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Was stellen wir uns denn unter einer starken Frau vor? Seit längerem versucht der Film, diese Frage immer neu zu beantworten. In »Der Teufel trägt Prada« verkörpert Meryl Streep die anspruchsvolle, selbst- und machtbewusste Chefredakteurin einer Modezeitschrift. Als der Film 2006 herauskam, sprach in Venedig Marli Feldvoß mit der gefeierten Schauspielerin.

Meryl Streep im Gespräch mit Marli Feldvoß

Miranda und Mutter Courage

Marli Feldvoß: Meryl Streep, was halten Sie von der heutigen Diktatur der Mode?

Meryl Streep: Ich selbst richte mich nicht nach der Mode. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie meine Mutter mir immer wieder das Etikett reingesteckt hat, wenn es aus dem Oberteil herausrutschte. Und heute trägt man die Markennamen außen. Es interessiert mich einfach nicht. Genausowenig wie Football oder Brettspiele. Bridge, Schach oder Backgammon. Damit können Sie mich jagen.

Und wie stehen Sie zu Miranda? Sie haben ja den Ruf, innere Seelentiefen auszuloten, Frauen mit Herz, die „guten Frauen“ auf der Leinwand zu verkörpern. Aber so eine ist Miranda Priestly nicht. Auch keine „Inkarnation des Bösen“, wie es die New York Times ausdrückte und eine Lobeshymne auf Ihre „aristokratische, zielstrebige und überraschenderweise menschliche“ Leinwandfigur geschrieben hat. Was für eine Frau ist diese Miranda für Sie?

Ein komplizierter moderner Charakter. Ich wollte aus ihr keine Ausnahmeerscheinung, keine Karikatur oder gar ein Ungeheuer machen. Ich wollte, dass sie echt ist. Wahrhaftig. Sie ist eine Frau, wie man sie in bestimmten New Yorker Kreisen antrifft. Eine Frau mit Verantwortung, gegenüber den Aktienbesitzern, der Firma, dem Boss. Sie stellt sehr hohe Ansprüche an sich selbst und genauso hält sie es mit ihren Mitarbeitern. Sie hat nur wenig Zeit für die angenehmen Seiten des Lebens, aber das hat sie sich so ausgesucht. Sie teilt ihren Tag in Nanosekunden ein und wertet nur die nützlichen Teilchen aus. Da ist kein Platz für etwas anderes. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Ist Miranda das Modell einer erfolgreichen Frau?

Ich würde sagen: das Modell einer erfolgreichen Person. Denn eigentlich hat ein Mann in einer solchen Position die besseren Karten. Ich habe da so meine Erfahrungen mit den Regisseuren gemacht. Das sind ja meine Vorgesetzten. Da habe ich Frauen wie Männer erlebt. Wenn ein männlicher Regisseur etwas haben will, etwa einen Belichtungsmesser, springen die Leute, und keiner denkt sich etwas dabei. Wenn aber eine Regisseurin mit genau dem gleichen Tonfall etwas verlangt oder eine klare Anweisung gibt, sagen die Leute: was für eine Zicke, kann sie nicht „Bitte“ sagen oder wenigstens ein freundliches Gesicht machen? Ich beobachte diese Dinge sehr genau. (lacht)

Als Ihre Karriere anfing, war das ja alles anders. Das war Ende der Siebziger und in den Achtzigern, als es noch eine starke Frauenbewegung gab. Sie haben ja davon profitiert, dass man wieder richtige erwachsene Frauen auf der Leinwand sehen wollte.

Es war eine gute Zeit für Schauspielerinnen, das stimmt. Aber heute ist auch keine schlechte Zeit für meine Zunft. Eigentlich gibt es viel mehr interessante Projekte. Sie werden nur nicht von den Studios finanziert. Die Studios investieren zunehmend in der Unterhaltungsindustrie, nicht mehr im Kinogeschäft, um ernsthafte Filme zu drehen. Das haben heute die Independents übernommen. Die Studios machen Geschäfte, die ihnen weltweit 300 Millionen Dollar einbringen. Dafür holen sie sich dann Ikonen wie Tom Cruise oder andere. Das ist eine andere Baustelle. Das ist, als würde man Las Vegas mit dem Off-Broadway vergleichen.

Aber „Der Teufel trägt Prada“ ist doch kein Independent Film. Sie haben immerhin fünf Millionen Dollar verdient.

