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Ein Plädoyer fürs konstruktive Nichtverstehen

Stop Making Sense!

3. FOLGE

Von Michael Behrendt

Manchmal ist Songverstehen ganz einfach – man braucht nur hinzuhören. Aber manchmal ist Songverstehen auch Detektivarbeit. Und die kann zu der Erkenntnis führen: Ich kapier überhaupt nichts. Was letztlich kein Problem ist, denn Songverstehen beinhaltet auch konstruktives Nichtverstehen. Oder anders gesagt: Der Weg ist das Ziel, nicht das Entschlüsseln einer alleingültigen Botschaft. Die gibt es ohnehin nur in den seltensten Fällen. Oft gibt es mehrere mögliche Deutungen oder tappt man lustvoll im Dunkeln, weil man ein Stück zwar liebt, aber nicht den geringsten Schimmer hat, worum es darin geht.

Roter Schnee

So frage ich mich bei jedem Hören neu, was es wohl mit einigen Songs der Künstler auf sich hat, die auf dem kleinen, feinen britischen Label Bella Union veröffentlichen. Die Fleet Foxes aus Seattle beispielsweise, eine der Rockentdeckungen des Jahres 2008, haben auf ihrem Debütalbum gleich mehrere Songs versammelt, die eher vage Eindrücke vermitteln und an abstrakte Gemälde erinnern, als konkrete Gefühle zu schildern oder eine zusammenhängende Geschichte zu
erzählen. White Winter Hymnal, einer der Hits des Albums, besteht aus einer einzigen, aber mehrmals wiederholten Strophe. Der vollständige Text lautet: „I was following the pack all swallowed in their coats / with scarves of red tied’ round their throats / to keep their little heads from fallin’ in the snow. / And I turned ’round and there you go / And, Michael, you would fall / and turn the white snow red as strawberries in the summertime.“

Fleet Foxes – White Winter Hymnal

Zunächst erfasst man die Lyrics nur am Rande, denn der schon im Songtitel angekündigte „hymnische“ Chorgesang und das monumentale, mit starkem Halleffekt versehene musikalische Arrangement ziehen die volle Aufmerksamkeit auf sich. Das Ganze klingt nach amerikanischen 60er-Jahre-Bands – ein Hauch von Flower-Power und Beach Boys, von Aufbruch und „Summer of Love“ umweht den Song. Endet die Strophe nicht immer wieder auf das sonnige Wörtchen „summertime“? Erst allmählich dringt das Winterthema ins Bewusstsein – entsteht eine schneebedeckte Winterlandschaft vor dem geistigen Auge. Ein Hundeschlitten kommt ins Bild, zwei Männer stehen darauf. Vielleicht gleiten auch zwei Schlitten über den Schnee, von jeweils einem Fahrer gelenkt. Neben diesem vagen Gesamtbild sind es vor allem Ausschnitte, die der „Erzähler“ hier vermittelt – Farben, Farbkontraste, so etwas wie Detailvergrößerungen und ganz merkwürdige Assoziationen. Rote Halstücher, die dafür sorgen, dass die kleinen Hundeköpfe auf den Rümpfen bleiben und nicht in den Schnee fallen: eine unheimliche, fast schon gruselige Impression. Dann ein Junge oder Mann namens Michael. Offenbar stürzt er, eine offene Wunde ist die Folge. Sein Blut färbt den weißen Schnee rot, was den „Erzähler“ keineswegs zu erschrecken, sondern an etwas Angenehmes, Schönes zu erinnern scheint: an Erdbeeren im Sommer. Es sind zwiespältige, aber intensive Bilder, die die Fleet Foxes hier hervorrufen – gleichzeitig gewalttätig und sanft, anmutig und schroff. Ist es eine kindliche Wahrnehmung, gar eine autistische? Wer besagter Michael ist und wie schwer er verletzt ist, das bleibt ungeklärt – ebenso wie die Frage, woher er kommt und ob er sein Ziel erreichen wird. White Winter Hymnal, das lässt nur kurz an White Christmas und ähnliche Winter-Evergreens denken, denn schon in den ersten Versen werden sämtliche Erwartungen durchbrochen. So geheimnisvoll und schwer zu entschlüsseln sind diese Songs, dass der Journalist James McNair einen Artikel für den „Independent“ mit „On the hunt for meaning with Seattle Band Fleet Foxes“ überschrieb und auch nach längeren Gesprächen mit den Musikern nur die Rätselhaftigkeit von Stücken wie White Winter Hymnal konstatieren konnte. Einer seiner Gesprächspartner gab zu Protokoll, er kenne den Texter der Band, Robin Pecknold, nun lange genug, um eine Ahnung davon zu haben, um was es in den Songs gehe und welche konkreten Personen gemeint seien. Allerdings sei er nicht befugt, darüber Auskunft zu geben.

