12. Oktober 2018 bis 03. März 2019 - Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, 68165 Mannheim

© Zefrey Throwell

Konstruktion der Welt

Kunst und Ökonomie 1919-1939 und 2008-2018

2018 jährt sich der Höhepunkt der globalen Finanzkrise zum zehnten Mal und bietet damit den aktuellen Bezug einer großen Themenausstellung im vor einem Jahr eröffneten Neubau der Kunsthalle Mannheim, die sich der Spiegelung ökonomischer Phänomene in der bildenden Kunst widmet. Zwei Phasen werden in den Blick genommen und zueinander in Beziehung gesetzt.

Der erste Ausstellungsteil, der am 3. Februar 2019 endet, beleuchtet den Zeitraum 1919 bis 1939 mit Positionen der Klassischen Moderne aus Deutschland, Russland und den USA, darunter Gemälde, Fotografien und Filme von Otto Dix, Conrad Felixmüller, George Grosz, John Heartfield, Grethe Jürgens, Hannah Höch, August Sander, Alexander Rodtschenko, Walker Evans, Edward Hopper und „Cotton Pickers“ (1935), einem unbekannten Frühwerk von Jackson Pollock.

Wie brennend aktuell das Thema ist, verdeutlicht der neben Ulrike Lorenz für die zwanziger Jahre zuständige Kurator Eckhard J. Gillen: „Wir erleben gegenwärtig eine Wiederkehr von autoritären Regimen, Rechtspopulismus, Handelskrieg mit Zöllen und Rassismus, wie sie niemand meiner Generation (ich bin Jahrgang 1947) mehr für möglich gehalten hat.“ In dichter Hängung beeindruckt das breite Spektrum der Werke aus der Neuen Sachlichkeit. Die Filmfreund*in muss allerdings leiden: Warum man Fritz Langs Metropolis auf die Zylinder-Form der Größe einer Litfaßsäule projiziiert, wird nicht einsichtig, weil dies das Filmbild bedauerlicherweise jeweils nur in Teilen sichtbar werden lässt. Dagegen hätte man Leni Riefenstahls faschistischen Propagandafilm „Triumpf des Willens“ in der Ausstellung nicht zeigen müssen, er wäre nicht vermisst worden. Die Art der Präsentation, auf TV-Bildschirmgröße reduziert und bildartig in die Ausstellung integriert, gibt ihm eher den Anstrich eines historischen Dokuments.

Der zweite Teil der Ausstellung, der nun bis zum 3. März 2019 verlängert wurde, konzentriert sich auf den Zeitraum 2008 bis 2018. Auch dieser von Sebastian Baden kuratierte Teil ist ambitioniert und wartet mit Künstlern und Künstlerinnen und Kollektiven aus mehr als 20 Nationen auf, darunter Bureau d’Etudes, BBM, Claire Fontaine, Jeremy Deller, Antje Ehmann, Harun Farocki, Thomas Hirschhorn, Olaf Holzapfel, Alicja Kwade, Charles Lim Yi Yong, Mika Rottenberg, Superflex und vielen anderen. Der Parcours ist dicht und inhaltlich weit gefasst, die einzelnen künstlerischen Arbeiten aber stark miteinander verzahnt, so dass man nur ein paar Schritte tun muss und schon steht man im nächsten Setting.

Empfohlen sei unbedingt der Katalog zum zweiten Ausstellungsteil Constructing the World. Art and Economy 2008-2018, erschienen im Kerber Verlag, der nicht nur die schon im ersten Teil dargelegten Fragen auf die jüngste Vergangenheit anwendet, sondern auch die aktuellen Debatten zur Arbeit generell, zur Arbeit im Kunstsystem, zur Wertschöpfung, zur Widerständigkeit von Kunst, zur Kritik am Kunstmarkt, zum Begriff der Disruption u.a. in mehreren Aufsätzen einfasst, darunter auch eine anspruchsvolle Diskussion der marxistischen Perspektive von Johan F. Hartle. (bick)

Weitere Informationen

Abb.: Jefrey Throwell, Ocularpation: Wall Street, August 1st, 2011, Monday morning at 7am, 50 people working the professions of Wall Street, All of Wall Street Exposed, 2011, Foto: Mike Kingsbaker, © Zefrey Throwell


erstellt am 10.6.2015