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Als Lyriker ist Arne Rautenberg zugleich Bildkünstler: Er arrangiert Wörter zu Gedichten und gibt den Gedichten graphische Gestalt. Er sei, behauptete einmal Jan Koneffke, ein „neuer, zeitgenössischer Morgenstern“. Jedenfalls ist Rautenberg eine der originellsten Stimmen der deutschsprachigen Lyrik, findet Stefana Sabin.

Arne Rautenbergs Gedichtband »betrunkene wälder»

Das lange Schweigen verlängern

Arne Rautenberg (2018). Foto: Harald Krichel - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77579065
Arne Rautenberg

Zu den heute fast vergessenen Lyrikern gehört Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron (1844–1909), der mit Großstadtgedichten einen Pfad in die lyrische Moderne wies und den jungen Rainer Maria Rilke genauso wie Hugo von Hofmannsthal beeinflusste. Liliencron thematisierte die moderne Befindlichkeit, experimentierte mit der Auflösung der Form und machte den Bewusstseinsstrom zum Gestaltungsprinzip.

So war Arne Rautenberg, wie Liliencron in Kiel geboren, ein überaus passender Empfänger der Liliencron-Poetikdozentur, die seit 1997 vergeben wird und bis heute die einzige ausschließlich der Lyrik vorbehaltene Poetikdozentur in Deutschland ist. Denn trotz mancher Kurzgeschichten, Essays und Kinderbücher ist Rautenberg vor allem Lyriker – Poet im altmodischen Sinn eines Verfassers sprachlicher Kunstwerke.

Als Sprachkünstler schafft Rautenberg graphische Arrangements, indem er Wörter in Silben und gar Buchstaben auseinanderbricht und daraus Sätze komponiert. Trotz des eigenwilligen Spiel mit der Form, achtet Rautenberg auf die syntaktischen Regeln, so dass die graphische Buchstabenchoreographie den Gedichten ein spielerisches Element verleiht – und ein bisschen an Dada und ein bisschen an visuelle Poesie erinnert.

Hinter der verspielten Form verbergen sich Naturbeschreibungen von eindringlicher Suggestivkraft, die den Konflikt zwischen Zivilisation und Natur zum dichterischen Vorwurf machen. „irgendwo lacht eine kiefer übern letzten zufluchtsort“, heißt es im titelgebenden Gedicht ‚betrunkene wälder‘, das ohne Satzzeichen auskommt. So das Gedicht ‚eigen‘, das in einem einzigen Satz das Ende einer Beziehung beschreibt:

„nach langem schweigen möchte ich dir mitteilen dass ich das lange schweigen gern verlängern möchte“.

Jedes Wort ist in Buchstaben gestückelt, die sich über die Seite schlängeln und einem verborgenen Rhythmus gehorchen.

Es ist diese subtile Koordination von graphischer Gestaltung und sprachlicher Melodik einerseits und die Abstimmung zwischen dem Spielerischem und dem Ernstem, was den Gedichten einen unnachahmlichen Reiz verleiht.

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erstellt am 16.5.2021
aktualisiert am 16.5.2021

Buchcover „betrunkene wälder“, Gedichte, Arne Rautenberg. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2021

Arne Rautenberg
betrunkene wälder
Gedichte
Gebunden, 112 Seiten
ISBN: 978-3-88423-647-5
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2021

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