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Es geht um eine alte Erfahrung: Die Gefahr geht nicht von der Technik aus, sondern vom Gebrauch, den wir von ihr machen. Im Zusammenhang mit den Hilfsstrategien während der Pandemie wuchern die alles erklärenden Theorien. Zwei Medienwissenschaftler sprechen aber über eine Medientheorie. Hansmartin Siegrist befragt Roberto Simanowski zu seinem Buch „Das Virus und das Digitale“.

Interview

Wie das Virus die Digitalisierung vorantreibt

und diese den nächsten Virus verbreitet

Hansmartin Siegrist befragt den Medienwissenschaftler Roberto Simanowski

Hansmartin Siegrist: Ihr Buch ist der Versuch, die längst fällige Medientheorie der Viruskrise vorzulegen, wie die Zeitschrift Profil schrieb. Worum geht es?

Roberto Simanowski: Es geht um die Langzeitfolgen der Digitalisierung, die sich mit der Pandemie in allen Bereichen der Gesellschaft beschleunigt. Alles, was bisher noch vergleichsweise wenig berührt blieb von der digitalen Revolution, wird nun in diese eingezogen. Dazu gehören natürlich die Schulen, die auf den milliardenschweren DigitalPakt Schule des Bildungsministeriums bisher eher zurückhaltend reagiert hatten, jetzt aber nicht umhinkommen, auf Fernunterricht umzustellen. Dazu gehört das Büro, das nun in die eigene Wohnung verlegt wird, soweit dies möglich ist. Dazu gehört aber auch der Gottesdienst, dessen Präsenzpflicht bisher geheiligt war, nun aber für alternative Formen der Seelsorge am Bildschirm doch aufgeweicht wird. In allen drei Beispielen ist anzunehmen, dass die durch die Pandemie erforderliche und erfolgte Digitalisierung in postpandemischer Zeit nicht wieder rückgebaut wird. Ganz zu schweigen vom Online-Einkauf und Netflix-Kino, das wir nun so schätzen lernten. Das Virus ist die Hefe der Digitalisierung über die eigene Existenz hinaus.

Am Anfang hieß die Losung ja „soziale Distanz“, was noch ganz aus dem 20. Jahrhundert kam, als Nähe körperlich gedacht wurde. Im 21. Jahrhundert leben wir auch ohne Pandemie einen Großteil unserer Beziehungen digital vermittelt. Die anderen sind faktisch immer nah – in physischer Ferne. Wenn wir die Niagarafälle sehen oder einen Caffè Latte trinken, immer machen wir ein Foto, teilen es in unseren Netzwerken, erhalten noch vor Ort, noch mit Kaffee im Mund, die Feedbacks unserer Freunde.

Durch den Lockdown wird diese Nähe per Medium in einer paradoxen Form erweitert. Denn jetzt ist die medial vermittelte Nähe oft eine Nähe aus der Nähe. Wir können ja nicht mehr in die Welt hinaus zu den Niagarafällen, wir können nicht einmal ins Café um die Ecke zum Latte. Stattdessen sitzen wir auf dem Sofa daheim. Die physische Distanz ist nicht selten eine der räumlichen Nähe. Um die Gewöhnung daran geht es. Denn erst die Digitalisierung bei kleinster räumlicher Distanz ist eine echte Digitalisierung, eine Digitalisierung um der Digitalisierung willen. Woran die Pandemie uns gewöhnt, ist der Plausch mit den Freunden im gleichen Stadtteil am Bildschirm; mit Drinks und Knabberzeug aus dem Internet.

Werden die Menschen nicht eher die Restaurants stürmen, sobald sie es wieder können?

Gewiss, man vermisst ja immer, was mal war. Aber in Zukunft gehört eben auch die Begegnung am Bildschirm zur Vergangenheit. Man wird ihre Vorteile aufwerten, ökonomisch, sicherheitstechnisch und ökologisch. Wein am Bildschirm ist billiger als im Restaurant, ohne Fußweg durch die Nacht gibt es keine ungewollten Begegnungen und ohne Bewegung keinen Benzinverbrauch. Diese Erfahrung geht nicht mehr so einfach wieder weg.

Die Pandemie schafft ein Modell des Umgangs miteinander und der Welt, das dann nicht mehr verschwinden wird?

