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15. Mai 2021 19:30 Uhr - Online-Livestream

© Matthias Horn

Peer Gynt

Das Schauspielhaus Bochum zeigt am 15. Mai das Stück „Peer Gynt“ – mit Schauspieler*innen vor Ort auf der Bühne, mehreren Kameraleuten im Saal und Zuschauer*innen vor dem Bildschirm.

Die Uraufführung des dramatischen Gedichtes „Peer Gynt" von Henrik Ibsen fand am 24. Februar 1876 statt. Seither findet man diese Figur – oft fälschlicherweise als „nordischer Faust" bezeichnet – auf den Brettern unserer Theater häufig wieder.

Der Vater von Peer verfiel dem Alkohol und hat damit der Familie Schande gebracht und diese ins Verderben gestürzt. Als Außenseiter gedemütigt und verachtet, flüchtet sich Peer in seine Phantasie und träumt von einer märchenhaften Welt. Die Mutter von Peer bezichtigt ihn gleich zu Beginn des Stückes der Lüge, und damit steht die Frage nach der Wahrhaftigkeit von Peers Erzählungen im Raum: Erlebt Peer das alles oder erzählt er nur einmal mehr eine Geschichte? Ist es sein Leben oder nur die Abbildung der Phantasie über sein Leben?

Ibsens Klassiker ist vieldeutig, und die Figur des Peers facettenreich – kein Wunder, dass dieser Stoff beliebt ist bei Regisseur*innen und immer wieder neu gedeutet und interpretiert wird. Peter Stein inszenierte das Stück 1971 an der Berliner Schaubühne mit sechs verschiedenen Peers – für jeden Lebensabschnitt einen anderen Schauspieler. Für Stefan Bachmann, der das Stück 2017 inszenierte und alle Rollen nur mit Männern besetzte, ist das ein großer Männermonolog. Und die Figuren, die darin vorkommen, sah er allesamt als Fantasien eines großen monologisierenden Ichs.

Peer flieht hinaus in die Welt. wird reich durch den Handel mit Sklaven. Aber er will noch mehr – will endlich Kaiser werden. Davon hat er schon immer geträumt. Aber nicht alles gelingt. Er verirrt sich in der arabischen Wüste, verliebt sich in eine orientalische Prinzessin und landet in Ägypten in einer Irrenanstalt. Alles nur geträumt?

Jede heutige Inszenierung sollte den Text auch auf Reibungspunkte mit veränderten Sichtweisen befragen. So ist beispielsweise das Frauenbild in Ibsens dramatischem Gedicht für uns heute mehr als diskussionswürdig. Da ist die alles verzeihende Mutter, die ihn am liebsten mit der reichen Ingrid verheiraten würde, denn damit wäre auch sie vielerlei Sorgen los. Dann die unschuldige Solveig, in die er sich verliebt und in deren Armen er am Ende Erlösung findet – so jedenfalls hat es Ibsen sich ausgedacht. Bleibt noch die verführerische Frau in Gestalt der Trollprinzessin – vor der Peer Reißaus nimmt.

Nach Jahren kehrt Peer als Gescheiterter zurück in seine alte Heimat. Im berühmten Zwiebelmonolog zieht er die Bilanz seines Lebens:

„Und jetzt werde ich dich schälen, mein lieber Peer, ...
Zuerst die äußere, zerrissenen Schicht.
Das sind ja ungeheuer viele Schichten!
Wo ist der Kern?
Mein Gott, das geht ja immer weiter,
Bis zum Innersten immer dieses nichts als Schichten
Immer kleiner und kleiner...."

Das Schauspiel Bochum feierte am 24. April Premiere mit diesem Stück – mit Schauspieler*innen vor Ort auf der Bühne, mehreren Kameraleuten im Saal und hunderten von Zuschauer*innen vor dem Bildschirm.

Auch in Bochum ist Regie und Ausstattung vor große Herausforderungen gestellt. Wie interpretiert man Ibsens dramatisches Gedicht heute? Eher psychologisch, als Märchenfantasie, beschwingt und burlesk oder philosophisch in Anlehnung an die Figur des Faust?

Der Regisseur Dušan David Parízek – auch für die Bühne verantwortlich – stellt sich dieser Herausforderung und setzt mit der Besetzung des Peers durch Anna Drexler gleich ein starkes Zeichen.

Das Ganze noch unter Verwendung eines Interviews mit der ghanaischen Autorin Ama Ata Aidoo und eines Abgesangs auf den westlichen Dramenkanon von Anne Rietmeijer!

Text: Walter H. Krämer

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erstellt am 10.6.2015
aktualisiert am 05.8.2015