Lyrik

„40 % Paradies“ ein Schlaglichtkatalog

Das Berliner Lyrikkollektiv G13 ist eine kleine Sensation, die – wie das bei Lyrik leider allzu häufig vorkommt – an der Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit vorbeigegangen ist. Dafür haben sie mit zahlreichen Lesungen große Wellen geschlagen in der jungen Literaturszene.

G13 ist ein Verband von 14 Lyrikern, die zuallermeist in den späten 80er Jahren geboren sind. Seit der Gründung der Gruppe vor über drei Jahren treffen sie sich regelmäßig, um gemeinsam an ihren Texten zu arbeiten. Dennoch ist G13 weit davon entfernt, eine irgendwie geartete Schule begründen zu wollen. Zu sehr divergieren die Poetologien und Methoden der einzelnen Mitglieder.

Jetzt ist ihre erste gemeinsame Anthologie „40 % Paradies“ bei Luxbooks erschienen. Ein aufregend unaufgeregter Band, der 14 Versionen zeitgenössischer Lyrik versammelt. Alles, was man über diesen Schlaglichtkatalog sagen kann, ist, dass er den vielleicht spannendsten Einblick in die nachwachsende Lyrikergeneration bietet, die – und das zeigt der Band auch – schon nicht mehr nur in den Startlöchern steht. Es sind hervorragende Zeugnisse eines neuen unprätentiösen Formbewusstseins.

Grund genug also, sich einmal mit Ilja Winther und Tristan Marquardt, zwei Mitgliedern, zu treffen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was da gerade in der Hauptstadt passiert.

Wie kam es zu G13?

Wie fast alles, was mit G13 zu tun hat, ist das weniger aus einem Kalkül entstanden, sondern mehr aus Zufällen und Freundschaft. Wir waren eine lose Gruppe aus Leuten, die ein gemeinsames Interesse hatten, die geschrieben haben und zusammen an ihren Texten arbeiten wollten. Erst später ist die Professionalisierung dazu gekommen, Lesungen und jetzt eben die Anthologie.

Wie kann man sich eure Treffen vorstellen?

Wir haben einen festen Ablauf: Wir treffen uns etwa alle zwei Wochen, wer Zeit, Text oder Gesprächsbedarf hat, kommt, das sind dann bis zu 20 Leute – wir gestalten die Treffen offen für jeden. Nur für die Lesungen und Veröffentlichungen, beschränken wir uns auf die zurzeit 14 festen Mitglieder. Die Texte werden in mehrfacher Ausführung mitgebracht, vorgelesen, nachgelesen und besprochen, die Autorin oder der Autor schweigt. Erst ganz am Ende hat sie oder er die Möglichkeit, sich kurz zu äußern.

Das erinnert ja schon ein wenig an den „heißen Stuhl“ der Gruppe 47. Seht ihr euch als Kollektiv in einer gewissen Tradition?

Nein, daran orientieren wir uns nicht. Wichtig am Kollektiv-Gedanken ist uns, der Vereinzelung und Konkurrenz im Literaturbetrieb etwas Konstruktives entgegenzusetzen.

Gibt es denn einen bestimmten G13-Ton?

Auch das nicht, nicht von innen gesehen jedenfalls, von außen gibt es aber manchmal diese Wahrnehmung. Natürlich ist es so, dass wir uns gegenseitig beeinflussen, schließlich lesen wir am meisten uns selbst. Aber wir stellen uns bei den Treffen nie die normative Frage, wie ein gutes Gedicht auszusehen hat. Die Frage lautet immer: Was will der Text, was hält der Text von dem, was er verspricht.

Was wären denn Ihre persönlichen Maßstäbe für gelungene Lyrik, Tristan Marquardt?

Ich mag komplizierte und verspielte Gedichte, die mich auf eine lustvolle Weise überfordern. Nicht weil ich anspruchsvolle und abgefahrene Dinge an sich für etwas besonders Erstrebenswertes halte, sondern weil ich glaube, dass wir permanent mit Erfahrungen konfrontiert sind, die sich mit den Kategorien, die unsere Umwelt für uns bereithält, nicht fassen lassen. Wenn es so etwas wie Verstehen gibt, dann nur innerhalb von vorgeschriebenen Strukturen, denen man sich fügen kann oder nicht. Der durchaus auch politische Impetus also wäre, im Gedicht das Vorgegebene auf eine neue und andere Weise zu verdichten, die etwas in einem anspricht, ohne dass man das immer schon verstehen muss oder kann.