Das wäre nicht so neu. Vieles, was der Mensch erschafft, führt zu einem Schema, wie eine bestimmte Sache am besten durchzuführen ist. Das ist ja die ursprüngliche Bedeutung von Technik, weswegen wir auch von einer Technik des Weitsprungs sprechen, obwohl dort gar kein technisches Gerät involviert ist. Durch die digitalen Technologien wird sich auch die Technik der Kommunikation ändern. Die Technologien entwickeln eine eigene Macht, der man sich kaum entziehen kann. Nach der Erfindung des Autos wurde der Individualverkehr ein Wert, gegen den man nur schwer ankommt. Nach der Erfindung des Smartphones ist es unerträglich, nicht jederzeit und überall Zugang zu allem zu haben.

Aber das gab es alles schon vor der Pandemie. Warum kann es nach ihr nicht wie vor ihr sein? Immerhin schafft die Pandemie, abgesehen von der Medizin, selbst ja keine neuen Technologien.

Sie schafft keine neuen Technologien, aber einen neuen Standard, mit den bestehenden umzugehen. Es stimmt, die Generation Z wuchs bereits vor der Pandemie mit digitalen Medien auf, aber eben nicht mit Zoom, Webex, Teams, Jitsi usw. Selbst diese Generation fuhr oder flog noch von einem Ende der Stadt oder Welt zum anderen, um sich persönlich zu treffen. Das Handy auf dem Tisch zwischen ihnen verriet allerdings die Inkonsequenz der Geste: Sie saßen sich zwar real gegenüber, aber nur, um jederzeit virtuell woanders sein zu können. Zielte nicht schon diese Konstellation unbewusst auf das, was die Pandemie nun aufdrängt? Jetzt, da wir alle allen allzeit am Bildschirm begegnen können, trennen uns keine Räume mehr, nur noch Zeitzonen. Es ist das, wovon man insgeheim immer träumte.

Andererseits zeigt gerade die Pandemie, dass Technik nicht einfach einen neuen, für alle gültigen Standard schafft. Vielmehr liegt es am Ende am Menschen selbst, wie er von ihr Gebrauch macht. Immerhin wurde die für die Pandemiebekämpfung im 21. Jahrhundert zur Verfügung stehende Technik des Data-Mining in verschiedenen Ländern ganz unterschiedlich genutzt. So setzen asiatische Staaten für ihre Corona-App auf das Tracking-Verfahren, bei dem eine entsprechende Behörde per GPS feststellt, wer wann wo mit wem in Berührung kam, und so individuelle Bewegungsprofile erstellen kann. In Deutschland haben die Datenschützer dafür gesorgt, dass die Corona-App im Sinne des Tracing-Modells programmiert wird, das keine personenbezogenen Daten generiert. Diese Regelung ärgerte zwar das Gesundheitsamt, das natürlich wissen will, wo die Infektionen geschehen, aber es war ein Meisterstück des datenschutzgerechten Einsatzes moderner Überwachungstechnik; das dadurch, wie es heißt, auch kaum hilfreich ist.

In der Tat, die Operationsform der Corona-App, die ja zudem in Deutschland anders als anderswo freiwillig ist, illustriert sehr schön zwei Grundannahmen der Medienwissenschaft: Zum einen kann der Mensch sich der Technik, die zur Lösung seiner Probleme bereitsteht, nicht entziehen, zum anderen hängt die Art und Weise, wie diese Technik eingesetzt wird, von der Gesellschaft ab, in der es dazu kommt. In diesem Falle hat die politische Struktur Deutschlands dazu geführt, dass die Corona-App ganz anders aussieht als in China und dass auch sonst die technischen Möglichkeiten zur Überwachung der Infektionslinien und zur Forcierung der Selbstquarantäne kaum genutzt wurden. Das hatte die Epidemiologen von Anfang an nicht gefreut und war dann in der dritten Welle auch immer mehr Politikern zu viel des Guten, für die Datenschutz nicht auf Kosten des Gesundheitsschutzes gehen dürfe. Ich würde mich nicht wundern, wenn man in dieser Hinsicht anders aus der Pandemie herauskommt, als man in sie hinein ging. Der Datenschutz könnte einer der großen Verlierer dieser Pandemie sein. Das sage ich ohne Wertung.

