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Der Dichter, Schriftsteller und Literaturprofessor Jan Röhnert, der auch im Themenfeld „Lyrik und Film“ kundig ist, hat auf mehreren Wanderungen, streckenweise begleitet von dem Fotografen Alexander Paul Englert, die Besonderheiten des Karst kennengelernt, ja geradezu „erfahren“. In seinem Buch „Vom Gehen im Karst“ in der bei Matthes & Seitz erscheinenden Reihe „Naturkunden“, aus dem wir zwei Ausschnitte veröffentlichen, fließen Erlebtes, Geschichte, Geographie, Anekdoten und Gegenwart ungezwungen ineinander.

Originalauszüge

Vom Gehen im Karst

I

Eine Bahnfahrt im Spätsommer führt mich entlang der weiten strohgelben Stoppel des Thüringer Beckens, strohspreugesprenkelte Ackerfurchen wellen sich von Nordwest nach Südost. Neben dem Bahndamm dürres Pfeifengras, Goldrute, Brombeerhecken, welke Gräser, die Sonne vom Harzrand gegen das Fenster flutend – Vormittag über den Karstwäldern und der unsichtbaren Grenze, die ich mit dem Zug überschritten habe, ›hinüber‹ gefahren, von Ellrich nach Walkenried, bei blasser Wolkendecke und trockenem Grün der Waldflächen und -kämme. Firouz Vladi war fast vier Jahrzehnte Geologe des Landkreises Osterode am Harz, inzwischen ist er im Ruhestand und ehrenamtlich im Vorstand des Karstwanderwegvereins tätig. Am Bahnhof von Osterode begrüßt er mich auf gut Hamburgisch mit ›Moin‹. Es ist einer der letzten Augusttage, die unerträgliche Glut des Sommers beginnt allmählich abzuflauen. Goethegeburtstag.

Firouz Vladi erzählt mir, wie in seinem Dörfchen Düna oberhalb Osterodes wegen des Rekordsommers 2018 zwischenzeitlich die Wasserversorgung zusammengebrochen sei, eine Katastrophe, die es sogar in die Tagesschau schaffte; das Wasser musste mit Tanklastwagen verteilt werden. Ich frage ihn, was ihn eigentlich von der Alster an den Südharzrand verschlug. Er kneift die weißen Augenbrauen zusammen und blinzelt mir zu.

»Ich kam Ende der 1960er als junger Geologiediplomand hierher und erhielt den Auftrag, ein Gutachten zu verfassen, welche Flächen der Region als Naturschutzgebiete auszuweisen und damit dem industriellen Gipsabbau zu entziehen wären. Die Leute, die ihr Land an die Steinbruchbetreiber verkaufen wollten, hassten mich damals wie die Pest. Inzwischen sind sie mir dankbar. Und ich blieb und begann mich mit dem Karst zu beschäftigen. Eine Lebensaufgabe. Der Wanderweg ist allerdings ein Ost-Import, erst 1988 war ich mithilfe des Kleinen Grenzverkehrs das erste Mal ›drüben‹ – von wo Sie ja stammen – und war begeistert von dem Karstwanderweg, der dort damals schon zwischen Nordhausen und Sangerhausen existierte. Aber kommen Sie. Am besten kenne ich mich eigentlich mit den Höhlen im Karst aus. Vor Jahren war es leichter, hinabzusteigen. Man war weniger beleibt und der Naturschutz drückte noch ein Auge zu.«

Er führt mich ins hinter Düna gelegene Hainholz – fast alle Karsterscheinungen des Südharz liegen hier auf engstem Raum beieinander, bestätigt Firouz Vladi – und zeigt mir nach einigen Dolinendurchquerungen, vorbei an der Schluchtwanne des sogenannten Pferdeteichs, und Blicken in Schlotten und Erdfalltrichter, Vorangehen auf unebenem, vom Wasser unterhöhlten Terrain den Eingang zur gut erforschten Jettenhöhle. Früher durfte man sie umstandslos betreten: »Ich weiß noch, wie ich in den Siebzigerjahren Dutzende Schulklassen da hineinführte. Heute ist das wegen des Einsturzrisikos und zum Schutz der seltenen Fledermausarten, die ihr Winterquartier dort haben, untersagt.«

»Was ist das für ein großer trichterförmiger Stein, der wie ein natürlicher Brückenbogen wirkt?«, frage ich ihn.

