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Foto: Ernst Stratmann

What have they done to my song?

Songs sind allgegenwärtig, Songs sind der Soundtrack unseres Lebens. Doch obwohl sie gern viele Worte machen, sind es eher Sounds, Melodien und Rhythmen, Stimmungen, Styles und Attitudes, auf die wir Hörer anspringen. Textinhalte und ihr Zusammenwirken mit nichtsprachlichen Elementen bleiben oft auf der Strecke. Wie funktionieren Songs? Wie schaffen Songs Bedeutung? Und was machen wir daraus? Diesen Fragen geht der Frankfurter Autor Michael Behrendt im Rahmen eines Buchprojekts nach: mal subjektiv und assoziativ, mal analytisch hinterfragend – seine Songauswahl kennt wenige Grenzen. Faust-Kultur fasst einige Beiträge zu einer kleinen Serie zusammen. Es geht um hinhören, verstehen, missverstehen, um Song-Ichs, Show-Ichs, Darstellungsformen – und immer wieder um die Schlüsselfrage: „Wer spricht im Song?“

Ein Plädoyer fürs Songverstehen – und fürs Sprechen über Songs

Angie, pack deine Brüste ein

1. Folge

Von Michael Behrendt

Es war 2008, da tat mir jede Frau leid, die Bettina heißt. In diesem Jahr veröffentlichte das Hamburger Trio Fettes Brot Bettina, zieh dir bitte etwas an – einen Song, der schnell zum Hit wurde und ziemlich oft lief. Im Radio, auf Partys, in Clubs, einfach überall. Ich stellte mir vor, ich wäre eine Bettina und müsste die dämlichsten Situationen überstehen: Ich komme als Lehrerin in meine Halbstarkenklasse, und alles kichert. Ich fülle auf der Post einen Paketschein aus, und der junge Mann am Schalter grinst verlegen. Abends in der Bar lerne ich einen Typen kennen, auf den ersten Blick ganz nett, aber dann prustet er in seinen Whisky Sour: „Bettina, pack deine Brüste ein! Bettina, zieh dir bitte etwas an!“ – „Was soll das?“, würde ich fragen, und der Typ würde wahrscheinlich antworten: „Na, da gibt’s doch diesen Hit von Fettes Brot…“ – „Und?“ – „Was ‚und’?“ – „Na, was willst du mir damit sagen?“ – „Na ja, nix halt. Is’ einfach ne lustige Textzeile.“ Ach so.

Zum Glück heiße ich nicht Bettina. Und irgendwie höre ich gerne zu. Weshalb ich mich über Fettes Brot im Allgemeinen und über Bettina ganz besonders gut amüsieren kann. Sehr gern würde ich mit jemandem über diesen Song plaudern. Aber das gestaltet sich meist schwieriger als gedacht. Natürlich gibt es in meinem Freundeskreis auch Leute, die nicht gleich losprusten, wenn ich Bettina anspreche. Doch selbst dann kommen wir selten über den Titel und den Refrain hinaus. „Hm“, heißt es etwa lakonisch, „kann ich nix mit anfangen. Irgendwie komischer Titel.“ Oder: „Geht gut ab, ja, Haben sie wirklich prima gemacht.“ – „Und die Geschichte, die da erzählt wird? Starkes Stück, was?“ – „Keine Ahnung, auf den Text hab ich noch nicht so gehört.“

Fettes Brot – Bettina, zieh dir bitte etwas an

Let’s talk about Songs

Wäre das Leben ein Quentin-Tarantino-Film, dann wäre das ganz anders. Dann würden wir regelmäßig am Frühstückstisch oder in der Kneipe sitzen und über Songs plaudern. Tarantinos Reißer Reservoir Dogs beispielsweise zeigt gleich am Anfang eine Runde von Männern in den besten Jahren, die sich angeregt darüber unterhalten, worum es wohl in den Madonna-Songs True Blue und Like A Virgin gehen könnte. Okay, es sind Gangster, genauer gesagt: Juwelenräuber, die da auf ihre eigentümliche Weise herumphilosophieren. Und die Thesen, die sie etwa zu dem beschwingten Liebeslied Like A Virgin verbreiten, muten reichlich exotisch an, wie an anderer Stelle noch zu zeigen sein wird. Aber es bleibt doch bemerkenswert, dass sich gestandene Herren in einigermaßen schicken Anzügen die Zeit für einen intensiven Schnack über Songinhalte nehmen, bevor sie ihrem Tagesgeschäft nachgehen.