Ironischerweise scheint der Datenschutz durch die Pandemie auf anderer Ebene wiederum gestärkt zu sein. Immerhin verschafft uns die Maskenpflicht an öffentlichen Plätzen ja gerade eine Befreiung von der Überwachung durch Gesichtserkennungssoftware. Sie erfüllt auf unerwartete Weise das, worauf die europaweite Bürger:innen-Initiative ReclaimYourFace abzielt.

Es wirkt in der Tat auf den ersten Blick so, als habe Corona mit der Maskenpflicht die Situation entschieden entspannt. Aber der Schein trügt. Denn andererseits wird das Gesicht anderswo nun um so mehr zum Objekt der Beobachtung, da alles, was am Bildschirm geschieht, aufgenommen und analysiert werden kann. In einer Zoom-Konferenz bleibt das Zucken des Mundwinkels, als die Chefin um mehr Einsatz für die Sache bat, nicht länger unentdeckt, wie früher, als das Meeting noch in einem großen Raum stattfand und man nicht in eine Kamera sprach, die sich vom Betrachter auf Großaufnahme stellen lässt. Jetzt können die Chefin und jeder, der ein Interesse daran hat, das Meeting aufnehmen, um anschließend alles noch einmal in Ruhe anzuschauen oder auch mit Apps wie Affectiva oder Beyond Verbal den nonverbalen Teil der Kommunikation auf seine unverstandenen Zwischentöne hin zu analysieren.

So wie das Optisch-Unbewusste, das, wie Walter Benjamin vor rund 100 Jahren betonte, im Foto oder in der Zeitlupe ins Bewusstsein gelangt. Benjamin sprach vom „Dynamit der Zehntelsekunde“, das den Panzer des Geschehens aufsprengt.

Die Zehntelsekunde meines Mundwickels. Dieses Dynamit befindet sich jetzt in den Händen derer, die über das Videomaterial verfügen. Seit der Verlagerung der Begegnung an den Bildschirm ist nichts so wenig meins wie mein Gesicht.

Apropos Entdeckung des Verborgenen: Warum verteidigen Sie den Star-Reporter von CNN und The New Yorker, der in einer Zoom-Konferenz mit seinen Kolleg:innen vom New Yorker beim Masturbieren erwischt wurde?

Ich weiß gar nicht, ob ich ihn wirklich verteidige. Ich illustriere diesen Fall ja eher als Beispiel für die Hilflosigkeit der Gesellschaft, mit den Ergebnissen ihrer Digitalisierung umzugehen. Wenn das Öffentliche ins Private dringt und wir am heimischen Sofa Arbeitsbesprechungen haben, dann ist die unfreiwillige Veröffentlichung des Privaten ja geradezu vorprogrammiert. Ein falscher Klick, und die Kamera, das Mikrophon sind noch an, wenn man während des Meetings mal kurz mit dem Laptop auf die Toilette geht oder zur Dusche, weil man sich Multitasking zutraut. Dazu gibt es ja genug Geschichten inzwischen. Auch dazu, dass Leute dann Sex haben und die Kamera nicht richtig ausstellen, oder eben, wie in diesem Falle, Telefonsex. Die Frage ist, warum dann der Ertappte zum Spott auch noch den Schaden haben muss und von all seinen Ämtern entlassen wird. Weil er während der Arbeitszeit Privates erledigt? Das ist ein schwaches Argument, wenn sich die Arbeit so ins Private drängt, dass es kaum noch einen Feierabend gibt. Und was ist dann mit denen, die nebenbei Facebook machen? Zudem handelte es sich hier offenbar um eine Pause während des Meetings. Muss er entlassen werden, weil er außerehelich Telefonsex hatte? Was aber wäre das eigentliche Verbrechen: das Fremdgehen oder die Spielart des Sexes? Obliegt es in beiden Fällen nicht eher seiner Frau als seinem Arbeitgeber, ihn zu entlassen? Oder ist es die mangelnde Medienkompetenz, die eine Entlassung unvermeidlich macht? Das könnte gefährlich werden für uns alle.

Die offizielle Erklärung des Personalchefs vom New Yorker für die Entlassung war, dass man Vorfälle am Arbeitsplatz sehr ernst nehme und ein Umfeld garantieren wolle, in dem sich jeder respektiert fühlt und die Verhaltensstandards einhält.

