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Mit einer Kinderliebe fing es an. Ein neunjähriger Knabe erblickt ein gleichaltriges Mädchen und ist überzeugt, dass sie ihm vom Himmel geschickt wurde. Dante Alighieri wird die junge Beatrice sein Leben lang nicht vergessen. Sie wird unwissentlich seine Muse, ohne sie hätte es die Göttliche Komödie nicht gegeben. Otto A. Böhmer schildert Seele, Leben, Liebe und das epochale Werk des großen Italieners.

Dante und der Weg ins Licht

In der geheimsten Kammer des Herzens

Zum Wesen nachhaltiger Inspiration gehört es, daß sie im Verborgenen wirkt und sich allen Festlegungen entzieht. Wer inspiriert werden will, sollte auf das grundsätzlich Mögliche warten, denn der Quell der Inspiration kann sich überall auftun. Er läßt sich nicht orten, ist mal hörbar, mal unhörbar, man kann ihn auf irdischem oder unirdischem Terrain vermuten, ja, er darf auch wie einer von uns erscheinen. Dann wäre die Inspiration Mensch geworden, der mehr ist als das, was man für gewöhnlich mit ihm verbindet. Dem italienischen Dichter Dante Alighieri, dessen Göttliche Komödie als eines der überragenden Werke der Weltliteratur gilt, wurde ein solcher Mensch in sein Leben geschickt, eine Fügung, die sich nicht mit einer einmaligen Erscheinung begnügte, sondern einen Lebensweg eröffnete, der, trotz diverser Irrungen und Wirrungen, auf die Erringung höchster Erkenntnisweihen ausgerichtet war. Die Begegnung, um die es geht, vollzieht sich früh, sogar sehr früh: Am 1. Mai Jahre 1274 – ganz genau wissen wir es nicht, denn die Datenlage ist auf Grund des zeitlichen Abstandes und poetisch bekränzter Legendenbildung alles andere als gesichert – sieht der gerade mal neunjährige Dante ein gleichaltriges Mädchen. Es heißt Beatrice und wurde ihm vom Himmel geschickt, das weiß er sofort. Mit Beatrice kommt die Macht der Liebe in sein Leben, das von nun an, so sagt es die wissende Rückschau, ein anderes, ein neues Leben ist. Vita nuova, das neue Leben, heißt denn auch ein Frühwerk Dantes, das vermutlich um 1292 entstand und von der schicksalsträchtigen Begegnung mit Beatrice erzählt. Schon der Beginn zeigt, daß es hier nicht um eine gewöhnliche Herzensangelegenheit handelt, sondern um die Liebe als Himmelsmacht: „Schon zum neunten Mal war seit meiner Geburt der Himmel des Lichtes beinahe zu demselben Punkte wiedergekehrt, und zwar in seinem eigenen Kreislauf, als mir zum ersten Mal die verklärte Herrin meines Geistes erschien, die von vielen, die nicht wußten, wie sie sie nennen sollten, Beatrice genannt wurde. Sie war damals schon so lange in diesem Leben gewesen, daß während ihrer Zeit der Sternenhimmel sich um den zwölften Teil eines Grades gen Osten bewegt hatte, so daß sie ungefähr im Beginn ihres neunten Lebensjahres erschien und ich sie ungefähr zu Ende meines neunten Jahres sah. Sie erschien mir, in ein Gewand von der edelsten Farbe gekleidet, blutrot, bescheiden und ehrbar, gegürtet und geschmückt nach der Weise, die ihrem allerjugendlichsten Alter geziemte. In diesem Augenblick, das kann ich wahrhaftig sagen, begann der Geist des Lebens, der in der geheimsten Kammer des Herzens wohnt, so heftig zu zittern, daß er mir in dem leisesten Pulsen furchtbar erschien; und zitternd sagte er die folgenden Worte: Siehe, ein Gott, der stärker als ich ist und der daherkommt und mich beherrschen wird.“

