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Die Schriftstellerin Grete De Francesco, die, im Februar 1945, im KZ Ravensbrück umgebracht wurde, schrieb zumeist über den Beruf, die Ausbildung und die Geschichte des Arztes. Bekannt und berühmt wurde sie aber mit ihrem Buch „Die Macht des Charlatans“ aus dem Jahr 1937. Nun ist dieses Standardwerk einem Essay von Volker Breidecker in der „Anderen Bibliothek“ wiederveröffentlicht worden. Ein Auszug daraus und ein kurzes Feuilleton der Autorin mit dem Titel „Grenze“ ist hier zu lesen.

Originalauszug

Essay und Nachwort zu Grete De Francesco

»… così come/ un poeta/ sempre dentro/ sempre fuori
… ja genau so/ wie ein dichter/ immer drinnen/ immer draußen«
– Gerhard Kofler (Bozen 1949–Wien 2005), Poesia di mare, terra e cielo /
Poesie von Meer, Erde und Himmel

Von Grete De Francesco ist ein nur einziges Foto überliefert: Es zeigt sie an Bord eines Segelboots, unterwegs mit Freunden auf einem ruhigen Gewässer im Lichte eines Spätsommertages. Die Szene strahlt eine ähnlich heitere Ruhe aus wie Manets berühmte »Barke« mit der Darstellung seines Malerkollegen Monet beim Porträtieren auf dem Wasser. Das für die Münchner Gemäldesammlungen 1913/14 erworbene Bild könnte dem vom 7. September 1918 datierenden Foto durchaus Pate gestanden haben, zumal die Insassen des Boots wie Manets Figuren in sonntäglich-sommerliches Weiß gekleidet sind. Als Bild eines signalisierten Aufbruchs oder Neuaufbruchs beim Ausgang der ersten europäischen Jahrhundertkatastrophe könnte die sorgfältig gewählte fotografische Einstellung und Komposition des Bildes auch beinahe die große Mitteltafel von Max Beckmanns berühmtem Departure-Triptychon aus dem nächsten europäischen Schicksalsjahr 1933 antizipieren (natürlich kannte auch Beckmann seinen Manet, und eine Kunsthistorikerin mit speziellem Interesse gerade für Fotografie stand schließlich hinter der Kamera): ein Gleiten wie über eine unsichtbare Grenze, aber keine Grenze, die sich als brutale oder tödliche Schranke erweisen könnte, sondern als lebendig fließender Übergang, ein Übersetzen von einem Nicht-mehr in ein Noch-nicht in allen nur denkbaren Schattierungen, Abstufungen, Metamorphosen, hinüber nach einem anderen Ort, einem anderen Zustand, oder hinaus ins Offene, nach anderen, neuen Ufern des Lebens.

Es ist eine heitere und gelöste kleine Gesellschaft, die sich hier zum Segeltörn auf dem Starnberger See verabredet hat. Im Bug streckt die schlanke Figur einer in ein langes weißes tüllartiges Kleid gehüllten jungen Frau ihr schalkhaft lachendes Gesicht durch leichtes Vorbeugen des Kopfes unter dem dunklen Mast hervor, was einen reizvollen Kontrast erzeugt. Dies ist Grete De Francesco, und an ihrer Seite sitzt ihr Ehemann Giulio, der als Einziger unter den Insassen nicht in Weiß, sondern in dunkles Tuch gekleidet ist: Er steckt noch in der Uniform eines Kriegsheimkehrers, die Mütze eines Korporals auf dem Haupt, und ist versehrt: Eine schwarze Augenklappe im Gesicht, und die rechte Hand, die wie zu einer Geste der Verbeugung vor der Frau hinter der Kamera auf der Brust aufliegt, ist unter einem schwarzen Handschuh verborgen. Als Steuermann in der Vordergrundmitte sitzend, in weißem Hemd mit Fliege, bewegt Sigfried Giedion mit leichter Hand derweil das Ruder und hat sein strahlendes Gesicht der von seiner künftigen Frau, Carola Welcker, bedienten Kamera zugewandt. Deren Mutter Mary, eine angeheiratete Amerikanerin, die im Unterschied zur Tochter ihre politischen Hoffnungen auf den Sieg der Reaktion setzte, sitzt mit ebenfalls strahlender Miene dem trotz seiner Verletzungen gelöst, wenn auch etwas zurückhaltender wirkenden Kriegsveteranen gegenüber.