Was wäre es für eine Welt, wenn, sagen wir, die Jungs der deutschen Fußball-Nationalmannschaft morgens vor dem Training beim Frühstück zusammensitzen und sich locker-flockig, aber durchaus seriös über Fettes Brot und Bettina austauschen würden. Sie würden herausarbeiten, dass es sich um alles andere als einen derben Scherz pubertärer Knalltüten handelt, und das könnte sich ungefähr so anhören:

Mario Gomez: Ach, es geht doch nichts über eingepackte Brüste und angezogene Frauen.
Bastian Schweinsteiger: Wer’s glaubt, wird selig, Alter. Aber klar, du meinst Bettina, Fettes Brot. Saugeile Nummer! Starker Text, krasser Beat – aktuelles Thema auf den Punkt gebracht.
Philipp Lahm: Ich kenne ja nur den Refrain. Meistens woll’n die Typen doch das Gegenteil. „Bettina, zieh dir bitte etwas an…“ – warum eigentlich?
Gomez: Ja, klingt komisch, aber passt schon alles. Also: Da ist dieser pornosüchtige Typ. Der holt sich regelmäßig vor dem Bildschirm einen runter und legt in seiner Fantasie die tollsten Frauen flach. Aber wenn es im wirklichen Leben sexuell zur Sache gehen soll, dann packt ihn die nackte Angst.
Lahm: Okay… Was passiert?
Gomez: Hör dir diese Textzeilen an: „Mein Gott ich wusste nicht, / dass das ne Quizshow ist“, so geht’s los, „ich werd’n bisschen geil / und krieg’n bisschen Schiss. / Was wohl die blonde Dralle / von mir erwartet, Mann? / Ob ich die tollen Fragen / auch brav erraten kann.“
Lahm: Ganz klar, es geht um eine dieser Late-Night-Quizsendungen im Privatfernsehen, …
Schweinsteiger: … in denen irgendwelche schmerzfreien Quasselstrippen dämliche Fragen stellen und dann ein Kleidungsstück nach dem anderen ablegen, damit die Zuschauer irgendwelche teuren Hotlines anrufen.
Gomez: Korrekt. Also für mich ist so was nur unter Trash-Gesichtspunkten erträglich. Aber auf den Typen im Song von Fettes Brot übt das eine abgründige Faszination aus.
Schweinsteiger: Auch was da musikalisch passiert, ist ziemlich interessant. Für den Sound und die Beats zeichnen Gastproduzenten verantwortlich – das Berliner Duo Modeselektor. Wenn du auf die Harmonien achtest, dann stellst du fest, dass der Song eine Aufwärtsbewegung macht, dazu kommen Stöhngeräusche, Hall- und Echoeffekte. Es wird also immer hysterischer, Worte und Musik schaukeln sich gegenseitig hoch. Und der Text… wie geht der Text noch mal, Mario
Gomez: „Ich kann nicht laufen, / deshalb taumel ich, taumel ich. / Ich will doch springen, / aber ich trau mich nicht, trau mich nicht. / Du bist viel stärker, / bitte hau mich nicht, hau mich nicht! / Lass mich hier bloß nicht hängen, / sonst baumel ich, baumel ich!“
Lahm: So fühl’ ich mich auf dem Platz auch manchmal…
Gomez: Klar, Mann, jeder fühlt sich mal so. Wir dürfen’s bloß nicht dem Trainer sagen. Aber zurück zum Song. Da sind wir, meine ich, nicht mehr bloß in einer Situationsbeschreibung – die Stelle hat viel eher was von einer Stimme aus dem Unterbewussten. Der Typ ist erregt, klar, aber mit der Erregung steigen auch seine Angst- und Schuldgefühle.
Schweinsteiger: Und dann entlädt sich die Spannung…
Die ganze Runde: Bettina, pack deine Brüste ein! / Bettina, zieh dir bitte etwas an!
Schweinsteiger: Genau. Und ich würde mal sagen, dieser Refrain ist auch der Orgasmus.
Gomez: Ja was denn sonst?
Schweinsteiger: Aber es ist ein sehr zwiespältiger Orgasmus. Im Hintergrund gibt es sirenenartige Sounds. Das macht den Refrain zu einer Kombination aus Alarm- und Hilfeschrei.
Lahm: Also, etwas in dem Typen will aufhören, und doch muss er zwanghaft weitermachen…
Schweinsteiger: Genau.
Mats Hummels : Ah, Bettina. Fettes Brot. Find’ ich auch spitze. Wo Ihr gerade den Refrain singt: Ist euch die seltsame Wortwahl aufgefallen? Ich meine, „Zieh dir bitte etwas an“… – das sagt man doch eher zu Kindern, vielleicht zu Partnern oder zu senilen Eltern, die nicht merken, dass es langsam kalt wird. Wenn das einer in Richtung Stripperin am Fernsehbildschirm sagt, dann ist das doch einfach falscher Code. Ich finde, es unterstreicht das Groteske der Situation ganz gut.
Schweinsteiger: Genauso wie die synthetischen Fiep- und Knarzgeräusche, die den ganzen Song durchziehen. Und wie der Übergang zur zweiten Strophe. Da geht es englisch und deutsch ziemlich durcheinander: „Ranking and rating, history in the making am Computer, / na-na-na-na-na, na-na-na-na-na-na. / And masturbating, / is she real or faking? / I’m a user, / …
Die ganze Runde: … na-na-na-na-na, na-na-na-na-na-na.“

