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Die ersten Universitäten wurden gegründet, um einen geschützten Raum für die Parrhesia, die Redefreiheit zu schaffen, die den angstfreien Austausch zwischen den Fakultäten und die interdisziplinäre Diskussion ermöglicht, die von der dogmatischen und lebensbedrohenden Kirchenpolitik unterbunden war. Weil heute die freie Diskussion zunehmend nur noch außerhalb der Universitäten stattfinden kann, wurde das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit aufgebaut. Cinzia Sciuto sprach mit einer der Gründerinnen, der Historikerin Sandra Kostner.

Cinzia Sciuto im Gespräch mit Sandra Kostner

Ideologie in der Universität

Über 400 Wissenschaftler haben sich bereits dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit angeschlossen, das vor kurzem gegründet wurde. Ziel ist es, das Klima der Einschüchterung anzuprangern, das die akademische Welt in den letzten Jahren zunehmend unterdrückt hat, und die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung zu fördern. Wir sprechen über diese Initiative mit einer ihrer Gründerinnen, der Historikerin Sandra Kostner, Geschäftsführerin des Masterstudiengangs “Interkulturalität und Integration” und Diversitätsbeauftragte der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd.

Cinzia Sciuto: Frau Kostner, was bedroht heute die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung in einem demokratischen europäischen Land wie Deutschland?

Sandra Kostner: Klassischerweise denkt man, dass Wissenschaftsfreiheit vom Staat oder staatlichen Akteuren eingeschränkt wird. Da haben wir vielleicht in Europa gewisse Probleme, wenn man an Ungarn denkt. Aber in Deutschland und in den meisten wirklich freiheitlich verfassten Staaten Europas ist der Staat nicht das Problem. Es gibt aber einzelne Akteure im Wissenschaftssystem selbst, die ihre eigene Agenda verfolgen. Es gibt natürlich immer Menschen, die sich mit dem Freiheitsgebrauch anderer schwertun. Was wir aber in den letzten zehn Jahren immer mehr gesehen haben, ist das Auftreten von „Agenda Wissenschaftlern“, wie ich sie nenne. Das sind Wissenschaftler, die Forschung und Lehre in erster Linie als Mittel sehen, um ihre Weltanschauung zu verwirklichen und die Gesellschaft entsprechend ihres Weltbildes zu gestalten. Da es immer darum geht, Gesellschaft in ihrem Sinne zu gestalten, sieht man diese „Agenda Wissenschaftler“ natürlich besonders in den entsprechenden Fachdisziplinen, die schon immer eine gewisse Ideologieanfälligkeit hatten – Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften. Es sind aber auch andere Fachbereiche betroffen. Ein Thema, an dem sich das ganz stark entzündet, ist z. B. die Frage über das Geschlecht. Biologen werden inzwischen stark angefeindet, wenn sie sagen, dass es biologisch nachgewiesen ist, dass es eben zwei Geschlechter gibt: XX und XY. Es gibt zudem intersexuelle Menschen, das ist aber sehr selten. Das ist die biologische Verteilung, die aber denjenigen nicht passt, die sagen möchten: „Gender muss komplett frei sein, jeder kann sich das einfach wählen, wie er will.“ Für die stellt die Biologie ein massiver Angriff auf ihre Ideologie dar. Und sie wissen genau, dass ihre Ideologie nicht haltbar ist, weil die Biologie die besseren Beweise hat. Da sie Biologie nicht mit Argumenten schlagen können, diskreditieren sie die Biologen moralisch, indem sie sagen, sie seien Sexisten, Rechte oder gleich Rassisten. Die ganzen typischen Labels, die dann kommen. Und auf diese Art und Weise wird das Forschungsklima an den Universitäten vergiftet. In den betroffenen Fachbereichen haben dann Studierende, aber auch Wissenschaftler, Angst, ihre Meinungen frei zu äußern, weil sie denken, es kann gefährlich für ihre Karriere sein. Im Laufe der letzten Jahre haben mir auf Artikel viele Studierende geschrieben, dass sie Angst haben, frei zu argumentieren, weil sie dann befürchten, eine schlechte Note zu bekommen, dass sie denken, sie müssten bestimmte Autoren zitieren, um gute Noten zu bekommen usw. Das wird natürlich in der Regel so offen nicht gesagt. Da entsteht einfach ein Klima der Unfreiheit. Und das ist dieses Klima der Unfreiheit, was von den Akteuren des Wissenschaftssystems selbst ausgeht, worauf wir jetzt den Fokus legen möchten und wir möchten auch, dass die Öffentlichkeit ihre Aufmerksamkeit darauf richtet.

