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„Die Erfindung der Welt“ ist kein bescheidener Titel, aber wenn es sich tatsächlich um eine herrliche Kopfgeburt handelt, ist Neugier angebracht. Der österreichische Schriftsteller Thomas Sautner hat diesen vielschichtigen, brillanten Roman geschrieben. Gudrun Braunsperger hat das Buch gelesen und weiß, das ist ein Meisterwerk der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.

Roman von Thomas Sautner

Die Erfindung der Welt

Thomas Sautner
Thomas Sautner

„Das Leben mit unbestechlichen Augen wie neu entdecken“: So lautet der nur mit G unterzeichnete Auftrag an die renommierte Autorin Aliza Berg, der diese nach Schloss Litstein führt und ihr die kleine Ortschaft in einem ungenannten Grenzgebiet für ihr nächstes Romanprojekt empfiehlt, um „das Leben exemplarisch anhand dieser Gegend und all ihrer Bewohner zu beschreiben“. Eine immense Summe ist dazu bereits auf Alizas Konto überwiesen und die Schriftstellerin vermag dem verführerischen Angebot nicht zu widerstehen. Auf dem Schloss findet sie die Gastfreundschaft von Elli, Gräfin Hohensinn, und in ihr bald auch eine neue Freundin. Nach und nach erkundet Aliza nicht nur die Welt der Aristokratie, sondern taucht ein ins soziale Beziehungsgeflecht vor Ort.

In dem neuen Roman von Thomas Sautner „Die Erfindung der Welt“ trifft man auf alte Bekannte aus dem Sautnerschen Figuren-Kosmos: Neben Leopold, Ellis Gatten, der bereits in „Großmutters Haus“ als heimlicher Geliebter der Kristyna Janouch aufgetreten ist, macht nun auch Aliza mit der exzentrischen Einsiedlerin und Großmutter von Malina Bekanntschaft sowie mit einem anderen Freund von dieser, mit dem ehemals schweigenden Jakob, der ebenfalls zurückgezogen im gräflichen Forst lebt. Elli hat ihn für sich entflammt und dadurch zum Sprechen gebracht, auch sie unterhält ihre heimliche Liebesbeziehung.

Mit Aliza Berg, so könnte man meinen, hat Sautner ein Autoren-Alter Ego eingeführt, um einen Blick in eine Schreibwerkstatt anzubieten. Aber der Blick über Alizas Schulter ist einer mit Vorbehalt, denn während diese für ihren Roman recherchiert, stolpert sie in ihren eigenen Roman förmlich hinein und verliert zeitweise völlig die Kontrolle, während Sautner wie ein Puppenspieler im Hintergrund souverän die Fäden zieht. Gelegentlich nimmt er einen Perspektivwechsel vor, von Alizas erzählendem Ich zu Ellis Ich im Briefwechsel mit Jakob, in der dritten Person gesteht er dann auch anderen Protagonisten die Erzählperspektive zu. In seinen früheren Romanen, „Die Älteste“, „Das Mädchen an der Grenze“ und auch in „Großmutters Haus“ haben weibliche Figuren den Ton angegeben. Nun tritt zum ersten Mal ein Mann zögerlich ins Rampenlicht: Stand Graf Leopold in „Großmutters Haus“ noch im Schatten der resoluten Kristyna, gewinnt er hier an Profil, und aus der Verkleidung des ein wenig tollpatschigen und auch erstaunlich anarchischen Toren schält sich ein im Herzen Weiser heraus.

In der „Erfindung der Welt“ führt Thomas Sautner vor, wozu Literatur in der Lage ist, und lässt uns wissen: Ein Kunstwerk ist etwas Lebendiges. Der Autor muss bereit sein, sein Werk sich selbst zu überlassen, sobald es der Schaffensprozess erfordert, er darf sich von seinem Roman überraschen lassen.