Stimmt. Aber das war nicht immer so. Ich habe früher nicht annähernd soviel verdient. Das geht erst seit ungefähr acht Filmen so. Hier war ein Studio darauf erpicht, in einen Film mit einer weiblichen Hauptfigur zu investieren. Das ist heutzutage ziemlich ungewöhnlich. Das haben weibliche Executives entschieden. Sie dachten, dass es funktioniert. Ich denke inzwischen, desto mehr weibliche Führungskräfte in dieser Branche arbeiten, umso mehr solcher Projekte wird es geben. Auch Filme wie „The Hours“ oder „Adaptation“ wurden von Frauen produziert. Ein Independent hätte „Der Teufel trägt Prada“ gar nicht bezahlen können, dafür war der Film einfach zu teuer. Es ist obszön, was diese Kleider kosten. Wenn man diese ganze Pariser Modewelt originalgetreu auf die Leinwand zaubern möchte, das kostet ein Heidengeld. Ich war eher überrascht, als sie mir diese Gage anboten.

Aber Sie sind doch eine Ausnahmeschauspielerin, da fällt mir auch noch Susan Sarandon ein. Die hat es auch geschafft, immer nur gute Filme zu drehen. Ich frage mich, warum soviel Geschrei um Sharon Stone gemacht wurde, weil sie so lange von der Leinwand verschwunden war. Hat das etwas mit der Rolle einer „Sex Goddess“ zu tun? Worin liegt der Unterschied, dass Sie bleiben können und andere nicht?

Vielleicht weil ich von Anfang nicht auf einen bestimmten Rollentyp festgelegt war. Alle Schauspielerinnen, die ich kenne und die ihre Karriere kontinuierlich weitergeführt haben, haben ihr Leben lang die unterschiedlichsten Frauenrollen gespielt. Das hat nicht nur damit zu tun, ob man sexy ist oder nicht. Wenn man aber immer den gleichen Typ spielt, wird es ziemlich eng. Irgendwann wollen die Leute das nicht mehr sehen.

Ist es nicht auch eine Altersfrage?

Sicher, das auch. Aber es hängt davon ab, von welcher Art von Filmemachen wir hier reden. Für ältere Frauen gibt es viele Rollen im Independent Film. Bei den Blockbuster ist es anders, aber da sind Frauenrollen sowieso nicht vorgesehen. Das sind Männerphantasien. Die machen Filme für sich selbst. Aber das ist ein weites Feld.

Haben Sie eine Lieblingsrolle?

Nein. Ich würde nur ungern eine oder zwei herauspicken. Das wäre so, als ob ich zwölf Kinder hätte und würde nur über zwei von ihnen reden wollen. (lacht)

Aber sehen Sie nicht die letzten zehn Jahre als eine Art zweite Karriere? Da gab es Rollen wie die Mutter des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten in „The Mandschurian Candidate“. Und bald sehen wir Sie als Mrs. President persönlich.

Das ist noch lange nicht soweit. Das wird ein Film mit Robert de Niro sein. Er handelt eigentlich von einem „First Man“. Einem Ehemann. Wie es für einen Mann wäre, der ein erfolgreiches Berufsleben hat, nur noch den Ehemann zu spielen. Die Dennis-Thatcher-Rolle. Aber das Drehbuch ist noch lange nicht fertig.

Aber der Film ist doch bereits angekündigt.

Das ewige Lied. Ich werde ständig angekündigt. Jeden Tag rufen mich meine Freunde an und fragen mich: Spielst Du nicht dieses oder jenes? Aber meine Antwort lautet fast immer: Nein.

Dabei denkt man gleich an Hilary Clinton.

Natürlich, dabei ist sie so umstritten. Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie das Zeug zu einer Präsidentin hätte. Aber ob die Leute dazu bereit wären, sich von einer Präsidentin befehligen zu lassen? Eine Freundin von mir hat einmal in einem Stück geschrieben: „Es ist nichts so befriedigend wie die Vorstellung, die Karriere einer erfolgreichen Frau auseinanderzunehmen.“ In Amerika gibt es derzeit eine ziemliche Stimmungsmache gegenüber Frauen im öffentlichen Leben. Frauen, die sich exponieren, werden schnell als aggressiv abgestempelt, nicht nur von Männern, auch von Frauen.

Der Film ist also ganz nah an der Wirklichkeit.

Auf jeden Fall. In „Der Teufel trägt Prada“ gibt es ja diese Szene am runden Tisch, wo Miranda mit ihren Mitarbeitern über eine Frühjahrsausgabe der Zeitschrift „Runway“ diskutiert. Da tragen die Mitarbeiter ihre Vorstellungen vor, und Miranda kontert ständig mit „Nein!“ Dann, als Stanley in ihren Augen endlich eine gute Idee hat, lobt sie ihn: „Danke. Eine großartige Idee. Gott sei Dank, dass wenigstens einer heute bei der Sache ist.“ Das wäre überhaupt keine Szene, wenn ein Mann die Hauptrolle spielte. Ein Mann, der am Tisch sitzt und Nein sagt, das wäre einfach keine Szene. Das Besondere ist, dass man die Frau als Vorgesetzte und Neinsagerin verdauen muss.

