bis 27. Oktober 2017 - Theater an der Wien, Linke Wienzeile 6, A-1060 Wien

Szenenfoto: Werner Kmetitsch

Alban Berg: Wozzeck

180 Jahre alt ist das Dramenfragment „Woyzeck“ von Georg Büchner, das vor hundert Jahren von Alban Berg – während eines langen Fronturlaubs – vertont wurde. An Intensität ist diese 90-Minuten-Oper nicht zu überbieten.

Im Theater an der Wien fand am 15. Oktober die Premiere von Alban Bergs „Wozzeck“ in einer Kammermusikfassung statt, geleitet von Leo Hussain, inszeniert hat der kanadische Regisseur Robert Carsen. Ein Kammerspiel in kleinem Opernhaus, eine beklemmende Schau in Psyche und Kriegsmaschinerie. In der Konzentration auf das Wesentliche, Existenzielle wirkt die Logik des Stücks umso plastischer.

 

Das Bühnenbild – Ausstattung von Gideon Davey – zeigt in einen militärisch camouflierten Raum mit an den Seitenwänden acht hohen Durchgängen, darüber gespannte Stahlseile, auf denen sich Stoffbahnen (ebenfalls im Tarndruck) zu Kojen zuziehen lassen. In soldatischem Splitternmuster ist nicht nur die Bühne, auch Marie und die anderen Frauen sind uniformiert; ein Hauch von Verführung vielleicht noch in den zerrissenen Netzstrumpfhosen. Was hier gezeigt wird, ist eine Welt im Dienste des Krieges, peinlich getarnt, und doch bis in die Tiefe entlarvt.

Bin ich ein Mensch? fragt Marie (authentisch: Lise Lindstrom) Wozzeck (überwältigend: Florian Boesch) an einer Stelle wie zur Verteidigung, als dieser sie wegen der neuen Ohrringe bloßstellen will. Es ist eine zentrale Frage des Stücks, die unbeantwortet bleibt. Unmenschlichkeit regiert. Niemand ist hier mit irgendwem verbunden, kein Liebespaar wird vorgeführt, geschweige denn eine Familie. Ihrer beider Kind, von der Mutter als „Hurenkind“ bezeichnet, vermag Marie und Wozzeck nur noch weiter zu trennen. Während Wozzeck vergeblich alles zu Geld machen will, was er leisten kann, um Marie an sich zu binden, muss er, es steht fest, scheitern. Gedemütigt, missbraucht, verspottet, „rettet“ er sich in apokalyptische Vorstellungen wie um auszubrechen. Doch in dieser Hölle gibt es einen Gott längst nicht mehr und auch keine Aussicht. Die Liebe, unausgesprochen, teilt Alban Berg allein über die Musik mit, verstörend, zärtlich, von dramatischer Geschlossenheit.

In der Direktheit des Spiels, auch in den Nebenrollen, in der Exaktheit der Wiener Symphoniker, die unter Leo Hussain jede emotionale Nuance bis in Exzessive mittragen, lässt dieses Opern-Destillat niemanden unberührt. Szenisch bis zur letzten Konsequenz ein bitteres Gemälde, wenn Maries Junge, nunmehr Waise, mit einem Gewehr als Steckenpferd zum letzten „Hopp, hopp“ ansetzt – unter dem spöttischen Gelächter der anderen Jungen. Die Ungewissheit des Endes macht einer Ahnung Platz: Alles beginnt von Neuem.

(Elvira M. Gross)

 

Alban Berg: Wozzeck. Oper in drei Akten (1925)

Weitere Termine: 17., 19., 21., 23., 27. Oktober 2017

 

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erstellt am 10.6.2015