Können Sie konkrete Beispiele nennen, in denen diese Freiheit bedroht wurde?

Ich nenne jetzt keinen Namen, weil, wenn man Namen nennt, dann werden diese Menschen besonders in den Fokus gerückt und angegriffen. Deshalb nehme ich jetzt nur die Muster. Wenn Wissenschaftler zum Beispiel Publikationen bei Fachzeitschriften zur Begutachtung einreichen, werden diese abgelehnt, weil die der ideologischen Linie der Zeitschrift nicht entsprechen. Das ist natürlich immer schwer nachweisbar. Normalerweise berichten diejenigen dann: „Ich weiß natürlich nicht hundertprozentig, dass meine Publikation aus ideologischen Gründen abgelehnt wurde. Aber ich sehe, was sonst da publiziert wird, und meine war tatsächlich empirisch besser, sie war richtig gut. Sie hat halt an irgendeiner Stelle gegen die Ideologie verstoßen.“ Oder wenn sie nicht gleich abgelehnt wird, dann muss sehr viel nachgearbeitet werden und die richtigen Autoren müssen zum Beispiel eingearbeitet werden.

Andere Auswirkungen sehen wir bei den Drittmitteln. Die Ethnologin Susanne Schröter von der Goethe-Universität, die bei uns im Netzwerk dabei ist, hat im Mai 2019 eine Konferenz zum islamischen Kopftuch veranstaltet, zu der sowohl Befürworterinnen als auch Gegnerinnen eingeladen wurden. Sie hat öffentlich gesagt (deshalb kann ich jetzt auch offen ihren Namen sagen), dass es für sie seitdem viel schwieriger ist, Drittmittel zu bekommen. Da kann man natürlich sagen, dass die Anträge urplötzlich schlechter geworden sind. Wahrscheinlich ist das aber nicht bei einer gestandenen Forscherin. Sie werden einfach auf einmal mit anderen Augen gelesen.

Sie arbeiten im Bereich der Migrations- und Integrationsforschung, der ziemlich betroffen ist. Haben Sie persönlich Druck erlebt?

Bei mir hält es sich in Grenzen, weil ich an einer Pädagogischen Hochschule in einer eher ländlichen Region Schwabens arbeite. Da sind nicht so viele Ideologen im nahen Umfeld, und das hilft. Wenn ich allerdings an einer Berliner Universität wäre, wäre das komplett anders. Aber ich habe auch hier meine Erlebnisse gehabt. Im Herbst 2017 habe ich eine Ringvorlesung organisiert und einen Referenten eingeladen, der zum Thema Freiheit und Selbstbestimmung im Islam gesprochen hat. Und er hat an einer Stelle natürlich auch über das Kopftuch gesprochen. Er sprach dann erst mal darüber, wie sich das mit dem Kopftuch entwickelt hat, von der Zeit vor Mohammed, während der Zeit Mohammeds und eben bis heute und sagte dann noch drei Sätze, und ein Satz hat sich relativ gut eingebrannt: Wenn eine erwachsene Frau freiwillig das Kopftuch trägt, muss man das natürlich akzeptieren. Sie soll sich aber dann immer bewusst sein, dass sie damit auch das Patriarchat auf der Schulter trägt. Und er finde das bei Lehrerinnen aufgrund der staatlichen Neutralität nicht akzeptabel. Daraufhin stand eine Kopftuch tragende Studentin auf und verließ aus Protest den Raum. Es war natürlich ihr Recht, aber nicht besonders reif, und es war schade. Sie kam vier Wochen später zu mir. Ich kannte sie bis dahin gar nicht. Es war eine hochschulöffentliche Veranstaltung. Sie teilte mir mit, dass sie Strafanzeige wegen Volksverhetzung gegen den Referenten gestellt hätte. Sie hat mir ganz offen gesagt, dass sie ursprünglich gegen mich vorgehen wollte, weil ihr Ziel war zu verhindern, dass noch einmal irgendjemand in die Hochschule eingeladen wird, der das Kopftuch kritisiert. Wohlgemerkt, es war ein Vortrag, zu dem sie freiwillig gekommen ist. Aber sie behauptete, sie hätte ein Recht auf ein diskriminierungsfreies Studium. Das bedeute für sie, keine Kritik am Kopftuch an der Hochschule hören zu müssen.

