil neu besetzte Version des diesjährigen Jedermanns gute Lösungen gefunden.

 

Nicht zuletzt funktioniert das gut, weil offensichtlich die Chemie zwischen den Schauspieler*innen stimmt und jeder / jede dafür andere Voraussetzungen mitbringt, die sich in der Rollengestaltung und Rollenauslegung bemerkbar machen. Beispielhaft dafür: Jedermann und Buhlschaft. Wie sich Tobias Moretti und Valery Tscheplanowa innerhalb kurzer Zeit in ein Liebespaar verwandeln - immerhin bleiben zumindest der Buhlschaft dafür nur 50 Verse – ist beeindruckend. Und durch Valery Tscheplanowa erfährt die Rolle eine weitere Neudeutung. Die Buhlschaft will hier nicht nur Anhängsel sein, sondern sie kämpft für die Liebe im hier und jetzt, um jeden geteilten Augenblick mit all ihrer Körperlichkeit, Bühnenpräsenz, Lebensfreude und ihren Liedern. Letztlich auch mit der Konsequenz, den Jedermann nicht auf seinem letzten Gang zu begleiten.

 

Dass der beste Freund gleichzeitig der Teufel und Bruder sein kann, beweisen Tobias Moretti als Jedermann und sein leiblicher Bruder Gregor Bloéb in den Rollen als Jedermanns guter Gesell und als Teufel – Familienbande als Unterstützung für herausragende Schauspielerleistungen.

 

Insgesamt also ein gut aufgestelltes Team, dem man sowohl die Ernsthaftigkeit für die Themen des Stückes als auch ihre Spielfreude anmerkt und dies alles auf hohem sprachlichen Niveau mit einem Text voll bildnerischer Kraft. Hugo von Hofmannsthal sei es gedankt.

(Walter H. Krämer)

 

Vorstellungen noch bis zum 28. August auf dem Domplatz in Salzburg. Bei Regen im Großen Festspielhaus. Vereinzelt noch Karten an der Abendkasse und jeden Abend die Möglichkeit, eine von 200 Stehplatzkarten á 10,- € zu erwerben.


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erstellt am 10.6.2015