Wie hat sich Ihr eigenes Schreiben durch die Gruppe verändert, Ilja Winther?

Niemand kam als gemachter Autor zu G13, wir haben uns seitdem alle individuell stark entwickelt. Ich bin durch die Gruppe erst ernsthaft zur Lyrik gekommen. Ich habe vorher mehr Prosa geschrieben, Mut gemacht, andere Dinge auszuprobieren. Die Gruppe ist ein Schutzraum, in dem man experimentieren kann, ohne gleich die Betriebskeule auf den Kopf zu bekommen.

Lange Nacht der Jungen Literatur in Hamburg

Noch verliert sich der Witz in der Pointe

Etwas ist faul im Staate Deutschland. Die Verkaufszahlen von Büchern sinken, die gute alte Wasserglaslesung muss aus Kostengründen zunehmend auf Kohlensäure verzichten. Aber das Ham.lit, das im Februar den literarischen Frühling eingeläutet hat, ist kein Zweifler. Kurzerhand werden hier Jahr für Jahr die hoffnungsvollsten Debütanten und etablierten Größen der jungen Literaturszene eingeladen. Es wird parallel gelesen, von den drei Bühnen des Übel & Gefährlich kann man frisch Veröffentlichtes und Manuskriptausschnitte, Prosa bis Lyrik hören.

Und das Konzept geht auf. Matthias Nawrat betritt die Bühne mit den Worten: „Das ist der erste freie Sitzplatz, den ich heute finden konnte“. Er ist einer von 15 Autoren, die dieses Jahr in dem ehemaligen Bunker lesen. Er liest aus dem Manuskript für seinen zweiten Roman „Unternehmer“. An Matthias Nawrat führte im vergangenen Jahr kein Weg vorbei, heißt es. Er gewann den MDR-Literaturpreis und beim Klagenfurt-Wettbewerb mit seiner Erzählung „Unternehmer“ den Kelag-Preis. Diese ist nun zu einem Romanmanuskript herangereift, aus dem Nawrat in Hamburg vorlas. Aus der Sicht der Tochter wird darin eine Familie geschildert, die aus dem Sammeln von Schrott ein Unternehmen gemacht hat, aus der Not eine Tugend. Das gelobte Land, Neuseeland, ist nur eine Hand voll Klimpergeld entfernt und da muss man schon mal in Kauf nehmen seine Hand oder den ganzen Arm für diese Handvoll zu verlieren. Es ist ein eigenwilliger Text mit der sezierenden Phantasie eines Kindes. Mit einer Sprache, die ins Irreale zu reichen scheint, und doch ist das einzig verstörende Moment der real existierende Schwarzwald und die Utopie von Unabhängigkeit.
Hilfe braucht auch Tilman Rammstedt in seinem Roman „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“. Diese sucht sich sein Protagonist, mit dem sich der Autor den Namen teilt, bei Bruce Willis, dem er unaufhörlich E-Mails schreibt. In diesem hoffnungslosen Unterfangen liegt eine ungeheurere Komik. Willis antwortet nicht, wird aber ständig über sein Fortkommen in der Geschichte auf dem Laufenden gehalten. So muss er erfahren, auf der Flucht angeschossen worden zu sein und eine jämmerliche Figur bei dem missglückten Bankraub dargestellt zu haben. Man muss ihm helfen, wo er doch eine Hilfe hätte sein sollen. Wie man sich doch in jemandem täuschen kann.
Apropos. Der erwartete Höhepunkt an diesem Abend war Frank Spilker, Sänger der Hamburger Band „Die Sterne“, der aus seinem im März bei Hoffmann und Campe erscheinenden Roman „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“ las. Es gab viel Gerede im Vorfeld, hohe Erwartungen. Es geht um den gescheiterten Grafiker Thomas Troppelmann, dessen Leben aus den Bahnen gerät, als auf einmal die Freundin weg und sein Büro pleitegeht. Als „lässig und lakonisch“ war der Stil angepriesen worden.
Spilker liest die ersten Zeilen. Sein schmales Oberlippenbärtchen gibt ihm etwas Dandyhaftes, beiläufig Verwegenes. Eine dritte Lippe für neue Wörter, eine eigene Sprache, könnte man denken. Doch die bleibt aus. Spilkers Figuren verschlucken sich an einem Rest Glühwein, wenn das Wort „erschrecken“ vermieden werden soll, sie wälzen sich in ihren Betten, um zu zeigen, dass sie hadern. Was sich hier zeigt, ist eine Literatur des geringsten Widerstandes. Die Dialoge sind hölzern, bis zur Kenntlichkeit gestelzt. Es sind anekdotische Geschichtchen mit dem Ziel der naheliegendsten Pointe: Dass es in Zügen kein Leitungswasser gibt, dass die Farbe Braun auch eine politische Dimension hat. Die Befürchtung schleicht sich ein, dass man zum Erscheinen des Buches sagen muss: Es ist ein Buch für seine Fans, für die, die es nicht länger sein wollen.
Den Abend beschließt die Band „Jeans Team“ auf der selben Bühne, auf der im letzten Jahr noch „Die Sterne“ standen, damals noch fest im Firmament verankert. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese zu Recht für ihre lakonisch vielschichtigen Texte gerühmte Band keine Umdeutung erfahren wird.

