Robert Gernhardt, der bis 2006 lebte, war nicht nur Redakteur der Satirezeitschriften Pardon und Titanic, einer der Protagonisten der Neuen Frankfurter Schule, verbreitet durch seine Bildergeschichten, er war der berühmteste Dichter der komischen Literatur in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts.
Nun hat der Meister der kurzen Form seinen Namen postum einem Preis gegeben, der Autorinnen und Autoren aus Hessen die Realisierung eines größeren literarischen Vorhabens ermöglichen soll. In diesem Jahr teilen sich zwei Autoren den Robert Gernhardt Preis: Pete Smith für sein Romanprojekt „Endspiel” und Frank Witzel für sein Romanprojekt „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969”. Die Laudatio von Martin Lüdke ist hier zu lesen.

Robert Gernhardt Preis 2012

Pete Smith und Frank Witzel

Laudatio von Martin Lüdke

Vorspiel
von

Robert Gernhardt

Guter Rat Kritik betreffend
(Nebst einer Bekräftigung)

Guter Rat
Laß nicht zu, daß sie dich loben.
Wer dich lobt, will dich auch tadeln.
Und du mußt dann sein Geseires
auch noch durch Verständnis adeln.

(Bekräftigung
Hör nicht hin, wenn sie dich tadeln,
doch hör weg, wenn sie dich loben.
Tadler ziehen dich nur nieder,
doch die Lober s.o.)

Lassen Sie mich bitte mit dem Ende anfangen, unser aller Ende.
„In der Stunde des Todes rücken die Lebenden zusammen.“ Dieser Satz, egal, ob wie hier von einem Pfarrer auf einer Trauerfeier gesprochen oder, anderswo, von einem überzeugt ungläubigen Angehörigen des Verschiedenen, der Satz entfaltet eine um so größere Wirkung, je enger er an die Erschütterungen anzuschließen vermag, die ein Tod auslöst.
Je tiefer die Erschütterung, das gilt gewiss nicht nur bei Todesfällen, desto höher die Bereitschaft, sich zu öffnen – auch anderen gegenüber. Wie sich bei einem anaphylaktischen
Schock unsere Blutgefäße öffnen, so öffnen sich, bei einem entsprechenden Erlebnis, unsere Perzeptions- und Apperzeptionsmechanismen, oder, pathetisch schlicht gesagt, öffnet sich unsere Seele.

Solche Erfahrungen machen wir unvermeidlich im Laufe des Lebens, oft ohne uns darüber bewusst zu werden. Am Rande eines Grabes umarmen wir auch Menschen, denen wir vor dem Friedhof nicht die Hand geben möchten.
„In der Stunde des Todes rücken die Lebenden zusammen. Ratlos blicken wir auf das, was geschehen ist. Sprachlos bleiben wir zurück.“ – sagt der Pfarrer auf der Trauerfeier für die Opfer einer Art Amoklaufs mit langem Vorlauf in Pete Smith Roman aus dem Jahre 2009 „So voller Wut“.
Der Satz sitzt. Auch deshalb, weil Jamal, der Held, als er ihn hört, in einer Trauerhalle hockt, weiß, dass seine Jasmin, seine Freundin, draußen, unter vielen Menschen allein, in der Vorhalle steht, und auf ihn warten wird. Die Opfer dieses Attentats werden verabschiedet. Unschuldige Opfer, sowieso. Sinnlose Opfer. Der Satz sitzt, weil die ganze Geschichte auf ihn zuläuft. Er ist sorgfältig vorbereitet. Der Leser ist zum Teilnehmer dieser Trauerfeier geworden. Er war Zeuge des Gemetzels. Jetzt ist er wieder dabei.
Das heißt, wenn wir einen Schritt zurücktreten. An diesem Satz können wir die Technik, die der Autor benutzt, gut erkennen.

