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Der deutsch-iranische Schriftsteller SAID studierte in München Politologie, engagierte sich für politisch Verfolgte und war Präsident des PEN-Zentrums Deutschland. Der Lyriker und Prosaist setzte sich für die persische Literatur ein, schrieb aber in deutscher Sprache, die ihm „Zuflucht und Behausung“ war. Elnas Nazem erinnert an den Dichter, der im Mai 2021 gestorben ist.

Erinnerung

Vom Zauber eines Zerrissenen

Vermutlich stieß der deutsch-iranische Dichter und Essayist SAID seinen Vater vor den Kopf als er sich von der Literatur in den Bann ziehen ließ, statt dem ursprünglichen väterlichen Plan Folge zu leisten, Bauingenieurwesen in Deutschland zu studieren – Gott sein Dank!

Bald verfasste der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Dichter jegliche seiner Texte in Kleinbuchstaben, berührte das Herz hingegen großräumig in einer Sprache, die seinesgleichen sucht. Eine Sprache, die er als 17-Jähriger erlernte wie ein Ertrinkender, der Halt suchte. Er „[…] dekliniert[e] wie ein frommer jude gegen die klagemauer“, so SAID. Für ihn wurde die neue Sprache zum Refugium – und schließlich, durch seine Werke auch zu unserem. Viel zu früh, am 15. Mai 2021, ist er verstorben.

ich wachse dort,

wo mein hunger weilt,

wo fische

nahe dem ufer schlafen;

weißt du nicht,

daß der schrei der fremden vögel

die tiefe der wasser verrät?

(SAID, Außenhaut Binnenträume)

Wo ich sterbe ist meine Fremde lautet der prophetische Titel eines seiner Gedichtbände, dessen Miniaturen bis ins Mark gehen. Während viele Exil-Iraner noch die Hoffnung hegten, dass es im Iran der 80er Jahre eine politische Wende geben könnte, ahnte SAID – dieses Exil ist unumkehrbar, weil – so zitiert er Jean Améry – „[…] niemals der Wiedereintritt in einen Raum auch ein Wiedergewinn der verlorenen Zeit ist.“ SAID wird „Chronist des Schreckens, wider Willen.“ (SAID, Der lange Arm der Mullahs)

Tag des Referendums

2. April 1979



Zum ersten Mal in meinem Leben

darf ich wählen – 

zwischen Islamischer Republik

und nichts. 

Ich behalte meine Stimme für mich –

für den nächsten Schrei.

(SAID, Wo ich sterbe ist meine Fremde)

SAIDs poetische Stimme ist von einer schnörkellosen Anmut – bildreich und scharfsinnig. Er hatte den Mut, gefühlvoll zu schreiben, ohne sich hinter einer Maske der Ironie zu verstecken. Auch hatte er den Mut, mit spitzer Feder unbequeme, unaussprechliche Dinge in Worte zu fassen, ohne dabei ins Stocken zu geraten. Und dies in einer Zweitsprache, die er meisterlich zu formen vermochte. Herta Müller schreibt in einem Beitrag mit dem Titel „Es möge deine letzte Trauer sein“ – einem persischen Ausspruch zum Trost der Hinterbliebenen:

„Man hat, spricht man dieses Deutsch als Muttersprache, Angst, daß diese Sprache Saids Dank nicht verdient. Man fühlt beim Lesen umgekehrt: daß diese deutsche Sprache sich bei Said bedanken müßte.“

(Die Zeit, Beitrag vom 11.8.1995)

SAID schrieb über die ewigen Themen, über Hingabe, Liebe, Exil, über das Menschsein, über Gott und den Tod. Bisweilen überraschte er aber auch mit Text-Spielereien, z.B. mit dem Gedicht über den Fisch, der sich ein Schiff kaufte, um mit angelegten Kiemen den Möwen zu lauschen (SAID, Auf der Suche nach dem Licht) oder über einen depressiven Maulwurf mit Opernglas:

der maulwurf

der maulwurf kommt mit einem opernglas zur
 welt.

er begleitet flüchtlinge bis zu den grenzen des auf-

nahmelandes; wird er dabei erwischt, verurteilt ihn die

unesco zu munitionsaufräumungsarbeiten.
wenn der maulwurf depressiv ist, zieht er enge blue-

jeans an, klebt sich mit brillantine eine schmachtlocke

auf die stirn, geht auf die straße, wirft sich geröstete son-

nenblumenkerne ins maul, spuckt die schalen hinaus

und pfeift den mädchen nach.

der maulwurf hat eine wanderniere, er haßt

geburtstage und biergärten.

sein motto: fest in der sache, konziliant im stil

(SAID, Ein Bestiarum – Dieses Tier, das es nicht gibt)

Seine frühen Bände gaben nur seinen Vornamen und ein Postfach preis; im ersten Band mit dem Titel Liebesgedichte, gar ein Kinderfoto. Diesen Minimalismus um seine Person – die Angst eines regimekritischen Künstlers auch im vermeintlich sicheren Exil – legte er im Alter etwas mehr ab. So haben wir das Glück, dass er im Rahmen einer Veranstaltung der Körber Stiftung einen sehr intimen Einblick in sein Leben gewährte, immer wieder die Tränen unterdrückend. Nur einen Teil dieses kurzen, aber intensiven Vortrags hier zu platzieren, würde das Gesamtwerk sezieren. Er muss gehört werden!

Exilland Deutschland – Eine Erfahrung

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erstellt am 23.6.2021
aktualisiert am 05.7.2021

SAID (Screenshot)
SAID
Siehe auch:

Website von SAID

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