Der an der Spitze des Boots den Steuermann flankierenden, sehr sportlich, wenn auch nicht mehr ganz so studentisch jung wirkende Mann ist ein weiterer Freund aus der Schwabinger Runde: Hans Foitzick, Journalist und künftiger Redakteur des Humor- und Karikaturenblatts Simplicissimus, dessen Schriftleitung er im Dritten Reich übernehmen wird. Noch in der zweiten Nachkriegszeit veröffentlichte er eine Reihe humoristischer Anthologien mit starkem Münchner Lokalkolorit. Da er in De Francescos Korrespondenz als gelegentlicher Ausflugspartner erwähnt ist, war es vielleicht seine Person oder auch jemand anderes aus dem Freundeskreis, der sie in einer Postkarte an die Giedions vom 1. Juni 1940 aus Mailand – zwei Wochen nach Deutschlands Überfall auf Frankreich und dem Kriegseintritt Italiens – zu der Klage veranlasste:

»Bei aller selbstverständlichen Kritik an der Trägheit des Herzens und des Intellekts bei unseren Freunden sag ich mir doch oft: gewisse Dinge kann man auf der Basis unseres Weltbildes eben nicht unternehmen (…) Meine viele, viele Jahre alte Theorie, daß alles verloren war 8 T(a) g(e). nachdem man No. 1 geduldet hatte, denn allein der Umstand, daß man sich mit denselben Mitteln verteidigen muss, führte zur Zersetzung unseres Weltbildes. Punkto Kotzen (…)«

Klar, wer mit No. 1 gemeint war und wer darauf als No. 2 gefolgt war. Doch bleiben wir vorerst noch auf dem Wasser und dem Segeltörn von 1918, der für Grete offenbar damals eine so glückhafte Marke in ihr Leben setzte, dass sie ihr Jahre danach noch abrufbar war: »Bei mir«, schreibt sie Mitte 1925 an Carola Giedion-Welcker, »war die Bresche geschlagen mit der berühmten Segelpartie, denn da hatte ich endlich wieder was für mich getan.« Grete, auch wenn sie – nach dem Zeugnis Dritter – zu jener fragilen Sorte von Frauen gehörte, die sich in Altruismus so sehr verzehren, dass sie darunter bisweilen zusammenbrechen, war, wie ihr Foto als Pendant zum sprühenden Humor ihrer Briefe beweist, ein Schalk, ein weiblicher Pierrot, wenn auch wie alle Pierrots nicht frei von Melancholie.

Und schon gar nicht frei von schwarzem Humor: Siegfried Kracauer, um dessen Berliner wie Frankfurter Hinterlassenschaften De Francesco sich 1933 unermüdlich persönlich kümmert, darunter behördliche, juristische und arbeits- rechtliche Belange, monatelang ungeklärte Fragen über seinen Status bei der Zeitung, Verhandlungen über eine Abfindung und die Schwierigkeiten des Transfers dringend benötigter finanzieller Mittel, und dabei auch noch dessen engste Verwandten, Mutter und Tante, aufklärt, beruhigt und bei Laune hält, wird fast täglich von ihr über den Stand der Dinge unterrichtet – und mit sarkastischen Nachrichten aus dem Nazi-Reich versorgt wie dieser vom Juli 1933 über das Schicksal seiner kleinen soziologischen Schrift »Die Angestellten« (1930):

»Wissen Sie im übrigen, daß ›die Angestellten‹ mit auf dem Scheiterhaufen der Bücher verbrannt worden sind? Ich wollte Ihnen schon lange dazu gratulieren. Aber werden Sie mir nicht übermütig, Sie gehören nicht zu jenen Autoren, die in allen deutschen Städten verbrannt worden sind, nicht einheitlich sind Sie bekannt genug bei den Herrn Gauleitern. Positiv weiß man von der Verbrennung der ›Angestellten‹ in München, Nürnberg, Königsberg und Leipzig. Von Berlin war nichts Sicheres zu erfahren.«