Solche Fähigkeiten kommen nicht von ungefähr. Sie hat er sich erarbeitet. Vielleicht auch deshalb so gut, weil er sich vor allem von einer sprichwörtlich unterschätzten Gattung ernährt, der Kinder- bzw- Jugendliteratur. Ich bin sicher nicht berufen zu urteilen über diese Literatur, die auf gelegentlichen, oft noch gut versteckten Sonderseiten des Feuilletons pflichtgemäß von beschämend bezahlten, daher oft lustlosen Nebenberufskritikern abgehandelt wird. Ich kenne mich da viel zu wenig aus. Nur kann ich, besser gesagt: können wir an schon diesem einen einzigen Satz sehr viel ablesen. Der italienische Kulturhistoriker Carlo Ginzburg, hat nicht nur mich darauf aufmerksam gemacht, woran sich große Fälschungen erkennen lassen, an den Kleinigkeiten. Details, auf die der Fälscher oft zu wenig Mühe verwendet, Ohren zum Beispiel. Ginzburg hat nun weiter darauf aufmerksam gemacht, dass man meist gerade an diesen Kleinigkeiten den großen Meister erkennt. Nicht nur in der Malerei, auch, Vladimir Nabokov versäumte in seinen Vorlesungen über die großen Romane des 19. und 20. Jahrhunderts nie, darauf hinzuweisen, auch in der Literatur.
Nun möchte ich Pete Smith nicht mit Delacroix oder Jane Austen vergleichen, manchen von Ihnen vielleicht noch von der ersten Gernhardt-Preis-Verleihung her bekannt. Aber doch
mit Carlos Ruiz Zafon, dem spanischen Jugendbuch-Autor, der mit seinem „Schatten des Windes“ zum Weltstar bei den älteren Lesern geworden ist. Es kommt bei der Jugend-Literatur offenbar verstärkt auch auf handwerkliche Fähigkeiten an. Darüber verfügt Pete Smith.

Der Name, kein Pseudonym, erst recht keine Marotte, verdankt sich seiner Herkunft. Natürlich hätte er auch Pedro heißen können, seine Mutter ist schließlich Spanierin, der Vater allerdings Engländer. Aufgewachsen ist er dort, wo die deutsche Provinz ganz bei sich selbst bleibt, in Soest, im Münsterland. Das ergibt, leicht zu ersehen, eine gute Mischung.
Sozialkritisch, engagiert, mit diesem dramaturgischen Geschick und einem feinen Gespür für die nötigen Effekte entwickelt Smith seine Geschichten. Er hält seine Leser, gerade auch die jüngeren bei der Stange, der gelegentlich erhobene Zeigefinger stört vermutlich nur solche pedantischen Leser wie ich es zuweilen bin. Er packt seine Leser regelrecht bei ihrem Mitgefühl, ihrer Empfindungsfähigkeit, zwingt sie regelrecht zur Identifikation mit seinen Helden, lässt sie damit teilhaben an ihren Freuden und mehr noch an ihren Leiden seines Personal.

In „So voller Wut“ ist die Geschichte zu Ende, wenn der Pfarrer auf der Trauerfeier für die Opfer des Attentats vom Zusammenrücken der Lebenden spricht. Inspiriert von dem Erfurter Amoklauf eines Schülers verschränkt Smith die zarte, ja zärtliche Liebesgeschichte eines Schüler-Pärchens mit der Entwicklungsgeschichte eines Attentats. Der Attentäter, Klassenkamerad des Helden, ein stiller Einzelgänger, hat seine Mutter verloren. Der Vater bringt eines Tages eine Freundin mit nach Hause. In der Wohnung lebt auch noch der alte, todkranke Opa, der im Laufe der Geschichte ebenfalls stirbt. Der Junge, alleingelassen, steigert sich immer mehr in eine Wut- und Rachephantasie hinein, die er eines Tages auslebt. Smith geht es nicht allein um das Geschehen selbst, sondern auch um die Beiläufigkeit, mit der alle Anzeichen seiner Entstehung von allen Beteiligten übersehen werden. In dem jungen Liebespärchen spiegelt sich dieser Prozess wie in einem Brennspiegel.
Wenn die beiden gemeinsam aus der Trauerhalle kommen, und sich stotternd/stockend die Frage stellen, wer denn, wenn der Attentäter beerdigt wird, um ihn noch trauern werde, Opa tot, Vater und dessen neue Freundin waren die ersten Opfer, wenn dann das Mädchen unsicher, leise, fragt, ob man zu einer Beerdigung eigentlich eine Einladung brauche, dann erreicht dieser kleine Roman eine außergewöhnliche Gefühls-Intensität.