Beatrice heißt “die Segenspendende”, und tatsächlich ist sie von Anfang an dazu da, dem jungen Dante den Segen höherer Erkenntnis vorzuführen. Daß sie dieses in aller Leibhaftigkeit tun muß, gehört zu unserem irdischen Geschick, das nun mal, dankenswerterweise, vor die vollkommene Abgehobenheit ein endliches Dasein der Sinnenfreude und Sinnenlast stellt. Ihm ist der junge Dante durchaus heftig ausgesetzt gewesen; bevor er sich in jenen Läuterungsweg begibt, der schließlich in die Ewigkeitsankunft der Göttlichen Komödie mündet, hat er gelebt, gekämpft, gestritten, und die Liebe war ihm nicht nur vornehmes, von Berührungsängsten getragenes Säuseln, das der Angebeteten, bis auf Widerruf, lyrischen Personenschutz gewährt. Bei ihrer ersten Begegnung läßt sich denn auch nicht nur Beatrices göttliche Abkunft erahnen, sondern es machen sich auch die üblichen, keineswegs unangenehmen Verliebtheitssymptome bemerkbar. Dante erlebt den Widerstreit der Gefühle, den jeder erfährt, der in die Liebe fällt; Beatrice geht ihm nicht mehr aus dem Kopf, sein Herz schlägt heftiger, doch er weiß bereits, daß er prüfen muß, bevor er sich ewig bindet. Er durchmustert die Leidenschaften, die in ihm sind, und ordnet sie nach den Gesichtspunkten göttlicher Wahrheit, die nur am Wesen der Liebe, nicht aber an ihrem Tagesgeschäft und Personenbetrieb interessiert sein kann: „In diesem Augenblick begann der animalische Geist, der in jener hohen Kammer wohnt, zu welche alle Geister der Empfindung ihre Wahrnehmungen hinauftragen, sich sehr zu wundern, und indem er insbesondere zu den Geistern des Gesichtes sprach, sagte er diese Worte: Nun ist eure Seligkeit erschienen. In diesem Augenblick begann der natürliche Geist, der in jenem Teile wohnt, in welchem sich unsere Ernährung vollzieht, zu weinen, und weinend sprach er die Worte: Wehe mir Armen! denn nun werd ich häufig behindert sein. Von da an, sage ich, beherrschte die Liebe meine Seele, die ihr so rasch angetraut war, und sie begann eine solche Sicherheit und solche Herrschaft über mich zu gewinnen, durch die Kraft, welche meine Phantasie ihr gab, daß ich vollkommen nach ihrem Gefallen zu tun genötigt ward.“

Die Geister geben klein bei vor einer Liebe, die höher sein muß als alle Vernunft ‒ was wiederum ein Richterspruch ist, den die Vernunft selbst, unter dem freien Diktat der Gnade, verkünden darf. Eine Gewißheit wird damit geschaffen, in die sich der Liebende einzurichten hat, und er tut es nach den Gewohnheiten der Zeit, die zwischen hoher und niederer Minne sehr wohl zu unterscheiden weiß. Die eine ist eine Art Gottesdienst innigen Begehrens, die andere dient dem Lustgewinn und findet den Beifall der Kumpane. Die vorhandenen Standesunterschiede bleiben davon unberührt, ja werden sogar ausdrücklich bestätigt. In Dantes Fall bedeutet dies, daß er seine Beatrice über Jahre hinweg anhimmelt; das genügt ihm und genügt ihr, die von seiner sublimen Leidenschaft zudem gar nicht so viel mitbekommt, denn im wirklichen Leben hat man anderes mit ihr vor. Die historische Beatrice, so sagen es übereinstimmende Vermutungen, stammte aus vermögendem Hause und wohnte in Florenz nicht weit von den Alighieri entfernt; es war also ein Nachbarkind, auf das Dante begeisterungswilliger Blick fiel. Später heiratete dieses Kind einen Bankier, das war familienintern so abgemacht worden, während ihr Verehrer mit einer gewissen Gemma Donati erst verlobt und dann verehelicht wird; auch das entsprach elterlichem Kalkül und war in den besseren Kreisen, die es für ihre Kinder immer noch etwas besser haben wollen, üblich. Dantes Liebe zu Beatrice mußte das keinen Abbruch tun, im Gegenteil: Von den Bewährungsproben und Beweislasten des Alltags freigestellt, konnte sie nahezu ungestört vor sich hin glühen und schließlich zum Ewigen Licht werden. Um sich an dem zu wärmen, braucht der Liebesvisionär keinen Anlaß, und auch die normale, jederzeit abrufbare Vergänglichkeit kann ihn nicht mehr erschrecken: „Als so viele Tage vorübergegangen waren, daß gerade neun Jahre seit … der Erscheinung jener Lieblichsten verflossen waren, geschah es am letzten jener Tage, daß jenes wunderbare Mägdlein mir erschien, in das allerweißeste Kleid gehüllt und inmitten zweier edler Frauen von älteren Jahren. Und da sie durch eine Straße ging, wendete sie ihre Augen nach der Stelle, wo ich furchtsam und schüchtern stand, und in ihrer unaussprechlichen Holdseligkeit, die nun bereits in dem Reiche der Ewigkeit ihren Lohn gefunden hat, grüßte sie mich sehr tugendlich, daß ich das Endziel aller Seligkeit zu schauen meinte. Die Stunde, in welcher ihr süßer Gruß mich erreichte, war bestimmt die neunte jenes Tages, und da dieses das erste Mal war, daß ihre Worte sich bewegt hatten, um an mein Ohr zu dringen, fühlte ich solche Wonne, daß ich wie trunken aus der Menge eilte …“