Das klingt, als gehe es um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, und einige haben den Vorfall tatsächlich so kommentiert. Aber es ist ein Unterschied, ob man nackt ins Büro kommt oder zu ungeschickt ist, den privaten Raum korrekt vom öffentlichen zu trennen. Man kann doch nicht das Geheime, das in peinlichster Weise öffentlich geworden ist, nach den Maßstäben des letzten Jahrhunderts verdammen, nachdem man zugelassen hat, dass die neuen Technologien so massiv in den Privatraum der Bürger eindringen, dass die Öffentlichkeit immer nur einen Klick im Interface entfernt ist.

Im vorliegenden Fall sind tatsächlich einige seiner Kolleginnen dem Ertappten später zur Seite getreten mit der Frage, ob nicht viele irgend etwas Heimliches während eines Zoom-Meetings tun und ob man dafür wirklich entlassen gehört.

Und es war wichtig, dass es Kolleginnen waren, denn in diesem Falle hilft wohl wenig, wenn weiße heterosexuelle Männer den weißen heterosexuellen Mann verteidigen. Es ist wichtig, die Diskussion von der Person zu entkoppeln und das Problem anzugehen, das sich hier äußert: Daß der Vormarsch der Digitalisierung ins Private eine Neuverhandlung des Verhältnisses von Gesellschaft und Geheimnis verlangt.

Sie sagen, das eigentliche Thema dieser Pandemie sei die Infodemie. Was meinen Sie damit?

Die Infodemie wurde erstmals 2003 im Umfeld der SARS-Epidemie diagnostiziert. Es handelt sich um eine höchst ungesunde, höchst ansteckende Mischung aus Fakten, Gerüchten, Meinungen, Ängsten und Propaganda. Eine Mischung, die vorrangig durch die sozialen Medien befördert wird, die ja dazu geführt haben, dass alle zu allem was zu sagen haben, was wiederum dazu führt, dass die Masse nicht länger hilflos dem ausgesetzt ist, was die Expert:innen verkünden, sondern nun auch erfährt, was ein Vegan-Koch mit hoher Einschaltquote auf YouTube über die epidemiologische Situation denkt. Der Auftritt selbsternannter Expert:innen führt dann auch zur Verbreitung alternativer An- und Einsichten, die in den öffentlich-rechtlichen Medien, also in der „Lügenpresse“ und im „Staatsfunk“, unterdrückt werden. Das Ergebnis sind im Endeffekt Einspruch und Protest gegen die verhängten Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, die deren wissenschaftliche Begründung oder politische Redlichkeit in Frage stellen. Nicht selten führt die Infodemie zu Theorien, die hinter dem ja nicht zu leugnendem Mißmanagement gezielte Irreführung vermuten und eine tiefgreifende Verschwörung.

Jene Leute also, die sich selbst den Mut ausstellen, den eigenen Verstand zu benutzen, um alle anderen als „Schlafschafe“ zu bezeichnen, die erst noch aus ihrem Verblendungszusammenhang gerettet werden müssen?

Genau. Aber die Sache ist komplizierter, als sie erscheinen mag. Denn im Grunde sind diese Verschwörungstheorien nichts anderes als die ungewollten Kinder der Aufklärung und der Verachtung, mit der die Kritische Theorie einst auf das obrigkeitsgläubige Staatsvolk herabschaute. Es handelt sich hier um Menschen, die sich ihr Mißtrauen gegenüber der herrschenden Meinung nicht zu Unrecht zu Gute halten. Immerhin war es das Mantra der Kritischen Theorie, dass die herrschende Meinung immer die Meinung der Herrschenden ist.

Aber die Verschwörungstheoretiker glauben dafür dann den abenteuerlichsten Dingen, ohne jegliches Misstrauen und offenbar ohne jeden Einsatz des Verstandes.

Nicht ohne Einsatz des Verstandes, aber vielleicht ohne genug Verstand. Ich glaube, die Sache lässt sich besser verstehen mit Theodor Adornos Theorie der Halbbildung aus dem Jahre 1959, die allerdings jetzt eine paradoxe Wendung nimmt. Halbbildung ist für Adorno eine „punktuelle, unverbundene Informiertheit“, ein „urteilsloses ‚Das ist‘“-Wissen, das das Hier und Jetzt relativ urteils- und gedankenlos verbucht. Man könnte es auch einen fotografischen Zugang zur Welt nennen, im Unterschied zum narrativen, der die verschiedenen Elemente und Ereignisse zu einem sinnvollen Ganzen verwebt. Diese Halbbildung, diese unverbundene, urteilslose Informiertheit ist den Verschwörungstheoretikern nicht mehr genug. Sie wollen die Dinge der heillos komplizierten und konfusen Welt im Zusammenhang sehen, ihnen eine narrative Kohärenz abringen. Vielleicht umso mehr, als sie diese in ihrem eigenen Leben nicht mehr finden.