Darüber hinaus war sie nicht nur aus Enthusiasmus und zweifelloser Theaterleidenschaft, sondern auch aus reichem Wissen und gelehrtem Studium – selbst der so gestrenge Theodor Wiesengrund Adorno billigte ihr »spezifische Gelehrtenqualitäten« zu – eine unübertreffliche Expertin für die Commedia dell’arte, deren Lehren sie zuweilen auch als Überlebenselixiere oder um sich der Dummheit der Welt zu erwehren mit auf die Bühne des Lebens selbst nahm. So lesen sich viele ihrer oftmals seitenfüllenden, bis dicht an die Ränder getippten brieflichen Schilderungen wie spritzige, zuweilen auch bitterböse Stegreifkomödien mit verteilten Rollen.

In einem der vielen Briefe an Siegfried Kracauer schildert sie ihr hektisches Bemühen um die Sicherung des Mobiliars, das das Ehepaar bei seiner Flucht aus Berlin am Morgen nach dem Reichstagsbrand dort zurückgelassen hatte, mit surrealem Bilderreichtum: »Durch alle Telephonleitungen (…) stürzten krachend Ihre Möbel auf mein sündiges Haupt.« Oder als charmante Koloratur des Überredens für eher absurde Situationen, bei denen es eigentlich nichts zu lachen gibt: »Löcheln (mit ›ö‹)«. – Oder als Regieanweisung in Parenthese, passend für prekäre Streitgespräche von Frau zu Mann: »(Ich hauchte Augenaufschlag.)« Und um vor lauter Zorn gegen die Ungerechtigkeit der Welt und die Schlechtigkeit der Menschen dennoch seine legitimen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren, rät sie Kracauer, im Zweifelsfall besser gute Miene zum bösen Spiel zu machen:

»Also bitte nur jetzt noch Geduld, Klugheit und Vorsicht und … Komödie! Hoffentlich sind wir bald soweit auf Götz von Berlichingen anzustoßen. (…) Jetzt geh ich zu den lieben Kleinen, habe mein Mundwerk schon geölt.«

Die »lieben Kleinen«, das sind die vor der Briefzensur getarnten Frankfurter ehemaligen Redaktionskollegen, deren Chef Heinrich Simon bei ihr konstant als »der Hirtenknabe« fungiert. Selbst Kracauer muss bei der Lektüre ihrer ebenso spielerisch wie kunstvoll camouflierten brieflichen Mitteilungen zuweilen Verständnisschwierigkeiten einräumen.

Für dergleichen sprachliche Manöver und mimische Verwandlungskünste ist sie Expertin: Mehrere Schwerpunkthefte der als populärwissenschaftliches Tiefdruckmagazin des gleichnamigen Basler Pharmaziekonzerns erscheinenden Ciba-Zeitschrift füllt sie mit den Themen »Wie der Arzt ins Fastnachtsspiel kam« (Nr. 3, Nov. 1933),»Il Dottore – Der Arzt in der Stegreifkomödie und im Puppenspiel« (Nr. 7, März 1934) oder – als kommentierte Anthologie von Märchen aus allen Weltkulturen – »Der Arzt im Märchen« (Nr. 28, Dez. 1935). Sigfried Giedion, obgleich damals »ein wenig abattu und parterre mit den Nerven«, zeigt sich im Frühjahr 1925 dennoch beglückt von der »De Francesco (…), die mir gestern einen sehr sachlichen und inspirierenden Brief über Wiener Theater schrieb«. Ernst Krenek ließ sich von ihr in die Sammlungen und Geheimnisse der Österreichischen Nationalbibliothek einführen, und in seiner Autobiographie erinnert sich der Komponist aus der Zweiten Wiener Schule von Alban Berg und Arnold Schönberg an einen persönlichen Besuch bei De Francesco in Mailand, um sich von dort unter ihrer Begleitung und Anleitung Bergamo zeigen zu lassen, »die legendäre Heimat des Pierrot«.