»Anhydrit«, erklärt er, »er bläht sich sozusagen auf und dehnt sich unter stetigem Zustrom von Wasser aus, während der Gips zerbröselt, Höhlen bildet, also zwei gegensätzlich reagierende Gesteine, Anhydrit und Gips, die beide zusammenwirken in unserem Karst, beide vom Wasser geformt. Die Geologie des hiesigen Karstgürtels ist derart komplex, dass sie im Detail noch gar nicht erforscht ist. Nehmen Sie das extrem seltene Phänomen der Schlotten. Es gibt bislang keine einzige Arbeit, die sich detailliert dem Vorkommen und der Entstehung von Schlotten in unserem Karst gewidmet hätte. Vor hundert Jahren sprach hier noch niemand von Karst.«

Er erzählt mir die Geschichte der um 1750 in einer Schlotte des Hainholz gefundenen steinzeitlichen Säugetierknochen, die man nicht zuordnen konnte. Ähnlich dem Leibniz’schen Einhorn in der nahen Einhornhöhle. Die Göttinger Gelehrten wussten sich keinen Reim darauf zu machen. Verglichen sie in London mit Gebeinen afrikanischer Zirkustiere. Erst im Vorfeld von Darwins Evolutionstheorie und der Kenntnis vergleichbarer Funde hat man sie schließlich dem ausgestorbenen Wollnashorn zuschreiben können. Im lateinischen Namen führt es heute den Namen des Göttinger Anatomen Blumenbach, der es als Erster nicht als Relikt der biblischen Sintflut, sondern als hier vor Zehntausenden von Jahren unter anderen klimatisch-räumlichen Bedingungen – die kalten Eiszeiten, die warmen Zwischenzeiten – hierzulande heimische Art bestimmte.

1979 war Firouz Vladi mit der Speläologin Kathrin von Ehren beim Klettern in der benachbarten Lichtensteinhöhle. Seine Freundin hatte sich im Innern der Höhle aus Neugier in eine winzige Öffnung gezwängt. »Ich bekam Angst um sie und wusste nicht, wie wir sie da hätten herausholen sollen, wenn sie sich eingeklemmt hätte«, sagt er. Kein Hilfeschrei, sondern ein Laut des Erstaunens drang jedoch aus dem Loch, das sich hinter ihr geöffnet hatte. Sie war auf Menschenknochen gestoßen, eine dreitausend Jahre alte Begräbnisstätte einer bronzezeitlichen Großfamilie, deren Gene noch heute unter den Bewohnern dieser Gegend nachweisbar sind. Die Nachbildung der Lichtensteinhöhle befindet sich mit all den Grabbeigaben mittlerweile im Höhlenmuseum von Bad Grund, der ursprüngliche Eingang ist aufgrund von Erdbewegungen heute verschüttet und nachträglich verschlossen worden.

Wir sind aus dem Hainholz zurückgekehrt und trinken wieder Tee, guten persischen Schwarztee aus den filigranen Silbertassen, Erbstücken seines Vaters, der 1931 aus dem nordwestpersischen Tabriz nach Hamburg gekommen war und ein Handelshaus begründet hatte. Von der väterlichen Mitgift ist Firouz Vladi außerdem die Sorge um das islamische Gräberfeld in Hamburg und die Mitgliedschaft im Beirat für islamischen Religionsunterricht in Niedersachsen geblieben. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, die schon lange im Landkreis lebenden und die neu als Flüchtlinge hinzugekommenen muslimischen Familien gleichermaßen für die Natur und die Schönheiten des Karst zu begeistern. »Das ist alles andere als leicht und selbstverständlich und wie überhaupt bei Stadtbewohnern nur mit zäher Geduld zu erreichen. Aber es gibt Erfolge. Einige von ihnen kommen nun öfter hierher zum Wandern.«

Es sind die Geschichten, Anekdoten, Erzählungen, die eine Landschaft verlebendigen, dem Ort seine Aura geben. Und Firouz Vladi ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Er macht mich beispielsweise auf den berüchtigten Karstmörder Rudolf Pleil aufmerksam, der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg Frauen unter dem Vorwand, ihnen über die von Militärposten bewachten Sektorengrenzen zu helfen, ausraubte, mit Hammer oder Beil erschlug, vergewaltigte, allein oder mit zwei weiteren Komplizen. Pleil führte eine verwahrloste Existenz, verbrachte Kindheit und Jugend im Grenzland zwischen dem Erzgebirge und Tschechien, jobbte als Kellnergehilfe, Matrose, Hilfsarbeiter, war in Schiebergeschäfte verwickelt. Seine Schwester wurde als Epileptikerin aufgrund der damals geltenden Gesetze der Nazis zwangssterilisiert, er selber war der Sterilisation im Durcheinander nach dem Bombardement Hamburgs knapp entgangen.

Die Himmelreichhöhle zwischen Ellrich und Walkenried – zwischen KZ und Kloster – wurde Pleils Schädelstätte, im Wahn empfahl er sich schließlich dem Bürgermeister von Vienenburg am Westharz als Scharfrichter und bezeichnete im dortigen Brunnenschacht zerstückelte Leichen als sein Gesellenstück. Die Anklage warf ihm zehn Morde vor, in seinem in der Haft entstandenen Lebensabriss Mein Kampf brüstete er sich gar mit 25 Morden; 1958 erhängte er sich fünfunddreißigjährig im Zuchthaus von Celle.

