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Schönes Wetter, niedrige Inzidenz, hohe Impfquote und die Lust auf legales Fußball-Europameisterschafts-Rudeln im Freien nach Monaten der Gemeinschafts-Abstinenz waren die Konkurrenten für die Premiere der konzertanten Aufführung von Ariadne auf Naxos. Deshalb spendeten noch weniger Hände Applaus für Applaus bedürftige Künstler, als es rein Corona-bedingt hätten sein können. Doch jeder, der nicht ins vorzüglich pandemiegesicherte Opernhaus gekommen war, hat wirklich etwas verpasst, meint Andrea Richter.

Konzertante Aufführung

Ariadne auf Naxos

Monatelang präsentierten uns die Ensemble- und Orchestermitglieder jeden Freitagabend um Punkt 19.30 Uhr Live-Streaming-Vorstellungen aus der Oper und aus dem Bockenheimer Depot. Sie offenbarten Qualitäten und Facetten, die so fokussiert noch nicht von ihnen bekannt waren, in kleinen Formaten und hoch interessanten, teilweise ausgefallenen Programmen. Da konnte man vor dem Bildschirm gespannt und hingerissen lauschen, staunen, mitsingen, lachen, weinen und applaudieren und sie haben es nicht mitbekommen. Dank sei ihnen Allen.

Auffällig war die zunehmende Professionalisierung der Aufnahmetechnik, die Gesang und Musik immer besser zu heben lernte. Und es stellt sich die Frage, ob dies nicht langfristig ein ergänzendes Geschäftsmodell werden kann. Die Frankfurter Oper ist weithin bekannt für außergewöhnliche Produktionen mit außergewöhnlichen Gesangstalenten. Es gibt weltweit Menschen, die sie sehen und hören möchten, wenn sie schon nicht persönlich dort sein können. Warum sollten also nicht regelmäßig die Produktionen zu einem niedrigschwelligen Preis per Stream angeboten werden? Sodass die Kosten für Aufnahme und Streaming abgedeckt und gleichzeitig der Bekanntheitsgrad des Hauses erweitert werden können. Überlegenswert schon deshalb, weil vermutlich in Zukunft weder mehr große internationale Messen noch Konferenzen in der bekannten Form stattfinden und überörtliche Zuschauer ins Haus schwemmen werden, weil Vieles ins Netz verlagert wurde.

Szenenbild aus der Oper „Ariadne auf Naxos” in Frankfurt.
Foto: © Oper Frankfurt

Mit einem umgekehrten Streaming wurden die analogen Zuschauer am Freitagabend zur gewohnten Zeit beim ersten Liveact des Jahres konfrontiert. Die Kamera aus dem Bühnen- in den Zuschauerraum gerichtet, sah man sich selbst während des gesamten wirbeligen Vorspiels auf der Videowand- Kulisse, während auf der Bühne der entsetzte Komponist (die stimmgewaltige Diana Haller) erfährt, dass an diesem Abend zwei Opern zugleich aufgeführt werden müssen. Die von ihm selbst komponierte Opera seria (Ariadne auf Naxos) und ein burleskes Tanzstück (Opera buffa). Das gehe nicht, sagt er. Dann geht es doch, Dank der Kompositionskunst von Richard Strauss und der Librettokunst von Hugo von Hofmannsthal. In der Regie von Brigitte Fassbaender war das schon in mehreren Spielzeiten szenisch zu bewundern. Die ungeheure, geradezu ausgelassene Spiel- und Sangesfreude der Akteure kompensierte den Mangel an optischen Eindrücken.

Dass Ambur Braid Strauss liegt, war bereits nach ihrer überaus gelungenen Salome klar. Als Ariadne kehrte sie eine lyrische Seite à la Strauss heraus, die Ihresgleichen sucht. Klang und Stimmführung erinnerten zeitweilig an die große Jessye Norman in dieser Rolle. AJ Glueckert als schmachtender Bacchus die ideale Stimm-Ergänzung. Hinreißend kokett und koloratur-virtuos Sarah Aristidou als Zerbinetta.

Mit Thomas Guggeis stand wohl der erste examinierte Quantenphysiker am Pult, Staatskapellmeister der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, damit zweiter Mann nach Barenboim und 27-jähriger Shootingstar in der Dirigentenbranche. Ein wunderbares Mozart Requiem hatten wir von ihm bereits im Stream erleben dürfen. Von kammermusikalisch intim bis wagnerianisch opulent – genau wie es die Partitur vorsieht – drehte er feinfühlig an den Klang-Stellschrauben des für strausssche Opernverhältnisse klein besetzten Orchesters und überließ aber auch gar nichts dem Zufall.

Gut so, denn das Ergebnis überzeugte. Es gab zu Recht viel Applaus von wenigen Händen und Bravo-Rufe. Wer den Zuschauerraum langsam verließ, kam in den Genuss einer Zugabe besonderer Art: Der ausgelassene Jubel der Künstler auf der Hinterbühne für das Gelingen selbst und wohl auch für die verdiente Anerkennung durchs Publikum nach so langer Zeit.

Szenenbild aus der Oper „Ariadne auf Naxos” in Frankfurt.
Foto: © Oper Frankfurt

Vorstellungen

20. (18.00 Uhr), 25. (19.30 Uhr), 27. (15.30 Uhr) Juni 2021

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erstellt am 16.6.2021
aktualisiert am 17.6.2021

Szenenbild aus der Oper „Ariadne auf Naxos” in Frankfurt.
Foto: © Oper Frankfurt

Oper Frankfurt

ARIADNE AUF NAXOS

Oper in einem Aufzug mit einem Vorspiel von Richard Strauss Text von Hugo von Hofmannsthal

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Thomas Guggeis
Primadonna / Ariadne: Ambur Braid
Zerbinetta: Sarah Aristidou

Oper Frankfurt