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Eine mittlerweile umfangreiche Romanliteratur hat den Klimawandel vorausgesehen, vorausgesagt, begleitet und weitergedacht. Man nennt sie CliFi, eine Kurzform von „Climate Fiction“. Dominik Irtenkauf sprach mit dem Literaturkritiker Martin Zähringer, der 2019 das CLIMATE CULTURES network berlin gründete, über das Climate Fiction Festival Berlin 2020 und das Literaturgenre CliFi. Hier ist der zweite Teil des Gesprächs.

Dominik Irtenkauf spricht mit Martin Zähringer (2)

Wie war das mit dem Klima? Climate Fiction

Teil 2: Wissenschaft & Fiktion in der Klimaliteratur

Dominik Irtenkauf: Mir fiel auf, dass besonders in diesem Bereich Journalisten zu literarischen Autoren werden, die dann in beiden Modi schreiben.

Martin Zähringer: Ja, das gibt es schon länger, auch bei uns. Ich erinnere mal an Anton Andreas Guha: „Der Planet schreibt zurück“, das erschien bei Steidl 1990. Wir haben über ihn in unserer Langen Nacht zum Klima in der Literatur berichtet, drei Stunden beim DLF. Guha war Redakteur bei der Frankfurter Rundschau und konnte seine Klimathemen einfach nicht unterbringen. Er hat dann ein fiktives Tagebuch aus der Zukunft geschrieben: Echt dystopisch, der Meeresspiegel steigt an, das hat er schon gewusst, aber auch die Alpen stürzen ein, ziemlich bombastisch, und – heute erleben wir immer mehr gigantische Erdrutsche. Guha hat in seiner Fiktion auch geschrieben, es würde in unserer Zeit bei den Zeitungen eigene Klimaredaktionen geben, die haben damals gelacht, aber solche Klimaredaktionen gibt es heute wirklich, jedenfalls beim Guardian und der dänischen Zeitung Information, die fallen mir direkt ein.

Ihr hattet doch auf dem Festival auch Dirk Fleck, noch ein deutscher Journalist, der Romane schreibt.

Ja, 1993 hat er dieses berühmt-berüchtigte Buch „Die Ökodiktatur“ verfasst, also eine Dystopie über eine politische Lösung der Klimakrise, oder jedenfalls den Versuch einer Lösung. Das Spannende an diesen Autoren ist, wie sie ihr präzises journalistisches Wissen in Fiktionen anbringen. Überhaupt ist es ziemlich grundlegend, wie fact and fiction funktionieren in der Climate Fiction. In der NZZ habe ich kürzlich einen Artikel zu amerikanischen Schriftstellern publiziert, die jetzt Klimasachbücher schreiben, also the other way round – wie kann man mit literarischen Mitteln die Komplexität reduzieren, vielleicht ist das eher die Fragestellung. Übrigens hat Fleck auch einen Roman geschrieben über einen Ölmanager, der einen Tanker entführen lässt, um die Herrschenden dazu zu zwingen, ihr geheimes Wissen zur Erderwärmung preiszugeben („Palmers Krieg“, 1992). Diese Geschichte hat kürzlich der amerikanische Schriftsteller Nathaniel Rich („Losing Earth“, 2020) wieder in einer großen literarischen Reportage aufgenommen. Das ist genau diese Story von der Erdöllobby, die jahrzehntelang eben das verhindert hat, bis es zu spät war. Fleck hat das damals schon gewusst. Das ist auch ein großes Thema mit ganz neuen Aspekten, Petrofiction heißt das Stichwort. Wir sind dran.

Im angloamerikanischen Raum findet man diese Speculative Fiction, die sich auch mit dem Öl beschäftigt, abgesehen von Upton Sinclair. Also neuere Literatur zum Beispiel von Reza Negarastani, der verschiedene Genres und Geschichten zur Geschichte des Erdöls in seinem theoretischen Roman zusammenbringt.

