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Die Forderung des popheroischen Zeitalters hieß: Stirb jung! – Lebensverkürzende Drogen, das ist leider wahr, waren häufig Teil des künstlerischen Heldentums. Immerhin brachten die 60er Jahre eine Musik hervor, von der man heute nur träumen kann. An den vor 50 Jahren in Paris gestorbenen Jim Morrison, The Doors und den Kultsong „The End“ erinnert Michael Behrendt.

1967 Was für ein Theater!

The Doors: The End

Jim Morrison
Jim Morrison

Es geht wahrlich fix in den Sixties. Wie das Aufbegehren einiger Subkulturen vollzieht auch die Rockmusik in nur wenigen Jahren gewaltige Evolutionsschritte. Eine weltweite Gegenkultur entsteht, und der Soundtrack dazu sprengt schon bald den üblichen dreiminütigen Songrahmen. Stile und Arrangements werden vielfältiger, musikalische und textliche Strukturen werden komplexer, experimenteller. Zu einer der „Königsdisziplinen“ avanciert der amerikanische Psychedelic Rock, sein spektakulärstes Aushängeschild sind The Doors. Alles an dieser Band aus Los Angeles ist ungewöhnlich. Die Besetzung kommt ohne Bass aus, dafür dominiert eine Orgel; die zum Teil schwer zu deutenden Lyrics haben visionären Charakter; der exzessive Frontmann Jim Morrison, ein multimedial denkender Dichter und Ausnahme-Performer, hält nicht nur die Staatsmacht, sondern auch seine Bandkollegen in Atem: Die Songtexte rütteln auf, die Livekonzerte provozieren Polizeieinsätze und Tumulte.

Einer der berühmtesten und spektakulärsten Songs der Doors erscheint 1967 gleich auf dem ersten Album. The End, als simpler Trennungssong begonnen und dann über einen längeren Zeitraum hinweg zum psychedelischen Epos weiterentwickelt, dauert fast 12 Minuten und behandelt im Rahmen eines düster-dräuenden Klangszenarios die zentralen Themen Morrisons: die Befreiung von Autoritäten, insbesondere von Vaterfiguren, die Bewusstseinserweiterung, rauschhafte Triebbefriedigung, die Lebensreise und die Geburt eines neuen Menschen, den keine Zwänge mehr plagen. Es sind Themen, die das konservative Establishment fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Der Gesamtzusammenhang des Songs ist schwer nachzuvollziehen. Warum? Weil sich wohl poetische Experimente und psychedelische Drogen mal wieder bestens verstanden haben.

Zu Beginn des Stücks erklärt das Song-Ich, dass etwas zu Ende ist. Auch ein wunderschöner Freund wird besungen, und fast scheint es, als sei mit diesem Freund besagtes Ende selbst gemeint: „This is the end, my only friend, the end.“ Aussagen Jim Morrisons zufolge ist das Ende der Tod. Und dieser Tod habe überhaupt nichts Beängstigendes, sondern sei als Freund anzusehen, weil mit ihm doch alle Schmerzen endeten. Und wenn es heißt: „I’ll never look into your eyes again“, dann klingt – Auf Wiedersehen, Ende! – vielleicht schon ein Neubeginn an. In den darauf folgenden Versen ist von grenzenloser Freiheit die Rede, aber auch von einer römischen Wildnis des Schmerzes, von wahnsinnig gewordenen Kindern, merkwürdigen Szenen in der Goldmine und von einem archaischen See im Westen, den man auf einer Schlange erreicht: „Ride the highway West, baby / Ride the snake, ride the snake / To the lake, the ancient lake, baby …“ Schon etwas nachvollziehbarer klingt da die Ankündigung einer spirituelle Reise ins Unbekannte, die später in einem blauen Bus fortgesetzt wird: „The blue bus is callin’ us …“ Ein Kreativtrip nach der Wiedergeburt? Vielleicht in einem Bus wie dem der „Merry Pranksters“, die als Hippie-Aktivisten durch die USA fuhren, um Drogen-Events zu veranstalten? Na, wenn das so ist – da kann man schon mal zusteigen.

Aus dem Ich ist inzwischen ein Wir geworden, das aber schnell in einer neutralen Erzählung aufgeht. Und dann folgt eine der berüchtigtsten Songpassagen der Rockgeschichte. Es ist die Passage, in der ein Mörder morgens aufwacht, in seine Stiefel steigt, dann wie die Darsteller der griechischen Tragödie eine Maske wählt („He took a face from the ancient gallery“) und seine Familie aufsucht. Die Geschwister verschont er. Doch den Vater droht er zu ermorden, und der Mutter kündigt er an, mit ihr schlafen zu wollen: „He walked on down the hall / And he came to a door, and he looked inside / Father … – Yes, son? – I want to kill you / Mother, I want to …“ Es folgt kaum identifizierbares Geschrei, aber das „fuck you“ ist da, es wird aus Gründen der Selbstzensur klanglich zugekleistert und erst später in Remixes offenbart. Die Passage nimmt Bezug auf die Ödipussage und, nicht nur im Motiv der Befreiung von der Autorität des Vaters, auf Sigmund Freuds Theorie des Ödipus-Komplexes.

