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Heute schon geflucht? Gar gewitzelt über Unglaubwürdiges, woran aber andere Menschen glauben, oder den Namen des Namenlosen beschimpft? Das alles fällt unter „Blasphemie“, was Rufschädigung bedeutet. Der Kriminalitätshistoriker Gerd Schwerhoff hat die Geschichte dieser gefährlichen Rufschädigung von der Antike bis heute aufgeschrieben, und Helmut Ortner preist das Buch als Plädoyer für Meinungsfreiheit und gegen jegliche Zensur.

Gerd Schwerhoffs Geschichte der Blasphemie

Von Moses bis Charlie Hebdo

Gerd Schwerhoff, 2016. Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52648203
Gerd Schwerhoff

Ein fakten-erkenntnisreiches Buch erzählt die Geschichte der Blasphemie und macht deutlich: Gotteslästerung ist kein Relikt der Inquisition, sie ist auch heute hoch aktuell. Schon nach dem Mordanschlag auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015, als zwei maskierte Täter in die Redaktionsräume der Zeitschrift eindrangen und elf Menschen bestialisch ermordeten (darunter ein zum Personenschutz abgestellter Polizist, ein weiterer Polizist auf der Flucht), gab es zahlreiche französische linke Intellektuelle, die die »Verantwortungslosigkeit« des Satiremagazins beklagten. Sie machten Charlie Hebdo letztlich selbst für das mörderische Inferno verantwortlich, weil Zeichnungen im Blatt immer wieder islamfeindlich gewesen seien. Beispielsweise auf einer Titelseite aus dem Jahr 2006, die Kurt Westergaard gewidmet war, der wegen seiner Karikaturen in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten Fundamentalisten mit dem Tod bedroht worden war. Was war auf dem ebenfalls von Titelblatt zu sehen? Ein bärtiger Mann mit Turban hält seinen Kopf zwischen den Händen. Er weint oder ist sehr ärgerlich. In der Sprechblase steht: »Schon hart, wenn einen Idioten lieben…!«. Die Zeilen über der Zeichnung erläutern: »Mohammed beklagt sich. Er wird von Fundamentalisten überrollt!« Der Prophet beklagt sich also über die Haltung seiner fanatischen Anhänger. In einer aufgeklärten, freien Gesellschaft nennt man das politische Karikatur.

Nicht jeder muss über diese Karikatur schmunzeln, jeder darf sich beleidigt fühlen. Aber Frankreich hat den Blasphemie-Paragraphen, dieses »imaginäre Verbrechen« (Jaques de Saint Victor) schon 1871 abgeschafft. Nun aber kehrte ein heftiger Streit um ein Blasphemie-Verbot zurück, der schon nach der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh 2004 begonnen hatte und durch Westergaards Mohammad- Karikaturen weiter entfacht worden war. Pochten früher nur ultra-religiöse und konservative Kreise auf unbedingte Einhaltung der »Gewissens- und Religionsfreiheit« (deren Einschränkung ja nirgendwo propagiert wird, allenfalls das Recht, Religionen, ihre Dogmen und Verkünder zu kritisieren oder diese zu verspotten) – machen sich heute auch progressive, antirassistische Bewegungen für die Einschränkung oder Abschaffung der Meinungsfreiheit stark. In der Beschwörung des »Respekt vor religiösen Anschauungen« waren sich alle Religions-Vertreter einig: die Adepten des Katholizismus, die Vertreter eines Islams oder orthodoxen Judentums, – sie alle reklamieren »Respekt«. Sie forderten einen neuen, schärferen Blasphemie-Paragraphen.

Die Debatten über die Mohammed-Karikaturen und der Terroranschlag auf Charlie Hebdo haben deutlich gemacht: Wer herabsetzt, was für andere heilig ist, muss mit heftigen Reaktionen rechnen, mitunter riskiert er sein Leben. Und wer sich gegen blasphemische »Hassreden« wehrt, kann viele Anhänger mobilisieren. Dass Blasphemie, dieses »imaginäre Verbrechen«, kein Relikt der Inquisition ist, beschreibt der Dresdner Historiker Gerd Schwerhoff eindrucksvoll in einer großen Geschichte der Gotteslästerung von der Antike bis heute. Kenntnis- und faktenreich zeigt er, was Blasphemie in unterschiedlichen Epochen und Kulturen ausmachte, was sie bewirkte, wer sie beging und welchen Repressionen und Strafen sie ausgesetzt waren. Spannend schildert er, warum Menschen seit mehr als 2000 Jahren Gott, Propheten oder Heilige beleidigen. Und warum diese Worte und Taten die Gemüter so sehr erregen.

Schwerhoffs Werk ist ein souverän erzählter Bogen von der Antike (mit Judentum und frühem Christentum), über Mittelalter und frühe Neuzeit (mit Inquisition, Ketzerei und Reformation) bis zur Aufklärung und den aktuellen Konfrontationen im Spannungsfeld zwischen Christentum, Laizismus und Islam. Wir begegnen fluchenden, lästernden Bauern oder Reformatoren, die Marienfiguren und andere Heilige beleidigen und dafür mit dem Tod bestraft werden. Eine Kulturgeschichte zwischen Verfolgung, Bestrafung und Tolerierung, die deutlich macht: Die Geschichte der Blasphemie ist immer auch ein Spiegelbild über die Machtverhältnisse und deren politische Implikationen.