Aliza bekommt wie Malina in „Großmutters Haus“ ein großzügiges Geldgeschenk, um eine Reise zu wagen und sich auf ein äußeres wie inneres Abenteuer einzulassen. Über dieses alte Thema improvisiert Sautner in einer neuen Variation: Er nimmt Schwung, springt und landet in einem ganz anderen literarischen Projekt, das in seiner Vielschichtigkeit geradezu überwältigt. In der „Erfindung der Welt“ hat sich Thomas Sautner als Autor noch einmal neu gefunden, indem er mit der ihm eigenen gestalterischen und inhaltlichen Buntheit ein in sich stimmiges Romangebilde modelliert hat: Es ist von der Aura der sympathischen Verrücktheit umhüllt, zugleich ist Sautner ein Mystiker der Literatur, der bei allem, was ihm begegnet, das Große im Kleinen sucht und das Kleine im Großen findet: Er bildet das faszinierende Wechselspiel zwischen Mensch und Natur, zwischen winzigstem Teilchen und der kosmischen Unendlichkeit ab, er macht die Verbundenheit von allem mit allem durch Worte zu einem einzigen Ganzen.

In der „Erfindung der Welt“ entfaltet sich eine nahezu phantastische Schöpferkraft, sowohl hinsichtlich der Komposition der Handlung, der Konstellation der Figuren, vor allem aber auch des Atems, den dieses Buch ausströmt im Rhythmus zwischen Vorantreiben und Innehalten, von erzählter Handlung und episodenhafter Reflexion in lyrisch gestalteten philosophischen Betrachtungen über die Herausforderungen des Jetzt oder der beobachtenden Meditation über die Natur, über Zwei- und Vierbeinern in Wald und Gewässern bis hin zu Ausflügen in die entferntesten Galaxien des Weltalls. Aber auch das ist Sautners Text: ein berauschendes Fest der Sinne und Sinnlichkeit, die Menschen auf diesen Seiten miteinander feiern.

Die lustvolle Sprachakrobatik, der man in diesem Text immer wieder begegnet, dient dabei einem höheren Zweck, dem Nachdenken, das sich über das Erzählen von Geschichten zu einer Botschaft über die Rätsel des Lebens verdichtet, zum Offert, dem jeder entnehme, was er gerade zu fassen vermag: eine Kombination, die in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht gerade oft anzutreffen ist.

Sautner beherrscht sein Sprachmaterial wie ein Maler, der zwischen unterschiedlichen Techniken behände hin- und herwechselt und in einem Moment zarte Pastelltöne auf Aquarellpapier zaubert, im nächsten dann grobe Textur in Öl auf die Leinwand kleckst: Da wechseln wie im Rausch erzeugte explosive Sprachkaskaden und Wörter, die Purzelbäume schlagen, mit tiefsinnigen Passagen, in denen die Worte bedächtig von allen Seiten betrachtet werden, sodass ihre Poesie durchsichtig, nahezu ätherisch wirkt.

Im Wortsinn, also wörtlich abgebildet, wird im Auftrag durch G formuliert, was sich der Autor zum Ziel seines Schreibens gesetzt hat: „Das Jetzt des Lebens. Das Jetzt-und-nie wieder. Es auflesen, bewahren, Wort für Wort.“

Wofür G bei Sautner steht, darüber darf gerätselt werden, abgesehen von Alizas profaner Vermutung am Ende des Romans, wer sich hinter dem anonymen Auftraggeber tatsächlich verborgen haben könnte. G wie Genius oder gar wie Gott, denn dieser findet im Sautnerschen Kosmos einen besonderen Platz, zugewiesen vom zwergwüchsigen Fred, Alizas innerer Stimme gleichsam: „Im Anfang war das Wort. Die größte Erfindung der Welt ist die Erfindung der Welt. Und Gott, schreib das von mir aus in dein Buch, versteckt sich darin vor sich selbst in jeder Figur.“

Die Literaturwissenschaft wird Freude haben mit der Ausdeutung dieses Romans, denn er ist voll von rätselhaften Symbole. Volksnah präsentiert und doch in lebendiger Kommunikation mit der kulturellen Tradition lugen sie hervor: etwa Shakespeares Kopf, an dem in der Schlossbibliothek gedreht werden kann, um in eine geheime Kammer zu gelangen, deren Bedeutung sich wiederum durch die Geschichte von Odysseus’ Kampf mit dem Zyklopen Niemand verschlüsseln lässt.