Danke für Negarastani, den Namen habe ich schon mal gehört, aber ich hab noch nichts gelesen. Was du zu den Kontexten ansprichst, erinnert mich an die türkische Autorin Buket Uzuner, die auf dem CliFi-Festival war. Übrigens auch eine studierte Biologin, wir wollten sie zusammen mit einer Wissenschaftlerin vorstellen, Serpil Opperman, die speziell im Bereich Material Ecocriticism und Female Ecocriticism forscht. Serpil Oppermann konnte dann leider nicht teilnehmen, war schade, weil uns schon an dieser Kommunikation viel liegt zwischen den Instanzen Literatur und Kulturwissenschaft, oder auch Naturwissenschaft und Literatur. Buket Uzuner ist weit in der theoretischen und klimakulturkritischen Durchdringung ihrer Romanstoffe. Auf den ersten Blick sieht es vielleicht nicht so aus. Aber wenn man genauer hinschaut, sind es Klimaromane. Es geht vordergründig um Staudämme und klimatische Auswirkungen, aber permanent wird Gesellschaftskritik betrieben und zwar auf eine Art, dass wir als deutsche Leser, die wir ständig an unseren türkischen Mitbürgern vorbeilaufen, plötzlich mitbekommen, was da eigentlich läuft. Da ist viel soziale Kulturgeschichte enthalten. Sie holt immer wieder die in der Türkei unterdrückten Ethnien wie Kurden oder Aleviten in den Vordergrund, während sie CliFi schreibt.

Du sagtest am Anfang, die Literatur muss relevant sein, sie darf nicht ungefährlich sein. Ist das dann immer so der Blick auf politische Relevanz, auf Aktionismus?

Nicht nur, nicht so unbedingt. Vielleicht ist das auch eine Marotte von mir, aber ich hoffe immer, dass die Autoren und Autorinnen auch auf dem Laufenden sind, was akademisch so in der Welt passiert. Ich bin ein säkularer Mensch, der ungefähr wissen will, was so los ist auf dem Planeten, und Wissenschaft ist da ja ein Lebenselixier. Literatur muss unterhalten, aber auch mehr, Wissen vermitteln zum Beispiel, das Denken anregen, auf literarische Art und Weise bilden, natürlich. Und wenn wir die aktuellen wissenschaftlichen Diskurse ein bisschen im Auge behalten, dann überbrücken wir auch ganz automatisch die Kluft zwischen den Generationen, das ist wesentlich für die Klimadebatte. Das ist ja interessant, besonders interdisziplinäre Ansätze, und die immer neuen Zuspitzungen, so ein bisschen Science Avantgardismus kann nicht schaden, das weckt die Neugier auch bei Leuten, die vielleicht noch nicht so viel Ahnung haben.

Ist da nicht der Begriff Speculative Fiction angebrachter als Climate Fiction?

Vielleicht könnte man das schlicht und einfach austauschen, bloß geht es halt bei CliFi um die Klimakrise und Speculative Fiction wäre dann der Zugang auf ein thematisch offeneres Feld. Für mich ist das ein kreatives Spielfeld, wo sich das trifft, was thematisch interessiert ist oder dann wieder ästhetisch oder poetologisch neu wirkt. Man findet in diesem Themenfeld neue Ansätze und kann sie auch auf andere Bereiche beziehen.

Das bezieht sich auch auf die Geschichte von Genres. Natürlich findet man in der Science Fiction der 50er und 60er Jahre noch andere Inhalte. Die Entwicklung ist heute an anderer Stelle angelangt, wenn man sich afro-amerikanische AutorInnen in den USA anschaut, die auch gesellschaftliche Entwicklungen in ihren Romanen berücksichtigen oder Queer Culture miteinbeziehen. Aber dennoch haben die „alten“ Klassiker die Grundlage gebaut. Ein umfassender Blick ist vonnöten, um das Ganze besser verstehen zu können. Denke ich.