Sie reicht bis in die Gegenwart: Weltweit rechtfertigen Islamisten Gewalt, Brandstiftungen und Morde wegen angeblicher Herabwürdigung des Korans oder des islamischen Propheten Muhammads mit dem Verweis auf das islamische Recht und die islamische Überlieferung. Sie verfolgen, terrorisieren und ermorden Andersgläubige und Ungläubige – auch in Europa. Zuletzt in Paris, Nizza und Wien, als Allahs verwirrte Bodentruppen ihren mörderischen Amoklauf fortsetzen. Es ist der blutige Begleitrahmen eines Prozesses, der seit einigen Jahren in Gange ist: die Einschüchterung des Denkens, das Bekämpfung des Rechts auf freie Meinung, einschließlich des Rechts auf Spott. Nein, Gotteslästerung ist kein Relikt von Gestern. Ob die Punk-Gebete von Pussy Riot, die Satanischen Verse Salman Rushdies oder Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo: sie alle wurden unter dem Etikett Blasphemie traktiert, verfolgt, bedroht – getötet.

Gerd Schwerhoff ist ein großes, unbedingt lesenswertes Buch gelungen. Es schildert, wie seit der Aufklärung gegen die Verfolgung und Bestrafung der Gotteslästerung argumentiert wurde, aber öffnet auch den Blick dafür, dass die Verfolgung gegen Andersdenkende und Ungläubige keineswegs ein Ende hat. In einer Streitschrift, die Chefredakteur Charb (Stephane Charbonnier) erst zwei Tage vor seiner Ermordung beendet hatte (Brief an die Heuchler – und wie sie den Rassisten in die Hände spielen, Stuttgart 2015), wandte er sich gegen den Vorwurf, sein Magazin Charlie Hebdo würde Angst und Aggression »gegen den Islam« entfesseln. Die Tonalität des Textes wie immer provokant, polemisch, sarkastisch. Ein unerschrockenes, beeindruckendes Plädoyer für Meinungsfreiheit und gegen jegliche Zensur. Sein aufklärerisches Credo gilt es zu verteidigen: Erst der Bürger, dann der Gläubige.

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Kommentare


Joachim Petrick - ( 13-05-2021 06:26:46 )
Danke

Blasphemie von ihrem Anfang her gedacht, angewandt, gründet auf Missverständnissen, wenn ein Bauer auf seinen Landesherrn, Bischof wütend war, weil der den Zehnten auf sein verpachtetes Land erhöhte, zusätzliche Frohnarbeit zu Gunsten des Ertrags Dritter durch Marktschreier ausrufen ließ, fluchte der Bauer mit Bedacht ersatzweise ins Blaue gegen Gottes Plagen, das Wetter, Blitz, Donner, Hagelschlag, der ihm die Ernte verdarb, damit sein Landesherr, Fürst, Bischof sich als Person nicht gemeint haben könnten, was diese wiederum, sich mit der Aura der Unanfechtbarkeit zu umgeben, aber doch auf sich münzten zu welchem Zwecke sie ihr klerikal, säkular angemaßtes Gottes Gnadentum auf Erden ersanen, was der Bauer gegen Gott wettert, sei als wettere er gegen sie, die Fürsten, Könige, den Kaiser, Bischöfe, Papst, auch wenn Gott realiter als Person, die zu beleidigen, deren Ruf herabzusetzen wäre, de jure gar nicht existiert, ist Gott doch in seinem Gnadentum auf Versöhnung geeicht vom Himmel schauend mit seinem sphärischen Wesen, seinem Tun, Blasen der Winde, Unterlassen ohnehin viel toleranter gegen Mensch, Tier, Pflanzen, Elemente, als klerikale, säkulare Obrigkeit, der alles an Schimpfkanonaden auf jedem Fall aller Fälle nicht auf sich bezieht, wenn ein Bäuerlein flucht und gen Himmel wettert, schimpft.

Im Gegenteil Gott hat Freude an munter schimpfenden Bäuerlein, der ihm Humor ja Mutterwitz abverlangt, da fühlt Gott sich so oder so von Herzen gemeint. Was soll daran böse sein an Blasphemie, wenn die verboten wäre, müsste Gott seine tägliche Morgenandacht, sein Tagwerk von gestern zu durch zu schimpfern, zu wettern über sein begnadetes Laienwesen in schöpferischen Dingen, was ihm tags zuvor immer noch nicht gelang ja einstellen. Merke, wer von klerikaler, säkularer Obrigkeit Blasphemie zu fremdem Zweck verbieten will, hat anderes im Sinn als Gott vor Verleugnung, Beschimpfung, Flüchen zu schützen, der will personenbezogene Grundsätze von Recht, Gesetzen, Ordnung zu seinen straffreien Gunsten mindestens relativieren, im Grunde aber sich gar nicht erst in der Zivilgesellschaft entwickeln lassen, stehende Heere zur Blasphemie Verbots Kontrolle aufstellen aus der Landschaft der Gläubigen finanzieren, Ideen zentralistischer Allmachts Hierarchien auf Erden verwirklichen? Dazu soll jede Meinungsäußerung im Mucksmäuschenstill ersterben, außer ritualisiertem Lobgesang auf klerikale, säkulare Obrigkeit?
Denn wer seinen Alltag ganz auf Gott ausrichtet, freie Meinungsbildung lernen will, im Namen demokratischer Verhältnisse soll, der beginnt zu den Gedanken, die er im Kopf hat, im Für und Wider seine Meinung zu bilden, zu äußern, und die umranken in allem einen Gedanken an Gott. Also beginnt Meinungsbildung im Spannungsfeld von Lob und Tadel Gottes und seinen Werken, seinen Unterlassungen in all seinen Schattierungen

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erstellt am 10.5.2021
aktualisiert am 11.5.2021

Buchcover „Verfluchte Götter“, Gerd Schwerhoff, Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021

Gerd Schwerhoff
Verfluchte Götter
Die Geschichte der Blasphemie
Gebunden, 528 Seiten
ISBN: 978-3-10-397454-6
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021

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