Ein Lieblingswort Grete De Francescos heißt »Verwandlung«. Es ist ein Wort, das aus dem Märchen kommt: Verwandlungen auf der Bühne, Verwandlungen des Lebens sind immer wiederkehrende Leitmotive auch des Charlatan-Buchs, wobei hier wie dort gilt, was der für sie vorbildliche »L’Anonimo« bereits als Maxime ausgab: »Gespielt wird auf der Bühne der Welt das Leben«. Das Spiel der »Verwandlung« ist das Gegenbild zur starren und vermeintlich unverrückbaren »Grenze«, die sich allen legitimen, wenn auch vielleicht bloß illusorischen Verwandlungswünschen der Menschen – »Verwandlung des Alters in Jugend«, »Verwandlung der Armut in Reichtum« usw. – schroff entgegenstellt und es den Charlatanen überlässt, solche Wünsche, Sehnsüchte und Phantasmen auszubeuten, indem jene ihren Adressaten suggerieren, sie allein seien im Besitz aller Kraft, Macht und Herrlichkeit, solche Wünsche mittels ihrer magischen Zauberkünste und Wunderelixiere Wirklichkeit werden zu lassen.

»Verwandlung«, schreibt Grete als Eingangssatz eines dem Buch von 1937 vorausgegangenen einschlägigen Themenhefts der Ciba-Zeitschrift (Nr. 37, Sept. 1936), »ist das Licht, an dem menschlicher Traum und menschliche Sehnsucht sich entzünden. Verwandlung, Änderung der aus mannigfachen Gründen lastenden Existenzbedingungen, Befreiung von ihnen: Verbesserung.« Licht, Wasser, Luft sind diejenigen Elemente, an denen Grenzen keinen festen Bestand haben, weil sie dort unweigerlich verschwimmen, sich verflüchtigen – so wie es auch im Reich der Poesie keine unüberwindlichen Grenzen gibt, sondern nur kontinuierliches Übersetzen wie auf einer fortwährend von Ufer zu Ufer verkehrenden Fähre.

Grete De Francesco schrieb ebenfalls Gedichte, auch wenn ein auf zweihundert Seiten Dünndruckpapier geplantes, druckreifes Konvolut, das 1933 noch unter ihren Pariser Freunden und Bekannten kursierte, offenbar nicht mehr erscheinen konnte und als Manuskript verschollen ist. Der letzte von ihr festgehaltene Adressat war der italienische Bankier und Diplomat Angelo Donati, der als »Engel der Juden«, wie er genannt wurde, einen kühnen, wenn auch gescheiterten Plan zur Evakuierung der in Südfrankreich von der Deportation in die Vernichtungslager bedrohten Flüchtlinge entworfen hatte.

Von Grete De Francesco überliefert ist immerhin ein bemerkenswertes Prosagedicht. Erschienen war es als Feuilleton in der zugehörigen Rubrik »Unter dem Strich« auf der Titelseite der Frankfurter Zeitung vom 20. Mai 1932. Es trägt die schlichte Überschrift »Grenze« und skizziert bei aller visionären sprachlichen Poesie doch ein sehr reales Gewässer, nach Art des Comer Sees an einer Grenze gelegen, wo Geographie mehrfach zu unmenschlich grausamer Geschichte geworden ist und damals bereits im Begriff war, es noch mehr zu werden: als Grenze und Fluchtweg zugleich zwischen dem totalitären, faschistischen Italien und einer freien, demokratischen Schweiz. Ort und Landschaft fungieren als visionäres Observatorium für die Erkundung und Schilderung ganzer Seelen- und Weltzustände im diffusen Licht ihres Übergangs ins Ungewisse oder auch in die todbringenden Abgründe des Zusammenpralls von Geographie und Geschichte.