Die Mitglieder der Doors sehen hier weniger den Skandal, sondern eine theatralische Inszenierung frei nach Sophokles – auch wenn der griechische Tragödiendichter wohl etwas weniger direkt formuliert hätte und ohne Four-Letter-Words ausgekommen wäre. Vielleicht sind die Ablösung von Vaterfiguren und das lustvolle Ausleben der eigenen Sexualität eine existenziell wichtige Etappe auf der angedeuteten spirituellen Reise? Auf jeden Fall kehren die Lyrics rasch zum blauen Bus zurück – „C’mon, baby, take a chance with us“ – und dann schließt sich der Kreis mit der erneuten Feststellung, dass etwas unausweichlich zu Ende sei: „This is the end, my only friend, the end / It hurts to set you free / But you’ll never follow me / The end of laughter and soft lies / The end of nights we tried to die / This is the end.“ Einmal mehr scheint dieses Ende den Beginn von etwas Neuem zu markieren …

Der Text ist multiperspektivisch angelegt. Ich, Du, Er, Wir – alles fließt hier zusammen, einen logischen Zusammenhang sucht man vergebens. Aber vielleicht wird, ganz im Sinne der griechischen Tragödie, ein kathartischer Effekt angestrebt, eine seelische Reinigung? Schwierig. Der Rockexperte Tom Noga erkennt hier „die eklektische Struktur von Jim Morrisons Lyrik“, die Mischung aus griechischem Drama, aztekischer Mythologie und „einer Prise Kerouac. Ödipus trifft auf die große Weltschlange und die Freiheitsprosa des Beatnik-Schriftstellers.“ Das US-amerikanische Musikmagazin „Rolling Stone“ macht es sich einfach und sieht in dem Song „a goodbye to childhood innocence“. Jim Morrison selbst war überzeugt, The End biete die unterschiedlichsten interpretatorischen Anknüpfungspunkte. Er sollte recht behalten. Es wurde ein Song, in dem sich viele jugendliche Hörerinnen und Hörer der Sixties – die Suchenden, die Zweifelnden, die Experimentierfreudigen, die Frustrierten und die Rebellischen – auf unterschiedlichste Weise wiederfanden. Und der das gesellschaftliche Establishment komplett verstörte.

Im Rockclub „Whisky A Go-Go“ in Los Angeles gaben The Doors eine Zeit lang die Hausband. Doch nachdem sie das erste Mal The End komplett samt skandalöser Ödipus-Passage gespielt hatten, war damit Schluss. Grund genug für Elektra Records, die Combo unter Vertrag zu nehmen. The Doors wurden immer erfolgreicher – und Jim Morrison immer seltsamer: Er litt unter dem Erwartungsdruck, soff, nahm Drogen und zeigte, wie seine Mitstreiter mutmaßten, Anzeichen von Bewusstseinsspaltung. Gleichzeitig glaubte Morrison tatsächlich an die bewusstseinsverändernde Kraft von Musik und Drogen – an eine positive Transformation der Gesellschaft, ein Break on Through to the Other Side, wie es ein anderer berühmter Doors-Song formulierte. Passend dazu war er begeistert von den Ideen der anarcho-pazifistischen Theatertruppe The Living Theatre, die mit bewusster Manipulation und Entkleidungsaktionen arbeitete, um das Publikum zu unerwarteten Reaktionen zu bewegen. Und so provozierte Morrison nicht nur Ordnungshüter, die sich zunehmend alarmiert bei Doors-Konzerten einfanden, sondern auch Teile der Fans, die nicht jeder seiner Aktionen folgen konnten. Künstlerische Strategie oder persönliche Tragödie? Das war nicht immer auszumachen. Doch Verhaftungen, Freilassungen und die Beobachtung durch das FBI sind verbürgt.