Kate Bush – Misty – 50 Words For Snow

Sex mit Schneemännern? Okay…

Während die Fleet Foxes eher jüngere Acts und in kleineren Fankreisen bekannt sind, handelt es sich bei der britischen Songwriterin Kate Bush um eine gestandene Künstlerin. Sie produziert nicht nur schon eine gefühlte Ewigkeit lang Musik, sondern hat längst auch Superstarstatus erreicht. Was sie offenbar nicht daran hindert, auf ihren Erfolgsalben ebenfalls Songs unterzubringen, die Außenstehenden Runzeln auf die Stirn treiben. Dabei müssen sie gar nicht mal die Sprache verbiegen oder eine unverständliche Metapher an die andere tackern, sondern können durchaus auch zusammenhängende Geschichten erzählen. In Misty etwa, einem Stück auf der 2011 erschienenen CD 50 Words for Snow, lässt Kate Bush ein Song-Ich eine Liebesnacht mit einem Schneemann verbringen. Wie abgefahren ist das denn?, dürfte der eine oder andere Hörer denken. Neben der absurden Handlung sind es seltsame Details, die Misty ziemlich obskur erscheinen lassen. So blutet dem Song-Ich schon beim hoffnungsvollen Bauen des Schneemanns eine Hand – ob aufgrund einer Verletzung oder einfach wegen der Kälte, bleibt offen: „Roll his body. / Give him eyes. / Make him smile for me. / Give him life. / My hand is bleeding. I run back inside.“ Zu Deutsch etwa: „Rolle seinen Körper. / Gebe ihm Augen. / Lass ihn für mich lächeln. / Gebe ihm Leben. / Meine Hand blutet. Ich renne wieder rein.“

Drinnen, genauer: im Schlafzimmer, geht es dann buchstäblich eiskalt zur Sache. In einer offenbar sternenklaren Nacht („I turn off the light. / Switch on a starry night.“) wird das Song-Ich von dem frostigen Geschöpf überrascht. Das Fenster springt auf, und im Zimmer scheint es zu schneien, als der Schneemann hereinkommt, um sich zum Song-Ich ins Bett zu legen. Letzteres hat, obwohl die Vorgänge alles andere als gewöhnlich sind, nicht wirklich Angst. Allerdings beginnt der Schneemann durch die innige Begegnung zu schmelzen: „My window flies open. / My bedroom fills with falling snow. / … / I see his snowy white face but I’m not afraid. / He lies down beside me. / So cold next to me. / I can feel him melting in my hand. / Melting, in my hand.“

Weitere irritierende Details sind die toten Blätter („dead leaves“) und die verdrehten Zweige („twisted branches“), die dem Schneemann im schiefen Mund („crooked mouth“) hängen. Vergänglichkeit, Sterben und weitere Verletzungen klingen hier an, dazu Schuldgefühle, weil die zerdrückten Gräser, mit denen der Schneemann geschmückt ist, vor einer schlummernden Wiese gestohlen wurden („crushed and stolen grasses from slumbering lawn“). Song-Ich und Schneemann küssen und umarmen sich, wodurch auch die wiederholte Wahrnehmung „Er schmilzt in meiner Hand“ sexuell aufgeladen wird: „And when I kiss his ice-cream lips / And his creamy skin, / His snowy white arms surround me. / So cold next to me. / I can feel him melting in my hand. / Melting, melting, in my hand.“ Am Ende ist der Schneemann unauffindbar verschwunden („I can’t find him“), die Laken – auch das ist eindeutig zweideutig – triefen („The sheets are soaking“), und das Song-Ich bleibt voller Sehnsucht zurück: „Oh please can you help me? / He must be somewhere.“ Trost bietet immerhin der Blick durch das wieder geschlossene Fenster: Denn draußen schneit es immer noch. Das lässt eine Wiederkehr des Schneemanns möglich erscheinen und treibt das Ich auf den Fenstersims: „Open window closing. / Oh but wait, it’s still snowing. / If you’re out there, I’m coming out on the ledge. / I’m going out on the ledge.“ Aber kündet das Balancieren auf dem Fenstersims wirklich von zukünftg erfüllter Liebe? Ist nicht vielleicht auch ein schlimmer Unfall, ein regelrechter Absturz zu befürchten?