Tocotronic – „Wie wir leben wollen” Album Player

Hall und Wahn

Zum Erscheinen ihres neuen Albums formulierte die Band Tocotronic 99 Thesen. Hier sind 99 weitere.

1. Das neue Tocotronic-Album heißt „Wie wir leben wollen“.
2. Es erschien am 25.01.2013
3. Es ist ihr 10. Studioalbum
4. Man kann es als Retrospektive auf die 20-jährige Bandgeschichte verstehen
5. Produziert von Moses Schneider, dessen viertes Tocotronic-Album dies ist
6. Aufgenommen mit Technik, die zuletzt in den 1960er Jahren Verwendung fand
7. „Wie wir leben wollen“ ist in der Entstehung technophil
8. Im Klang ist es human
9. Ein Album über das Alter ist es
10. Über die Verweigerung des Alterns
11. Eins, das die Zeichens des Alters wie eine Schönheitsfleck über der Lippe trägt
12. Verführerisch in seiner Unaufgeregtheit
13. Midtempo
14. ohne Midlife-Crisis
15. Der Beweis, dass Dirk von Lowtzow ab jetzt ohne Schulterklopfen auskommt
16. Der beste Grund für ein Schulterklopfer
17. Ein Album über körperliche Gebrechen
18. Über Krankheit und Tod
19. Eine Verweigerung
20. Gegen: Krankheit
21. Tod
22. Nachfolge
23. Gefolgschaft
24. Ikonisierung
25. Ironisierung
26. Den hohen Ton
27. Die Sisyphosarbeit
28. Scham
29. Authentizität
30. „Wie wir leben wollen” ist eine Herausforderung an sämtliche Söhne, ihre Väter zu töten
31. Der Tipp an die Väter, stets die Kellertür geschlossen zu halten
32. Das Ende des Retro durch Retro
33. Ein Album, das man am Anschlag spielt
34. Keins, das durch die Decke geht
35. Das erste Album, das allen Nachbarn gefällt
36. Das genau deshalb durch die Decke gehen wird
37. Ein Meilenstein
38. Ein Lehrbuch
39. Ein Notizheft
40. Ein Steinschlag für Utopien
41. Ein Spektakel
42. Ein Fest
43. Ein After-Hour-Album
44. Der vierte Teil der Berlin-Trilogie
45. Ein Debüt
46. Der Blick in die Zukunft
47. Gegenwart
48. Vergangenheit
49. Eine Hommage
50. An: Tolstoi
51. Toy Story
52. Pet Shop Boys
53. Beatles
54. Thomas Bernhard
55. Robert Musil
56. Billy Wilder
57. Eine Zeit, in der man Gesichter hatte und keine Worte brauchte
58. Den Rausch der Reduktion
59. Die Abstinenz
60. „Wie wir leben wollen” ist altersmild
61. Ein Spätwerk
62. Von Frühvergreisten
63. Von Berufsjugendlichen
64. Der Anfang
65. Der Untergang
66. Eine Lachnummer
67. Mit verzögertem Witz
68. Mit doppelbödigem Humor
69. Eine große Geste
70. Ein Ungetüm
71. Ein Aperitif für satte Mägen
72. Die Zigarette danach
73. Rauschgift
74. Ein Loblied
75. Ein Abgesang
76. „Wie wir leben wollen” ist was wir hören wollten
77. Ohne dass wir das wussten
78. Der Igel für uns Hasen
79. Ein Tier mit weichem Fell
80. Ein Tier mit scharfen Klauen
81. Ein Tier, das geweckt werden will
82. Ein Tier, das hell wach ist
83. Ein Tier, das morgen in den Läden steht
84. Und übermorgen schon nicht mehr
85. Ein Tier, das weggeht wie warme Semmeln
86. Ein unverzerrtes Bild
87. Ein Rhythmus ohne Gitarren mit Gitarren
88. Ein mäandernder Gesang
89. Eine feste Stimme
90. Vokaljonglage
91. Eine Sprachgewalt
92. Eine Zärtlichkeit
93. Hall und Wahn
94. Ein Basslauf
95. Ein langsamer Sprint
96. Ein Verdikt
97. Ein Beweis
98. Eine Behauptung
99. Eine These unter 99 anderen

