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bis 26. Dezember 2018 - Kammerspiele, Neue Mainzer Straße 15, Frankfurt am Main

Foto: Felix Grünschloß

Aus Staub

Nächste Aufführung am 26.12.


Es war weder geplant noch verabredet, und doch kommt das Stück „Aus Staub“ gerade recht zur Eröffnung der neuen Altstadt in Frankfurt. Im Gegensatz aber zur neuen Altstadt, in der noch immer nicht alles fertig ist und trotzdem schon gefeiert wurde, waren es dieses Stück und Inszenierung punktgenau zur Premiere. Obwohl auch hier erst eine Woche vor der Premiere der vollständige Text vorlag und am Tag davor noch einzelne Szenen umgestellt wurden.

 

„Aus Staub“ beginnt mit dem Wiederaufbau der Stadt nach den Zerstörungen, die der 2. Weltkrieg hinterlassen hat. Eine Trümmerverarbeitungsgesellschaft wurde gegründet, um aus dem Schutt Baumaterial zu fertigen. So entsteht Stein um Stein auch das Haus Schubertstraße 45 und in der Wohnung im 2. Obergeschoss links, geben sich Mieter und Mieterinnen die Klinke in die Hand – buchstäblich, denn die Bühnenbildnerin Dorothee Curio hat eine Wohnung mit vielen Türen auf die Bühne gezaubert, und wir blicken als Voyeure durch die offene vierte Wand ins Innere:

 

Den Anfang macht ein Gastarbeiterkind aus Italien, das hier drei Tage lang die Wohnung renoviert und die Nächte dort schlafend verbringt – im Gefühl einer wiedergewonnenen Freiheit. Und am Ende – das Haus Schubertstraße 45 wird abgerissen – irrt ein an Demenz erkrankter Mann durch die Wohnung. So schließt sich ein Zyklus des Lebens und ein Blick zurück auf die Geschichte der Stadt.

 

Das Stück ist eine Auftragsarbeit von Schauspiel Frankfurt. Der Autor und Regisseur Jan Neumann hat es zusammen mit den fünf Schauspieler*innen Altine Emini, Friederike Ott, Julia Staufer, Sebastian Kuschmann, Sebastian Reiß und Uwe Zerwer vor Ort entwickelt. Ausgehend von gründlichen Recherchen und Gesprächen mit Zeitzeugen, Archivaren, und Historikern ist ein Kaleidoskop einer Gesellschaft entstanden, das die Erfahrungen und Erzählungen der Beteiligten einbezieht und gleichzeitig poetisch überhöht.

 

Es ist kein Dokumentartheater, sondern ein Reigen von Begebenheiten, Gesprächen und kleinen Szenen. Eine szenische Collage, bei der auch viel gelacht werden darf und kann. So etwa über eine vom Feminismus überzeugte Frau, die ohne Unterlass und pausenlos über Gott und die Welt redet, dabei ihr Gegenüber kaum zu Wort kommen lässt und sich beschwert, man werfe ihr vor, sie rede zu viel. Oder bei dem Gespräch über einen geplanten Umzug nach der Wende in Richtung Cottbus. Hier spielt die Inszenierung mit gegenseitig weit verbreiteten Klischees von Ossis und Wessis. Und will die Mutter endlich, nach Jahrzehnten des Schweigens, die drängenden Fragen ihres Sohnes nach der Identität seines Vaters und ihrer Rolle im Faschismus beantworten, hört er schon nicht mehr zu.

 

Mal ist die Wohnung Heimstatt für Singles, dann wieder für Familien oder Ehepaare. Auch einmal Praxis einer Psychologin oder Raum für eine Wohngemeinschaft. Erzählt wird weder chronologisch noch linear. Trotzdem verliert man nie den Faden der Geschichten, und die Zeitsprünge stellen Verbindungen her. Die Frage nach Wohnraum, nach bezahlbarem Wohnraum taucht auf, und welche politische Sprengkraft das hatte und haben kann. Themen wie die Gentrifizierung, die Bauspekulation, der Kampf um die Bürgerhäuser im Frankfurter Westend oder der Gang eines Unternehmensberaters zur Psychiaterin finden Eingang in die Inszenierung. Es geht um das Leben und Überleben in Zeiten des Umbruchs und die Inszenierung fügt sich damit gut in das Spielzeitmotto „Umbrüche“ ein.

 

Die Schauspieler*innen geben ihren Figuren – alle spielen mehrere Rollen – dabei leicht karikaturhafte Züge. Das nimmt den dargestellten Personen weder ihre Glaubwürdigkeit noch macht es diese lächerlich, sondern sie werden dadurch noch interessanter und so entstehen immer wieder kleine Miniaturen und Kabinettstücke.

 

Was bleibt, ist ein Theaterabend, der Raum für eigene Geschichten und Assoziationen hervorbringt und schafft. Mit Catharina Valente darf dann getrost ein Tänzchen gewagt und Staub gewedelt werden.

 

Am Ende nur noch Dreck in den Ritzen der Dielen und Staub beim Abriss des Hauses. Staub, den wir atmen und zu dem alles wird. Wir Menschen eingeschlossen. Ein trotzdem leichter und beschwingter Abend mit poetischem und politischem Tiefgang und einem textlich und spielerisch hervorragend agierenden Ensemble.

(Walter H. Krämer)

 

Weitere Informationen und Termine


erstellt am 10.6.2015