Der Hinweis „Draußen schneit es immer noch“ birgt ein weiteres Detail, das irritiert. Denn zuvor war von einer sternenklaren Nacht die Rede und davon, dass lediglich drinnen Schnee fällt, vermutlich ausgelöst durch den ins Schlafzimmer steigenden Schneemann. Es ist eine kleine Unstimmigkeit im Zeit- und Raumgefüge des Songs, die die ohnehin vorhandenen Zweifel an dem geschilderten absurden Geschehen verstärkt. Was Kate Bush ihrem Publikum damit sagen will, bleibt vom Schnee verweht im Dunkeln. Und die Küstlerin selbst hat auch keine Lust, irgend jemand auf die Sprünge zu helfen. In einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ etwa antwortet sie auf die Frage, wie man „auf so was“ komme, lediglich: „Jedenfalls nicht, indem man sich Lieder wie ‚Frosty the snowman’ anhört. Es ist schon kurios, dass gerade dieses Lied die Vorstellungskraft vieler Ihrer Kollegen enorm zu beschäftigen scheint. Das amüsiert mich sehr. Als ich den Song schrieb, dachte ich zunächst: Was für eine lächerliche Idee!“

Aha, „zunächst“ also… Aber was sich Kate Bush anschließend dachte, das verrät sie nicht. Und so ist das Publikum gehalten, sich selbst einen Reim auf Misty zu machen. Dabei wird es wahrscheinlich so viele Deutungen geben, wie es Interpretationsversuche gibt – mit einem einheitlichen Bild ist kaum zu rechnen. Soll man das Ganze als magischen Realismus ernst nehmen? Wird hier einfach ein Märchen erzählt? Oder sind die Lyrics vielleicht von einem Gemälde inspiriert? Im Sinne eines konstruktiven Nichtverstehens vermute ich mal, dass es in dem Song um Idealbilder geht, die man auf einen Geliebten oder eine Geliebte projiziert. Ferner um die Enttäuschung, die daraus resultieren kann, dass man jemanden nicht wirklich ge- und erkannt hat. Auf eine kurze Phase des Glücks folgt der Verlust der begehrten Person, die charakterlich möglicherweise ganz anders beschaffen war, als man es sich vorgestellt und zurechtgeträumt hatte. Das Song-Ich hängt einer Illusion nach. Es füllt das zunächst leblose Gegenüber selbst mit Leben – und erst durch die Projektion des Song-Ichs erhält dieses Gegenüber seine Identität als Geliebter. Dieser hat sich am Ende aber in Luft – oder wie hier: in Wasser – aufgelöst, vielleicht auch weil er wirklich nur ein „eiskalter Typ“ war. Zu den düsteren Textdetails passen das langsame Tempo des Songs, fast medidative Pianoläufe, eine verhaltene Instrumentierung und schwer nachvollziehbare Gesangslinien. Bleibt die Frage: Handelt es sich hier wirklich um ein inhaltsschwangeres Songwerk – oder lediglich um einen episch ausgeweiteten Scherz, den sich die Künstlerin erlaubt? Und diese Frage muss wohl jeder Fan für sich selbst beantworten.

Red Hot Chili Peppers – The Adventures Of Rain Dance Maggie

… aber wer zum Teufel ist Schleppschiff-Sheila?