Nicht minder gefühlsträchtig ist bereits der Plot des im letzten Jahr erschienenen Romans „Arm sind die anderen“. Unmittelbar vor Weihnachten macht sich die Mutter einfach aus dem Staub. Mit Lippenstift hat sie auf den Spiegel geschrieben: „Ich kann einfach nicht mehr“. Verständlich, wenn man die Verhältnisse betrachtet. Vier Bälger, dazu ein durchgeknallter Opa, der den Tod seiner Frau „nicht ertragen konnte“ und deshalb von seiner Tochter aufgenommen wurde. Was sich in dieser Wohnung daraufhin abspielt, geht naturgemäß auf keine Kuhhaut. Es sind unsägliche Verhältnisse. Bizarre Konstellationen, absurde Situationen, eine irre Komik und doch immer das schiere Elend. Die Tragik dieses Lebens wird allerdings durch den schnoddrigen Tonfall des jugendlichen Helden dieser Geschichte ausbalanciert und damit bereits etwas abgemildert. Sly, der Ich-Erzähler, ist eben einer, der sich nicht unterkriegen lässt. Er bringt die Restfamilie samt Opa nun richtig auf Trapp. Auf geht’s. Mutter suchen! Frankfurt ist groß. Seine Energie nicht minder. Diese Odyssee einer Rumpffamilie durch ein Frankfurt, das so nicht jeder kennt, wird zum Glanzstück dieser Tragikomödie.
„Arm sind die anderen“ ist eines der Bücher, die man, erst einmal angefangen, schwer beiseite legen kann. Das Fazit, frankfodderisch gesagt: oddentlisch!

Jetzt: Das versprochene erste –

Zwischenspiel
von

Robert Gernhardt

Der Maler Picasso schreibt
an seinen Kunsthändler
Daniel-Henry Kahnweiler

Sehr geehrter Kunsthändler Kahnweiler

wir hatten einen Deal gemacht,
der hat bis jetzt nicht viel gebracht.

Erst hab ich blau in blau gemalt,
Sie haben äußerst mau gezahlt.

Dann hab ich’s mit Rosé versucht,
doch nichts im Portemonnaie verbucht.

Nun wären also Kuben dran –
Sie schaffen nicht mal Tuben ran.

Werd ich nicht nach Tarif bezahlt,
wird ab sofort naiv gemalt.

Zwar beißt die Maus kein Faden ab,
daß ich davon den Schaden hab.

doch trudeln keine Mäuse ein,
stürzt langsam mein Gehäuse ein.

(und, nachdem er einige Kollegen
als Zeugen aufgerufen hat, endet er)

da jeder, sofern Bares lacht,
gern Schönes, Gutes, Wahres macht.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Pablo Picasso, Kunstmaler

II

In einem Interview mit der taz vom 18. März 2012 erläutert der Verleger des Berliner Textem Verlages sein Konzept für einen solchen Kleinverlag. Ein solches Unternehmen lebe, sagt er, von guten, vielleicht sogar neuen Ideen, von der Bereitschaft zur Selbstausbeutung aller seiner Mitarbeiter, von der „freundlichen Unterstützung“ durch großherzige, also spendierfreudige Mitbürger, die mehr Steuern zahlen als unsereins normalerweise verdient, und, vielleicht die Hauptsache, von etwas Glück. Soviel Glück zum Beispiel, wie es Antje Kunstmann einst mit ihrem Axel Hacke hatte, oder Lutz Schulenburg bei Nautilus, Hamburg, mit Anna Maria Schenkels Schauergeschichten aus der bayrischen Provinz.