Dann liegt der Reiz der Verschwörungstheorie, der ja immer in der Kompensation eines erfahrenen Kontrollverlusts gesehen wird, in der Sehnsucht nach einer Geschichte? In der Sehnsucht nach einem sinnvollen, wenn auch beängstigenden Ganzen und in der Lust daran, dieses Ganze selbst aus verschiedenen Puzzleteilen herzustellen.

Ein sublimierendes Outsourcing dessen, was der narrativen Psychologie zufolge Voraussetzung für ein befriedigendes Selbstbild ist: sich das eigene Dasein als einen sinnvollen, gerichteten Prozess zu erzählen. Die Paradoxie besteht darin, dass gerade das, wozu Adorno in der Theorie der Halbbildung und linke Philosophie allgemein einst aufriefen, jetzt zur Waffe auch rechter Kräfte wird: rebellisch statt konformistisch zu sein und der Obrigkeit zu mißtrauen. So scheint es, fast 80 Jahre nach der Dialektik der Aufklärung über die Gefahr einer instrumentellen Vernunft, geraten, die „Dialektik des Mißtrauens“ zu analysieren und die Gefahr eines Mißtrauens zu bedenken, das bereit ist, das Unglaublichste zu glauben, so lange es nur nicht das Offizielle ist, und sich dabei zugleich gegen jegliches Selbstmißtrauen immunisiert.

Deswegen nennen Sie das Virus der Infodemie, das die Pandemie voll zum Ausbruch gebracht hat, das Problem der Zukunft.

Die Infodemie ist die Pandemie der Zukunft mit einem höchst ansteckenden und äußerst heimtückischen Virus, das sofort alle Mittel seiner Bekämpfung befällt: Jede Information, die gegen das absurde Ökosystem der Verschwörungstheorien eingesetzt wird, ist immer schon mit ihm infiziert und mutiert a priori zu einer „Fake News“ der „Lügenpresse“. Anders als beim epidemiologischen Abwehrkampf gibt es beim infodemiologischen Abwehrkampf keine praktikablen Schutzmaßnahmen, keinen Impfstoff, keine Maske. Nicht einmal die Option des Lockdowns besteht, will man nicht wie China das Internet durch eine große Firewall kontrollieren. Besiegte man so die Infodemie, wäre die Krise der Demokratie besiegelt. Verzichtet man darauf, ist nicht sicher, dass es besser ausgeht.

Bleiben wir noch bei den Verschwörungstheorien. Glauben Sie persönlich denn an die Pandemie? Und wenn ja, glauben Sie, dass Bill Gates sie verursacht hat?

Ich halte es für zu schön, um wahr zu sein, daß alle Regierungen der Welt sich plötzlich vereinigt haben sollten, um ihren Völkern eine Pandemie vorzugaukeln. Plausibler ist die Frage, ob Bill Gates sie ausgelöst hat, dem ja unterstellt wird, mit seiner Stiftung von der weltweiten Impfung zu profitieren. Hier zeigt sich aber sehr schnell die Kurzsichtigkeit einer richtigen Frage im Gebrauch durch Verschwörungstheoretiker:innen: cui bono – wem nützt es? Profitieren heißt noch lange nicht Produzieren: Selbst wenn Gates vom Impfstoff profitieren sollte, wir wissen ja aus dem Sonntagskrimi, daß nicht jeder, der ein Motiv hat, auch der Mörder ist. Sonst müssten wir auch Amazon-Chef Jeff Bezos oder Zoom-Gründer Eric Yuan unter Verdacht nehmen – oder die Corona-Leugner selbst, die ja nur vor dem Hintergrund der Pandemie ihre Bücher über deren Nichtexistenz so profitabel verkaufen können.

Also eher ein Laborunfall der Chinesen, den westliche Agenten provoziert haben? Oder doch die Rache der Natur an ihrer Ausbeutung durch den Menschen?

