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bis 10. Februar 2019 - Liebieghaus Skulpturensammlung, Schaumainkai 71, 60596 Frankfurt

Foto: Liebieghaus

Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies

Der Mythos um Medea, der Barbarin aus Kolchis, die ihr Volk aus Liebe zu dem griechischen Eroberer Jason verrät, ihm in seine Heimat folgt, wo sie dann von ihm verraten wird und sich grausam rächt, hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis Europas eingegraben und ist in allen Kunstgattungen präsent. Es gibt allein 13 Opern, etliche Filme (darunter eine Verfilmung von Pier Paolo Pasolini mit Maria Callas), Gemälde und natürlich die Tragödie von Euripides, uraufgeführt 431 v. Chr.

Dieses Drama entfaltet eine narrative Wucht, die uns auch heute noch treffen kann. Legendär ist hier eine Frankfurter Inszenierung von 1976. Hans Neuenfels inszenierte mit Elisabeth Trissenaar als Medea in der Hauptrolle. Am Tag nach der Premiere folgte in den Zeitungen zunächst ein Verriss nach dem anderen. Besonders Peter Iden tat sich hierbei mit besonders drastischen Worten hervor: „Die Aufführung ist sinnlos, widerwärtig, tatsächlich ekelhaft.“ (Immerhin räumte der Theaterkritiker Jahre später ein, dass er sich damals geirrt und die Qualität der Inszenierung nicht erkannt habe.)

 

Doch das Publikum wollte diese Medea sehen. Die Inszenierung traf den Nerv der Zeit. 35 ausverkaufte Vorstellungen und nach jeder Vorstellung Diskussionen – oft bis weit nach Mitternacht. Das Drama des Euripides, in der Inszenierung schlüssig und unverfälscht erzählt, wirkte gerade durch die wiederhergestellte archaische Schroffheit wie eine Parabel zum Thema Frauenunterdrückung und Geschlechterfeindlichkeit.

 

Die Frankfurter Ausstellung „Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies“ erzählt jetzt die Geschichten um eine abenteuerliche Expedition und eine verhängnisvolle Liebe in acht Kapiteln nach. Mittels Leihgaben aus Paris und Neapel und einem riesigen Goldschatz aus dem Nationalmuseum in Georgien wird der Mythos und die Reise der mehr als 50 Helden auf dem Weg nach Kolchis – dem heutigen Georgien – nachvollziehbar. Man erfährt, wie es zu dem Goldenen Vlies kam, welche Abenteuer die Argonauten zu bestehen hatten und taucht ein in die Liebe zwischen Medea und Jason und in deren tragisches Ende.

Zu Beginn berichten Vasen, Reliefs und Wandgemälde von der Vorgeschichte der antiken Sage. Zu sehen sind Phrixos und Helle, die auf dem Rücken des Chrysomallos, einem fliegenden Widder mit goldenem Fell, vor ihrer Stiefmutter fliehen.

In der Geschichte vom Goldenen Vlies schlägt sich die Bedeutung der Goldgewinnung für die Kultur des frühen Georgien – damals Kolchis – nieder und belegt seinen Goldreichtum. – anschaulich dokumentiert durch die Leihgaben aus dem Nationalmuseum in Georgien.

 

Mit den Bronzen vom Quirinal – für die Ausstellung im Liebieghaus nach neusten Erkenntnissen mittel der Polychromie neu erschaffen – wird die Geschichte von Polydeukes und dem boxsüchtigen König Amykos, als einem zentralen Abenteuer innerhalb der Argonautensage, neu erzählt und bebildert.

 

Eine informative Ausstellung mit zum Teil überraschenden Sichtweisen. Bezogen auf das Verhalten der Beteiligten enthält sie sich jeder Bewertung der Ereignisse und unternimmt auch keinerlei Deutungsversuche hinsichtlich der Handlungsweise von Medea. Im extra für die Ausstellung hergestellten Digitorial und dem aufwendig gestalteten Katalog gibt es dazu einige Hinweise. Zeit und Gelegenheit also, sich selbst ein Bild zu machen und neu und anders auf den Mythos zu schauen.

(Walter H. Krämer)

 

Abb.: Ausstellungsansicht „Medeas Liebe und die Jagd nach dem Goldenen Vlies“, Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main

 

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erstellt am 10.6.2015