Dante Alighieri. Gemälde von Giotto di Bondone in der Kapelle des Bargello-Palasts in Florenz. Dies ist das älteste Porträt von Dante: Es wurde gemalt, noch bevor er seine Heimatstadt ins Exil verließ. Quelle: Giotto di Bondone - http://www.museumsinflorence.com/musei/Dante_house.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=867466

Dante Alighieri
Gemälde von Giotto di Bondone in der Kapelle des Bargello-Palasts in Florenz. Dies ist das älteste Porträt von Dante: Es wurde gemalt, noch bevor er seine Heimatstadt ins Exil verließ.
Quelle: Giotto di Bondone – http://www.museumsinflorence.com/musei/Dante_house.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=867466

Vom heutigen, radikal ausgenüchterten Standpunkt muß es kurios anmuten, wie wenig ein Dichter braucht, um in den Stand vollkommener Seligkeit versetzt zu werden. Neun Jahre sind vergangen, seitdem die Liebe auf Dante fiel, neun Jahre, in dem seine Herzenssache ruhig gestellt blieb, um gerade deshalb unangefochten zu sein; nun, da Beatrice das Wort an ihn gerichtet hat, drängt es ihn zum Höchsten der Gefühle. Dabei ist er überzeugt davon, daß seine Liebe auch deswegen unter himmlischer Oberaufsicht steht, weil die Zahl Neun, die er so oft und so gerne erwähnt, als heilige Zahl gilt. Er selbst gibt eine Erläuterung dazu: „Drei ist die Wurzel der Neun, weil sie ohne Hilfe einer anderen Zahl mit sich selbst vervielfacht neun gibt, wie wir es ja ganz offenbar sehen, denn dreimal drei ist neun. Wenn daher die Drei für sich selbst der Schöpfer der Neun ist, und so auch der Schöpfer der Wunder an sich die Drei ist, nämlich der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, die da Drei und Eins sind, so ward dieses Weib von der Zahl Neun begleitet, auf daß verstanden werde, daß sie eine Neun, das heißt ein Wunder war, dessen Wurzel lediglich die wundertätige Dreieinigkeit sein kann. Vielleicht würde eine tiefsinnigere Person einen noch tieferen Grund in alledem finden, aber dieser ist der, den ich darin finde und der mir am besten gefällt.“

