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Jacke wie Hose – selbstverständlich kleiden wir uns in Stoffe, ohne lange darüber nachzudenken, woher die kommen. Nach der Lektüre des Buches „Die Welt der Stoffe“ von Kassia St. Clair könnte sich das ändern. Nach dem Eindruck von Gudrun Braunsperger hat die britische Autorin eine faktenreiche Sozialgeschichte der Textilien geschrieben.

Kassia St. Clairs »Die Welt der Stoffe«

Ketten und Schüsse

Kassia St. Clair
Kassia St. Clair

Wir kleiden uns in Stoff, schlafen in Stoff, schreiten über Stoff. Seit der Vertreibung aus dem Paradies verhüllt die Menschheit ihre Nacktheit. Das Vlies, mit dem sie diese bedeckt, ist vielgestaltig, und die Kulturgeschichte der Textilien, so wie sie von der britischen Autorin Kassia St. Clair über „Die Welt der Stoffe“ erzählt wird, offenbart auch die Qualität dieses Sündenfalls. In Pelz oder in flauschige Wolle gehüllt, in Damast oder Musselin drapiert, mit Gore-Tex ausgestattet, von Viskose oder Nylon kaschiert: Darunter verbirgt sich der Eroberungsdrang des Menschen, dessen Eitelkeit, Streben nach Ansehen, Macht und Gewinn.
Eine Entdeckungsreise durch die Welt der Stoffe bietet die Bekanntschaft mit alten Kulturtechniken wie der Seidenraupenzucht oder der Kultivierung von Flachs, aus dem sich Garn spinnen und Leinen weben lässt, die Recherchearbeit der Journalistin St. Clair präsentiert aber auch erschütternde Details zu den Kollateralschäden, die die Textilindustrie um ihrer Profitgier willen in Kauf nimmt: menschenverachtende Arbeitsbedingungen, Gesundheitsschäden und fortdauernde Umweltkatastrophen.

In der jahrtausendealten Tradition der Stoffherstellung hat sich der menschliche Sinn für Ästhetik in innovativen Moden ausgedrückt, Kulturtechniken wurden perfektioniert und die künstlerische Produktivität gesteigert. Das Handwerk mit der Nadel, dem Spinnrocken oder den Klöppeln war ausschließlich Frauen vorbehalten, sie trugen damit zu einem wesentlichen Teil zum Haushaltseinkommen bei, zugleich offenbart sich gerade auch hier die Ungleichbehandlung der Geschlechter. Frauen verfügten etwa über keinerlei Organisation in den mittelalterlichen Gilden und konnten den Marktwert ihrer Arbeit nicht verteidigen. Die Unsichtbarkeit dieses weiblichen Tätigkeitsbereichs bildet sich bereits in urgeschichtlicher Dokumentation ab. Der erste Beleg gefärbter Pflanzenfasern wurde in der Höhle von Dzudzuana im Kaukasus gefunden, sie sind zwischen 32.000 und 19.000 Jahre alt. Über Stoff, der zu Staub geworden ist, lässt sich allerdings nichts erzählen, weshalb mit der Steinzeit, Bronzezeit oder Eisenzeit von Männern erzeugte Waffen, Werkzeuge oder Schmuck assoziiert werden, da die archäologische Wissenschaft sich für das interessiert, was erhalten geblieben ist.

„Die Spitzenklöpplerin“ (Jan Vermeer). Bild: Musée du Louvre, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10289009
„Die Spitzenklöpplerin“ (Jan Vermeer)

Ein großes Verdienst von St. Clairs Darstellung ist es, Leerstellen in der Geschichte der Menschheit zu füllen, indem sie sie um ein weibliches Narrativ ergänzt und mit überraschenden Auskünften anreichert. Etwa das, was sie rund um Vermeers Gemälde „Die Spitzenklöpplerin“ erzählt: Die Herstellung des Luxusguts Spitze durch weibliche Arbeitskraft führte in manchen Regionen Frankreichs oder Flanderns zu einem Mangel an Dienstboten, zur Schau gestellt wurde die Spitze jedoch weit öfter von prestigebewussten Männern, die diese am Kragen, an Handgelenken und am Bund ihrer Kniehosen trugen. Die Extravaganz von Herrschern wie Ludwig dem XIV. und deren unermessliche Gier nach Luxusware kurbelte die Produktion und den Export von Technologie und Arbeitskraft über Grenzen hinweg an, provozierte aber auch Wirtschaftskrisen.