Ich spiele jetzt des Teufels Advokat: Worin liegt das Problem, wenn man die Universität auffordert, sensibler mit bestimmten Gruppen umzugehen, die diskriminiert wurden und noch werden, wie Frauen, Muslime, LGBT?

Das Problem ist, dass in einem funktional differenzierten System wie in unseren Gesellschaften die Universitäten eine klare Funktion zu erfüllen haben. Und diese Funktion ist nur durch freies Denken zu haben, und freies Denken ist nicht ohne Zumutungen zu haben. Universitäten sind der Marktplatz von Ideen, Innovation, Kreativität. Und das wird verhindert, wenn vieles von Anfang an nicht mehr gesagt werden kann, weil jemand verletzt werden könnte. Natürlich spricht nichts gegen Sensibilität. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die wie die Axt durch den Wald laufen und versuchen, möglichst viel Schaden anzurichten. Ganz im Gegenteil. Aber es geht letztendlich inzwischen auch gar nicht mehr um Sensibilität, sondern um Macht. Man merkt, man kann durch eine Form des moralischen Drucks die ganze Gesellschaft erpressen. Und es ist ja auch eine unglaubliche Willkür, weil meine verletzten Gefühle gar nicht nachprüfbar sind. Die Wissenschaften sind darauf ausgelegt, dass alles nachprüfbar sein soll. Aber subjektive Gefühle sind das Gegenteil von überprüfbarem Wissen. Das heißt, es passt nicht in dieses System hinein. Manche versuchen – ich sage das jetzt bewusst provokativ – die Universitäten in eine Form von Therapiezentrum zu verwandeln. Aber das ist nicht ihre Funktion in unserer Gesellschaft. Genauso wie es nicht die Funktion von Therapiezentren ist, Innovation und Wissen zu generieren.

Besteht nicht die Gefahr, dass manche Forschungen von Rechten ausgenutzt werden? Ist das nicht ein Problem, dem sich die Forscher stellen müssen?

Die Freiheit endet schon in dem Moment, in dem ich mich frage, wer könnte was mit der Forschung anstellen, die ich mache. Das ist der falsche Ansatz. Und vor allem ist es ja auch ein sehr politisches Argument, weil es immer nur in eine Richtung geht: Was könnten die Rechten instrumentalisieren? Aber in Deutschland wie auch in den meisten anderen westlichen Ländern ist, was den Wissenschaftsbetrieb betrifft, der Anteil der rechten Forscher extrem klein. Das heißt, dass innerhalb des Systems die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass die Forschung für rechte Politik benutzt wird. Da die meisten „Agenda Wissenschaftler“ von links kommen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Forschung von links instrumentalisiert wird, viel höher. Aber ich würde ihnen nie vorwerfen, dass sie in diese Richtung nicht forschen sollten oder sich überlegen sollten, dass sie damit Linksextreme stärken könnten, weil damit schon die Vermischung von Wissenschaft und Politik beginnt. Und ich finde, wir müssen versuchen, diese Systeme soweit als möglich separat zu halten, weil sonst zu viele Fremdwährungen ins System hineinkommen. Die einzige Währung der Wissenschaft muss Erkenntnis sein.

Die sogenannten Geistes- und Sozialwissenschaften haben keinen definierten epistemologischen Status wie die Naturwissenschaften. In Fächern wie Soziologie, Anthropologie usw. sind ideologische und politische Elemente unvermeidlich, nicht wahr?

Ich finde, man kann auch ideologiefrei in Sozialwissenschaften forschen. Wir sind alle, wie Max Weber schon vor hundert Jahren ausgeführt hat, Kinder unserer Zeit und dadurch tragen wir natürlich auch eine Brille unserer Zeit und sind davon nicht frei. Das zu reflektieren ist immer wichtig. Natürlich forscht man nicht mit einer absoluten Objektivität, aber es ist doch ein großer Unterschied, ob ich ganz bewusst mein Forschungsfeld benutze, um meine eigene politische Vision zu verwirklichen. Ich sage immer: Wer seine politische Vision verwirklichen will, soll in die Politik gehen. Stattdessen nutzen diese Agenda-Wissenschaftler die Autorität der Wissenschaft, um politische Ziele zu verwirklichen. Und damit schaden sie auch der Autorität der Wissenschaft als solcher. Gerade bestimmte Fachrichtungen (wie auch meine eigene, die Migrationsforschung) sind in nicht geringen Teilen der Öffentlichkeit komplett diskreditiert, weil in der Öffentlichkeit vor allem immer diese ideologischen Positionierungen wahrgenommen werden. Es gibt aber gar nicht so wenige Migrationsforscher, die diese Agenden nicht verfolgen, die einfach möglichst sauber ihre empirische Arbeit und tolle Studien machen, die aber ganz wenig wahrgenommen werden.