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Szenenfoto aus Franziska: Judith Buss
Szenenfoto aus Franziska: Judith Buss

Bilder, die bleiben

Über die Inszenierung von Frank Wedekinds Franziska an den Münchener Kammerspielen

Von Malte Abraham

„Ich bin so hingerissen, dass ich von den ersten beiden Akten nichts begriffen habe“ heißt es an einer Stelle in Frank Wedekinds Stück Franziska, das hundert Jahre nach seiner Uraufführung in den Münchener Kammerspielen genau dort Premiere hatte. Die ersten zwei Akte? Ich habe das ganze Stück verpasst. Andreas Kriegenburg, der vielleicht bildgewaltigste deutsche Regisseur, versperrt einem mit seinen bis zum Platzen aufgeblasenen Figuren fast völlig den Blick auf den Text. Gut so.

Szenenfoto: Judith Buss
Szenenfoto: Judith Buss

Wie in einem dadaistischen Diabetes-Stück stolpern sie über die praxisweiße Bühne, nur Franziska hockt dünn und agil über der Szene, die Beine gespreizt bis zur Verrenkung deutet sie die schwarze Witwe an, die dem Herzversagen ihrer Liebhaber noch zuvorkommen wird. Einer nach dem anderen wird ins Gras beißen. Aber noch sitzt Franziska nur da und faucht aus ihren kleinbürgerlichen Verhältnissen heraus: „Ich will leben, leeeeben“.
Auftritt: Veit Kunz. Der selbsternannte Sternenlenker zieht den Hut vor Franziskas vermeintlichen Talenten. Er könne sie groß rausbringen, raunt er ihr ins Ohr, zwirbelt seine Haare zu zwei Hörnern über der Stirn und geht mit ihr seinen teuflischen Pakt ein: Franziska soll bekommen, was sie will. Was sie aber will, ist den Männern der Zeit vorbehalten. So soll sie sich Franz nennen und nach Ablauf der Frist, wieder als Franziska Kunz Eigentum werden. Hier wird nicht mit Blut unterschrieben, Blut kommt später, aber so passiert es. Franz zieht es nach Berlin, dann in die wilde Ehe mit einer Frau und später bis in die Verstrickungen der Politik. Ihr Weg ist gepflastert mit Leichen, wer ihr zu nah kommt, stirbt.
Das passiert, wie eigentlich alles in der Inszenierung, nebenbei. Denn das eigentlich Entscheidende sind die Bilder, „Bilder, die bleiben“, heißt es einmal treffend. Das Premierenpublikum hat längst die Hörgeräte ausgeschaltet, Text ist hier hinderlich. Man will die Dicken stolpern und springen sehen, wie sie sich in die riesige, rote Bühnenwurst fallen lassen, die immer neu gerollt für alles mögliche herhält: Treppe, Kanone, Faden, Darm und die rote Flut aus China. Folgerichtig schallt es sogar von der Bühne: „Halt die Fresse du fette Sau“. Der Rest ist Schweigen…leider nicht.

