12. Mai 2019 bis 16. Juni 2019 - Komische Oper Berlin, Behrenstraße 55-57, 10117 Berlin

Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Ball im Savoy

Aufführungen am 12. + 19 Mai und 2. + 16. Juni


Seit Juni 2013 läuft die Operette „Ball im Savoy“ an der Komischen Oper Berlin schon, und jetzt gibt es die definitiv letzten vier Vorstellungen. Gelegenheiten also, sich diesem Farben-, Bilder-, Tanz- und Musikrausch hinzugeben.

Es ist ein Verdienst von Regisseur Barrie Kosky und dem musikalischen Leiter Adam Benzwi, die Operette anhand der handgeschriebenen Originalpartitur von Paul Abraham (1892-1960) wieder in ihren Ursprungszustand gebracht und den Klang vom „Ball im Savoy“ rekonstruiert zu haben. War der Operette doch alles jazzige, frivole, queere und afroamerikanische ausgetrieben worden und nur in musikalisch geglätteter Version zu hören.

 

Der Marquis Aristide de Faublas (Christoph Späth) hat Madeleine (Dagmar Manzel) geheiratet und beide kehren nach einjähriger Hochzeitsreise – während der Ouvertüre kann der Zuschauer das anhand von Scherenschnitten auf dem Bühnenvorhang verfolgen – zurück in ihr Haus nach Nizza. Gleich am ersten Abend hat der Marquis eine Verabredung mit einer früheren Geliebten. Das lässt Madeleine nicht auf sich sitzen, übt Revanche und geht öffentlich und demonstrativ ebenfalls fremd.

Im Takt von Blues, angesagten Modetänzen, Tango und Walzerklängen kommen noch vor ein türkischer Botschafter (Helmut Baumann), die südamerikanische Schautänzerin Tangolita (mit der fülligen Polin Agnes Zwierko bewusst gegen das Klischee besetzt) und die Nordamerikanerin Daisy Darlington (gespielt von Katharine Mehrling, einer Berliner Jazz-Größe), die unter dem Pseudonym Pasodoble als Jazzkomponist erfolgreich ist, und auf dem Ball im Savoy dieses Geheimnis lüften will.

 

Nicht zu vergessen das Lindenquintett Berlin, die sechs geschiedenen Frauen des Mustafa Bey und etliche Tänzerinnen und Tänzer. Ist Daisy im Original noch Weltmeisterin im Stepptanzen, so ist sie in der Inszenierung von Barrie Kosky Weltmeisterin im Big-Band-Jodeln – geschuldet der Tatsache, dass Katharine Mehrling fantastisch jodeln kann und dies auch zur Freude des Publikums unter Beweis stellt.

Bei den Gags des Librettos von Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald stimmen Timing, Ironie, Anspielungen und der Wortwitz funktioniert: "Eine Null mehr auf dem Scheck, und die Frau ist weg!".

 

1930 kam der ungarisch-jüdische Komponist Paul Abraham von Wien nach Berlin. Zog durch Bars und Clubs, hörte Jazz, genoss die weltstädtische Atmosphäre Berlins und deren moralisch lässige, künstlerisch explosive Stimmung und fing dies musikalisch in Form seiner Revueoperette „Ball im Savoy“ ein. Nach „Viktoria und ihr Husar“ (1930) und „Blume von Hawaii“ (1931) war „Ball im Savoy“ (1932) die dritte erfolgreiche Operette aus der Feder von Paul Abraham und zeigt ihn auf der Höhe seines Schaffens. Nur leider kamen wenig später die Nazis an die Macht. Paul Abraham musste fliehen und konnte im Exil nie wieder an diese Erfolge anknüpfen.

 

Barrie Kosky inszeniert virtuos und auf den Takt genau. Die Ensemble- und Tanzszenen sind von Otto Pichler bestens durchorganisiert und choreografiert, und es gibt viele Details bei den farbenfrohen Kostümen von Esther Bialas zu entdecken.

 

Der Regisseur breitet viele Details aus, und auch eher nachdenkliche Züge kommen zur Geltung. So wird beispielsweise ein schnulziger Schlager zum intimen Chanson, wenn Dagmar Manzel als hintergangene Ehefrau ihre Einsamkeit zum Klang eines Pianos heraussingt, oder wenn Peter Renz als Diener Archibald im Duett mit Christiane Oertel als Kammerzofe Bébé auf Jiddisch ein sentimentales Wiener Lied anstimmt. Und – schon nach dem Schlussapplaus – wenn das ganze Ensemble noch einmal an die Rampe tritt und a cappella „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“, eines der traurigsten Lieder von Paul Abraham, singt. Mit dieser Klage über die Vergeblichkeit unseres Glücksstrebens wird das Publikum verabschiedet. Das erzählt Geschichte(n), weckt Erinnerungen und schafft Assoziationsräume, die lange nachwirken.

 

„Ball im Savoy“ ist eine mitreißende Mischung unterschiedlicher Musikstile und Traditionen (Berliner Jazz, ungarischer Csárdás, wienerischer Schmelz und jiddischer Klezmer) und für Barrie Kosky das Meisterstück der Berliner Operette: „Das Bild vom seelisch gebrochenen Paul Abraham, der 1946 geistesverwirrt mitten auf der Madison Avenue in New York steht und den Verkehr als sein imaginäres Berliner Orchester dirigiert, nach dem er sich sehnt, gehört für mich zu den furchtbarsten Bildern dieser Zeit. Das Mindeste, was wir tun können, ist, nicht zu weinen, sondern seine wunderbaren Werke auf den Spielplan setzen und zu sagen: Dies ist Teil unserer Kultur.“

(Walter H. Krämer)

 

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erstellt am 10.6.2015