Und hier spielen die Medien eine große Rolle…

Die Medien sind immer an bestimmten Themen interessiert, denn Medien haben ja selbst auch Positionierungen. Dies zeigt sich natürlich nicht in allen Medien, aber doch in einem gewissen Teil der Medien, die dann sehr schnell auch auf diesen Zug aufspringen. Man sieht auch bei Medien, wie sie inzwischen oft zwischen jüngeren und älteren Mitarbeitern zerrissen sind. Die Jüngeren kommen oft aus Studiengängen, in denen sie mit keinem Realitätssinn ausgestattet, aber mit Ideologie gefüttert wurden – denken wir z. B. an die ganze postkoloniale Rhetorik. Also die haben eigentlich ein Studium in einem ideologischen Vollwaschgang durchlaufen und versuchen, das auch in den Medienhäusern umzusetzen. Die arbeiten mit dem, was sie in den Unis gelernt haben, und zwar mit einem gewissen moralischen Überwältigungsmodus. So funktioniert das häufig, und dann knicken Leute ein. Und da ist auch ein Machtgefühl, das entsteht. Und das zerreißt ganze Redaktionen. Also sind da so viele Prozesse, die miteinander verbunden sind. Dann werden diese Themen und oder diese Ideologien auf einmal in den Medien auch größer und erscheinen wichtig. Und die Politik greift das ja wieder auf. Die reagiert darauf und denkt: „Ah, die Leitmedien finden das gut. Also die veröffentlichte Meinung kommt uns hier entgegen, wenn wir als Politiker in diese Richtung arbeiten.“ Zudem gibt es Wechselbeziehungen zwischen Politik und Wissenschaft. Wissenschaftler sind auch Opportunisten, vor allem in einem Drittmittel-System. Da schaut man, wo man Forschungsgelder akquirieren kann. Gerade Forschungsprogramme, die von Ministerien ausgeschrieben werden, erlauben der Politik, Wissenschaft in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die Politik wiederum nutzt diese vorstrukturierten Forschungsergebnisse, um ihr Handeln „wissenschaftlich abzusichern“.

Das Klima, das sie beschrieben haben, entstand innerhalb der Universitäten: Wie finden wir einen Ausweg?

Ja, das ist ein Problem, das innerhalb des akademischen Systems entstanden ist, aber Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft hat. Man könnte ja sagen: Was wollen die in ihren Elfenbeintürmen? Aber wir sind kein Elfenbeinturm. Wir bilden die Leute aus, die später gerade in die Schlüsselpositionen der Gesellschaft – in die Medien oder in die Politik – gehen und die Gesellschaft entsprechend verändern. Die Universitäten sind der Ausgangspunkt und müssen letztendlich auch der Ausgangspunkt der Reliberalisierung sein. Also da ist eine Illiberalisierung passiert und die Reliberalisierung muss auch aus den Universitäten kommen. Das heißt also, das Problem, das wir in den Universitäten erzeugt haben, können wiederum auch nur Akteure aus der Universität wirklich lösen.

Die Fragen stellte Cinzia Sciuto.

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Kommentare


Matthias Schulze-Böing - ( 27-05-2021 01:52:39 )
Sehr guter und wichtiger Beitrag!

Joachim Petrick - ( 27-05-2021 01:56:54 )
Danke

Sandra Kostner: Klassischerweise denkt man, dass Wissenschaftsfreiheit vom Staat oder staatlichen Akteuren eingeschränkt wird. Da haben wir vielleicht in Europa gewisse Probleme, wenn man an Ungarn denkt. Aber in Deutschland und in den meisten wirklich freiheitlich verfassten Staaten Europas ist der Staat nicht das Problem. Es gibt aber einzelne Akteure im Wissenschaftssystem selbst, die ihre eigene Agenda verfolgen."

Da staunt der Laie, der halbwegs Eingeweihte schaut betroffen, denn weiter unten dementiert Sandra Kostner sich selber, wenn sie sagt:

"Zudem gibt es Wechselbeziehungen zwischen Politik und Wissenschaft. Wissenschaftler sind auch Opportunisten, vor allem in einem Drittmittel-System. Da schaut man, wo man Forschungsgelder akquirieren kann. Gerade Forschungsprogramme, die von Ministerien ausgeschrieben werden, erlauben der Politik, Wissenschaft in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die Politik wiederum nutzt diese vorstrukturierten Forschungsergebnisse, um ihr Handeln „wissenschaftlich abzusichern“.