Die nächsten Landtagswahlen stehen bevor, in Osteuropa und der islamischen Welt kochen Proteste hoch, und gestern gab es Meldungen von einer neuerlichen Naturkatastrophe. Entsprechend hitzig wird an den anderen Tischen im Frühstücksraum diskutiert. Der Fußball wird heute noch genug im Mittelpunkt stehen, und die Welt ist schließlich genauso rund. Also wird die Frühstückszeit genutzt, um über das zu sprechen, was einen sonst noch bewegt. Auch am Bettinatisch haben sie sich gerade erst warmgeredet.

Hummels: Schon absurd, wenn man so einen Refrain aus dem Zusammenhang heißt. Und ihn dann einer Frau um die Ohren haut. Hab’s gestern Abend grad wieder erlebt, an der Hotelbar. Da haben sich neben mir zwei kennengelernt. Sie: „Ich heiße Tina.“ Und er gluckst dämlich in seinen Whisky Sour: „Ha, Bettina, pack deine Brüste ein…“
Lahm: Echt bescheuert, Mann. So hat er sie ganz sicher nicht abgeschleppt. Aber jetzt will ich mehr wissen: Wie geht der Song weiter?
Gomez: Los, Bastian.
Schweinsteiger: Nee, Texte hast du besser drauf.
Gomez: Okay. Die Situation ist klar, jetzt wird am PC Hand angelegt. Nur kurz fragt sich der Typ, ob die Dame, die da nackt vor ihrer Webcam agiert, genauso scharf ist wie er oder ob sie ihre Erregung nur spielt. Und dann ist er auch schon wieder ganz auf seine eigene Geilheit fixiert: „Ich klick die Maus und mich um mein’ Verstand“, wird jetzt gerappt…
Schweinsteiger: … in ziemlich hohem Tempo…
Gomez: „Zieh dich aus, ich brauch nur eine Hand“. Und wenn es heißt: „Ich schau auf deine Brüste, / wenn meine Frau das wüsste“, dann kommen „Ogottogott“- und „Igittigitt“-Rufe aus dem Off dazu. Am Ende meldet sich wieder diese hysterische Stimme, sein Unterbewusstes, wie ich meine: „Wenn die Gedanken kommen, dann geh’n sie nich, geh’n sie nich. / Sie ha’m mich fest im Griff und lähmen mich, lähmen mich. / Ich kann nicht anders, denn ich quäle mich, quäle mich. / Ich muss es wieder tun und schäme mich, schäme mich!“
Lahm: Wie der Beckham vorm Elfmeter…
Gomez: Nicht schlecht, Alter. Nur dass das hier kein Fußballsong ist. Jetzt kommt nämlich, was kommen muss: …
Schweinsteiger: … der zweite Refrain. Oder Orgasmus. Oder was auch immer.
Gomez: Richtig. Und dann die Auflösung, die hat’s in sich. Irgendwo in der letzten Strophe bekennt der Typ: „Es ist so einfach, / ja manchmal glaub ich’s kaum, / mein ganzes Leben ist / wie ein völlig versauter Traum.“
Mario Götze : Ah, Mario – erzählst wohl wieder, was du abends nach dem Training machst…
Gomez: Klar, Mario. Also. Jetzt geht’s richtig ab im Song. Es laufen nämlich diverse aktuelle Sexsymbole und Männerfantasien vor dem geistigen Auge auf, wie bei einer Parade: „Oh Angelina, Rihanna, Jessica, Penelope, / Alicia, Cameron, Jennifer, Paris und Beyoncé, / ich fühl mich so unendlich männlich immer, wenn ich euch seh’, / am liebsten im Bikini oder aber oben ohné“.