Seit vielen Jahrhunderten ist die Textilproduktion ein Wirtschaftsfaktor und ein früher Motor der Globalisierung, damit aber auch ein Schauplatz von Macht und Herrschaft. Die Theorie, dass die Wikinger ihre Eroberungszüge bis nach Amerika ausgedehnt hätten, um sich neue Weideflächen für ihre Wollproduktion zu erschließen, klingt ebenso originell wie plausibel. Die wasserabweisenden Wollsegel ihrer Handelsschiffe wurden aus dem Produkt einer alten Schafrasse gefertigt. Um ein Frachtschiff samt Crew auszurüsten, benötigte man 200 Kilo Wolle und 10 Jahre Arbeit.

Die Handelsroute der Seidenstraße, über die das kostbare Gut samt dem Geheimnis seiner Produktion weltweit verbreitet wurde, hat bis heute ihre geopolitische Bedeu-tung nicht verloren, Ideen und Kulturen verschmolzen miteinander, der Buddhismus wurde etwa auf diesem Weg exportiert. Wie Klöppelspitze blieb Seide dem wohlhabenden Teil der Gesellschaft vorbehalten und wurde zum sichtbaren Ausdruck von Macht, kritische Stimmen im alten Rom sahen in der Ankunft der Seide ein Zeichen des Niedergangs.

Am Beispiel der Baumwolle, die die industrielle Revolution befeuerte und ein Modell für landwirtschaftliche Monokulturen schuf, lässt sich zeigen, in welchem Ausmaß Profit optimierende Prozesse ins Werk gesetzt wurden, an deren Ende die Fast Fashion des 21. Jahrhunderts steht. Seit der Erfindung der Dampfmaschine gierten aufstrebende Industriebetriebe in Zentren wie Manchester nach Rohstoffen, die auf von Sklaven bearbeiteten amerikanischen Plantagen angebaut wurden. Afrikanische Menschenhändler wiederum ließen sich für die Bereitstellung ihrer Ware mit einem Teil der Produktion bezahlen, mit hochwertigen Baumwollstoffen. Die Verbindung der Sklaverei mit dem Baumwollhandel bezeichnet St. Clair als „Kett- und Schussfaden zum wirtschaftlichen Erfolg Amerikas“, gekrönt wurde dieser durch einen weltweiten Exportschlager: Die Blue Jeans avancierten zum imperialen Kultursymbol, ehe die Kunstfaser in den siebziger Jahren die Naturfaser abzulösen begann.

Was die „Welt der Stoffe“ zur packenden Lektüre macht, das sind die Fäden, die kreuzweise zwischen Rohstoffen und Epochen gespannt werden: Stoffzuweisungen für „Negerkleidung“ führten ebenso auf das „Schlachtfeld für das Kräftespiel der Macht“ wie Kleidervorschriften im feudalen Europa oder im Alten China. Die Textur des Buchs verknüpft aber auch Segen und Fluch des Fortschritts: Die Erfindung der Kunstfaser ermöglichte Expeditionen ins All, auf den Mount Everest oder in die Antarktis, zugleich bemäntelt die verwendete Bekleidung verstörende Befunde über diese Abenteuer.

Die Schicksalsfäden der Parzen sind in der Mythologie der alten Griechen ein Symbol für das Leben, Kassia St. Clair hat sie zu einem bunten Flickenteppich aus Stoffmustern gewebt.

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erstellt am 18.5.2021
aktualisiert am 18.5.2021

Buchcover „Die Welt der Stoffe“, Kassia St. Clair, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2020

Kassia St. Clair
Die Welt der Stoffe
Aus dem Englischen von Marion Hertle
Gebunden, 416 Seiten
ISBN: 978-3455006414
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2020

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