Gustav Mechlenburg scheint dieses Glück bislang versagt geblieben. Keines der Projekte, die er und seine Freunde bislang realisieren konnten, haben dem Verlag wirklich Geld gebracht. Nur, um Geld zu machen, verlege er seine Bücher auch nicht.
Beispiel: Frank Witzel.

Mechlenburg zielt eben nicht, wie es der große Verleger Kurt Wolff einmal sagte, auf das, was die Leser lesen wollen. Er macht das, was sie lesen sollen. Eben, zum Beispiel: Frank Witzel. Deshalb hat er dessen Roman „Vondenloh“ gemacht. Und er, Mechlenburg, steht nach wie vor hinter dem Buch. Er bedauere nichts, nur den Autor. Denn, so bekennt er in diesem Interview: „Wir haben nichts verkauft.“ Auf die Rückfrage: „Gar nichts?“, räumte er ein: „20 Stück vielleicht“. Es sei „nichts“ gegangen. „Auch bei den Rezensenten nicht.“

Aus dieser Aussage lassen sich leicht falsche Schlüsse ziehen. Für die Klugscheißer, die zynisch meinen, was sich auf dem Markt nicht durchsetzen könne, das werde auch nicht gebraucht, sind diese Bücher natürlich nicht gemacht. Peter Rühmkorf beschreibt in seiner eben erschienenen Sammlung „Über Kollegen“ – „In meinen Kopf passen viele Widersprüche“ – noch einmal drastisch die Ignoranz, auf die selbst Robert Gernhardt mit seinen ersten Gedichtbänden gestoßen war. Die Kritik habe ihn überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, das Publikum kaum. Die Literaturgeschichte wimmelt nur so von solchen Beispielen.

So ist es. Nur gilt es – hier beginnt der kulturpolitische Teil meiner Ausführungen! – auf diese Situation nicht verdruckst kleinmütig, sondern offensiv und aggressiv zu reagieren. Wir sollten solche Aussagen wie die von Mechlenburg benutzen, um die vielen tausend Literaturpreise, die es bei uns gibt, zu rechtfertigen. Es geht nämlich um LITERATUR, nicht um das Anschleimen an einen schäbigen Publikums-Massen-Geschmack.

Warum sage ich Ihnen das? Wegen Frank Witzel. Ich habe jetzt, für diese Lobrede, zum ersten Mal seine Bücher gelesen. Zugegeben, weil ich es musste. Sonst hätte ich sie vermutlich nach zwanzig, spätestens dreißig Seiten in die Ecke gepfeffert. Warum? Weil ich, auch nach fünfzig Seiten noch, nichts kapiert hatte. Jetzt habe ich sie gelesen. Ganz. Ich bin froh darüber, jetzt. Doch dazu musste ich erst einmal erkennen, dass das, wonach ich anfangs bei der Lektüre vergeblich suchte, etwa Sinnzusammenhänge, so bei Witzel nicht zu haben sind. Er will gerade nicht bescheiden konventionell erzählen. Er will vielmehr bewusst und systematisch, unsere Sicherheiten – auch die der Leser – abbauen und uns, Seite für Seite fortschreitend, den Boden unter den Füßen entziehen. Er will also viel, manchmal finde ich, wie in „Revolution und Heimarbeit“, auch zu viel. (Obwohl sich Witzel auf den spanischen Surrealisten Antonio Tápies berufen könnte: „Die Behauptung, die Avantgarde sei tot, ist ein Verrat am Kampf, die Welt zu verändern.“