Lahm: Verstehe – als Hörer dürfen wir die Nachnamen Jolie, Alba, Cruz, Keys, Diaz, Lopez, Hilton und Knowles ergänzen…
Marco Reus: … und natürlich über einen herrlich fiesen Endreim grinsen: „Beyon-cé/oben oh-né.“ Das ist völlig gegen die Silbenbetonung, absolut grotesk und infantil. Aber es passt so satt in diesen Song wie Mesuts Freistöße ins linke obere Eck.
Gomez: Ja, aber wartet, das war’s immer noch nicht. Die Überleitung zum letzten Refrain ist inhaltlich die spektakulärste. Der Typ liegt mit seiner Frau oder Freundin im Bett – und in der Konfrontation mit der Realität stürzt sein Gebäude aus sexuellen Fantasien total in sich zusammen: „Jetzt liegst du da und bist so echt, echt, echt, / kommst mir so nah und mir wird schlecht, schlecht, schlecht. / Ich bin doch sonst so’n toller Hecht, Hecht, Hecht. / Du willst mich ganz, ich will nur weg, weg, weg!“
Hummels: Ich schätze mal, dass die Bettina, die da im letzten Refrain ihre Brüste einpacken und sich bitte etwas anziehen soll, nicht mehr die Bettina aus der Fernsehshow ist. Auch nicht die aus dem Internet. Der Hilferuf – die flehentliche Bitte, dass die Bildschirmfrau sich anziehen und die Pornosucht endlich aufhören soll – ist zur nackten Panik geworden. Die reale Partnerin soll sich zurückziehen, sonst gibt es ein Fiasko. Auch das Spiel mit den Namen ist hier stimmig. So, wie in der letzten Strophe die sexuelle Fantasie auf die Wirklichkeit prallt, kollidiert auch der deutsche Allerweltsname Bettina mit den exotischen Namen aus dem Popuniversum. Das sind Brüche und Bedeutungsverschiebungen, die nicht um ihrer selbst willen eingestreut werden. Das sind Effekte, die im Songzusammenhang absolut Sinn machen. So was zeigt einfach die Klasse von Fettes Brot.
Götze: Krasser Vortrag, Mats. Wenn’s mal mit dem Fußball nicht mehr klappt, dann solltest du an die Uni wechseln. Wobei ich diese beknackten Technosounds nicht wirklich prickelnd finde.
Schweinsteiger: Wieso, die passen doch absolut zur erzählten Geschichte. Da wird es doch fast schon programmmusikalisch…
Jogi Löw : So, Jungs, abräumen und raus auf den Platz!

Wir wissen nicht, wie das Training verlaufen wäre und was die Jungs danach während der Massage gehört hätten. Vielleicht Angie von den Rolling Stones – auch ein Song mit einem Frauennamen im Titel. Es wäre zwar musikalisch etwas ganz anderes, aber textlich ein Zeichen für Kontinuität gewesen. Darüber hätte man trefflich weiterdiskutieren können: über die Leerstellen der Trennungsgeschichte, die dort erzählt wird. Über die Frage, warum die sonst so machohaft auftretenden Rolling Stones hier so hochsensibel agieren. Oder darüber, wie genüsslich bis selbstverliebt Mick Jagger die entscheidenden Verse zieht und dehnt, ja regelrecht zersingt.