Dante Alighieri stammt aus einer Florentiner Adelsfamilie. Die Mutter stirbt früh, der Vater findet in den Schriften des Sohnes keine besondere Erwähnung. Dante wird eine standesgemäße Ausbildung zuteil; er studiert die sieben freien Künste: Dialektik, Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik; zudem kann er Latein und Französisch. Auch für die schönen Künste interessiert er sich, er ist mit Dichtern und Malern befreundet. Sein Hauptaugenmerk legt er zunächst auf die Politik, die zur damaligen Zeit, anders als heute, nicht mehr nur die gebremste Kunst des gerade noch Machbaren meint, sondern Glaubens- und Machtkämpfe um jeden Preis. Dabei ist fast immer Gott mit im Spiel, das Seelenheil wird beschworen, obwohl es um irdische Besitzstände geht, die sich mit religiöser Etikettierung noch eindrucksvoller darstellen lassen. In den Florentiner Stadtkämpfen steht Dante zunächst auf Seiten des Papstes gegen die Anhänger des Hohenstauferkaisers; später bekennt er sich zur Monarchie, von der er eine uneingeschränkte Vernunftherrschaft unter göttlichen Vorzeichen erhofft. Diese Hoffnung allerdings trügt, so wie auch Dantes Erfolge als Politiker, freundlich gesprochen, eher trügerisch sind und, auf Dauer gesehen, unter keinem guten Stern stehen. Nachdem er im Jahre 1300 einige Monate im Priorat, dem höchsten Gremium der Republik Florenz mitwirkt, wird er bald darauf in die Verbannung geschickt und in Abwesenheit mehrfach zum Tode verurteilt. Dante zieht daraus seine Konsequenz: Er will nur noch „Partei für sich selbst“ sein. In der Göttlichen Komödie läßt er den Dichter Vergil dazu sagen: „Nun nimm zum Führer deinen eignen Willen;/ Hier ist der Aufstieg, hier die Kunst zu Ende./ Sieh, wie hier Gras und Blumen und die Bäume/ Die Erde alle aus sich selbst erzeuget/ … Erwarte von mir nicht mehr Wort und Zeichen./ Frei, grade und gesund ist nun dein Wille,/ Und Sünde wär' es, wenn du ihm nicht folgtest./ Drum krön ich dich zu deinem eignen Herren.“

Dante großem Werk, der Göttlichen Komödie, liegt ein Plan zugrunde, der Jahre der Reifung braucht. Wann er mit der Niederschrift begonnen hat, weiß man nicht so genau; vermutlich wird die endgültige Fassung im Jahre 1313 geschrieben. Während all der Zeit ist Beatrice, die, 24-jährig, im Sommer 1290 verstorben war, unvergessen geblieben. Sie, die zur reinen Erinnerung, zum Heiligenbild der Liebe wurde, erfährt in der göttlichen Komödie ihre letztgültige Beglaubigung: Beatrice wird zum engelgleichen Wesen; sie geleitet Dante, der Abbuße tun muß, bevor er den Königsweg der Erkenntnis antreten darf, durch die Himmelssphären bis hin zu Gott. Schon ihr erster Auftritt im Paradies, den er vorgeführt bekommt, hat Stil: „So kam in einer dichten Blumenwolke,/ Die aus der Engel Händen dort entströmte/ Und niederregnete nach allen Seiten,/ Im weißen Schleier mit Olivenzweigen/ Dort eine Frau in einem grünen Mantel/ Und einem Kleide von der Flammen Farbe./ Da hat mein Geist, der schon seit langen Zeiten/ Von ihrer Gegenwart mit jenem Staunen/ Und tiefem Beben nicht erschüttert worden./ Auch ohne daß die Augen sie erkannten,/ Nur durch geheime Kraft, die von ihr ausging,/ Der alten Liebe große Macht erfahren …“

Die himmlische Beatrice, die sich seiner annimmt, kann Dante einige Vorwürfe nicht ersparen: Zu wenig hat er auf Erden aus seinen Talenten gemacht, zu unstet war er in seinen Entscheidungen, auch zu selbstbezogen, und zu spät ist er darauf verfallen, daß es auch auf Erden schon eine höhere Einsicht gibt. Im Himmel läßt man es jedoch nicht beim Aufrechnen eines gelebten Lebens bewenden; die Uhren in Gottes Reich gehen anders. Auf ihrem Weg durch das Paradies, der sie bis ins Empyreum, den Feuerhimmel, führt, verlieren sich denn auch alle Nebensächlichkeiten; alles Nichtige und Entbehrliche bleibt zurück. Dante sieht, für einen ergreifenden Moment, Beatrice in ihrer ganzen, unwirklichen Schönheit: „Wenn alles, was bisher von ihr gesprochen,/ In einem einzigen Lob zusammenkäme,/ So würd' es diesmal doch noch nicht genügen./ Die Schönheit, die ich sah, ist so erhaben,/ Nicht über uns nur, nein, ich möchte glauben,/ Daß nur ihr Schöpfer selbst sie ganz genieße./ An dieser Stelle geb ich mich geschlagen,/ Mehr als von einer Stelle seines Werkes/ Jemals ein Dichter überwältigt wurde./ Vom ersten Tag, da ich ihr Bild gesehen/ Im Erdenleben, bis zu diesem Schauen/ Ist meinem Sang zu folgen nicht verboten,/ Doch jetzt muß meine Dichtung drauf verzichten,/ Noch weiter ihre Schönheit zu verfolgen,/ Wie jeder Künstler vor dem letzten Ziele.“