Auch Hugo Balls Prophezeiung, dass die Münchener Kammerspiele einmal das modernste Theater Deutschlands sein werden, hat sich in hundert Jahre nicht erfüllt. Dass aber die Kammerspiele noch zu den ersten Adressen in der Republik gehören, verdanken sie Inszenierungen wie dieser, die mit einer respektablen Respektlosigkeit an ihre Stoffe gehen.

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Zeit fürs Happy End

Vom Treffen der Jungen Autoren 2012 und Perspektiven 2.0 im Berliner Festsaal

Von Malte Abraham

Mein Zimmer ist so aufgeräumt wie nie. Für alles, was lose auf Kommoden, Fensterbänken und dem Boden rumlag, habe ich jetzt wieder freie Schubladen.

Gestern war die öffentliche Lesung des „Treffens junger Autoren“. Jung heißt zwischen 10 und 20 Jahren. Autor kann sich wohl niemand nennen, der hier teilnimmt. Jetzt nicht. Wer sich aber aus über 700 Bewerbungen für einen der 20 Plätze im Workshop und in der Lesung verdient gemacht hat, könnte in ein paar Jahren schon mit einem Debüt oder ersten Veröffentlichungen in Zeitschriften oder Anthologien auf sich aufmerksam machen.

Als diese 20 gestern lasen, hatte ich genau das im Kopf: Aus über 700, intensive Arbeit an den Texten mit erfahrenen Schriftstellern, rosige Zukunft usw. Dann kam die Lesung, dann kamen die Texte. Ich habe meinen Bleistift gespitzt, so spitz, dass er fast gebrochen wäre. Hier ein kurzer Abriss von dem, was ich gestern aufgeschrieben habe: „Je jünger die Autoren sind, desto älter klingen sie. Die Schullektüre, von Fontane bis Storm, über Schiller und Goethe bis Grass und Uwe Timm, kann man hier noch gut raushören. Die hohen Töne werden gespuckt: Einsamkeit, Tod, Liebe. Ganz dicht will man sein, an den wahrsten Empfindungen, an den ganz großen Gefühlen.“ Natürlich stimmt das alles, und natürlich auch nicht immer. Eine hervorragende Ausnahme bildete die 17-jährige Sirka Elspaß, die Lyrik macht, als hätte sie nie die Glocke auswendig lernen müssen. Beispiel:
„revolution
das meer ist eine rebellin.
am beckenrand
hat sie neptun
hingekotzt.

der beginn einer ära.“

Aber alles in allem stimmt das schon mit den großen Gefühlen, weit vorbei am großen Wurf.

Also habe ich heute meine großen Würfe aus den Schubladen gesucht. 17-jährige Ergüsse, die ich von Umzug zu Umzug im Leben nicht wegschmeißen wollte. Warum eigentlich nicht, stellt sich mir sofort die Frage. Da hadert aber jemand kräftig mit sich und der Welt, schreibt, nicht auf eine Veröffentlichung hin, sondern schon für das Marbacher Literaturarchiv. Ich übergebe meine gesammelte Adoleszenz dem Mülleimer.

Dann schau ich in meine Unterlagen von gestern: Das kann so nicht stehenbleiben. Sirka Elspaß ist zwar eine Ausnahme, soviel steht fest, aber einer Regel, die nicht stimmt. Das muss korrigiert werden. Etwas anderes als eben diese Regel finde ich aber nicht in meinem Notizheft, also was jetzt? Ich entscheide mich noch einmal in den Seitenflügel der Berliner Festspiele zu gehen. Heute geben ehemalige, mittlerweile erfolgreiche Teilnehmer des „Treffens junger Autoren“ der vergangenen Jahre eine Ahnung davon, wie es für die 20 Preisträger von gestern nach gestern weitergehen kann.