Beides würde das „proportionality bias“ der Verschwörungstheoretiker wiederholen, wonach einem großen Ereignis eine große Ursache zugrunde liegen muss. Die Vermutung, westliche Agenten wären diese Ursache, macht schon deswegen wenig Sinn, weil diese Pandemie ja, wie zu erwarten war, am Ende nur die mangelnde Effizienz des westlichen Systems bezeugt, mit einer solchen Herausforderung umzugehen. Die Phantasielosigkeit der Verschwörungstheorien, die auf dem Markt sind, ist im Grunde sehr enttäuschend. Nehmen Sie die Vermutung, die Impfung zur gezielten genetischen Manipulation der Weltbevölkerung oder zur heimlichen Injektion eines Überwachungschips zu nutzen. Das klingt alles doch sehr nach B-Movie.

Haben Sie eine bessere Theorie?

Die einzig sinnvolle Erklärung ist meiner Meinung nach, dass die Pandemie als Testlauf für die Klimarettung gedacht ist, die ja ähnliche Einschränkungen der individuellen Freiheiten im Interesse des großen Ganzen erfordert. Die Pandemie ist die Möglichkeit, sich in Askese zu üben, also die eigene Disziplin, die eigene Opferbereitschaft, die für künftige Aufgaben nötig sind, zu testen und zu trainieren. Große Begriffe wie Askese und Opfer sind da durchaus angebracht, denn das ist genau das, was diese Pandemie uns abverlangt. Die spannende Frage bleibt freilich, was oder wer dahinter steckt. Hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, hätte ich gesagt: die Grünen. Weil sie zeigen wollten, dass der Mensch zu Einschränkungen bereit ist, wenn deren Notwendigkeit nur entsprechend vermittelt wird. Heute würde ich sagen, es waren die Gegner der Grünen, die den Regierungen zeigen wollten, wie schnell die Frustration der Bevölkerung wächst, wenn man in ihren gewohnten Lebenswandel eingreift, und wie gefährlich das in politischer Hinsicht werden kann. Es gibt ja Soziologen, die sehen in der Pandemie ein Gelegenheitsfenster für individuelle Einkehr und gesellschaftliche Umkehr. Ich glaube eher, dass sie als Warnschuß wirkt und, verschwörungstheoretisch gesagt, auch so gedacht war. Oder?

Hansmartin Siegrist unterrichtet seit 1987 Film- und Medientheorie an der Universität Basel, zur Zeit am Seminar für Medienwissenschaft, und ebendort an der Hochschule für Kunst und Gestaltung.

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Kommentare


Ralf Rath - ( 29-06-2021 01:46:04 )
Wenn von Natur aus das sich Entziehende zwar das Positive ist, aber deswegen eine nähere Bestimmung zugleich ausgeschlossen ist, verlieren sich sämtliche Versuche, sowohl die gegenwärtige Pandemie als auch die Klimakrise in den Griff zu kriegen, geradewegs im Nichts. Worauf es also eher ankäme, wäre ein Innehalten in einer dadurch völlig falschen Praxis, die im unwiederbringlichen Entschwinden des Einzelnen gipfelt. Anstatt zeitlebens dem eigenen Tod direkt und unablässig ins Auge sehen zu müssen, würden bislang daran gebundene Kräfte endlich frei. Die gesellschaftliche Abwärtsspirale einer ansonsten zunehmend tieferen Erschöpfung ganzer Regionen ließe sich auf diese Weise zumindest im Ansatz konterkarieren und eine richtige Praxis käme in erreichbare Nähe. Insofern bleibt es stets eine Frage des politischen Entscheids an solch einer existenziellen Weggabelung, in welche Richtung das Gemeinwesen sich künftig jeweils bewegt.

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erstellt am 28.6.2021
aktualisiert am 29.6.2021

Roberto Simanowski (Foto:privat)

Dr. Roberto Simanowski, Professor für Kultur- und Medienwissenschaften (Providence, Hongkong und Basel), befasst sich als Wissenschaftler mit der historischen, soziologischen und philosophischen Kontextualisierung der neuen Medien und sozialen Netzwerke. Seine Spezialität sind die symptomatische Tiefenanalyse scheinbar banaler Alltagsphänomene und die gesellschaftlichen Folgen der digitalen Revolution. Sein Buch Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz erhielt den Tractatus-Preis für philosophische Essayistik 2020. Simanowski arbeitet als Publizist für Presse und Rundfunk und lebt in Berlin.

www.simanowski.info/

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