Fresko in Florenz: Dante zeigt seine „Göttliche Komödie“ und weist mit der anderen Hand auf die Prozession von Sündern
Fresko: Domenico die Michelino, 1465, Florenz. Bild: Jastrow, Selbst fotografiert, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=970608

Letztes Ziel, nicht nur für Künstler, ist die ergebene Hinwendung zu Gott, an der der Dichter, wohl weil sein Ich etwas eigenwilliger ist und er der Worte bedarf, die sich nicht immer fügen wollen, länger zu arbeiten hat als andere. Dafür bringt er einen Besinnungsprozeß hinter sich, der alle Durststrecken der Welterfahrung durchläuft, bevor er im Himmel, befreit und geläutert und vielleicht noch ein wenig nachbebend ob der Schrecken, denen er entkommen ist, in absolute Sicherheitsverwahrung genommen wird. Als Dante seinem Ziel näherkommt, verschwindet Beatrice von der Bildfläche; sie hat getan, was sie tun sollte, ihm bleibt nur der Nachruf: „O Herrin, die du meine Hoffnung nährest/ Und die du gütig bis zur Hölle nieder/ Zu meinem Heile deine Spuren führtest;/ Von allen Dingen, die ich hier gesehen,/ Verdank ich deiner Macht und deiner Güte/ Die Kraft und Gnade, die sie mir gewähren./ Du hast mich aus der Knechtschaft hin zur Freiheit/ Geführt auf allen Wegen, jede Weise,/ Die dir dazu in deine Macht gegeben./ Du wollst in mir dein hohes Werk behüten,/ Daß meine Seele, die durch dich gesundet,/ Dir wohlgefällig sich vom Leibe löse.'/ So flehte ich, und jene aus der Ferne,/ Hat, wie ich glaube, lächelnd mich betrachtet,/ Dann hat sie sich zum ewigen Quell gewendet.“

Dante stirbt am 14. September 1321 in Ravenna. Der Weg zu Gott, den er anzutreten hat, ist ein Wiederholungspfad; an seinem Ende wartet ein Lichterrund, in dem auch der Geläuterte, obwohl er alles zu wissen glaubt, noch immer als Fragender steht. Das Unbegreifliche läßt sich nicht begreifen, der Dichter wird stumm. Dennoch weiß er, daß keines seiner Worte vergebens war; er ist am Ziel seiner Wünsche, mehr Aufklärung kann nicht sein:

„Nunmehr wird meine Sprache noch viel ärmer
Für das auch, was ich weiß, als die des Kindes,
Das noch am Mutterbusen letzt die Zunge;
Nicht weil noch mehr als nur ein einfach Leuchten
Im hellen Licht war, auf das ich schaute,
Das immer so ist, wie es je gewesen;
Nein, durch die Sehkraft, die in mir gewachsen
Beim Schauen, ward die einzige Erscheinung
Verändert, während ich mich selbst gewandelt.
In jenem klaren, tiefen Wesensgrunde
Des hohen Lichts erschienen mir drei Kreise
Mit einem Umfang, drei verschiednen Farben.
Und zweie sah ich wie zwei Regenbogen
Einander spiegeln, Feuer schien der dritte,
Von beiden Seiten gleichermaßen lebend.
O ewiges Licht, das sich nur selbst bewohnet,
Nur selbst begreift, und von sich selbst begriffen
Und sich begreifend sich auch liebt und lächelt!“

Buchcover Otto A. Böhmer: „Lichte Momente. Dichter und Denker von Platon bis Sloterdijk“

aus:
Otto A. Böhmer: Lichte Momente. Dichter und Denker von Platon bis Sloterdijk,
DVA, München 2018, ISBN 978-3-421-04803-5

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erstellt am 06.6.2021
aktualisiert am 12.6.2021

Dante Alighieri (1265-1321). Bild: Sandro Botticelli - https://www.botticelli-renaissance.de at the Wayback Machine (archived March 4, 2016), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38795498

Dante Alighieri (1265-1321)
von Sandro Botticelli, um 1495
Bild: nach Sandro Botticelli – https://www.botticelli-renaissance.de at the Wayback Machine (archived March 4, 2016), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38795498