Ihm sei, bekennt in „Revolution und Heimarbeit“ der Ich-Erzähler, „gleichgültig“ gewesen, wie viele und welche „unerwarteten Wendungen“ in den Erzählungen auftauchen. „Er sei“ – ich zitiere ihn weiter – „mittlerweile der festen Überzeugung, daß diese Wendungen allein dem Zweck dienten, einen Erzählfluß lediglich vorzutäuschen, um mit Hilfe dieser vorgetäuschten Wendungen tatsächliche Zusammenhänge zu umgehen und zu verschweigen.“
Mit dem Ergebnis: „So sei nun am Schluß nichts mehr zu trennen, sei er gleichermaßen gescheitert im Realen, im Kommerziellen und im Symbolischen ebenfalls.“

Diesem Roman ist seine eigene Poetologie eingeschrieben. Trotzdem, ja gerade deshalb bleiben Fragen. Einige sogar. Nur eine ganz sicher nicht, die nämlich, was das soll. Der Erzähler bekennt denn auch ausdrücklich: „Es sei ihm egal gewesen, daß man mit solchen Gedanken und Spekulationen nicht einmal das gehobene Publikum erreiche“.
Hier nähert sich Frank Witzel einer Einsicht meines alten und noch immer verehrten Lehrmeisters, der in seiner „Negativen Dialektik“ einmal meinte: „Kriterium des Wahren ist nicht seine unmittelbare Kommunizierbarkeit an jedermann.“ Das heißt: „Wahrheit ist objektiv und nicht plausibel.“
„Blue Moon Baby“, 2001 verschränkt, vielleicht nicht ganz so radikal, verschiedene Realitätsebenen. Ein durchkomponierter Potpourri wahnsinniger, komisch/skuriler, irrwitziger und vor allem witziger Geschichten, vom Lehrer Hugo Rhäs, dem, „siebzehn Jahre Deutschunterricht im staatlichen Dienst“, was man verstehen kann „nicht gutgetan“ haben.“

Wo Witzel sicher nicht zuviel wollte, und zudem alles, was er wollte, auch realisiert hat, das zeigt sich wundersamer Weise in dem erwähnten Roman „Vondenloh“. Wer einmal Italo Calvinos Meisterstück „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ gelesen, und damit naturgemäß genossen hat, obwohl sich dieser „Roman“ als perfekte Zerstörung der konventionellen Form des Romans darstellt, der wird bei Witzel die Bauform wiedererkennen. Witzel erzählt eine Geschichte, die aus vielen Geschichten besteht, und die auf den ersten Blick nichts miteinander zu haben, nur gleichermaßen phantasievoll, witzig/skuril wie realistisch beschrieben sind. Jede dieser Geschichten läuft zugleich stringent auf die nächste zu und am Ende, im Ergebnis also, auf die Kultur- und Sittengeschichte eines kleinen Kaffs , verschränkt mit der Biographie des Autors, gespiegelt an der Erfolgsstory seiner heimlich geliebten und offen bewunderten Schulfreundin Vondenloh. Am Ende schließt sich der Kreis. Nichts ist, was es scheint. Alles scheint nichts. Aber: die Geschichte (aus Geschichten) bleibt.

Damit komme ich zum zweiten –

Zwischenspiel
von

Robert Gernhardt,
einem:

Liebesgedicht

Kröten sitzen gern vor Mauern,
wo sie auf die Falter lauern.

Falter sitzen gern an Wänden,
wo sie dann in Kröten enden.

So du, so ich, so wir.
Nur – wer ist welches Tier?

III

Grundlage für die Entscheidung der Jury waren die beiden, jeweils ca. zehn Seiten umfassenden Einsendungen Nummer 73 und 81. Die Juroren hatten nur diese Projektentwürfe vor sich. Sie lasen sicher bei Licht, aber tappten im Dunkeln. Sie kannten nicht, wie Sie jetzt, wenigstens grob skizziert, auch die Vorgeschichte der Bewerber.