Legendärer Höhepunkt dieser Dynamik war ein Auftritt am 1. März 1969 in Miami. Ganz offensichtlich zugedröhnt beschimpfte Morrison das Publikum und stachelte zum Umsturz auf. Zusätzlich simulierte er an seinem Gitarristen Fellatio – ein seinerzeit gewagter Bühnen-Stunt, den später David Bowie als Ziggy Stardust mit Mick Ronson zum Standardelement von Rockshows machen sollte. Darüber hinaus hantierte Morrison mit einem verstörten lebenden Lamm, um es schließlich, wie er ins Mikro nuschelte, „doch nicht zu ficken“. Und dann nestelte er auch noch an seiner schwarzen Rockerjeans und setzte dazu an, seinen Penis zu zeigen. Ob ihm das tatsächlich gelang? Oder ob er das Ganze sowieso nur andeuten wollte? Die Antwort kennt nur die Lederhose – denn eindeutige Belege für diesen letzten Akt der Provokation fehlen. Auf jeden Fall wurde Morrison irgendwann von der Bühne gedrängt und kurze Zeit später vor Gericht gestellt. Konzerte wurden abgesagt, Demonstrationen organisiert – gegen die Doors im Speziellen und gegen den Sittenverfall an sich. Die gerichtlichen Auseinandersetzungen dauerten Monate, teils entzog sich der Star, teils war er auf freiem Fuß. Bis er 1971 unerwartet mit nur 27 Jahren verstarb. Die genauen Umstände seines Todes in einer Pariser Wohnung sind bis heute ungeklärt. Morrison galt vielen als gefallener Engel und Prophet, als Kämpfer für die individuelle Freiheit und Opfer eines Systems, das mit überharter Verfolgung ein Exempel an ihm statuierte. Der Stoff, aus dem Rockmythen sind.

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Kommentare


Ralf Rath - ( 12-07-2021 05:43:56 )
Inzwischen halten mich auch manche, vor allem weibliche Leser unterschiedlichen Alters der "Schwäbischen Zeitung" für einen mutmaßlichen Spion der Volksrepublik China, der sich des geistigen Eigentums des friedlichen Anderen bemächtigt. Das Blatt zog daraus ebenfalls stillschweigend die Konsequenz, meine bescheidenen Beiträge gleichsam im Orkus entschwinden zu lassen; anstatt sie aus freien Stücken heraus auf ihrer Internetseite einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Ralf Rath - ( 22-06-2021 03:36:03 )
Angesichts der empirisch stets vollständigen Wirklichkeit, dass allem Handeln des Menschen von Natur aus die Unmittelbarkeit fehlt, weil ökonomisch-gesellschaftliche Mechanismen den Einzelnen zuvor unwiederbringlich entziehen, noch bevor gleich welche destruktiven Charaktere manifest werden können, erschöpfen sich auch die Lieder von "The Doors" von vornherein in leerem Denken. Dadurch von Beginn an außerstande, sich jemals zu vergegenständlichen, sehen sich die Zuhörer mangels einer realen Fundierung in eine Fiktion eingespannt, die mit Macht gesellschaftlich eine sich zunehmend schneller drehende Abwärtsspirale in Gang setzt. Der Musik kommt auf diese Weise entgegen dem landläufigen Verständnis keine "Erlöserrolle" (vgl. Haag, K. H., 2018: 13, 2. Aufl.) mehr zu, sondern sie vernichtet eben jene Substanz der Vernunft, die für das Überleben der Gattung unerlässlich bleibt. Das ist dann in der Tat das musikalisch vorweggenommene Ende der Menschheit. Vielleicht liegt darin der größte Verdienst von "The Doors", unausgesprochen dazu aufzufordern, von solch einer zerstörerischen Praxis tunlichst die Finger zu lassen und im Zuge des Innehaltens notwendig einen Bruch mit ihr zu vollziehen. Zugleich ist das der erste Schritt auf dem Weg ins Offene. Manche Soziologen allerdings wie der künftige Direktor des in Frankfurt am Main ansässigen Instituts für Sozialforschung, Stephan Lessenich, erkennen in dem unabdingbaren Verzicht aus zutiefst unerfindlichen Gründen gemeinsam mit dem Jenaer Wirtschaftssoziologen Klaus Dörre eine Nähe zu neoliberalen Ideologien, die sie für kritikwürdig halten (siehe deren Editorial für die gewerkschaftsnahen WSI-Mitteilungen). Was beide zu dieser zweifelsfrei falschen Frontstellung veranlasst, ist im sozialen Kontext einer in Zeiten der Pandemie ohnehin erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrate inzwischen jedoch nicht weiter von Belang und geht im Rauschen unter.

Ralf Rath - ( 23-06-2021 07:00:44 )
Übrigens: Nachdem schon die "Frankfurter Rundschau" mir für ihren Blog ein Hausverbot erteilt hat, veröffentlicht seit heute auch die "Süddeutsche Zeitung" meine Leserkommentare nicht mehr. Umso erstaunlicher angesichts dessen, dass hier auf der Internetseite von "faustkultur.de" es für mich keine Restriktionen gibt, die sowohl den ökonomischen Erfolg als auch die soziale Integrationsfähigkeit bereits im Keim ersticken, wie Friedrich Pollok als die graue Eminenz der so genannten "Frankfurter Schule" längst kritisiert hat.

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erstellt am 18.6.2021
aktualisiert am 20.6.2021

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