Der Wissenschaftsbetrieb atmet längst nicht mehr die Freiheit der Forschung, Rede, Gegenrede, mit seinen staatlich alimentierten Exzellenz Universitäten, dafür stehen epochal einschneidende Sündenfälle, in denen sich Wissenschaft als Institution um ihren Nimbus gebracht, patriotisch auf allen Seiten 1. Weltkrieges freiwillig unter Kommando von Militärs stellte, u. a. Fritz Haber (1868-1934) 1918 Nobelpreisträger für Chemie (Haber-Bosch Verfahren, Ammoniaksynthese einerseits zur Herstellung von Dünger, andererseits Grundlage zur Herstellung Massenvernichtungsmittels Senfgas und Anwendung an der Westfront unter Habers Anleitung), das "Manhattan Projekt" USA zur Atombomben Herstellung 1941-45 unter wissenschaftlicher Leitung von Atomphysiker Robert Oppenheimer (1908-1967), Edward Teller (1908-2003) Abwurf 6.8., 9.8.1945 auf Hiroshima, Nagasaki, Japan auf Befehl US Präsident Harry S. Truman während Potsdamer Konferenz, obgleich Japan um Waffenstillstand ersuchte, um vor Weltöffentlichkeit sonders in USA horrende Projektkosten desinformierend durch Abwürfe als kriegsentscheidend begründen zu können.
Anders als beim Literaturnobelpreis, u. a. George-Bernhard Shaw 1920, Jean-Paul Sartre 1964, gab es bis heute keinen Wissenschaftler*n der, die den Nobelpreis der Rüstungsfirma Nobel AG Schweden, vormals Geesthacht an der Elbe, für Naturwissenschaft als ideologisch unannehmbar zurückgewiesen hat.

"Wenn eine erwachsene Frau freiwillig das Kopftuch trägt, muss man das natürlich akzeptieren. Sie soll sich aber dann immer bewusst sein, dass sie damit auch das Patriarchat auf der Schulter trägt. Und er finde das bei Lehrerinnen aufgrund der staatlichen Neutralität nicht akzeptabel"

So apodiktisch statt in Frage formuliert, klingt das für mich unwissenschaftlich ideologisch gefärbt.

"– ich sage das jetzt bewusst provokativ – die Universitäten in eine Form von Therapiezentrum zu verwandeln. Aber das ist nicht ihre Funktion in unserer Gesellschaft. Genauso wie es nicht die Funktion von Therapiezentren ist, Innovation und Wissen zu generieren."

So kategorisch statt fragend, sage ich nur, Hochmut angemaßter Wissenschaftsrede kommt vor ihrem Fall, auch in Therapiezentren wird auf besondere Weise klientenzentriert Innovation, Wissen im Einzelfall generiert. Wenn Universitäten angeblich zu Therapiezentren werden, sollte das zu Fragen führen von Forschung nach Gründen und nicht durch provokante Statements abgetan sein?

"Die Freiheit endet schon in dem Moment, in dem ich mich frage, wer könnte was mit der Forschung anstellen, die ich mache. Das ist der falsche Ansatz."

Nach oben beschriebener Auswahl an Wissenschaftsbetrieb Sündenfällen, gibt es diese reine Wissenschaft nicht mehr bei Fragen ihrer Anwendung "cui bono" z. B. sog. friedlicher Nutzung Kernernegie bei heute global AKWs zur Stromerzeugung an über 400 Standorten, deren abgebrannte Brennstäbe als Abfall waffenfähiges Plutonium hinterlassen. Da geht es ganz besonders für Wissenschaften um Verantwortungsprinzip, das sich zumindest mit Göttinger Erklärung 1957 der 18 Atomphysiker voran Carl-Friedrich von Weizsäcker (1912-2007), Werner Heisenberg (1901-1976) Gehör verschafft, indem die 18 Verpflichtung eingehen, niemals selber an Atombombenbau beteiligt sein zu wollen, aber die zivile Kernenergie Nutzung propagierten, wohl um deren Gefahren wissend, diese aber verschwiegen, um Drittmittelgelder für Versuchsreaktoren ihrer Institute fern von Bonn bei der Bundesregierung Konrad Adenauer (1876-1967) in Bonn zu generieren, ohne die Siegermächte USA, UdSSR, England, Frankreich gegen sich aufzubringen.