Und weil dieses Feuilleton – so wie seine Autorin, die es im Gegenzug selbst gewissermaßen so porträtiert, als sei sie noch immer auf dem Segelboot jenes denkwürdigen Septembertags von 1918 unterwegs und lächelte den Lesern zwischen den Zeilen zu – ein vergessener Text ist, sei es an dieser Stelle vollständig wiedergegeben:

Grenze

von Grete De Francesco

Groß greifen die Bergschatten über den See. Am gegenüberliegenden Ufer breiten sie sich in flachen Bogen den ansteigenden Hängen zu Füßen und die belichteten Dörfer wachsen doppelt hell über ihrer Dunkelheit. Die Bergschatten haben die Grenze überschritten. Denn irgendwo dort in der grünen Wasserferne ist ein Land zu Ende und ein anderes beginnt. Wer weiß, ob die Welle, deren Schaumkamm der Wind dort mitten im See hochspritzen läßt, noch hierher oder schon hinüber gehört? Läuten die Glocken hier Mittag, so geben die Glocken drüben wie im Echo Antwort. Ist es derselbe Mittag dort? – jenseits?

Am Land macht die Grenze sich deutlicher verständlich. Sie setzt die Realität eines wüstenförmigen (?) rosa Hauses und pflanzt auch das Symbol: die Fahne weht von seinem Dach. Uniformen obliegt angemessenes Stöbern. Die Grenze macht am Land, was sie immer im Wasser nicht vermag, daß alles still steht. Autos und Bauernkarren, Radfahrer und Wanderer, nichts kann mehr fortschreiten und man wundert sich daß die Kurven der Straßen weiterlaufen dürfen, ohne angehalten zu werden. Hat der weiße Dampfer den rosa Würfel passiert, dann verschwindet er unter der Bergbachbrücke und wechselt diskret Toilette. Die Fahne von drüben kann nicht mehr voranwehen. Nur mehr das Kielwasser darf sie behüten und an ihrer Stelle flattern andere Farben über den gleichen grünen See. Was vor dem Grenzhaus agiert wird, wirkt wie Puppenspiel. Noch der Ernst nimmt sich nicht ganz ernst und nichts spricht von Gefahr.

Aber nachts wird das unverbindliche Spiel des Wassers, das jedem Grenzgedanken Hohn spricht, nicht mehr geduldet. Der irrealen Linie wird vom irrealen Licht Schärfe abgerungen. Und jetzt erst ist augenblicklich die Kriegsvorstellung da: Mit der Indiskretion eines Graphologen entziffert der Scheinwerfer die nachtdunklen Ufer und die Lichtaugen der bergansteigenden Dörfer schließen sich, enthüllt und geblendet. Ein Lichtfächer wird über dem See entfaltet, zusammengelegt und überraschend nach anderer Seite hin wieder aufgeschlagen. Dann eilen hastige Schritte, wie gehetzt, über das Wasser und wo sie, wie rasch sich hebende Füße den Spiegel berühren, da bleiben fragwürdig-schwebende Luftspuren zurück. Trügerische Pausen täuschen unaufgestörte nächtliche Finsternis vor. Das Boot verändert in dieser Deckung seine Position und unvermutet flattert aus anderer Richtung der helle, langbeinige Sumpfvogel auf. Sein durchsichtiger Lichtleib hüpft in großen Sprüngen über den See, um sich dann plötzlich wieder ins Nest zu schmiegen, der weiten Nacht, für Augenblicke nur, die Herrschaft überlassend.

Licht über Wasser! Steigt da nicht der Gedanke an Hilfe und Zuflucht, an Friede auf? Denkt man nicht an Leuchttürme, deren Lichtfächer die Luft des Hafens in ihren Falten tragen und sie hinüberbringen zu denen, die draußen heiß und angstvoll suchen? Schutz und Kühlung: Ruhe, das ist die Sendung des Lichtes. Aber Irrlicht ist der gespenstische Sumpfvogel, der hell über den See stelzt, selbst nichts als Luft, eine fließende Grenze zu hüten. Nach Menschen, deren Leben und Glückseligkeit daran hängt, in ihrem Boot sich hinüberzuretten in die Nacht der Freiheit, hackt er grausam und präzise mit seinem durchleuchteten Nebelschnabel.

