29. Juni 2019 19:30 Uhr - Komische Oper Berlin, Behrenstraße 55-57, 10117 Berlin

Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

La Bohème

Nächste Aufführung am 29. Juni 2019


Vorlage für Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ (Uraufführung 1896 im Teatro Regio in Turin unter Arturo Toscanini) waren Henri Murgers „Scènes de la vie de bohème“. Puccini war von der Lektüre – Anfang 1893 – sofort begeistert. Trotz anfangs schlechter Kritiken wurde „La Bohème“ ein Welterfolg und ist eine der weltweit am häufigsten aufgeführten Opern. Mit „La Bohème“ bringt Puccini – zusammen mit seinen beiden Librettisten Luigi Illica und Giuseppe Giacosa – das Leben, Leiden und Lieben von gewöhnlichen Menschen auf die Bühne. Auf den Bühnen wird plötzlich Alltagssprache gesprochen und gesungen – ein absolut neues Phänomen.

 

Barrie Kosky und der musikalische Leiter Jordan de Souza bedienen mit dieser Inszenierung keines der Klischees und Gewohnheiten, die sich über Jahrzehnte im Umgang mit dieser Oper durchgesetzt haben, sondern finden einen anderen Zugang zu diesem musikalischen Meisterwerk.

 

Für den Regisseur geht es in dieser Oper neben dem Aspekt der Jugend mit ihrer Unbekümmertheit und Ehrlichkeit wesentlich um den Tod, der am Beispiel der Liebesgeschichte zwischen Rodolfo und Mimi verhandelt wird.

 

In die Welt der mittellosen Bohèmiens Marcello (Huw Montague Rendall), des Schriftstellers Rodolfo (Jonathan Tetelman), des Philosophen Colline (Samuli Taskinen) und des Musikers Schaunard (Michael Borth) dringt mit der kranken Mimi (Heather Engebretson) der Tod unmittelbar in ihr Leben ein. Am Ende werden sie, und mit ihnen das Publikum Zeuge ihres Sterbens. Es dreht sich um junge Künstler, die noch erfolglos sind. Auf ihrem Weg zur Reifung begegnet ihnen der Tod. Das verändert sie als Menschen und als Künstler.

 

Barrie Kosky hat jedes Detail, jede Bewegung, die Puccini komponiert hat, in Szene gesetzt. Dadurch wird das Werk transparent, vermittelt sich klanghell und bilderreich und dringt dadurch tief in das Bewusstsein der Zuhörer und Zuschauer ein.

 

Das Paris und das Café Momus (dort versammeln sich die Bohèmiens) inszeniert Barrie Kosky als rauschhaften und surrealen Ort. Auf der sich drehenden Bühne entstehen so mosaikartig Bilder, Tableaus und kleine Szenen, über die sich ein Gefühl für diese Stadt und Zeit vermittelt.

 

Der Grundraum der Inszenierung ist ein Fotoatelier und besteht aus vergrößerten Fotoplatten (Bühnenbild von Rufus Didwiszus), die man seit der Erfindung der Daguerreotypie benutzte. Deshalb ist in der Inszenierung von Barrie Kosky der Maler Marcello ein früher Fotokünstler, der seine Modelle – später auch Mimi – vor seinen Prospekten postiert und kann als Hinweis verstanden werden, dass es den Bohèmiens immer auch darum ging, neue Kunst zu schaffen. Und die Fotografie ist dafür ein gutes Beispiel aus dieser Zeit.

 

Der Dirigent Jordan de Suza nennt Puccini einen Handwerker des Gefühls: „Es gelang ihm einen musikalischen Stil zu finden, der das Spiel – die Floskeln der Sprache und die Sprunghaftigkeit der Szenen – zusammenhält und doch die emotionale Bedeutung der Worte und Situationen überraschend gut und schnell herausarbeiten kann.“

 

Das Orchester der Komischen Oper Berlin unter der Leitung von Jordan de Souza bringt den musikalischen Einfallsreichtum und die detaillierte musikalische Ausarbeitung von kleinsten Sezen und Handlungen besonders deutlich zum Klingen. Eine Aufführung für alle Sinne und unbedingt sehens- und hörenswert.

(Walter H. Krämer)

 

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erstellt am 10.6.2015