Kriegen Sie eigentlich viele Drehbücher zugesandt?

Ja, jede Menge. Manchmal lese ich sie, manchmal nicht. Vorgestern abend habe ich zum letzten Mal die „Mutter Courage“ im Central Park in New York gespielt. Das lief den ganzen Sommer durch. Wir haben vier Wochen geprobt und standen dann jeden Abend vor zweitausend Zuschauern auf der Bühne. Während dieser Zeit las ich nur in Brechts Tagebüchern, alles mögliche, was mit der Rolle zu tun hatte. Ich liebe das Theater über alles. Es ist so unmittelbar, so organisch, ein Gewinn auf jeder Ebene, geistig, politisch, emotional und auch physisch. Einfach total aufregend.

Welche sind Ihre Kriterien für ein gutes Drehbuch?

Es muss gut geschrieben sein. Darauf spreche ich an. Es spielt auch eine Rolle, wer mit von der Partie ist. Welche Motive, welche Leidenschaften da zusammenkommen. Welche Regisseure, welche Darsteller involviert sind.

Wie war das bei „The Devil wears Prada“? Wussten Sie vorher, dass David Frankel, der viele Teile der Fernsehserie „Sex and the City“ gedreht hat, Regie führen würde?

Nein. Ich habe zuerst das Drehbuch gelesen, und es hat mir sehr gut gefallen. Es hatte Potential. Aber ich wollte noch an der Figur der Miranda arbeiten. Dazu musste ich zuerst einmal den Regisseur und die Drehbuchautorin treffen, um herauszufinden, ob sie zu einer solchen Zusammenarbeit bereit wären. Ich habe immer eine Menge zu meinen Rollen zu sagen, nicht nur über das Aussehen meiner Figuren, sondern auch über ihre Dialoge. Das kommt nicht immer gut an. Aber sie waren von Anfang an dafür. Sobald ich das Gefühl hatte, dass wir uns verstehen, dass wir die Dialoge etwas zuspitzen können – weniger Unterhaltung, mehr Biss, mehr Bezug zum Thema „Frauen und Macht“ – wusste ich, dass ich die Rolle übernehmen würde.

Was zum Beispiel?

Ich habe viele Dialogstellen geändert. Statt zu sagen: „Wo bleibt mein Kaffee?“, wie es im Drehbuch stand, sage ich jetzt: „Gibt es einen Grund, warum mein Kaffee noch nicht da ist? Ist sie tot?“ Das habe ich einmal so gehört. Überhaupt habe ich Miranda aus vielen kleinen Alltagsbeobachtungen zusammengesetzt.

Und wie waren die Dreharbeiten?

Eigentlich habe ich immer viel Spaß auf dem Set. Aber hier amüsierten sich vor allem die anderen, Stanley Tucci, Emily Blunt und Anne Hathaway. (lacht) Es hat einfach nicht zur Stimmung meiner Rolle gepasst. Am Anfang habe ich noch mitgelacht, aber sobald es „Action“ hieß, gehörte ich nicht mehr dazu. Es störte die „Gestalt“ des Stücks. Also saß ich anschließend in meinem Wohnwagen und schmollte. Es ging mir gar nicht gut.

Das Buch zum Film basiert auf einer wahren Geschichte. Kennen Sie die wirkliche Miranda Priestly?

Die hat mich weniger interessiert. Es wäre für mich ein Kinderspiel gewesen, mir einen englischen Akzent und einen Bubikopf zuzulegen. Aber ich wollte nicht in das Korsett einer wirklichen Person schlüpfen. Ich hatte als Vorbilder für meine Rolle eine ganze Reihe von Personen vor Augen, Frauen wie Männer. Ich habe Miranda aus vielen kleinen Beobachtungen zusammengesetzt.

Sie sind bei „Equality Now“ engagiert?

Ja, Das ist eine weltweite Organisation, die sich für das Ende der Diskriminierung gegenüber Frauen und Mädchen einsetzt. Das ist mir sehr wichtig.

Das Gespräch wurde in Venedig 2006 geführt.

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erstellt am 15.6.2021
aktualisiert am 15.6.2021

Meryl Streep, 2016
Foto: Dick Thomas Johnson, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58342231