21. März 2019 bis 24. März 2019 - Opernhaus Wuppertal, Kurt-Drees-Straße 4, 42283 Wuppertal

© Tanztheater Wuppertal Pina Bausch

Arien

Ein Stück von Pina Bausch

Pina Bausch revolutionierte nicht nur das Tanzen, sondern experimentierte auch mit Bühnenbild und Requisiten. In Arien setzt ein Paar die Bühne zentimetertief unter Wasser und richtet im Bühnenhintergrund auch noch eine Art Swimmingpool ein, in dem ein Nilpferd bequem baden kann. Denn für Arien ließ sich die Choreographin ein lebensgroßes und lebensechtes Nilpferd bauen, das sie in eine schöne und zugleich traurige Liebesaffäre mit einer Tänzerin verwickelt.

 

„Alles zeigen, was Menschen miteinander machen oder gemacht haben, zu verschiedenen Zeiten“, so beschreibt Pina Bausch den gedanklichen Ansatz für ihre Choreographie, in der die Tänzer*innen sich in den unterschiedlichsten Aktionen zeigen und bewegen. Und zum Thema Arien – dem Titel dieser Choreographie (Uraufführung am 12.05.1979) – äußerte sie sich wie folgt: „Wenn einer so alleine steht und singt, ist das nicht auch so etwas Einsames, jemand, der ganz alleine steht, und dann dieses Singen?“

Altitalienische Arien – live gesungen – bilden das musikalische Zentrum der Aufführung. Hinzu kommen noch Ausschnitte aus der „Mondscheinsonate“ von Ludwig van Beethoven, den Préludes von Sergei Rachmaninow und den Kinderszenen von Robert Schumann. Nicht zu vergessen die Jazzklänge am Anfang und die eingespielten Lieder der Comedian Harmonists – die zeitlich einen musikalischen Kontrapunkt setzen und auf eine andere Epoche verweisen.

Zu Beginn des Stückes erleben wir das Ensemble in einer Garderobensituation. Zu beiden Seiten der Bühne stehen Schminktische, Scheinwerfer und Spiegel. Aus dieser ausgestellten Bühnenwirklichkeit heraus entsteht das Spiel, nehmen die Aktionen ihren Lauf. Das Wasser auf der Bühne bestimmt ihre Bewegungen, durchnässt ihre Kleider, Kurze Soli wechseln sich ab mit Gruppentanz. Männer verkleiden sich als Frauen und schminken ihre Partner*innen zu grotesken Abbildern von Weiblichkeit. Kinder- und Gesellschaftsspiele werden zitiert und ausgeführt. Beispielsweise die „Reise nach Jerusalem“ oder „Jetzt fahr‘n wir über‘n See“.

Worte dienen bei Pina Bausch selten der Verständigung. Haben oft etwas Unverständliches, brechen ab. So rezitiert ein im Wasser sitzendes Mädchen den Gretchen-Monolog aus Faust I und ist genauso wenig zu verstehen, wie das ältere Paar, das sich köstlich bei einer Lektüre über das Liebesleben von Insekten amüsiert.

Pina Bausch zeigt in ihren Stücken Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit - vielschichtig und widersprüchlich. Daher geht es in dieser Choreographie von Pina Bausch auch um Selbsterkenntnis. Wer oder was bin ich? Was macht mich aus? Als Mensch? Als Künstler?

Ein Requisit, das diesen Prozess auf einer anderen Ebene als die einzelnen Szenen zeigt, sind die aufgestellten Spiegel. Immer wieder zerren sich die Tänzer*innen gegenseitig davor, um der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Einer, der sich zufällig im Spiegel erblickt, weicht erschrocken zurück.

Am Ende des gut zweistündigen pausenlosen Abends, wenn die Tänzer*innen paarweise über die Bühne gehen, werden sie von der Schminke und ihren Masken befreit. Ihre Gesichter werden wieder sicht- und erkennbar. Der Mensch hinter der Maske kommt zum Vorschein. Und vielleicht gibt die zweimal erzählte kurze Geschichte einen Hinweis, worum es auch geht sowohl im Leben als der Bühne: „Kommt ein Mann zum Zirkusdirektor und fragt, ob er nicht einen Vogelimitator brauche. ‚Nein‘, antwortete der Zirkusdirektor. Da fliegt der Mann durch das offene Fenster davon“.

Die Arbeiten von Pina Bausch geben keine Antworten. Sie stellen eher Fragen und überlassen es dem Zuschauer, anhand des ausgebreiteten Materials seine eigenen Antworten und Einsichten zu finden.

(Walter H. Krämer)

 

Aufführungen vom 21. bis 24. März 2019

 

Weitere Informationen


erstellt am 10.6.2015