31. März 2019 bis 27. Mai 2019 - Schauspiel Stuttgart, Oberer Schlossgarten 6, 70173 Stuttgart

Szenenfoto: Matthias Horn

Orestie

In einer Neubearbeitung von Robert Icke, Deutsch von Ulrike Syha


Die ORESTIE des Dichters Aischylos (525 – 456 v.Chr.) ist die einzige, in ihrer Gesamtheit erhaltene antike griechische Trilogie (das abschließende Satyrspiel Proteus ist verschollen) und wurde im Jahr 458 v. Chr. erstmals aufgeführt.

In der Tragödie von Aischylos geht es im ersten Teil um AGAMEMNON. Nach jahrelanger Abwesenheit wird der Sieger von Troja bei seiner Rückkehr von seiner Frau Klytämnestra erschlagen. In CHOEPHOREN, dem zweiten Teil der Trilogie, rächt Orest die Ermordung seines Vaters blutig an seiner Mutter und deren Buhler Ägist und ermordet beide. Im dritten Teil, den EUMENIDEN, geht Orest, von den Erinnyen verfolgt, nach Delphi, um sich von Apollon entsühnen zu lassen. Aber erst durch eine Gerichtsverhandlung im athenischen Areopag und mit Hilfe der Athene wird er freigesprochen. 

 

Durch diesen Prozess wird der Übergang vom Prinzip der individuellen Rache  zur geordneten Rechtsprechung vollzogen. Aus diesem Grund wird die ORESTIE auch gerne als Gründungsmythos unserer Demokratie und unseres Rechtsverständnisses gefeiert. Die drei Teile der Tragödie sind fester Bestandteil unseres kulturellen Erbes und haben sich tief in unser kulturelles Gedächtnis eingegraben – davon zeugen nicht zuletzt Dutzende von Inszenierungen, Wiederaufnahmen, Adaptionen und Überschreibungen des Stoffes.

 

Eine der interessantesten Adaptionen dieses Mythos ist jetzt in Stuttgart zu sehen. Der englische Regisseur Robert Icke hat ihn dort am Schauspiel in Szene gesetzt und erhielt dafür 2019 den Kurt-Hübner-Regiepreis. In der Begründung dafür heißt es: „Icke hat das Stück als Autor so bearbeitet und als Regisseur so inszeniert, dass die Macht heutiger Welterklärungssysteme (Medien, Justiz, Wissenschaften) einerseits und die Angst vor den Göttern der Antike andererseits einander nicht ausschließen, sondern im Gegenteil komplementär (das andere ergänzend) erscheinen. Orest und Agamemnon werden nicht nur von den Göttern bedrängt, sondern auch von Therapeuten, Journalisten und Juristen."

 

Das Besondere an Ickes fast vierstündiger Inszenierung der ORESTIE – nach Aischylos und in der Übersetzung von Ulrike Syha – ist sein Blick auf die Ereignisse und sein Zugriff: Drei entscheidende Veränderungen hat er daher vorgenommen. Er inszeniert zum einen die Vorgeschichte, die Opferung der Tochter Iphigenie, die bei Aischylos als bekannt vorausgesetzt wird, mit und ergänzt damit die Tragödie um diesen Teil. Zweitens besteht der Chor bei ihm aus Journalisten, die die beteiligten Figuren zur Geschichte und ihren Taten befragen. Und drittens führt der Regisseur eine zweite Zeitebene ein. Die Geschichte ist bereits Vergangenheit – nur in der Erinnerung von Orest lebt sie wieder auf. Mit Hilfe einer Psychologin kommt das verdrängte Geschehen bei Orest wieder an die Oberfläche. In mehreren Therapiesitzungen durchlebt und verarbeitet Orest, der sich ganz am Ende fragt, wie er trotz Freispruch mit seiner Schuld leben soll, seine traumatischen Erlebnisse von einst und muss sich im jetzt dazu verhalten. 

 

Die jeweils unterschiedlichen Gefühlszustände werden von den Protagonisten überzeugend, glaubwürdig und mit großem körperlichem Einsatz vorgeführt und dargestellt. Das Ensemble insgesamt gut aufgestellt, äußerst spielfreudig und sprachlich ausdrucksstark. Allen voran Matthias Leja als Agamemnon, Sylvana Krappatsch als Klytämnestra und Peer Oscar Musinowski als Orest.

(Walter H. Krämer)

 

Nächste Aufführungen am 31.03. um 15 Uhr / 13.04. und 27.05. jeweils um 18.30 Uhr

 

Weitere Informationen


erstellt am 10.6.2015