The Rolling Stones – AngieOFFICIAL PROMO

PR = Peinliches Reininterpretieren

Aber weder ist das Leben ein Tarantino-Film noch dürften sich frühstückende deutsche Fußballnationalspieler angeregt über Popsongs unterhalten. Wahrscheinlich (und verständlicherweise) haben sie anderes im kopf. Und so bekommen wir in der Wirklichkeit keine erhellenden Promigespräche kolportiert, sondern müssen fassungslos zur Kenntnis nehmen, was liebenswerten Gassenhauern wie Angie passiert, wenn sie nicht bei drei auf den Bäumen sind. Zum Beispiel landen sie dort, wo sie überhaupt nicht hingehören – in den Fängen der politischen PR. Angie? Ist das nicht ein cooler Rufname für unsere Kanzlerkandidatin? Bingo! So dachten sich wohl im Jahr 2005 die Marketingstrategen der deutschen CDU und sorgten dafür, dass Angie regelmäßig im Anschluss an die Wahlkampfauftritte von Angela Merkel gespielt wurde. Und das tat dem bereits 1973 veröffentlichten Song gleich in zweierlei Hinsicht unrecht: Zum einen hatte es die Partei versäumt, seine Urheber, die Stones, um Erlaubnis für die PR-Nutzung zu fragen, weshalb sie von den Künstlern wenn auch nicht mit einer Klage, so doch mit einem deutlich missbilligenden öffentlichen Statement bedacht wurde. Zum anderen, und das verursachte den weitaus größeren Wirbel, gab es außer dem Titel „Angie“ nichts, was man positiv mit einer Kanzlerkandidatin hätte verbinden können. Im Gegenteil: Das herzzerreißende Stück handelt von einer gescheiterten Beziehung, von Ziellosigkeit, enttäuschten Träumen. „Angie, Angie“, heißt es gleich zu Beginn, „when will those clouds all disappear?“ Was sich bei Mick Jagger etwa folgendermaßen steinerweichend anhört: „Äjndschäh, Äj-hiiiiihhhnn-dschäh, when will those clouds all dis-äppiie-hie-hie-hie-ähhh?“ Und weiter: „Angie, Angie, where will it lead us from hiie-hie-hiee-ähhh?“

Nun könnte man annehmen, dass wenigstens die Musik für eine optimistische Stimmung sorgt – dass die Leute nicht immer auf den Text hören, ist ja gerade in Marketing- und PR-Kreisen bekannt. Aber weit gefehlt. Langsam, getragen zieht sich das Stück in Mollakkorden dahin, ein wehmütiges Klavier lässt an perlende Tränen denken, die gesamte Songbewegung ist ein ständiges leises Aufbäumen und In-sich-Zusammenfallen. Ganz sicher nicht der passende Soundtrack für eine dynamische Kandidatin, die kompetent und optimistisch an die Macht strebt. Wohin die Reise der beiden Protagonisten im Stones-Song geht? Man weiß es nicht. Nur eins ist sicher: dass sie ohne Liebe und ohne Geld alles andere als zufrieden sein können: „With no loving in our souls / and no money in our coats / you can’t say we’re satisfied. / But Angie, Angie, / you can’t say we never tried.“ Und: „Angie, you're beautiful, yeah, / but ain't it time we said goodbye.“ Tja. Auch wenn Angie wunderschön ist, es scheint Zeit, auf Wiedersehen zu sagen. Das hat wohl ebenso wenig das Zeug zu einer Wahlempfehlung wie die Erinnerung an in Rauch aufgehende Träume und eine verzweifelt weinende Protagonistin: „All the dreams we held so close / seemed to all go up in smoke. / (…) / Oh, Angie, don’t you weep, / all your kisses still taste sweet. / I hate that sadness in your eyes.“ Immerhin: Die Aktion, die einen der vorderen Plätze in den Top-Ten der dämlichsten PR-Strategien der Welt verdient hätte, konnte Angela Merkel am Ende nicht schaden – wohl weil tatsächlich kaum jemand hingehört hat.