Eröffnet wird der Abend mit einer Melodie, die so klingt wie es in einem Hollywood-Film klingt, wenn ein Windhauch in eine Gardine fährt. Vorhang auf, Zeit fürs Happy End. Und tatsächlich, es gibt genügend Beispiele an diesem Abend, dass sich die Leiden der jungen Werther verwachsen werden. Am eindrücklichsten beweisen das an diesem Abend Rebecca Ciesielski vom Lyrikkollektiv G13, die 2010 Preisträgerin war, und Laura Naumann (2006 und 2008), die als Moderatorin durch den gestrigen Abend führte. Bei Naumann heißt es an einer Stelle: „Auf das meiste sind wir vorbereitet. Wenn alles gut läuft, können wir uns versorgen.“ Sie verdient längst ihr Geld mit dem, was beim Treffen 2006 seinen Anfang nahm, dem Schreiben. Zuletzt wurde ihr Stück „Demut vor deinen Taten Baby“ am Theater Bielefeld uraufgeführt. 2013 wird es unter anderem am Wiener Burgtheater zu sehen sein. Das sieht nicht nur groß aus, es hört sich auch so an, wenn sie heute liest. Wie ich 2006, als 17-, vielleicht gerade 18-Jähriger über sie geurteilt hätte, möchte ich angesichts dessen, was jetzt sicher verwahrt in meinem Mülleimer liegt, nicht wissen. Was aber über die Preisträger des diesjährigen „Treffens junger Autoren“ zu sagen ist, möchte ich nicht entscheiden. Soviel ist sicher, in irgendeiner Hinsicht würde ich daneben liegen. Vielleicht warte ich einfach ab, bis sie mit Romanen, Lyrikbänden, Theaterstücken oder beim „Perspektiven 2.0“ in ein paar Jahren erneut an die Öffentlichkeit treten. Bis dahin versuche ich, meine Schubladen freizuhalten von Dingen, die nicht auch heute schon im Mülleimer landen könnten, in meinem wie nie aufgeräumten Zimmer.

November 2012: Dokfest Trailer

Dokumentarfilm-Fest

Die Platzhalter der urbanen Nische

Vom 29. Kasseler Dokumentarfilm und Video-Fest

Von Malte Abraham

„Wo ist denn der Ton?“, fragt Gerhard Wissner, Gründer und Veranstalter des „Kasseler Dokumentarfilm- und Video-Fest“ auf dessen Eröffnung vergangenen Dienstag. Der Trailer, gibt stumm – daran würde man noch arbeiten – einen kleinen Ausblick auf die folgenden 5 Tage. Mit einem geschärften Profil wäre man in die 29. Auflage gestartet.

Eine Handvoll junger Leute zwängte sich in Trainingsanzüge und mit allerlei Verrenkungen in eine „urbane Nische“, sagt man dazu, glaube ich. Neue Räume wollen erschlossen werden, andere Perspektiven eingenommen. Das ist nicht nur plakativ, es ist auch das Plakat.

Aber ja, wo ist er eigentlich, der Ton? Ist das “Dokfest”: http://www.kasselerdokfest.de/de/aktuelles/ politischer als sonst, weil die Zeiten politischer sind als sonst, sind die Zeiten politischer? Aus der Filmauswahl lässt sich das jedenfalls ableiten.

Neben dem eigentliche Filmprogramm gibt es auch dieses Jahr wieder das „Monitoring“. 17 filmischen Arbeiten, die über die Möglichkeiten einer Leinwand hinaus gehen, wird dort ein Raum gegeben, genauer 5 Räume. Tatsächlich ersetzt meist nur ein Flatscreen die Leinwand, noch tatsächlicher sind es meistens mindestens zwei. In der Arbeit „Das Geld und die Griechen“ sind es drei. Einer links, einer rechts, einer vor mir. Zwischen ihnen liegt eine Computer-Maus. Anscheinend halten viele sie für ein Ausstellungsobjekt und deshalb Abstand. Ich klicke.