Amitav Gosh hat kürzlich sein Buch „Die Prophezeiung“ (Blessing 2019) herausgebracht. Die darin enthaltene These hat er schon vor zwanzig Jahren mal gebracht, dass sich die ernsthafte Literatur nicht mit dem Klima beschäftigt. Das stimmt halt nicht. Man weist das langsam nach. Er sucht immer auf diesem Höhenkamm, was tut sich denn auf dem Höhenkamm der Weltliteratur? Dann auch noch auf dem Gipfel des Global Writing, wo man nämlich auf Englisch über seine Herkunft aus den postkolonialen Kulturen der Peripherie schreiben muss, irgendwo in New York einen Verlag findet, der meistens Random House heißt, und der dann die Bücher in die anderen Länder exportiert, wo sie dann wieder vom feinen Feuilleton wahrgenommen werden. Man muss drunter gehen und sich fragen: Was macht die Literaturproduktion in der Fläche und in der Region? Das ist Arbeit, aber mit Englisch kommt man schon ziemlich weit. Man kann viel recherchieren und Zusammenhänge finden und dann bekommt man irgendwann das, was du sagst, einen umfassenden Blick. Obwohl sich die Inhalte schnell wieder ändern, es ist ja alles im Fluss.

Bezüglich der Thriller fand ich interessant, dass Eric Bihl das Equilibrismus-Projekt auch Frank Schätzing und Andreas Eschbach vorschlug, zwei andere Autoren, die teilweise die Science Fiction streifen.

Eschbach wird auch bei Goodbody genannt. 2010 hat Goodbody die erste deutsche CliFi-Leseliste zusammengestellt. Alles, was für ihn Climate Fiction ist, hat er aufgelistet. Damit kommst du als Kurator ziemlich weit erstmal. Man muss die Bücher dann halt auch lesen. Wenn du sie nicht liest, dann redest du schnell mal Unsinn. Weil du vorhin fragtest: Hast du dein Konvolut? Nee, ich habe eine kleine Bibliothek und die ist sowohl thematisch wie auch regional aufgestellt. Ich habe auf der Frankfurter Buchmesse immer mal die Gastlandschwerpunkte mitgemacht. Diese Schwerpunkte bringen dann nicht nur die fiktionale Literatur der Länder, sondern auch gute Sachbücher, denn bei der Gelegenheit publizieren natürlich auch alle einheimischen Experten für dieses Land. Aber am besten liest man die Experten aus den Ländern selbst, denn die erscheinen by the way auch in guten Übersetzungen. Und das wird dann im Lauf der Jahre eine ziemlich gute Bibliothek, finde ich jedenfalls. Du hast einen optischen Gesamtblick auf eine globale geistige Fläche, also das Buch ist immer noch die genialste Erfindung der Menschheit.

Welche Rolle spielt die Wissenschaft? Ist natürlich eine große Frage.

Ich würde mal sagen: Je besser eine CliFi-AutorIn informiert ist über die Wissenschaften, desto besser wird die Literatur. Und wenn es Social Science ist, ist es Social Science, wenn es Hard Science ist, dann ist es Hard Science. Der Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson kann beide verschmelzen. Dazu kann ich eine Geschichte erzählen: Wir hatten 2018 Kim Stanley Robinson für unser WDR-Radiofeature „Climate Fiction“ im Central Valley bei Davis in Kalifornien besucht, wo es Anfang Dezember 2020 dann auch gebrannt hat. Robinson ist ein Schüler von Fredric Jameson, dem marxistischen Kulturphilosophen. Jameson ist der Experte für postmoderne Kultur, er hob die Trennung von E und U auf und stellte die ökonomischen Grundlagen der symbolischen Kultur in der Gesellschaft heraus. Von Jameson ausgehend, geht Robinson dann auch ganz konkret in die Analyse von Wirtschaftstheorien. Er erzählte uns, er sei an der University of Berkeley gewesen und hätte dort drei Ökonomiefreaks gesprochen, die eine Theorie auf empirischer Basis entwickelten, was passieren muss, um den Finanzkapitalismus zu beenden. Ihnen standen gewisse Mittel zur Verfügung: Zahlstreik und Steuerverweigerung. Das taucht dann am Ende seines Romans „New York 2041“ auf. Das gibt doch zu denken, Steuervermeidung ist ja heute gerade für die interessant, gegen die es in diesem Roman am Ende geht.

Spielt die Naturwissenschaft eine Rolle für Climate Fiction?