Auch The Adventures of Rain Dance Maggie, ein Hit aus dem 2011 erschienen Erfolgsalbum I’m With You der amerikanischen Band Red Hot Chili Peppers, überlässt das Publikum vor allem sich selbst. Klar, da gibt es einen markanten Stadionrock-Refrain, dessen Einstieg ziemlich simpel wirkt und der sofort zum Mitsingen animiert: „Hey now / We’ve got to make it rain somehow“ – „Hey nun, wir müssen irgendwie dafür sorgen, dass es regnet…“ Aber schon der zweite Teil des Refrains mit den Versen „She told me to / And showed me what to do / Our Maggie makes it in a cloud“ wirkt reichlich kryptisch: „Sie sagte mir, ich solle es tun / Und zeigte mir, was zu tun war / Unsere Maggie schafft es in einer Wolke…“ Na klar, mitsingen kann man ja mal, aber es bleiben Fragen offen: Führen das Song-Ich und besagte Maggie gemeinsam einen Regentanz auf, wie es der Songtitel suggeriert, oder ist der Zusammenhang vielleicht ein ganz anderer? Warum soll es überhaupt regnen? Und: Handelt es sich bei der genannten Wolke tatsächlich um eine Regenwolke oder eher um einen – im übertragenen Sinn – benebelten Zustand?

Vielleicht geben ja die Strophen Aufschluss, denkt man sich als Songversteher und hört beim mehrmaligen Abspielen des Songs etwas genauer hin. Doch auch dort scheinen, bei aller mitreißenden Rhythmik und musikalischen Eingängigkeit, nur mehr oder minder wirre Eindrücke und Gedanken aneinandergereiht: „Lipstick junkie / Debunk the all in one, she / Came back wearing a smile“, so beginnen die Lyrics, „Lookin’ like someone drugged me / That wanted to unplug me / No one here is on trial / It’s just a turnaround / And we go, oh / And then we go oh oh oh oh.“ Auf Deutsch etwa: „Lippenstift-Junkie / nimmt dem Alles-in-Einem den Zauber, sie / kam zurück und zeigte dabei ein Lächeln / Ich seh aus, als hätte mich jemand narkotisiert / der mir den Stecker rausziehen wollte / Niemand hier steht vor Gericht / Es ist nur eine Kehrtwende / Und wir sagen oh / Und dann sagen wir oh oh oh oh…“

Derangierte, flatterhafte Protagonisten gefangen in irgendwelchen obskuren Beziehungskisten – diesen Eindruck verstärkt die zweite Strophe, in der neben dem Song-Ich eine Frau namens Tugboat Sheila („Schleppschiff-Sheila“) erwähnt wird: „Tic Toc I want to / Rock you like the 80’s / Cock blockin’ isn’t allowed / Tugboat Sheila / Is into memorabilia / Who said three is a crowd / We better get it on the go“, zu Deutsch: „Tick tock, ich möchte dich / rocken wie die Achtziger / Schwanzblockade nicht erlaubt / Schleppschiff-Sheila liebt Erinnerungsstücke / Wer sagt denn, dass drei Leute einer zu viel sind? / Wir bringen es besser ins Rollen…“ Yo, Peppers, wenn ihr meint… Nur: Wer „rockt“ hier eigentlich wen? Das Song-Ich die ominöse Sheila, die möglicherweise identisch ist mit der in der ersten Strophe erwähnten Frau („she“)? Oder „rockt“ der Sprecher die im Refrain genannte Regentanz-Maggie, die ihm sagt, was er tun soll? Vielleicht sogar beide? Auf jeden Fall ist die Rede von einer Drei-Personen-Konstellation, in der entgegen der landläufigen Meinung keine Person zu viel ist – und in der es nicht bloß um platonische Liebe, sondern durchaus um gegenseitiges Abschleppen und um Sex geht. Die Tatsache, dass Sheila Erinnerungsstücke sammelt, könnte darauf schließen lassen, dass sie ein Groupie und das Song-Ich Rockstar ist. Schuldgefühle werden mit großer Geste beiseitegeschoben („Niemand hier steht vor Gericht“), und etwas soll „ins Rollen“ kommen.

