29. März 2019 bis 31. März 2019 - Opernhaus Wuppertal, Kurt-Drees-Straße 4, 42283 Wuppertal

© Tanztheater Wuppertal Pina Bausch

PALERMO PALERMO

Choreographie von Pina Bausch aus dem Jahr 1989

 

Das Stück „PALERMO PALERMO“ entwickelte und erprobte Pina Bausch zusammen mit dem Ensemble im Rahmen einer Koproduktion mit dem Teatro Biondo Stabile auf Sizilien. Es war das zweite Mal, dass ein Stück auf Einladung außerhalb Wuppertals erarbeitet und Beobachtungen vor Ort in Bewegung, Szenen und Atmosphäre umgesetzt wurden. Eindrücke, Gedanken, Bilder, die das Ensemble während seines Aufenthaltes in der sizilianischen Metropole gesammelt hat, werden auf der Bühne sichtbar und vermitteln einen Eindruck von den Verhältnissen vor Ort und dem Lebensgefühl der Bewohner*innen.

 

Gleich zu Beginn der Aufführung und ganz ohne Vorwarnung stürzt mit lautem Krach eine meterhohe, dicke Steinmauer, die die gesamte Bühnenbreite und-höhe einnimmt, nach hinten auf die Bühne und hinterlässt ein Trümmerfeld. Ein normales Tanzen oder Bewegen ist daher für die Tänzerinnen und Tänzer kaum möglich. Dem trägt die Choreographie Rechnung: „PALERMO PALERMO“ ist nicht das exzessivste Tanzstück der Company, und vor der Mauer gibt es einen freien Bereich zum Tanzen. Und doch tanzt sich das Ensemble in den nächsten gut zweieinhalb Stunden, barfüßig oder in Pumps, voller Vertrauen und achtsam auch den Weg frei durch die staubigen Steine.

 

Pina Bausch entwickelte im Laufe der Zeit eine Methode, bei der den Tänzer*innen Fragen gestellt und Aufgaben gegeben wurden. Bei den Proben für „PALERMO PALERMO“ beispielsweise: „Baum malen. Spaghetti im Kimono. Frauenverehrung. Erntebewegung. Sorge um Morgen. Spuren. Rücksichtslos.“ Dazu wurde improvisiert, gemalt und assoziiert. Die Resultate dienten dann als Anregungen und Angebote der Tänzer*innen, die entweder von der Choreografin bewahrt, verworfen, oder direkt für das Stück verwendet und als spielerische oder tänzerischen Sequenzen in die Choreographie eingebaut wurden und auf der Bühne zu sehen sind.

 

Es geht in „PALERMO PALERMO“ um Italien. Es liegt also nahe, dass eine Tänzerin über Spaghetti redet und dabei darauf besteht, dass jede einzelne Nudel ihr gehört. Eine andere Tänzerin lässt sich von zwei ihrer Kollegen immer wieder abwechselnd mit Tomaten bewerfen oder umarmen.

 

Doppeldeutige, zum Teil brutale Bilder, die Fragen über den Umgang von Frauen und Männern, der Arroganz männlicher Macht, der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit aufwerfen und gleichzeitig die Phantasie der Zuschauer*innen beflügeln. Vielschichtige Bilder und getanzte Tableaus, entstanden aus genauer Beobachtung der Menschen.

 

Einmal schreiten die Tänzer*innen langsam und feierlich auf das Publikum zu, auf dem Kopf einen Apfel balancierend. Ein andermal als Reihe von Sämänner- und –frauen. deren Saatgut aus Müll und Abfall besteht. Porträts Einzelner, ganzer Familien und der „Famiglia“ werden erkennbar.

 

Wie Pina Bausch ihre noch so wunderlichen Ideen in Szene setzt, öffnet viele Assoziationsräume und lässt einen oft zugleich staunen, mitfühlen oder auch schmunzeln. Dabei beherrscht die Choreographin nicht nur die Kunst fließender Übergänge zwischen den einzelnen Szenen, sondern auch – wenn wie hier bewusst gewollt – die der Brüche. Gegen Ende werden aus dem Bühnenhimmel blühende Kirschbäume herabgelassen und eine Tänzerin erzählt die Fabel der Gänse, die nur deshalb nicht vom wartenden Fuchs gefressen werden, weil sie immer weiter und weiter beten … Und sie beten immer noch!

(Walter H. Krämer)

 

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erstellt am 10.6.2015