24. März 2019 bis 09. Juni 2019 - Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund (Simultanaufführung)

Foto: Birgit Hupfeld

Die Parallelwelt

Von Alexander Kerlin, Eva Verena Müller und Kay Voges


Zwei Städte, zwei Theater, zwei siebenköpfige Schauspielensembles – in Echtzeit miteinander verbunden durch ein Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit über 420,62 Kilometer Luftlinie zwischen Dortmund und Berlin hin- und hertransportiert – spielen zeitgleich miteinander Theater. Einmal mehr also nutzt und lotet der Regisseur Kay Voges mit der Inszenierung seiner „Parallelwelt“ Möglichkeiten und Grenzen unserer digitalen Welt für das Theater und seiner Entwicklung aus.

 

In sieben Stationen wird von Schauspieler*innen beider Ensembles die Geschichte von Fred erzählt. Wir werden Augen- und Ohrenzeuge seiner Geburt, erhalten Einblicke in seine Kindheit, fühlen bei der ersten Liebe mit, nehmen Anteil an seiner Hochzeit, der bald darauf erfolgten Trennung, seinem Älter werden und letztlich seinem Sterben.

 

In Berlin kommt Fred zu Beginn des Spektakels gerade zur Welt und in Dortmund erleben die Zuschauer*innen gerade sein Ende – sowohl live als auch auf der Videoleinwand. In „Die Parallelwelt“ verlaufen die Geschichten also nicht parallel, sondern gegenläufig. Erzählstränge und Zeitachsen treffen aufeinander. Und die Zuschauer*innen erleben das alles gleichzeitig – Geburt und Tod in ein und demselben Moment.

 

Die Hochzeitsgesellschaften in Berlin und Dortmund begegnen sich auf diversen Bildschirmen, und es wird kompliziert: Wer ist hier die echte Braut? Wer die Hauptfigur und wer nur der dekorative Hintergrund? Etliche Sicherheiten über unser Dasein geraten ins Wanken. Existiert die uns bekannte Welt mit ihren Menschen und Dingen irgendwo im Universum vielleicht ein zweites Mal? Und was ist mit unserer Einmaligkeit und vermeintlichen Unverwechselbarkeit? Oder existieren wir etwa mehrfach?

 

Hier spielt „Die Parallelwelt“ mit der Vervielfältigung von Identitäten und lässt die Schauspieler*innen zu Höchstform auflaufen. Der Theaterabend thematisiert Formen des Erzählens und wirft in der direkten Konfrontation mit der digitalen Gleichzeitigkeit einen neuen und anderen Blick auf die Möglichkeiten von Theater, Film und Netzwelt und formuliert dabei gleichzeitig und ganz nebenbei philosophische und physikalische Fragestellungen, bringt Schrödingers Katze als Geschenkpaket und haut uns die Quantenphysik um die Ohren.

 

Theater live und auf Videoleinwänden stürzt an diesem Abend als Bilder- und Textflut auf uns Zuschauer*innen ein. Nicht immer gleich und leicht verständlich – hier erweist sich das Programmbuch als alphabetisches Lexikon mit Begrifflichkeiten und Begriffserklärungen zum Nachlesen und Nacharbeiten als hilfreich– doch immer wieder mit viel Humor. So zum Beispiel wenn sich der Dortmunder Andreas Beck mit Oliver Kraushaar – seinem Berliner Gegenstück – über das Wesen der Currywurst unterhält.

 

Der Abend hat unbestreitbar seine philosophischen Tiefen – ist aber vor allem auch ein großer Spaß für alle Beteiligten.

(Walter H. Krämer)

 

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erstellt am 10.6.2015