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Angst gibt sich nicht mit der Seele zufrieden, sie frisst offenbar auch den Verstand und vermehrt sich wie ein Virus. Während einer Pandemie gedeiht sie prächtig und bringt Bücher hervor, die sie schon im Titel tragen. Thomas Rothschild hat über Hintersinn und Unsinn solcher Konjunkturliteratur nachgedacht.

Buchkritik: Aufsatzsammlung »Herrschaft der Angst«

Der Staat, das Kapital und das Virus

Nun also, nur wenige Wochen nach zwei einschlägigen Büchern des Rubikon Verlags – von Walter van Rossum und von Flo Osrainik –, eine weitere Kampfschrift gegen die in Deutschland und Österreich und darüber hinaus betriebene Politik zur (angeblichen?) Abwehr der Pandemie. Die Autorinnen und Autoren der Aufsatzsammlung kommen aus der gleichen politischen Ecke wie jene bei Rubikon, und ihre Argumente weisen in die gleiche Richtung.

Zu den für die Ingroup verführerischen Vereinfachungen gehört es, dass eine Absicht unterstellt wird, wo allenfalls eine Koinzidenz verifizierbar ist. Dass die Machthaber in Politik und Wirtschaft die durch die Pandemie entstandene Situation für ihre Interessen nützen, ist evident. Das beweist aber noch nicht, dass diese Situation von ihnen ausgelöst oder befördert wurde. Es kann, muss aber nicht so sein. Eine simplifizierende Darstellung von Ursache und Wirkung unterschlägt erstens, dass die Herrschenden jede Situation, also die Pandemie und ihre Überwindung, ihre Aufbauschung und ihre Leugnung instrumentalisieren, um politischen und ökonomischen Profit zu machen, und zweitens, dass es auch ihren Gegnern nicht immer um die Wahrheit geht, sondern um die Ausbeutung der Situation für ideologische Zwecke, die sie schon lange vor Corona und unabhängig von der aktuellen Krise verfolgt haben.

Ironischerweise profitieren ja auch jene von der Coronakrise, denen verdächtig erscheint, wer von der Coronakrise profitiert. Ihre Veröffentlichungen stehen ganz oben auf den Bestsellerlisten. Sie verdienen an ihnen vermutlich ein Vielfaches von dem, was sie bisher an (kapitalismuskritischen) Publikationen verdient haben. Setzt sie das ins Unrecht? Nein. Jedenfalls nicht, solange man ihnen keine spekulative Absicht nachweisen, solange man ihnen Redlichkeit und echte Überzeugungen abnehmen kann, solange man ausschließen kann, dass sie nicht nach jenen schielen, mit denen sie nichts außer einem antistaatlichen Affekt verbindet. Der „Beifall von der falschen Seite“ lässt sich nicht immer verhindern. Aber man kann Sicherungen einbauen, die ihn erschweren.

Erstaunlicherweise rückt bei fast allen Autoren der Staat anstelle des Kapitals in die Stellung des Hauptfeindes. Damit nähern sie sich einer wirtschaftsliberalen Position, für die die „freie Entfaltung“ der Marktkräfte Dogma und die Einmischung des Staats das größte Übel ist – es sei denn, sie dienten der Vergesellschaftung von Verlusten und der Vermeidung von Pleiten. Dass es bei linken Kritikern der Coronapolitik und insbesondere der Medien, wie etwa auch bei der Einschätzung von Putin, Überschneidungen mit Äußerungen der AfD gibt, scheint unvermeidbar zu sein. Die rechten „Querdenker“ aber nützen, wie einst die Nationalsozialisten, antikapitalistische Scheinargumente und haben Bill Gates als Symbolfigur benannt – nicht ohne antisemitische Nebentöne, obwohl Gates kein Jude ist. Der linken Kritik scheinen allenfalls anonyme Mächte einzufallen, die den eigentlichen Schurken, den Staat, lenken.

Ist es ein Zufall, oder nicht doch ein Indiz, dass der Band mit seinem Titel „Herrschaft der Angst. Von der Bedrohung zum Ausnahmezustand“ in die gleiche Richtung weist wie die jüngste Schrift des verbissenen Rechten Norbert Bolz „Die Avantgarde der Angst“? Die Reizvokabel „Angst“ suggeriert einen Kontroll- und Unterdrückungsmechanismus von orwellschem Ausmaß. Wenn das Coronavirus und die mit ihm verknüpfte, keineswegs eingebildete, sondern ganz reale Angst als Begründung für Restriktionen herhalten müssen, dann ist noch nicht bewiesen, dass sie ein willkommener oder gar konstruierter Anlass für eben diese Restriktionen sind. Es kann wiederum, muss aber nicht so sein. Dass man bei Rot nicht über die Straße gehen darf, ist eine Einschränkung der individuellen Freiheit, aber schwerlich als Unterdrückungsmaßnahme zu interpretieren. Man muss wohl in jedem einzelnen Fall nach der Sinnhaftigkeit von Geboten und Verboten fragen, ehe man behauptet, was sich nicht ausschließen lässt, aber nicht erwiesen ist: dass sie der Kontrolle und der Herrschaftsausübung dienen. Wäre etwa eine Sperrzone vor dem Kapitol in Washington nach den jüngsten Erfahrungen tatsächlich ein unzumutbarer Eingriff in die demokratischen Freiheiten? Wäre es ein Schutz der Synagogen vor fanatisierten Nazis im Jahr 1938 gewesen?

