02. November 2018 bis 11. November 2018 - Opernhaus Wuppertal, Kurt-Drees-Straße 4, 42283 Wuppertal

© Tanztheater Wuppertal Pina Bausch

Café Müller / Das Frühlingsopfer

Der Streit am Tanztheater Wuppertal Pina Bausch geht weiter, und noch ist kein Ende in Sicht. Nach Unstimmigkeiten zwischen der künstlerischen und der geschäftsführenden Leitung und der Unfähigkeit, sich gütlich zu einigen, werden jetzt wieder die Gerichte bemüht. Schade eigentlich. Dass das die Tänzer und Tänzerinnen nicht unberührt lässt, kann man sich vorstellen. Doch sie tanzen weiter. Sie tanzen wieder. Und können hierbei einmal mehr auf das Erbe von Pina Bausch zurückgreifen. Mit „Café Müller“ und „Le Sacre du printemps“ nehmen sie gleich zwei wegweisende Stücke der Choreographin für einen Doppelabend wieder auf.

 

Von „Café Müller“ (UA am 20.05.1978) – anfangs ein Abend mit Choreographien von Pina Bausch, Gerhard Bohner, Gigi-Gheorghe Caciuleanu und Hans Pop – wird mittlerweile nur noch Pina Bauschs Beitrag – und das in Kombination mit „Le Sacre du printemps“ – gegeben. „Le Sacre du printemps“ war der dritte und letzte Teil eines Strawinsky-Abends und wurde bald nur noch alleine gegeben. Als eines der letzten von Pina Bausch im traditionellen Sinn durchchoreographiertes Stück entwickelte es sich bald zu einem der meistgespielten und erfolgreichsten Stücke der Wuppertaler Compagnie.

 

In „Café Müller“ geht es um Themen wie Einsamkeit, die Suche nach Geborgenheit und die Schwierigkeit, erfüllte Beziehungen zu leben. Musikalisch untermalt von wehmütigen und melancholischen Arien aus Henry Purcells „The Fairy Queen“ und „Dido und Aeneas“. Allesamt Lieder, die um die Themen Liebes- und Trennungsschmerz kreisen und sich auf die inhaltliche Ausrichtung des Stückes beziehen. Das Bühnenbild von „Café Müller“ zeigt einen in die Jahre gekommenen Saal. Vollgestellt mit runden Caféhaustischen und Dutzenden von Stühlen. Im Hintergrund eine Drehtür. Der Ort wirkt verlassen und ähnelt einem Wartesaal. Zwischen den vielen Stühlen drei Männer in dunklen Anzügen und zwei Frauen barfuß in dünnen weißen Kleidern. Ihr Tanz erzählt von Einsamkeit und Zwanghaftigkeit. Aber auch von der Suche nach Kontakt, nach Nähe und vielleicht auch von der Suche nach einer anderen Art zu tanzen. Zu Lebzeiten tanzte Pina Bausch noch einen Part dieses gut halbstündigen Balletts selbst. Schade, dass sie zu früh von uns gegangen ist.

 

War die Uraufführung des Balletts „Le Sacre du printemps“ von Igor Strawinsky am 29. Mai 1913 im prächtigen Théâtre des Champs-Élysées in Paris noch ein handfester Theaterskandal, bei dem sich tumultartige Szenen im Theatersaal abspielten, so gehört „Le sacre du printemps“ heutzutage zum Repertoire einer fast jeden Tanzcompagnie. Und die Version von Pina Bausch ist – im wahrsten Sinne des Wortes – einfach die erdigste. Das Ballett beschreibt ein Frühlingsopfer im heidnischen Russland. Bei diesem Ritual wird eine Jungfrau dem Frühlingsgott zur Versöhnung geopfert. Strawinsky selbst meinte dazu: „Im ‚Sacre du printemps‘ wollte ich die leuchtende Auferstehung der Natur schildern, die zu neuem Leben erweckt wird […], die Auferstehung der ganzen Welt.“ Bei Pina Bausch ist der Bühnenraum aufgefüllt mit Erde (Torfmull). Tänzer und Tänzerinnen stampfen und tanzen sich barfuß in die Erde. Bis zur totalen Erschöpfung geht das bei diesem archaischen Opferritual, bei dem die erwählte Frau sich – sinnbildlich – zu Tode tanzen wird. In ihrer radikalen Deutung des Stoffes mit hoch emotionaler Wirkung auf alle Beteiligten – einschließlich des Publikums – zeigt sich erstmals auch die Hinwendung der Choreographin zu Themen wie Geschlechterkampf und Entfremdung. (Walter H. Krämer)

 

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erstellt am 10.6.2015