Während die anderen auf den Alarm warten, fängt ein neues Video an. Langsam macht sich das Gerücht breit, dass man so die Reihenfolge der Beiträge bestimmen kann. Zu jeder Sequenz werden andere, passende vorgeschlagen. Ein bisschen erinnert das an YouTube. Das ganze basiert aber auf dem so genannten Korsakow-System, dass der Berliner Videofilm-Künstler und Regisseur des Films Florian Thalhofer entwickelt hat. Der Name ist dem Korsakow-Syndrom entlehnt, einer Form der Amnesie, bei der die Erinnerung nicht mehr linear verläuft. So treffend der Name für das Filmprogramm ist, so wenig hat er mit der Wirkung der Installation zu tun. Durch die Interaktion haben die Beträge etwas mit mir zu tun, mehr vielleicht als die Euro-Krise selbst. Weil ich mich an mich selbst immer besser erinnern kann, als an alles andere, reagiere ich auf sie nicht mit meiner gewohnten Amnesie. Gerade habe ich die Wahl, ob ich mich für das Einzelschicksal eines griechischen Unternehmers interessiere, oder ob ich lieber die Meinung eines Athener Taxifahrers über Merkel erfahren möchte. Ich entscheide mich für Merkel. „Sie kann kommen, immer noch besser als unsere korrupten Politiker. Schnell klicke ich weiter.

Kurz zurück zum konventionellen Film, mit Vorhang auf, Popcorn und Cola. Eine weitere Besonderheit des diesjährigen Programms fällt mir auf. Viele Dokumentarfilme bewegen sich zwischen Realität und Fiktion. So auch der Film „Frohes Schaffen – Ein Film”:http://www.hupefilm.de/dokumentarfilm/frohes_schaffen.php zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Konstantin Faigle. Mit der letzten Religion, dem ständigen Mantra, der allseits präsenten Heilsversprechung Arbeit, wird hier aufgeräumt. Aber nicht allein durch Interviews mit Experten und Leuten mit lustigen Frisuren, wie man es gewohnt ist. Sondern dadurch, dass sie um eine zusätzliche Binnenerzählung, in der das fingierte Leben eines ausgebrannten Ingenieurs, eines einsamen Rentners und das einer achsofreien Freelancerin ergänzt werden. Bis zur Kenntlichkeit entstellt, werden hier Prototypen einer Arbeitswelt vorgeführt, für die Welt und Arbeit synonym geworden sind.

Das alte Thema Dichtung und Wahrheit wird auch in der, mit dem Golden Cube, für die beste Installation, ausgezeichneten Arbeit, „Nebahats Schwestern“ von Emanuel Mathias aufgegriffen. Wir sind also zurück beim Monitoring, und es gibt wieder drei Bildschirme. Gezeigt werden Ausschnitte einer türkischen TV-Serie aus den 60er Jahren, dessen Protagonistin, eine Istanbuler Taxifahrerin, mit Schiebermütze anstatt Kopftuch, zum Vorbild für Emanzipation geworden ist, zum Vorbild auch für drei heutige Taxifahrerinnen, die parallel Szenen der Serie nachspielen.

Wenn man nicht wüsste, was man über einen Film sagen sollte, schlägt der Moderator der Preisverleihung vor zu sagen: „Der Film spielt in dem Spannungsfeld zwischen Progression und Affirmation“ oder man könnte sagen: „Schwierig, aber spannend“. Das ist es auch, was er zu dem Film “Sechster Sinn, drittes Auge, zweites Gesicht” von Jan Riesenbeck gerade noch so über die Lippen bekommt. Was vor allem verwundert, weil er mit dem Goldenen Herkules für den besten Film aus dem Raum Nordhessen prämiert wurde. Der Film, der an die Österreichische Fernsehsendung „Sendung ohne Namen“ erinnert, verknüpft schnelle Schnitte mit steilen Thesen, von philosophisch bis banal. Was anfangs unterhaltend ist, dann aber leider doch immer wieder belehrend und welterklärend wirkt. Ich fühle mich erneut erinnert, diesmal an „Nietzsche für den Strand“, oder „Schopenhauer für Gestresste“: Philosophie für Leute, die transzendental für eine Zahnpasta halten, denke ich.

Das A38–Produktions-Stipendium Kassel-Halle – wenn das nicht mal ein Name ist, der was her macht – ging an den niederländischen Filmemacher Marc Schmidt für seine Dokumentation über Autismus. Zwar sei das Thema oft behandelt worden, doch selten so „dramaturgisch ausgefeilt und daher fesselnd“ wie die Jury bemerkte.

East Hastings Pharmacy - teaser from Medium Density Fibreboard Films on Vimeo.

