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Kenneth Branagh, Regisseur von und Darsteller in Shakespeare-Filmen, bekam zu seiner Überraschung das Angebot, Schikaneders und Mozarts „Zauberflöte“ für die Leinwand zu adaptieren. Er versetzte die Oper, die 1791 in Wien Premiere hatte, aus dem Märchenland in den Ersten Weltkrieg. In Venedig, wo der Film 2007 vorgestellt wurde, sprach Marli Feldvoß mit Branagh.

Kenneth Branagh im Gespräch mit Marli Feldvoß zu »The Magic Flute«

Der Hass der Königin der Nacht

Marli Feldvoß: Sie sind bisher nicht als Opernkenner aufgefallen, sondern als versierter Shakespeare-Experte. Wie kam es zur „Zauberflöte“?

Kenneth Branagh: Stimmt. Ich war auch sehr überrascht, als mir das angeboten wurde. Das letzte Mal, als ich mich mit Mozart beschäftigte, war, als „Amadeus“ herauskam. Da war ich noch ein verrückter junger Schauspieler. Für mich war dieses Projekt wie eine Art Einführung in die Welt der Oper.

Bei einer Opernregie können Sie ja die Musik nicht außer Acht lassen. Wie hat das funktioniert?

Mein Kameramann Roger Lanser hat öfter gesagt: Wir haben da eine wunderbare Einstellung. Verdammt! Dann musst Du aber die Musik kürzen. Der Einstieg mit der Panoramaeinstellung auf die blühenden Landschaften war von Anfang an so geplant. Deshalb habe ich mich nach der Länge der Ouvertüre erkundigt. Die Antwort: Wie lange willst Du sie denn haben? Ich dachte: Dann können wir’s ja schnell machen. Aber dann schaltete sich James Conlon, der Dirigent, ein: Du willst es schnell haben? Wie stehst Du denn zu Mozarts Tempi? Da rutschte ich in eine Diskussion hinein, die mir völlig neu war. Es ging also darum, eine Verbindung zwischen Conlons besonderer Auffassung von Mozarts Tempi und dem Film zu finden. W.H. Auden hat Mitte der fünfziger Jahre ein Libretto für eine amerikanische TV-Produktion geschrieben und aus erzähltechnischen Gründen sogar die Handlung umgestellt. Das habe ich mich nicht getraut.

Filmplakat „Die Zauberflöte“, 2006, Regie Kenneth Branagh

Warum spielt „Die Zauberflöte“ zur Zeit des Ersten Weltkriegs?

Ich finde, dass der Erste Weltkrieg als Schauplatz meinen Interpretationsansatz unterstützt. Visuell betrachtet. Europas Landschaften waren verwüstet. Mir fällt dazu immer die Schlacht an der Somme ein, die am 1. Juli 1916 beim schönsten Sonnenschein begann. Die Gegend war vorher so gut wie unberührt und danach nicht wiederzuerkennen. Und die Zahl der Verwundeten und Vermissten. Da waren ja nicht nur Franzosen, Engländer und Deutsche involviert, sondern die ganze Welt. Chinesische Arbeiter, Südafrikaner, schwarze Amerikaner aus den Südstaaten. Alles, Kunst, Malerei, Dichtung, stand im Dienst des totalen Krieges. Die totale Zerstörung unterscheidet diesen Krieg von allen andern. Bei der Musik sind mir zuerst die Leidenschaft, Wildheit, der Dogmatismus und Hass der Königin der Nacht in der zweiten Arie aufgefallen. Das Irrationale des Hasses. Mir hatte vorher jemand gesagt, es sei eine komische Oper. Ich habe etwas völlig anderes aus der Ouvertüre oder aus der Szene mit den Bewaffneten im zweiten Akt herausgehört.

Haben Sie an Brecht gedacht, was die Universalität des Ersten Weltkriegs anbelangt?

Nein. Es ging mir eher um ein Gefühl des Epischen, Mythischen. Ich wollte, dass das Handeln der Personen parallel zur Entwicklung der Musik vom Dunkel zum Licht, vom Hass zur Liebe, im wahrsten Sinne vom Krieg zum Frieden verlaufen soll.

Was halten Sie von der Tendenz zur Aktualisierung?

Bei Shakespeare bin ich nie über die dreißiger Jahre hinaus gekommen. Mir hilft Distanz, um an den Kern eines Problems heranzukommen. Auch wenn etwas große zeitgenössische Relevanz hat, muss es nicht im dokumentarischen Stil daherkommen. Das sage ich als Macher. Als Zuschauer haben mir auch Opernaufführungen gefallen, die völlig in der Gegenwart spielen.

Wie geht man als Filmregisseur mit den Sängern um?

Wir haben mit dem gesprochenen Wort, nicht mit dem Gesang geprobt. Lange nicht. Und weil ich noch nie eine Oper inszeniert habe, habe ich mich ständig nach den physischen Bedürfnissen der Sänger erkundigt. Sehr wichtig war mir, dass die Gesangsaufnahmen mit dem Film übereinstimmen. James Conlon hat mir zum Glück erlaubt, dass ich während der Musikaufnahmen die Sänger führte. Ich konnte sie daran erinnern, dass sie auf einem Panzer fahren oder dass sie sich bei einem Duett aus der Kabine heraus anschauen. Es sollte sich so organisch wie möglich anhören.

Haben Sie eine Mission?

Shakespeare hat mich vierhundert Jahre lang nicht gebraucht, Mozart auch nicht. Aber von Generation zu Generation gibt es eben die Möglichkeit einer Neuinterpretation. Wir wollten vor allem eines nicht: die Aufzeichnung einer großen Aufführung. Wir wollten, dass die Kamera teilnimmt, sich bewegt, einen Stil finden, der mit der Musik atmet, das Gefühl haben, sich auf neuem Terrain zu bewegen. Es war eine fantastische Gelegenheit herauszufinden, ob so ein hybrides Subgenre existiert.

Video-Trailer zum Film „The Magic Flute“ („Die Zauberflöte“), 2006.
Regie: Kenneth Branagh

Das Gespräch wurde 2007 in Venedig geführt.

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erstellt am 12.5.2021
aktualisiert am 13.5.2021

Kenneth Branagh (2011). Foto: Melinda Seckington, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15073150

Kenneth Branagh (2011)
Foto: Melinda Seckington, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15073150