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bis 23. Februar 2019 - Hessisches Staatstheater Wiesbaden, Christian-Zais-Str. 3, 65189 Wiesbaden

Foto: Karl & Monika Forster

Don Giovanni

Wie ein Penner reckt sich eine dunkle Gestalt auf einer Bank an der rechten Seite der Bühne, während auf einer oberen Ebene schlanke Frauen in knallroten Strumpfhosen einen rhythmischen Tanz vollführen. Dann steht die Gestalt von der Bank auf, zieht sich eine Maske übers Gesicht und eilt mit flatternden Mantelschößen in den Verführungskampf: Es ist Don Giovanni! In engen schwarzen Hosen und mit nackter Brust unter dem langen schwarzen, wallenden Mantel gibt der amerikanische Bariton Christopher Bolduc sein fulminantes Rollendebüt als Don Giovanni in der Neuinszenierung von Nicolas Brieger am Staatstheater Wiesbaden. Sein Duett mit Zerlina, die Katharina Konradi mit ebenso viel schauspielerischem Charme wie gesanglicher Brillanz gibt, ist ein musikalischer Höhepunkt der Aufführung.

 

Überhaupt wird die Wiesbadener Inszenierung von den Sängern getragen: Der georgische Bass Shavleg Armasi gibt einen wunderbaren Leporello, der kein Register für die Registerarie braucht, weil er die Liste der Eroberungen seines Herrn als Tätowierung verkörpert; der amerikanische lyrische Sopran Heather Engebretson, im engen roten Kleid zu hochhackigen schwarzen Stiefeletten, stellt Donna Elviras Stimmungswechsel zwischen Hoffnung und Verzweiflung überzeugen dar; Der irische Bariton Benjamin Russell gibt einen Masetto, der, wie Adorno über diese Figur meinte, „allen Tölpeln und Ungeschickten den Namen lieh“; Netta Or, die im Frühjahr Donna Elvira am Staatstheater Aachen gesungen hat, ist nun in Wiesbaden eine erhabene Donna Anna, die im selben Bett sich Don Giovanni hingibt und Don Ottavio verweigert; Der rumänische Tenor Ioan Hotea schließlich singt und spielt Don Ottavio mit angemessen verbrämter Leidenschaft, weswegen sein Selbstmord nach seiner großartigen Liebesarie „Dalla sua pace la mia dipende“ unverständlich – und gegen den Text!!! – erscheint.

Ottavios Selbstmord ist nur einer der Einfälle, über die diese Inszenierung stolpert. Dass Zerlina und Masetto ein türkisches Paar sein sollen, geht fast unbemerkt vorüber, weil sie das Kopftuch ablegt, sobald Don Giovanni sie umwirbt. Dass die Statue des Komturs als Videoprojektion spricht, ist nicht weiter bemerkenswert. Dass aber die Hölle, in die der reuelose Wüstling durch die Teufelinnen in knallroten Strumpfhosen am Ende befördert wird, als Dementenanstalt dargestellt wird, ist schwer nachvollziehbar (und zumindest verwunderlich angesichts eines eher hohen durchschnittlichen Alters des Publikums...). Nicolas Brieger, der in Wiesbaden sowohl als Schauspiel- wie als Opernregisseur bekannt ist, will den Kern der Mozart-Da Ponte-Oper nicht in der Ambivalenz der Verführung durch Schönheit und Reichtum und Macht sehen, sondern in einem inneren Kampf des jungen Draufgängers mit dem bevorstehenden Alter. Diese Deutung scheint wenig überzeugend – aber Deutungen kommen und gehen, die Musik bleibt. Und junge talentierte Sänger wie die in Wiesbaden machen aus jeder Inszenierung ein großartiges musikalisches Erlebnis.

(sab.)

 

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erstellt am 10.6.2015