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Mit pandemiebedingter Verspätung zeigen die Städtischen Bühnen Frankfurt Lucia Ronchettis Inferno im Bockenheimer Depot in einer beeindruckenden konzertanten Aufführung. Stefana Sabin war unter den wenigen Zuschauern.

Konzertante Aufführung von Ronchettis Inferno

Pauken und Trompeten.

Am Anfang war ein Kompositionsauftrag von Oper und Schauspiel Frankfurt an die italienische Komponistin Lucia Ronchetti, die, 1963 in Rom geboren, an der Accademia di Santa Cecilia in Rom, an der Columbia University in New York und an der Sorbonne in Paris studiert und mehrere musikwissenschaftliche und -pädagogische Titel erworben hat und die für ihren originellen Umgang mit Sprechgesang und Chorensemble renommiert ist. Von 2012 bis 2015 realisierte sie im Rahmen einer Koproduktion der Semper-Oper Dresden mit dem Opernhaus Halle ein drei Spielzeiten umfassendes Musiktheaterprojekt, und ihre Oper Esame di mezzanotte nach einem Libretto des Schriftstellers Ermanno Cavazzoni wurde im Mai 2015 in der Regie und Ausstattung von Achim Freyer am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt – und von der Fachzeitschrift Opernwelt als »Uraufführung des Jahres 2015« ausgezeichnet.

Für Frankfurt hatte Ronchetti ein musiktheatralisches Werk geschaffen, das auf einigen ausgewählten Episoden aus Dantes Inferno, dem ersten Teil der Göttlichen Komödie, basiert und das ursprünglich in Frühjahr 2020 als spartenübergreifendes Spektakel aus Musik, Schauspiel und Film geplant war.

Dann kam die Pandemie.

Foto: Barbara Aumüller

Szenenbild aus der Oper „Inferno” in Frankfurt.
Foto: © Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Mit mehr als einem Jahr Verspätung wurde nun kurz vor der Sommerpause doch noch Ronchettis Inferno im Frankfurter Bockenheimer Depot aufgeführt – und es könnte sein, dass diese konzertante minimalistische Aufführung dem Musik- und Sprechtheaterwerk guttut. Denn eine Handlung gibt es nicht wirklich – es sind Erzählungen, die mal gesprochen (auf Deutsch) und mal gesungen (auf Italienisch) werden und die auf Episoden aus dem Inferno zurückgehen. Die Musik ist kraftvoll und farbenreich und macht jeweils die Stimmung nachvollziehbar: Schrecken (Dante verliert sich im Wald), Angst (Dante am Ufer des Todesflusses), Melancholie (Francescas Erzählung von Liebe und Tod), Verzweiflung (Ugolinos Bericht vom Tod seiner Kinder), Neugierde (Odysseus‘ Fahrt nach Westen). Diese musikalische Vielfalt ist umso bemerkenswerter, als ihre Instrumentierung durchaus reduziert ist: Bläser und Schlagzeug inklusive Pauken.

So sitzen im dunklen Depot 14 Bläser in einem weiten Halbkreis, am Randes dessen vier Schlagzeuger mit insgesamt zwölf Pauken postiert sind; in einem inneren Halbkreis, immer noch weit auseinander, sitzt ein Männerquartett; ein gemischter zwölfköpfiger Chor steht ganz hinten auf zwei Ebenen verteilt in infektionsschützenden Kästen; vorne mittig der Dirigent, rechts auf einem flachen Podest die Hauptfigur Dante, links auf einem ähnlichen Podest wechseln sich die anderen Figuren ab, kommen und gehen. Alle – Figuren, Chor, Musiker, Dirigent – sind in Schwarz gekleidet, und außer der Konstruktion für den Chor gibt es kein Bühnenbild, ja, eigentlich keine Bühne.

Und dennoch – oder deshalb – entfalten Musik, Sprechgesang und Gesang eine fast magische Wucht, wofür der Dirigent Tito Ceccherini sowie Markus Lobbes, der die Sprachregie verantwortet, maßgeblich verantwortlich sind. Ceccherini bindet den Schauspieler Sebastian Kuschmann als Dante dirigierend ein und ermöglicht dem Countertenor Jan Jakub Monowid und den anderen drei Sängern (Matthew Swensen, Sebastian Geyer, Eric Ander), die Dantes innere Stimmen spielen, eine angemessene Wirkung. Ein Höhepunkt des Stücks ist das hinreißende Liebesduett zwischen Francesca als Mezzosopran (Karolina Makula) und Paolo als Cello-Solo (Mark Schumann). Auch am Schluss erklingen Streichertöne, als im Epilog, den Tiziano Scarpa geschrieben hat, Luzifer (Alfred Reiter) von einem Quartett (dem Schumann Quartett) begleitet wird. Mit Luzifers Satz „Ich sage nichts; hast du den Mut, mir zuzuhören?” geht das Licht aus.

Die Begeisterung im Zuschauerraum war spürbar, aber der Applaus konnte sie nicht wiedergeben, weil nicht einmal hundert Zuschauer im Depot zugelassen waren. Währenddessen saßen gegenüber an der Bockenheimer Warte im Straßencafé die Fußballfans dicht gedrängt und maskenlos. So ist das Inferno manchmal woanders, als man denkt.

Barbara Aumüller

Szenenbild aus der Oper „Inferno” in Frankfurt.
Foto: © Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Vorstellungen

Do 01.07. / Fr 02.07 / So 04.07 / Mo 05.07 / Do 08.07 / Fr 09.07.2021

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erstellt am 30.6.2021
aktualisiert am 30.6.2021

Szenenbild aus der Oper „Inferno” in Frankfurt.
Foto: © Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Oper Frankfurt

Lucia Ronchetti: Inferno

Text von Lucia Ronchetti nach Dante Alighieri, mit einem Epilog von Tiziano Scarpa

Auftragswerk der Oper und des Schauspiel Frankfurt
In deutscher und italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Sprachregie: Marcus Lobbes
Licht: Marcel Heyde
Dramaturgie: Konrad Kuhn, Ursula Thinnes, Katja Herlemann

Oper Frankfurt