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Luise ist eine der sieben Geschwister Georg Büchners. Auch sie war eine Schriftstellerin, die Novellen, Romane und Sachbücher schrieb. Viele davon waren dem Frauenrecht gewidmet, der weiblichen Erziehung und der höheren Berufsausbildung für Frauen. Iris Welker-Sturm hat in ihrem Buch „Aus der Stimmhaft“ das Leben Luise Büchners nachgezeichnet, und Susanne Konrad rühmt die gründlich recherchierte Romanbiografie.

Roman über Luise Büchner zu ihrem 200. Geburtstag

Aus dem Schatten des Bruders befreit

Georg Büchner (1813-1837), der mit „Lenz“, „Woyzeck“ und anderen Werken die Literatur des Vormärz prägte, hatte sieben jüngere Geschwister, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten. Darunter waren die beiden Schwestern Mathilde (1815-1888) und Luise (1821-1877). Um Luise Büchner geht es in dem Roman „Aus der Stimmhaft“ von Iris Welker-Sturm, der passend zu Luises 200. Geburtstag am 12. Juni 2021 erschienen ist. Der Titel des Buches ist mehr als bedeutsam, denn hier wird ein Lebensweg gezeichnet, in dem vieles an Gefangenschaft erinnert, an Unterdrückung der Verlautbarung, an ungehörte Stimme.

Die an Luises biografischen Daten und ihren Veröffentlichungen orientierte Handlung setzt 1837 mit Georg Büchners Tod ein. Luise hilft Georgs Verleger und Freund Karl Gutzkow, den literarischen Nachlass des Bruders zu sichten. Luises Freundschaften mit Julie von Carlsen und Amalie Gutzkow werden anhand von Briefen gezeigt, die teilweise authentisch, teilweise von der Autorin nachempfunden sind. Die Leser des Romans begleiten Luise auf ihrem Weg, wie sie darum ringt, sich als Schriftstellerin Gehör zu verschaffen: Das Wort einer Frau zählt in der Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts einfach nicht viel. Und Luises Zukunftsperspektiven sind auch nicht rosig: Für sie und ihre Schwester bleibt kaum Geld für eine Mitgift übrig, nachdem alles in die Ausbildungen der Söhne gesteckt wurde. Also fügen sich die beiden Schwestern in ihr Schicksal, als „Alte Jungfern“ in ihrem Elternhaus zu verbleiben. Aber Luise lässt sich nicht unterkriegen. Geistige Freiheit und Bildung bedeuten ihr alles. Und sie bleibt lieber ledig, als eine Unterdrückerehe einzugehen.

1855 veröffentlicht sie – zunächst anonym – eine Novelle sowie das Sachbuch „Die Frauen und ihr Beruf“, in dem sie sich für die Anerkennung der Berufstätigkeit von Frauen einsetzt, die – nach Ehe und Familie – eine zunehmend wichtige Versorgungsgrundlage darstellt. Das Buch wird ein Erfolg, was Luise einen Push verleiht. Doch privat bleibt ihr Leben eng gestrickt und oftmals langweilig. Nach dem Tod ihrer Mutter 1858 und auch ihres Vaters 1861 lebt sie weiterhin mit Mathilde im elterlichen Haus und veröffentlicht – ihren Eltern nun gegenüber nicht mehr so verpflichtet – den Novellenband Aus dem Leben. Erzählungen aus Heimath und Fremde, die Gedichtsammlung Frauenherz und schließlich 1864 ihren bekanntesten Roman Das Schloss zu Wimmis, in dem sie eine tragische Liebeshandlung in der Schweiz platziert. In ihren Romanen und Erzählungen folgt Luise dem Diktum ihrer Zeit, in dem es um Liebe, Moral und Entsagung geht, aber sie geht auch darüber hinaus. „Luise setzt sich hier bewusst über die Leseerwartungen ihrer Zeit hinweg, meist finden die Liebenden nämlich letztlich zusammen, wenn auch häufig erst im Zeichen des nahenden Todes“, schreibt Iris Welker-Sturm über den Roman Das Schloss zu Wimmis.

Luise Büchner war nicht nur als Schriftstellerin tätig, sie war auch eine – wie man heute sagen würde – Aktivistin. 1865 war sie Mitbegründerin des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins“, ein Jahr später nahm sie an der Gründung des Lette-Vereins für Frauenbildung und -erwerb in Berlin teil. Eine positive Zäsur in Luises Leben war die dauerhafte Residenz des Prinzenpaars Ludwig und Alice in Luises Heimatstadt Darmstadt, denn auch Prinzessin Alice setzte sich für mehr Frauenrechte ein und gründete den „Verein für Krankenpflege“, den „Verein zur Förderung weiblicher Industrie“ und weitere, in denen Luise Büchner bald wichtige Positionen besetzte. Gleichzeitig publizierte Luise weitere zahlreiche Artikel und feministische Streitschriften. Gesundheitlich ging es ihr nicht so gut, weil sie an Asthma litt. 1874 zog Luise mit Mathilde in das Haus des Bruders Ludwig und seiner Familie. Neben einem Bericht „über die Tätigkeit des Alice-Vereins für Frauenbildung und Erwerb“ publizierte sie das Werk Deutsche Geschichte von 1815 bis 1870. Zwei Jahre später erlag sie ihrem Atemwegsleiden im Alter von nur 56 Jahren.