Ich hör dann mal weg

Es ist schon erstaunlich: Songs sind allgegenwärtig, aber wir hören kaum zu. Auf immer neuen Trägerformaten, über immer neue Kanäle bahnen sich Songs ihren Weg in unsere Gehörgänge. Sie kommen auf CDs und Vinylschallplatten zu uns, via Mini-Disc und MP3, durchs Radio und durchs Fernsehen, übers Internet und die heimische Hi-Fi-Anlage. Wir kaufen und wir tauschen sie, wir downloaden sie, bis der Ohrenarzt kommt, dazu läuft rund um die Uhr der eine oder andere Musikvideokanal. In Bars und Diskotheken, in Supermärkten und Sportarenen, auf der Straße, im Kino und zu Hause liefern Songs den Soundtrack zu unserem Alltag. Und wenn es mehr Soundtrack als Alltag sein soll, dann bringen uns iPods, Walk- oder Discmänner samt Kopfhörern ganz nah ran. In manchen öffentlichen Verkehrsmitteln sind Durchsagen eigentlich überflüssig, denn jeder hat seinen eigenen Knopf im Ohr. Keine Frage: Wir wollen ja hören, vielleicht nicht immer, aber immer öfter. Und doch bleibt erschreckend wenig Song bei uns hängen.

Hinzu kommt, dass wir unsere Songs oft nachlässig, manchmal herzlos, schlecht und gemein behandeln. Hier eine (unvollständige) Liste an Grausamkeiten, die unschuldigen Songs sekündlich millionenfach auf der ganzen Welt widerfährt: Abhören mittels Schnelldurchlauftaste; brutales Abbrechen per Stoptaste; rücksichtsloses Weiterspringen per Skiptaste; Abspielen beim Staubsaugen; Abspielen parallel zum Fernsehkonsum; vorzeitiges Ausblenden in Radio, Club und Fernsehen; Niederquasseln durch den Moderator oder DJ; Missbrauch zu Werbe- und PR-Zwecken; Nichtabspielen (Boykott); Abspielen auf miserablen Soundanlagen; Entstellung bis hin zur vollständigen Verwüstung von Songklassikern beim Vortrag durch an mangelndem Einfühlungsvermögen, an Selbstüberschätzung oder an beidem leidende Castingshow-Kandidaten… Ok, ich mache das hin und wieder auch. Aber so richtig in Ordnung finde ich das nicht.

Try a little understanding!

Mein Plädoyer: Versuch’s mal mit Songverstehen. Denn Songs sind mehr als der Soundtrack zum Geschirrspülen. Mehr als ein Klangteppich, der Arbeit erträglicher macht, zur häuslichen Gymnastik oder zum Tanzen im Club animiert. Man kann getrost davon ausgehen, dass selbst einfache gesungene Musikstücke etwas zu sagen haben. Immerhin waren oft ganze Teams von Menschen stunden- oder wochen-, manchmal monatelang damit beschäftigt zu schreiben, zu komponieren und zu produzieren, um ihr Werk in die Welt zu tragen. Ich bin der Meinung, dieser Aufwand sollte gewürdigt werden. Erst recht, bevor man sich öffentlich über einen Song äußert, ihn in Chatforen kommentiert, mit ihm arbeitet, ihn für eine Argumentation benutzt.

Das Credo des Songhörens lautet also: nicht immer nur auf den coolen Sound und den spektakulären Refrain hören, nicht ausschließlich über Stile, Sounds und Gesten philosophieren, sondern hin und wieder ein Ohr für das Musikstück als Ganzes haben. Auch mal den Strophen folgen und grundsätzlich offen sein – für musikalische und textliche Anspielungen, für Zitate, Querverweise, doppelte Böden und andere in Songs versteckte Ideen. Kurz: keine Angst vor Empathie und Detektivarbeit. Denn: Es steckt mehr in manchen Songs, als man denkt. Und: Nicht nur Angie und Bettina haben Besseres verdient.

2. Folge:
Lyrics außer Kontrolle – und was uns Quentin Tarantino übers Songverstehen lehrt hier

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erstellt am 09.11.2012