Der Schutzpatron des kleinen Grenzortes ist San Christoforo. Seine Last wird schwerer und schwerer, je näher die watenden Beine der Linie der Willkür kommen. Streckt die Hand über seiner Schulter sich aus, den Geistervogel zu tauchen, das hüpfende Irrlicht zu löschen? Soll Licht wieder zu Licht und Wasser wieder zu Wasser werden?

aus:
„Die Macht des Charlatans“, Grete De Francesco, ISBN: 978-3847704348, Die andere Bibliothek, Berlin 2021

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Kommentare


Ralf Rath - ( 13-06-2021 06:43:50 )
Im Jahr 1937 schreibt Max Horkheimer in dem berühmten Aufsatz mit dem Titel "Traditionelle und kritische Theorie" zur Frage der auch heute noch immer unter der Bevölkerung zunehmend diffundierenden Scharlatanerie: "Unter den Verhältnissen des Spätkapitalismus und der Ohnmacht der Arbeiter gegenüber den Unterdrückungsapparaten der autoritären Staaten ist die Wahrheit zu bewunderungswürdigen kleinen Gruppen geflüchtet, die, unter dem Terror dezimiert, wenig Zeit haben, die Theorie zu schärfen. Die Scharlatane profitieren davon, und der allgemeine intellektuelle Zustand der großen Massen geht rapide zurück". Daraus lässt sich schließen, dass nicht kollektive Lösungen als vielmehr die individuell betriebene Durchdringung der Wirklichkeit jeweils den Umschlag einer falschen Praxis zugunsten einer richtigen zeitigt. Letztlich brechen sich im Angesicht der fortgeschrittensten und vom Einzelnen gewonnenen Erkenntnis sämtliche dadurch zum bloßen Meinen herabgesunkenen Ideologien. Theodor W. Adorno bezeichnete in der letzten Vorlesung vor seinem Tod solch einen historischen und sozialen Kontext als "etwas unbeschreiblich Hoffnungsvolles". Wenn also gegenwärtig im Zeichen des Umbruchs in hochentwickelten Industriegesellschaften von Arbeitsprozessen im Kontext veränderter Steuerung die Rede ist, könnte der objektive Konflikt, den jeder Mensch stets in sich auszutragen hat, auf diese Weise nicht besser auf den Begriff gebracht sein.

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erstellt am 03.6.2021
aktualisiert am 07.6.2021

„Daß er die Lüge nicht mehr als Lüge, und wenn auch nicht als Wahrheit, so doch als Wahrheitsersatz zu präsentieren verstand, darin war die Macht des Charlatans begründet.“ Die österreichisch-jüdische Schriftstellerin Grete De Francesco, die im Februar 1945 im KZ Ravensbrück umgebracht wurde, schrieb dies im Blick auf die Wunderheiler und Quacksalber aus der Vergangenheit wie die falschen Propheten, populistischen Demagogen und politischen Diktatoren ihrer Gegenwart. Ihr erstmals 1937 in Basel erschienenes Buch „Die Macht des Charlatans“ gilt seither als Standardwerk zur Geschichte und Phänomenologie der Erzeugung von Hokuspokus, faulem Zauber und propagandistischen Halbwahrheiten jedweder Couleur. In der „Anderen Bibliothek“ ist das Buch jetzt wiederveröffentlicht worden, begleitet von einem Essay von Volker Breidecker, der die Biographie dieser verfemten, verfolgten und auch von der Exilforschung vergessenen Autorin und europäischen Intellektuellen recherchiert hat. Hier zu lesen ist ein Kapitel daraus und ein im Frühjahr 1932 in der „Frankfurter Zeitung“ erschienenes Feuilleton der Grete De Francesco mit dem Titel „Grenze“ zum heute ebenfalls virulenten Thema von Gewässern, Meeren und Flüssen, die für Flüchtlinge zu Todesfallen werden.

Buchcover „Die Macht des Charlatans“, Grete De Francesco, Die andere Bibliothek, Berlin 2021

Grete De Francesco
Die Macht des Charlatans
Mit einem biographischen Essay von Volker Breidecker
Gebunden, 456 Seiten
ISBN: 978-3847704348
Originalausgaben, Bandnr. 434
Verlag AB – Die andere Bibliothek, Berlin 2021

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