Iris Welker-Sturm zeigt in ihrer Romanbiografie ein profundes Wissen über Luise Büchner, sie geht darüber hinaus inhaltlich genau auf deren Werke ein. Aber sie leistet noch mehr: Die Autorin lässt die Lesenden an der geschichtlichen Entwicklung zwischen dem Vormärz und der Gründung des Deutschen Reiches 1871 teilhaben. Der Strukturwandel in der Mitte des 19. Jahrhunderts wird wie ein Film, der im Hintergrund läuft, abgespielt. Der Roman beginnt 1837 mit dem Tod von Georg Büchner, in einer Zeit also, als die Publikationsmethoden und -wege noch recht willkürlich anmuten, und endet 1877, als Presseartikel und „schöne Literatur“ klar abgegrenzte Genres sind, die ihre eigenen Medien haben. Diese Prozesshaftigkeit betrifft auch andere Lebensbereiche: so das rasante Fortschreiten der industriellen Revolution, das die soziale Frage mit sich bringt, die auch eine Frauenfrage ist. Anfangs ist die Berufstätigkeit von Frauen ein absolutes No-Go, doch in der Mitte des Jahrhunderts wird sie für viele zur wirtschaftlichen Notwendigkeit, und es sind die Frauen, die weit weniger verdienen als die Männer. Die präzise Einbettung des Geschehens in den historischen Kontext erfolgt nicht ohne Grund. Anscheinend will die Autorin zeigen, dass im 19. Jahrhundert die Voraussetzungen für das 20. und für das 21. Jahrhundert geschaffen wurden. Kleine Anspielungen verdeutlichen die Bezüge zwischen damals und heute: „…im Grunde geht es den Leuten viel eher um ihre Häuser, um ihre Familien und ihre Kinder, als um die Regierungsform.“ (S. 111) Dem historischen Kontext wird sehr gründlich Rechnung getragen, so wird die 1848er Revolution in Form von fiktiven Briefen erzählt. Alles dient der Grundidee, die Ursprünge frauenpolitischer Aktivität und ihre Weiterentwicklung sichtbar zu machen: „Wo Männer vom Volk sprechen, zählen Frauen eben nicht mit, sie haben keine Stimme (…) aber Frauen können wie Männer _die Feder und das Wort ergreifen._“ (S. 121)

Iris Welker-Sturm fühlt sich auch sprachlich ganz in die Zeit ihrer Protagonistin ein und gestaltet ihren Stoff gleichzeitig mit souveränem Eigenwillen. Das Motto der „Stimmhaft“ – das einerseits ausdrückt, das Luise die Stimme erhebt und hörbar wird, das aber anderseits bedeutet, dass ihre Stimme in Haft genommen wird und unhörbar bleibt – zieht sich in dieser Doppeldeutigkeit durch den ganzen Text. Jedes Kapitel hat zwei Überschriften, eine, die den Inhalt des Kapitels anreißt, und eine, die mit dem Leitmotiv spielt: „Stimmgewalt“, „Stimmlose“, „Echolot“, sind Beispiele.

Im Ton versucht sich die Autorin an die Sprache der Zeit anzulehnen. Sie legt Luise fiktive Briefe in die Feder, die fast authentisch wirken. Welker-Sturm macht aber deutlich, ob sie auf reale Quellen zurückgreift oder etwas erfindet. Das erreicht sie mit den Mitteln der Orthografie. Originaltexte werden in der Rechtschreibung der Zeit zitiert, Nachbildungen jedoch erscheinen in der heutigen Rechtschreibung. So kann die Autorin dezent andeuten, wenn es sich um eine Nachbildung handelt. Die fiktiven Briefe sind wichtig, um die Handlung in Gang zu halten. Denn über Luises Privatleben, vielleicht auch ihre Sehnsüchte nach einem solchen, gibt es kaum Informationen. Und spekulieren möchte Iris Welker-Sturm nicht, dazu hat ihr Werk eine viel zu rationale Grundlage. Manchmal liest sich das Buch wie eine Studie in Romanform, denn alles ist mehr als gründlich recherchiert. Hier gibt es nicht den für ein Spannungswerk manchmal notwendigen Mut zur Lücke oder zur freien Erfindung. Doch glaube ich, dass es noch einen anderen Grund für die Genauigkeit gibt: Dieser liegt im Respekt der Autorin Iris Welker-Sturm gegenüber ihrem Sujet Luise Büchner. Die profunden Kenntnisse über Luises Leben schöpft Welker-Sturm aus deren Schriften und denen ihrer Zeitgenossen sowie aus historischem Wissen. Was für Welker-Sturm zählt, ist die Lebensleistung von Luise Büchner, und ein damit verbundener Respekt. Zur Achtung gehört auch ein Maß an Distanz, kein spekulatives Nachbohren. Mit der ausführlichen Würdigung ihres Werkes und ihres Engagement hat Iris Welker-Sturm Luise Büchner aus dem Schatten ihres großen Bruders befreit.

Iris Welker-Sturm, Wortstellerin, verknüpft Text, Bild und Objektkunst in Textobjekten und Lese-Konzerten. Ihre bisherigen Veröffentlichungen sind neben zahlreichen Anthologiebeiträgen der Band „und zur Begrüßung hab ich tschüs gesagt“, Patio-Verlag, Darmstadt 2001, sowie „das unerhörte zwischen. gedichte & mokka kaos“, Verlag auf der Warft, Münster und Hamburg 2014. Sie ist Trägerin u.a. des Landschreiber- und des Dagmar-Morgan-Preises.

„aus der stimmhaft / Roman über Luise Büchner“ ist ihr Roman-Debüt. – Das Romanprojekt wurde mit einem Arbeitsstipendium des Hess. Ministeriums für Wissenschaft und Kunst gefördert. – Mehr über die Autorin und Künstlerin auf ihrer Website www.wortstellerin.de.

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erstellt am 12.6.2021
aktualisiert am 13.6.2021

Luise Büchner, um 1870
Luise Büchner, um 1870

Iris Welker-Sturm
Aus der Stimmhaft
Roman über Luise Büchner
Axel Dielmann Verlag, 2021
ISBN 978 3 86638 340 1

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