Der mit 5.000 Euro dotierte Goldene Schlüssel für die beeindruckendste dokumentarische Nachwuchsarbeit ging an „East Hastings Pharmacy“ von Antoine Bourges. „East Hastings Pharmacy“ ist eine Vancouver Apotheke, die an registrierte Kunden Methadon ausgibt. Gekonnt, könnte man sagen, und ohne Trainingsanzug, nutzt er den reduzierten Raum, die urbane Nische und füllt sie aus. Ein neuer Raum ist erschlossen.

Das Kasseler Dokumentar- und Videofilm-Festival sollte sich angesichts des wiederholten Besucherrekords von 12.400 Gästen in Zukunft vielleicht von der Metapher verabschieden und nach realen neuen Räumen suchen, sonst ist das Plakat von diesem Jahr eine bittere Vorschau auf die Platzverhältnisse des nächsten Jahres.

23. November 2012

Malte Abraham

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Jamal Tuschick mit Berthold Mayrhofer, Foto: Malte Abraham
Jamal Tuschick mit Berthold Mayrhofer, Foto: Malte Abraham

Von der Blattoberseite der Zuckerpflanze

Über eine Lesung von Jamal Tuschick mit Berthold Mayrhofer in Kassel

Wenn der Distelfalter nach bis zu drei Jahren Wanderung an seinen Geburtsort zurückkehrt, legt er die Flügel ab. Er kehrt praktisch in das Raupenstadium zurück.

So ist es auch bei dem Autor Jamal Tuschick. Nach seinem Umzug nach Frankfurt, später Berlin, ist er nun für eine Lesung zurück an der Blattoberseite der Zuckerpflanze, in Kassel. Man sieht ihm den Schüler wieder an, wenn er davon erzählt, wie er sich mit seinen Freunden in einem Imbiss in der Kasseler Innenstadt schwor, dass sie alle Künstler würden. Alle drei sind es geworden, zwei von ihnen spielen heute zusammen, oder „improvisieren auf gesicherter Grundlage“ wie Tuschick es nennt. Tuschicks frühe Texte werden begleitet oder kontrastiert durch das Bassspiel Berthold Mayrhofers.

An einer Stelle heißt es: „Noch werden die Instrumente gestimmt oder ist das schon das Konzert?“ Es ist das Konzert.

Ich muss sagen, dass ich so meine Probleme mit Jazz habe. Viel zu schnell klingt es für mich so 80ermäßig, nach Zahnarztpraxiskunst, ein gelber Strich, ein grüner und irgendwo ist immer ein exaktes Oval. Mayrhofer ist da keine Ausnahme. Er stöhnt wie Glenn Gould in den Goldbergvariationen und bewegt sich wie Dustin Hoffman in Raymond. Seine Finger springen über die Saiten, so stellt sich ein kleines Kind Virtuosität vor. Mayrhofer weiß, was er tut, vielleicht weiß er es ein bisschen zu gut. Als würde man in manchen Kreisen des Jazz der Angst vor der Melodie völlig erlegen sein. Als würde man denken: Keith Jarrett klang auf dem Höhepunkt seines Köln Konzertes auch nur nach Dallmayer-Prodomo.

Jamal Tuschick dagegen scheut in seinen Texten nicht die große Melodie. Seine Geschichten, von einem Jungen, der den Gitarren-Unterricht verweigerte, um Rockstar zu werden, von Kasselern, die in die Metropolen zogen und sie an den Weihnachtsfeiertagen kurz nach Kassel brachten, gehen vom Rhythmus aus. Ihr Gegenstand ist das Detail. Das Publikum ist erkannt, die 70er Jahre in Kassel wieder präsent. Da und Dort verweigert sich einer der Zuordnung. Selbst Tuschick unterbricht sich an einer Stelle: „Dieses „Ich“, das bin ich ganz bestimmt nicht“.

Als er später dann aus seinem Roman „Keine Große Geschichte“ liest, hält er kurz inne, schaut sich um: Warum hab ich mir eigentlich die Mühe gemacht, den Leuten andere Namen zu geben?“.

16. November 2012?

Malte Abraham

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erstellt am 22.11.2012
aktualisiert am 08.10.2013