Der Eine will, so heißt es in seinem Exposé, „die Beobachtungen und Erlebnisse eines dreizehnjährigen Jungen Ende der Sechziger Jahre“ beschreiben. Und zwar nicht als „persönliche Erinnerungen, sondern, durch „unterschiedliche Textformen“ repräsentiert, die Konstruktion von Realität in der Entwicklung eines Jugendlichen. Der Arbeitstitel des Vorhabens, ebenso barock wie das mittlerweile erreichte Volumen, etwa 1000 Seiten, verweist auf hochgesteckte Ziele, die zuweilen aber auch mit einfachen Mitteln realisiert werden sollen. Beispiel: „Achims Mutter nackt“. Diese Vorstellung der vollständig unangezogenen Mutter eines Schulfreundes, der selbst den Anblick seiner nackten Mutter nur „eklig“ findet, wird in diesem Beispiel so einleuchtend wie anschaulich durchgespielt. Um Helmut Heißenbüttel, einen der großen Avantgardisten der alten Bundesrepublik, zu zitieren: Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

Nun also der Andere. Auch er bleibt sich treu. Er will von Lionel Kaufmann erzählen. 29 Jahre alt, Historiker, der mit seiner Dissertation nicht recht zurechtkommt, dafür aber durch seinen Job in einer „Seniorenresidenz“ die Witwe Elena Morgenstern kennen lernt. Der Mann dieser alten Dame hatte sich umgebracht, und zwar an dem Tag, an dem das ‚Wunder von Bern’ geschehen war. Jetzt, gute fünfzig Jahre später, steuert Deutschland wieder auf ein „Endspiel“ zu, so der Titel des Ganzen. Ein straffer Spannungsbogen ist damit implantiert. Eine mögliche Parallelgeschichte entwickelt sich beim Inliner-Skaten. Lionel trifft eine Bekannte, Lena. Sie unterhalten sich und fahren. „Unsere Arme schwingen im Takt, links, rechts, ein nächtlicher Tanz, so fliegen wir an allen vorbei, Schatten um Schatten lassen wir hinter uns, das Blaulicht räumt die Autos vor uns aus dem Weg, atemlos erreichen wir die Alte Brücke und rollen aus bis zum Frankensteiner Platz. ‚Irre!’, johlt sie und dreht Pirouetten, hakt sich bei mir ein und küsst mich plötzlich auf den Mund, ‚das war irre, oder? Einfach irre .’“

Ich wage nicht zu widersprechen, sondern frage Sie,
im

Nachspiel

Wollen Sie nicht beide Geschichten lesen? Oder? Haben Sie hoffentlich erkannt, wer welches Tier ist?

Ich möchte deshalb der Jury zu ihrer, auf den ersten Blick vielleicht überraschenden Entscheidung gratulieren. Und – natürlich vor allemund ganz herzlich– den beiden Preisträgern Pete Smith und Frank Witzel.
Lassen Sie mich einer alten Börsenregel, das heißt mit einem starken Hinweis auf den praktischen Nutzen des geschriebenen Wortes enden. Die Regel besagt: „Lege nie alle Eier in einen Korb!“

Und bedenken Sie bitte auch die Mahnung, die uns Robert Gernhardt hinterlassen hat:
„Paulus schrieb an die Apatschen: Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“

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erstellt am 02.9.2012

Frank Witzel – hier zwischen Klaus Walter (li) und Thomas Meinecke (re)
Frank Witzel – hier zwischen Klaus Walter (li) und Thomas Meinecke (re)
Pete Smith, Foto: Maria Harsa
Pete Smith, Foto: Maria Harsa

Der Robert Gernhardt Preis soll Autorinnen und Autoren aus Hessen die Realisierung eines größeren literarischen Vorhabens ermöglichen.

Der Robert Gernhardt Preis 2012 geht zu gleichen Teilen an Pete Smith für sein Romanprojekt „Endspiel” und an Frank Witzel für sein Romanprojekt „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969”. Der mit insgesamt 24.000 Euro dotierte Preis wurde am 5. September 2012 in der Naxoshalle in Frankfurt am Main übergeben.

HMWK