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Haiti ist der Schauplatz des Romans „Sanfte Debakel“ von Yanick Lahens, der den ersten Platz der aktuellen Weltempfängerliste besetzt hat. Darin wird ein Richter ermordet. Seine Frau, ihr Bruder, die Tochter, ihr Onkel, ein französischer Journalist und viele merkwürdige Figuren sind an der Aufklärung des Falls beteiligt oder darin verwickelt. Anita Djafari lobt das Buch, den Verlag und die Übersetzung.

Yanick Lahens’ Roman »Sanfte Debakel«

Hier darfst du die Träume nicht trödeln lassen

Yanick Lahens
Yanick Lahens

Nachdem der schmale Roman „Sanfte Debakel“ von Yanick Lahens übersetzt war, hat er Platz 1 der aktuellen Weltempfängerliste erobert und auch dem Lesepublikum hierzulande endgültig gezeigt, warum diese Autorin in Haiti als eine der wichtigsten Intellektuellen gilt. In deutscher Übersetzung liegen bereits drei weitere Titel von ihr vor, 2003 erhielt sie den LiBeratur-Förderpreis für „Tanz der Ahnen“, das der Schweizer Rotpunktverlag herausbrachte. 2011 erschien im gleichen Verlag ihr „Report“ unter dem Titel „Und plötzlich tut sich der Boden auf“ (beide übersetzt von Jutta Himmelreich) über das verheerende Erdbeben, das der Insel viel internationale Aufmerksamkeit, viele Spenden, aber auch viel übergriffiges Verhalten, u. a. etlicher „ehrenwerter“ NGOs beschert hat.

Seither ist eine Fülle von Romanen haitianischer Autorinnen und Autoren erschienen, die sich nicht nur mit den Folgen des Erdbebens, sondern immer wieder und literarisch auf hohem Niveau mit den politischen Verwerfungen, die nicht nur dieses Ereignis, sondern auch die seit Jahrzehnten bestehenden strukturellen Probleme wie Korruption und diktatorische Regierungen ausgelöst haben, beschäftigen.

So entwirft auch Yanick Lahens, die in ihrem Land eine hochgeachtete Stellung hat, in diesem Roman anhand verschiedener Figuren und Lebensentwürfe ein Panorama der vielschichtigen gesellschaftlichen Probleme der gebeutelten Insel.

Dreh- und Angelpunkt ist die Ermordung des Richters Raymond Berthier, der dies bereits ahnt und in einem Abschiedsbrief an seine Frau, der dem Roman vorangestellt wird, vorwegnimmt: Er wird es nicht überleben, dass er zu genau hinschaut, die Zeichen (oder genauer gesagt, die Drohungen) sind eindeutig.

Pierre, der Bruder seiner Frau, hatte das Land verlassen und kehrt jetzt zurück, um an der Aufklärung des Verbrechens mitzuwirken. Um ihn herum gruppiert sich eine illustre Truppe, die Zeit miteinander verbringt und mehr oder weniger ebenfalls in das Geschehen involviert ist. Die Autorin gibt ihnen abwechselnd nach Kapiteln aufgeteilt eine eigene Stimme.

Eine von ihnen ist Brune, die Tochter des Ermordeten, eine Sängerin, die Trost in ihrer Musik zu finden sucht, die Beziehung zu ihrem Freund Cyprien aber bekommt einen Knacks, sie fühlt sich von dem ehrgeizigen jungen Anwalt, der koste es, was es wolle, nach oben will, nicht verstanden in ihrem Schmerz. Zu dem für sie wichtigen Auftritt in einer Bar erscheint er nicht.

Anwesend aber ist Francis, ein französischer Journalist, gerade angekommen, neugierig, erpicht auf eine gute Story („vielleicht machen sie ja sogar eine Revolution“), die viel hergeben könnte für einen Artikel in einem tollen Magazin zuhause. Aber erst einmal ist er untergekommen in einem komfortablen Haus in einem guten Viertel in Port-au-Prince, aber aus dem Fenster sieht er den Slum. Begleitet wird er von Ronny, einem Einheimischen, der ihm die „übliche Exotiktour: Bordelle, Künstler und Armut“ ersparen will und ihm sagt: Wir treffen einfach nur Leute.

Diese „Leute“ versuchen auf ihre jeweils eigene Weise, dem harten Alltag zu entkommen, wie zum Beispiel Ezechiel, der Revoluzzer ist und Poet, er sucht den Ausweg in der Poesie und findet die Schönheit in der Sprache. Oder Waner, die Sanftmut in Person, der Gewalt ablehnt. Ezechiel ist irgendwie befreundet mit Jojo oder Joubert oder Piman piké, der immer eine 9mm-Pistole bei sich hat, man weiß ja nie in dieser Stadt. Sein Ausweg ist der Aufstieg vom Dieb zum richtigen Gangster. Und wer weiß, welche Rolle er bei der Ermordung des Richters gespielt hat.

Pierre, Brunes homosexueller Onkel, der mit seinen guten Verbindungen dank seiner Abgeklärtheit und Anständigkeit ein Ruhepol ist, ein Fixstern, um den alle kreisen, und so etwas wie ein Hoffnungsträger in der Geschichte, die fast zu einem Krimi wird.

So gelingt es Yanick Lahens mit einem geschickt angelegten Spannungsbogen und anhand der höchst unterschiedlichen und sehr stimmig ausgeleuchteten Figuren, ein umfassendes Bild zu zeichnen, dabei spielen die Verweise auf die Poesie und Musik, die Zitate und vor allem auch die vielen kreolischen Einsprengsel (die in der Übersetzung immer mit Fußnoten erklärt werden) eine wichtige Rolle. Manchmal scheint das Wissen und die Reflexion der Autorin durch, und die Sprache wirkt etwas forciert, damit kommt eine allwissende Erzählerin ins Spiel, die es gar nicht gebraucht hätte. Dass Yanick Lahens für alles nur gut 150 Seiten benötigt, spricht für ihr Vermögen, der Komplexität der haitianischen Verhältnisse erzählerisch gerecht zu werden.

Dass derart große Literatur aus Haiti zu uns gelangt, ist einzig dem unermüdlichen Verleger Peter Trier mit seinem kleinen litradukt Verlag zu verdanken. Er betreibt ihn nebenberuflich, und bei diesem Buch (wie in vielen anderen auch) hat er auch die Übersetzung besorgt. Sie ist gelungen. Sein Engagement und seine Arbeit kann man gar nicht genug loben. Dabei war er – diese kleine Anekdote sei erlaubt – noch nie dort, auf dieser Insel Hispanolia, von der vielleicht nicht alle wissen, dass sie aus zwei Ländern besteht. Nebenan nämlich, in der Dominikanischen Republik, sonnen sich die Urlauber in den All-inclusive-Ressorts.

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erstellt am 09.6.2021
aktualisiert am 12.6.2021

Buchcover „Sanfte Debakel“, Yanick Lahens, Litradukt Literaturverlag, Trier 2021

Yanick Lahens
Sanfte Debakel
Roman
Aus dem Französischen von Peter Trier
Softcover, 160 Seiten
ISBN: 978-3-940435-37-8
litradukt Literaturverlag, Trier 2021

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