Die zwischen den Figuren herrschende Dynamik wird auch in der dritten Strophe nicht klarer: „Rain dance Maggie / Advances to the final / Who knew that she had the goods / Little did I know her body / Was warm delicious vinyl / To your neck of the woods / I want to lick a little bit“ – also: „Regentanz-Maggie / bewegt sich aufs Finale zu / Wer hätte gewusst, dass sie die Güter besitzt / Ich wusste kaum, dass ihr Körper / warmes, leckeres Vinyl war / An deinem Hals von den Wäldern (oder: Hals aus Holz?) / möchte ich ein wenig lecken…“ Dass man als Hörer trotz wortreicher Ausführungen die Zusammenhänge kaum versteht, hat verschiedene Ursachen: Zum einen wechseln einmal mehr ständig Zeiten und handelnde Personen („Rain dance Maggie advances“, „Little did I know“), zum anderen haben vor allem die Pronomen „du“ und „sie“ keine klaren Bezugpunkte: Wessen Körper war doch gleich leckeres, warmes Vinyl? Und zu welcher Person gehört noch mal „dein“ Hals, an dem das Song-Ich lecken will? Die ohnehin schon herrschende Verwirrung wird noch weiter verstärkt. In einem auch harmonisch abgehobenen Zwischenteil heißt es nämlich: „You’ve got the wrong girl / But not for long girl / It’s in the song girl / ’Cause I’ll be gone girl.“ Zu Deutsch: „Du hast das falsche Mädchen / Aber nicht für lange, Mädchen / Es ist in dem Song, Mädchen / Denn ich werde weg sein, Mädchen.“ Sind etwa vor allem die beiden Frauen miteinander verbunden? Spricht das Song-Ich eine von beiden an, und wenn ja: welche? Oder redet das Song-Ich hier gar teilweise mit sich selbst? Schließlich stellt sich die Frage: Warum wird der Sprecher bald fort sein?

Doch statt einer Auflösung folgt ein weiterer Refrain, der die vorangegangenen Refrains textlich variiert. Plötzlich geht es nicht mehr ums Regenmachen, sondern um eine Menschenmenge, die in Eksase versetzt werden soll, um Geschick in der emotionalen Ansprache, um Lautstärke. Regentanz-Maggie ist auch hierin Expertin und gibt Anweisungen: „Hey now / Iwant to rock this rowdy crowd / She told me to / And showed me what to do / She knows how to make it loud“ – „Hey nun / Ich will diese ungehobelte Menge rocken / Sie sagte mir, ich solle es tun, / und zeigte mir, was zu tun war / Sie weiß, wie sie es laut bekommt.“ Auf diese Bilder, die an eine Rockkonzertsituation denken lassen, folgen noch einmal Elemente des rätselhaften Zwischenteils und der Abschied des Song-Ichs, das sich offenbar zurückzieht: „But not for long girl / It’s in the song girl / ’Cause I’ll be gone ’bye ’bye ’bye yeah / ’bye ’bye ’bye girl.“

Keine Frage, das Stück reißt mit, und man winkt dem Song-Ich euphorisiert hinterher. Aber weder ist am Ende offensichtlich geworden, wer da mit wem welches Ding am Laufen hat, noch hat man mehr über die Kunst der Wetterbeeinflussung, geschweige denn über die im Songtitel angekündigten „Abenteuer von Regentanz-Maggie“ erfahren. Dementsprechend weit auseinander liegen die Userkommentare auf www.songmeanings.net : Die einen glauben, der Song reflektiere die Geschichte der Red Hot Chili Peppers und die aktuelle personelle Umbesetzung, die anderen hören einen „flotten Dreier“ von Sänger Anthony Kiedis mit zwei Zwillingsschwestern heraus, wobei das „Regenmachen“ für den weiblichen Orgasmus stehe. Am Ende ist es vielleicht einfach nur eine Ode an die elektrische Gitarre, mit der man die Massen bewegt? Andere Songs des Albums I’m With You hinterlassen einen ähnlich nebulösen Eindruck. Verlässlichkeit bieten die Red Hot Chili Peppers vor allem in musikalischer Hinsicht – textlich dagegen lassen sie ihr Publikum gern im Regen stehen.