"Wer seine politische Vision verwirklichen will, soll in die Politik gehen. Stattdessen nutzen diese Agenda-Wissenschaftler die Autorität der Wissenschaft, um politische Ziele zu verwirklichen. Stattdessen nutzen diese Agenda-Wissenschaftler die Autorität der Wissenschaft, um politische Ziele zu verwirklichen."

Von denen, die es öffentlich tun, wissen wir es, was ist mit denen, die in Hintergrundnetzwerken zwischen Wissenschaftsbetrieb Politik, Wirtschaft seit Jahrzehnten global verdeckt wechselseitig Agenda Lobbyarbeit für uberdimensionierte Großprojekte zulasten von Staatshaushalten vieler Länder treiben im kalten Krieg 1948-1989 und danach bis heute u. a. bei der Carbonisierung der Industrie, Mobilität, Verkehrssysteme?

"Das heißt also, das Problem, das wir in den Universitäten erzeugt haben, können wiederum auch nur Akteure aus der Universität wirklich lösen."

Also doch Wissenschaftsbetrieb als Täter, Opfer zugleich im Elfenbeinturm sui generis?


Matthias Schulze-Böing - ( 28-05-2021 01:58:50 )
Sehr guter und wichtiger Beitrag!

Paul Pfeffer - ( 29-05-2021 12:46:26 )
Herzlichen Dank an Sandra Kostner und Cinzie Sciuto für das erhellende Interview. Der Begriff "Agenda-Wissenschaft" charakterisiert das Problem sehr treffend.

Als Autor, Verleger und Sprachwissenschaftler kenne ich das Problem, wenn ich (vor allem im Netz) als Kritiker des Genderns auftrete. Ich habe die Entwicklung des Feminismus seit Ende der 60er Jahre und die der "feministischen Linguistik" seit Ende der 70er Jahre mit Sympathie und Kritik begleitet, anfangs mit mehr Sympathie als Kritik, inzwischen mit sehr viel mehr Kritik als Sympathie. Warum? Weil die "feministische Sprachwissenschaft" zur Agenda-Wissenschaft geworden ist. Sie war es von Anfang an, aber das zeiht Kreise. "Feministische Linguistik" ist vergleichbar mit "katholischer Mathematik" und das Gegenteil von ergebnisoffener Wissenschaft. Die Akteure verstehen sich als Aktivisten für eine bestimmte Agenda und benutzen die Wissenschaft, um ihre Agenda zu propagieren.

Die politische - in dem Fall feministische - Agenda wird über den Gegenstand - die Sprache - gestellt. Das Sprachsystem soll als Vehikel zur Propagierung einer Ideologie benutzt werden. Ich bin inzwischen ein erklärter Gegner des Genderns. Die Sprachfeministinnen tun so, als sei die Sprache (sogar die Grammatik) ihr Eigentum, an der sie nach Belieben herumschrauben können. Gendern ist bei Licht betrachtet undurchdachter Aktionismus am ungeeigneten Objekt. Für das Ziel der Geschlechtergerechtigkeit ist es kontraproduktiv, weil es unnötigen Widerstand und Ablehnung provoziert, Ressourcen für die wirklich wichtigen Vorhaben in Richtung Gleichberechtigung abzieht und die Sprachgemeinschaft spaltet.

Letztich geht es aber nicht um Gender-Sternchen & Co., sondern um Macht und Deutungshoheit.

Das Problem ist, dass viele Absolventen der Unis inzwischen an einer Wahrnehmungsverzerrung leiden, die ich die "Gender-Brille" nenne. Im Fall der Sprache führt das dazu, dass alles, was an der Sprache "männlich" klingt und aussieht, bekämpft wird. Die unmarkierte, sexusneutrale Sammelform (generisches Maskulinum) wird zum Feindbild erklärt. Das ist durch sprachwissenschaftliche Befunde nicht gedeckt, was die Protagonisten aber nicht zu stören scheint. Auch dass bei repräsentativen Umfragen jedes Mal eine solide Mehrheit (2021: 65%) der Sprachgemeinschaft das Gendern ablehnt, scheint die Genderfraktion nicht zu stören.

Ich wünsche mir mehr Stimmen wie die von Sandra Kostner, die das Problem präzise benennen. Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass wir in den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften einen gefährlichen Weg einschlagen, wenn wir den Ideologen nicht konsequent entgegentreten.

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erstellt am 26.5.2021
aktualisiert am 27.5.2021

Sandra Kostner (Foto: Sandra Kostner)

Sandra Kostner (Foto: privat)