Jährlich sterben in Deutschland rund 3.000 Menschen durch Passivrauchen. Sie dienen als Begründung für das Rauchverbot in der Öffentlichkeit. Auch Strategien der Angsterzeugung – Bilder von Krebslungen etc. – unterstützen das Rauchverbot. Es dient jedoch dem Schutz von Nichtrauchern. Nun scheint es zumutbar, auf das Rauchen zu verzichten. Sagen die Nichtraucher. Ist es so schwer vorstellbar, dass für manche Menschen der Verzicht auf das Rauchen ebenso belastend ist wie für andere der Verzicht auf den Besuch einer Theatervorstellung oder eines Volksfests? An Covid19 starben im vergangenen Jahr in Deutschland rund 74000 Menschen. Wenn Präventionsmaßnahmen diese Zahl nur um 10 Prozent senken, wird immer noch mehr als doppelt so vielen Menschen das Leben gerettet, als im Jahr durch Passivrauchen sterben. Welche Logik also duldet die Freiheitsbeschränkung durch den Staat beim Rauchen und meutert gegen eine Freiheitsbeschränkung, die Ansteckung durch das Coronavirus verringern soll?

Schon im Vorwort schreiben die Herausgeber: Die virologische Debatte „wurde nur stetig als solche geführt, um andere Themen nicht aufkommen zu lassen“. Der Satz behauptet eine Absicht, die erst zu beweisen wäre. Er nimmt den Konsens der Beiträge vorweg und spekuliert mit dem Einverständnis der Leser. Der Verdacht mag ja berechtigt sein. Aber ohne Belege ist er nicht plausibler als seine Ablehnung.

Dasselbe gilt für die Hauptthese, die durch den Titel vorgegeben ist und den Band durchzieht: dass Angst der Ausübung von Herrschaft dient. Auch das ist für viele Fälle in der Geschichte zutreffend. Aber es reicht nicht, um die unterstellte Absicht im konkreten Fall zu beweisen. Dass die durch das Virus hervorgerufenen Ängste nicht bloß künstlich produziert wurden, liegt nahe. Die Suggestion, sie seien erst durch Propaganda wirksam geworden, ähnelt einem sehr simplen Verständnis der Manipulationstheorie, wie sie von den 68ern vertreten wurde. Auch in diesem Fall gilt: Es gab und gibt Manipulation, durch die Massenmedien und anderswo, aber sie ist komplexer und widersprüchlicher, als dass sich damit erklären ließe, warum etwa die Arbeiter nicht gegen das Kapital aufbegehren.

Marlene Streeruwitz liefert einen Beitrag über den patriarchalischen Charakter von Herrschaft, bei dem man sich fragt, ob er tatsächlich für diesen Band geschrieben wurde. Von Corona, Angst und der Rolle von Frauen – es müssen keine Bundeskanzlerinnen sein – im Konflikt um Lockdowns und Demonstrationsverbote ist darin nicht die Rede. Freilich hat der Entschluss der Herausgeber, die zunächst auf die Pandemie und ihre Instrumentalisierung bezogene Thematik durch mehrere Aufsätze zur Angst vor dem Terror zu ergänzen, zu einem Mangel an Konsistenz geführt. Für eine Anthologie über eben die aktuelle Thematik ist das zu viel, für eine allgemeinere Analyse von Herrschaft der Angst zu wenig. Dazu wünschte man sich beispielsweise einen Rückblick auf den Kalten Krieg, eine Analyse des Phänomens „Angstlust“ oder der Popularität von Horrorfilmen.

Der bedenkenswerteste Beitrag ist jener von Wolf Wetzel, der in eindrucksvoller Weise Ausnahme- und Notstandsgesetze der deutschen Geschichte auflistet, die es unbedingt nahe legen, die aktuellen Maßnahmen des Staats an den Erfahrungen zu messen, die mit ihnen gemacht wurden. Er lässt an der Entschiedenheit des Autors, auch und gerade in seiner Kritik an der Linken, keinen Zweifel aufkommen, fügt aber Einschränkungen und Konzessionen ein, die ihn wohltuend von eindimensionalen Stellungnahmen unterscheiden. Und er schließt mit der Mahnung: „Eine Linke, die angesichts des drohenden Schlimmeren den Jetztzustand hinnimmt (und gar verteidigt), macht sich selbst überflüssig.“ Die Alternativen zum Jetztzustand und erst recht zum Schlimmeren sucht man, über einige wenige Schlagworte hinaus, auch in diesem Band vergeblich.

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erstellt am 12.5.2021
aktualisiert am 12.5.2021

Buchcover „Herrschaft der Angst“, Hannes Hofbauer / Stefan Kraft (Hg.), Promedia Verlag, Wien 2021

Hannes Hofbauer / Stefan Kraft (Hg.)
Herrschaft der Angst
Von der Bedrohung zum Ausnahmezustand
Broschiert, 320 Seiten
ISBN: 978-3-85371-488-1
Promedia Verlag, Wien 2021

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