09. März 2020 bis 19. April 2020 - Schauspiel Frankfurt, Neue Mainzer Straße 17, 60311 Frankfurt am Main

Foto: Foto: Thomas Aurin

Aischylos: Orestie

Die Orestie des Aischylos, 458 v.C. in Athen uraufgeführt und seitdem immer wieder auf allen abendländischen Bühnen inszeniert, erzählt eine Geschichte von mehrfachem Mord und wiederholter Rache: Agamemnon tötet seine und Klytemnestras Tochter Iphigenie, dafür wird er von Klytaimestra getötet, die wiederum von ihrem und Agamemnons Sohn Orest getötet wird. Orest aber wird in einem Gerichtsverfahren von Athene schließlich freigesprochen, womit die Mordkette gebrochen wird. Und das ist das Besondere an der Orestie: dass ein Urteil einen – zugegebenermaßen fragilen – Frieden bringt. Bei Aischylos nehmen die Rachegeister, die Erinnyen, das Urteil an, geben ihren Hass auf und verwandeln sich in Wohlgesinnte: in Eumeniden.

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Gerade dieser Dreh, der den Wechsel von Rachejustiz zu Rechtssprechung markiert und den Prozess der Zivilisation suggeriert, wird in der neuen Frankfurter multimedialen Orestie ausgespart, wenn nach Orests Freispruch die Rachegeister ihre Wut behalten. Die Inszenierung, die Jan-Christoph Gockel (Regie) und Marion Tiedtke (Dramaturgie) ausgerichtet haben, orientiert sich zwar an der Orestie (in der Übersetzung von Peter Stein) und löst sich gleichwohl von der chronologischen Stringenz der mörderischen Handlung ab.

So wird die Fiktionsleistung des Theaters unterstrichen und zugleich kompromittiert, wenn die Schauspieler durch Puppen (Michael Pietsch, Erika Raskopf, Kathrin Liess) gedoubelt und die Rachegeister durch einen Geier als Marionette ersetzt werden. Das Klangpotpourri aus Soundbites von Robocalls, Podcasts, Hörspiel, Lesung und elektronischer Musik, das Matthias Grübel besorgt hat, vermischt Mythos und Realität, und der Fortgang der Handlung wird immer wieder durch Videoprojektionen ergänzt. Das alles macht die Geschichte nicht verständlicher, und wer sie nicht schon kennt, hat wahrscheinlich Mühe, die Entwicklung zu durchschauen. Die mediale Überfrachtung lenkt von der eigentlichen Geschichte und ihrer zivilisatorischer Bedeutung ab und unterminiert deren Dramatik.

Diese Orestie ist ein düsteres, hochkomplexes Spektakel, das die gewaltige Wirkung, die dem Text innewohnt, verspielt, um nicht zu sagen verplempert, meint Stefana Sabin

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erstellt am 10.6.2015