Apropos Pseudonyme, ungeklärte Autorschaft, Auftraggeber und Shakespeare: So wie dieser in seinen Theaterstücken die Verbindung zwischen Adel und Volk hergestellt hat, so macht sich Aliza Berg, die ebenfalls ein Pseudonym benutzt, auf den Weg, um den Adel zu erforschen. Und findet dort ihren persönlichen Hofnarren, Fred mit der kindlichen Statur, der die Dinge unverblümt beim Namen nennt und der Künstlerin mit entwaffnender Offenherzigkeit zu Diensten steht, als einflüsterndes Korrektiv, sobald Beobachtung und konstruierender Verstand nicht mehr vorankommen.

Du bist ziemlich durchgeknallt, sagt sie zu Fred und damit auch zu sich selbst als Verwalterin des grenzgängerischen Romanprojekts von Thomas Sautner, der es versteht, die scharfe Kurve aus dem surreal-phantastischen Grenzgebiet unfallfrei zurückzunehmen ins realistische Erzählen und den Leser dabei ebenso neben- wie hauptsächlich mit dem tieferen Sinn des Seins zu konfrontieren.

Gewissheiten stehen bei Sautner jedenfalls immer auf dem Prüfstand, auch die Wissenschaft ist da nicht ausgenommen: Gegenstand einer mit Augenzwinkern vorgetragenen Persiflage ist das ebenso brillant wie hinterlistig an die Öffentlichkeit kommunizierte Ewigkeitsexperiment des Quantenphysiker Anton Czech, für dessen Darstellung der Prim-Energie der Nobelpreis erwogen wird. Sautner lässt es nicht an Schalk fehlen, mit dem er sich Anspielungen auf Gegenwärtiges erlaubt: so etwa auch Ellis lebensbedrohlicher Herzvirus, die seltene Mutation, die zur Verblüffung der Ärzte ohne Ansteckung erworben werden kann.

Vermessen ist die Welt bereits, zumindest in der österreichischen Gegenwartsliteratur: Sautner plädiert für den Wagemut, sie neu zu erfinden. Auch das gehört zur Vielschichtigkeit dieses Buchs: eine Passage, in der Thomas Bernhards Sprachduktus herrlich imitiert wird, aus der man je nach Neigung eine Hommage oder eine Persiflage herauslesen kann: Bewohner des Ortes schildern das Vergnügen an vergangenen Treibjagden, die nunmehr leider abgeschafft sind, da die Agenden der Jagd jetzt in weiblicher Hand lägen, bei Gräfin Elli. Man könnte das so lesen: Der Waldviertler Autor knüpft an eine bedeutende Stimme der österreichischen Literatur an, nicht ohne Respekt, aber doch mit einer versöhnenden Geste.

Gerade in Corona-Zeiten lässt sich „Die Erfindung der Welt“ als Lektüre ganz besonders empfehlen: eine gut gelaunte Flucht ins Reich der Phantasie, eine von Witz und Ironie begleitete Exkursion ins ländliche Ambiente, wo in Verbindung mit mystischer Naturbetrachtung Kraft gesammelt wird, um zum mutigen Gegenentwurf auszuholen für die bis zur Erschöpfung ausgegangenen Wege. Ein Meisterwerk der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur und ein literarisches Therapeutikum in der krisengebeutelten Gegenwart.

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erstellt am 05.6.2021
aktualisiert am 07.6.2021

Buchcover „Die Erfindung der Welt“, Thomas Sautner, Picus Verlag, Wien 2021

Thomas Sautner
Die Erfindung der Welt
Gebunden, 408 Seiten
ISBN: 978-3-7117-2103-7
Picus Verlag, Wien 2021

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