Laid Back – Baker Man

„Mach langsamer, nimm’s leicht!“

Das gilt auch für einige Macher der leichteren Charts-Muse. Nehmen wir Bakerman, den internationalen Top-20-Hit, den das dänische Duo Laid Back im Jahr 1989 auf den Weg brachte. Ein ziemlich unverschämter Song, und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Über einem unverschämt lässigen Groove raunt eine Männerstimme beinahe emotionslos einen unverschämt redundanten Text mit folgenden unverschämten „Kernaussagen“: „Bakerman is baking bread / Sagabona kunjani wena / The night train is coming / Got to keep on running / Bakerman is baking bread / Sagabona kunjani wena / You've got to cool down / Slow down, relax / It's too late to worry / Slow down, take it easy.“ Das heißt übersetzt so viel wie: „Bäckermann backt Brot / Sagabona kunjani wena / Der Nachtzug kommt / Muss weiterrennen / Bäckermann backt Brot / Sagabona kunjani wena / Du musst runterkommen / Mach langsamer, entspann dich / Es ist zu spät, sich aufzuregen / Mach langsamer, nimm’s leicht.“

Schon das erste Wort der Lyrics, gleichzeitig der Songtitel, kündigt das Unwirklichke der folgenden Ausführungen an. Denn den Begriff „bakerman“ gibt es im Englischen nicht. Es gibt den „baker“ (Bäcker), und es gibt den „man“ (Mann, Mensch). Unwirklich erscheint auch die Aussage, dass dieser Bäckermann einfach nur Brot backt. Denn von einem Songinhalt erwartet man Spektakuläreres, keine extremen Banalitäten. Genau deshalb aber hört man genauer hin – mit einem Gedanken: Da muss doch noch was kommen. Und tatsächlich kommt auch noch was. Allerdings sind es Laute, mit denen die wenigsten Hörer etwas anfangen können: „Sagabona kunjani wena”. Das ist, wenn man Aussagen in Chatforen glauben darf, Suhaeli, und es soll so viel bedeuten wie: „Hallo, wie geht es dir?“ Dass der Nachtzug eintrifft, ist dann ein ähnlich banales Ereignis wie das Brotbacken. Und die abschließende Aufforderung an jemanden, sich zu entspannen, weil es zu spät ist, um sich aufzuregen, scheint wie aus einem anderen Song entlehnt. So machen Laid Back aus Wortschöpfungen, fremdsprachlichen Phrasen und textlichen Klischees unterhaltsame Song-Lyrics, in die man hineinprojizieren kann, was man will. Aber nur, wenn man will.

In der nächsten Folge: Die schlimmsten Songmisshandlungen aller Zeiten

Siehe auch Teil 1:
Behrendt: What have they done to my song? I

und Teil 2:
Behrend: What have they done to my Song? II

Michael Behrendt

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erstellt am 30.12.2012

Foto: Ernst Stratmann

What have they done to my song?

Songs sind allgegenwärtig, Songs sind der Soundtrack unseres Lebens. Doch obwohl sie gern viele Worte machen, sind es eher Sounds, Melodien und Rhythmen, Stimmungen, Styles und Attitudes, auf die wir Hörer anspringen. Textinhalte und ihr Zusammenwirken mit nichtsprachlichen Elementen bleiben oft auf der Strecke. Wie funktionieren Songs? Wie schaffen Songs Bedeutung? Und was machen wir daraus? Diesen Fragen geht der Frankfurter Autor Michael Behrendt im Rahmen eines Buchprojekts nach: mal subjektiv und assoziativ, mal analytisch hinterfragend – seine Songauswahl kennt wenige Grenzen. Faust-Kultur fasst einige Beiträge zu einer kleinen Serie zusammen. Es geht um hinhören, verstehen, missverstehen, um Song-Ichs, Show-Ichs, Darstellungsformen – und immer wieder um die Schlüsselfrage: „Wer spricht im Song?“

1. Folge: »Angi, pack deine Brüste ein« hier

2. Folge: »Was wollte der Künstler damit sagen hier