Ja, ganz bestimmt, vor allem, indem sie neue Helden und Heldinnen liefert in der Literatur. Aber auch in einer interessanten Konstellation, es tauchen zum Beispiel plötzlich Biologen auf, die selbst schreiben – Barbara Kingsolver ist studierte Biologin und schreibt Romane, Rachel Carson hat als Biologin eine ganz eigene Form des absolut engagierten Nature Writing erfunden. Diese Autorinnen haben auf der einen Seite einen ganz klaren Blick auf die naturwissenschaftliche, biologische Seite, zugleich aber auch auf die ökonomische Seite des Settings. Bei Carson war es der Zusammenhang Chemieindustrie (die DDT-Geschichte), Barbara Kingsolver schildert in ihrem Roman „Flugverhalten der Schmetterlinge“ amerikanische Bauern, die total verschuldet sind. Eigentlich geht es darum, ob man nun den Wald abholzt, wo die Monarchfalter landen, die sich wegen der Wärmeveränderungen verirrt haben. Sie müssen den Wald abholzen, weil die Bank sonst den Hof greift. Die Bauern erhielten von der Bank einen Kredit für den Kauf noch größerer Maschinen. Jetzt kannst du den Kredit natürlich nur mit dem Wald ablösen oder du bist weg vom Fenster. Kingsolver geht zudem auf religiösen Fundamentalismus ein. Sie übt sich neben der Naturwissenschaft auch in sozialen Analysen. Das alles wird in ihrem Roman geschmeidig vermittelt. Für mich ist das einer der besten CliFi-Romane. Da ist wirklich alles drin.

Mit solcher Wissenschaft im Rücken kann man noch eine weitere Frage aufspannen, und zwar, ob literarisches Schreiben reicht und die Dringlichkeit des Themas nicht mehr einfordert?

Ich denke nicht, dass es reicht, Fiktionen zu schreiben. Im Moment habe ich aber mit Politik weniger zu tun. Ich war früher näher an der Umweltbewegung dran, aber nicht unbedingt in einer Partei, auch nicht in organisierter Form wie Extinction Rebellion oder Greenpeace. Mir persönlich hat Umweltpolitik direkt nichts gebracht, ich bin vielleicht zu kreativ für strategisches Denken und ein bisschen abgeklärt, was Ergebnisse betrifft. Ich sehe heute eher indirekt eine Chance in der kulturellen Durchdringung, vielleicht auch Vorbereitung und Sicherstellung von Handlungsfähigkeit. Ich habe Leser und Leserinnen im Blick, alte und junge, die gestärkt darin werden, Themen anzufassen, vor denen sie Angst haben und die ihnen auch leider als Angst-Themen verkauft werden. Natürlich kann man vor diesem Riesending Klimawandel Angst bekommen, aber was nützt das Schüren dieser Angst? Wenn du durch Lektüren in die Lage versetzt wirst, zu sehen, was ist, dass du dich damit beschäftigen und danach einmal kräftig ausatmen kannst, ist für den Anfang viel gewonnen. Angst ist definitiv kein guter Helfer!

Sind beim nächsten Climate Fiction Festival die Autoren des globalen Südens dabei?

Ja klar, AutorInnen und AktivistInnen aus dem globalen Süden und solche die beides in persona sind. Ja, und auch wenn sie dafür fliegen müssen! Das müssen wir eben abwägen: Leute, die uns etwas Wichtiges erzählen können und Flugzeuge nutzen, sind etwas Anderes als Mallorca-Touristen in ihren CO2-Schleudern. Ich weiß jetzt nach dem CliFi-Festival 2020, wie es ist, wenn du die Leute vom Panel nicht noch danach hast, dann passiert nicht mehr als das, was auf dem Panel war. Ist irgendwie auch wieder wie mit dem Rezensieren am Ende des Bücherfließbandes. Es ist dann sehr auf das Produkt begrenzt, hier das Buch, da das Panel mit seinen 90 Minuten, und Ende. Aber es geht doch erst danach los, die Gespräche, die Vernetzung, die Vermittlung von Publikum und AkteurInnen, das müssen Menschen machen. AutorInnen aus dem Süden sind die nächsten Male auf jeden Fall dabei, das globale Thema muss ja rund werden.

Das Gespräch führte Dominik Irtenkauf.

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erstellt am 05.5.2021
aktualisiert am 07.5.2021

Martin Zähringer (Foto: Jan Michalko / https://janmichalko.photoshelter.com)

Martin Zähringer
Foto: Jan Michalko / https://janmichalko.photoshelter.com

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