Eine Wiederauflage dieser Karstverbrechen schien sich in der Wendezeit um 1990 zu ereignen, sechs unaufgeklärte Morde in derselben Gegend, eine Zeit lang machte die Polizei einen Fleischergesellen aus Walkenried dingfest, den sie mangels Beweisen wieder laufen lassen musste. Besonders heimtückisch ein Mord am großen Karstsee bei der aus Ellrich kommenden Bahnstrecke am Himmelreich an einem jungen Geologen aus der DDR, der zum erstem Mal von der neu gewonnenen Freiheit hatte Gebrauch machen und den Karst auch auf der Westseite in Augenschein nehmen wollen. Ihm wurde von hinten in den Rücken geschossen, sein mitgereister Kollege überlebte schwer verletzt. Oder, weiter zurück, die Geschichte der nahgelegenen, von Napoleon geschleiften Ruine Scharzfels, Staatsgefängnis des Königs von Hannover, und der Zofe, die der Prinzessin heimlich ihren unstandesgemäßen Geliebten zuführte: Sie wurde lebenslang in den Karst verbannt. Firouz Vladi erzählt die Geschichten im selben Atemzug, in dem er mir die geologischen und paläontologischen Phänomene der Gegend erklärt. Ein nach allen Richtungen hin schürfender Chronist des Karst.

Karst ist nicht gleich Karst, erklärt er mir, als ich Istrien und die Causses erwähne. Das Erscheinungsbild der Landschaft ist auch eine Frage des spezifischen Gesteins, welches verkarstet.

Foto: © Alexander Paul Englert
Foto: © Alexander Paul Englert

»Neben dem Gips dominiert bei uns der Dolomit. Gehen Sie in die Tropen, dort verkarstet sogar der Granit. Aber hier, diese Gipskarstlandschaft ist einmalig. Leider immer noch von der Industrie heiß begehrt, reiner Gips. Die Naturschützer möchten den Abbau am liebsten eingestellt sehen. Ein Biosphärenreservat wie weiter nördlich die Elbtalaue am Grünen Band, das wäre der Traum. So prallen hier die Interessen aufeinander. Im Osten, Thüringen und Sachsen-Anhalt, sind sie schon so weit, die Gipssteinbrüche werden renaturiert. Kennen Sie die Gegend hinter Nordhausen? Die Rödigsdorfer Schweiz? Kennen Sie Questenberg? Das müssen Sie sich anschauen, wenn Sie mitreden wollen. Hier, dieser Wanderführer ist neu. Druckfrisch.«

Foto: © Alexander Paul Englert
Foto: © Alexander Paul Englert

Er schenkt mir eine auffaltbare Karte des Karstwanderwegs, ein wetterfester, blau umrandeter Leporello, der gut in die Jackentasche passt, die Route von West nach Ost Seite um Seite umklappbar, die hervorgehobenen Orte, Markierungen, Karsterscheinungen umseitig beschrieben. Ich bekomme Wanderlust. Die einzige Möglichkeit, in meinem aufgewühlten Zustand wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen, ist loszugehen, über den bodenlosen Karst. Sattes Spätsommerlicht trägt mich wieder südostwärts auf demselben Gleis nach Thüringen, auf dem ich am Morgen aufgebrochen bin. Firouz Vladi verabschiedet mich mit dem Gruß des echten Höhlenforschers: »Glück auf!«

Ich muss an Abbas Kiarostamis Film Der Wind wird uns tragen denken, weil es gleichermaßen die Geschichte eines Menschen ist, dem Stück für Stück der Boden unter den Füßen entzogen wird, bis er sich allein, ausgesetzt, abgeschnitten, eingebrochen fühlt. Der Boden, dem er vertrauen zu können glaubte, erweist sich als trügerisch. Das einzige Element, dem er sich noch anvertrauen kann, wäre der Wind. Aber von dem ist ungewiss, wohin er weht. Weshalb war mir der Film so nahe?

Kiarostamis Protagonist ist von einer fixen Idee besessen, nämlich den Tod einer Hundertjährigen im kurdischen Bergdorf abzupassen, das er mit seinem Filmteam aufsucht, und das Ritual der Klageweiber festzuhalten. Ist er ein Ethnologe? Ein Filmemacher? Ein Künstler, Fotograf, Dichter? »Ein Baum, groß wie einer der Träume Gottes«, zitiert seine Stimme im Voiceover den Lyriker Sohrab Sepehri beim Näherkommen des Landrovers auf den endlos sich windenden staubigen Serpentinen im Gegenlicht. Im Hintergrund die Wildnis der Berge, im Vordergrund das mit Äckern und Weideland kultivierte Tal.

Der reale Baum in der Landschaft, der den Eingang zum Dorf markieren soll, ein schattenspendender, mächtiger, grüner Walnussbaum inmitten der Dürre, steht zu erhaben auf einer Anhöhe, als dass die Männer im Wagen ihn sähen; die Kamera zeigt ihn uns in einer Totalen. Das Dorf im Karst: ein labyrinthisches Gewirr von Gassen, Treppen, Balkonen, mit dem Gestein verwachsener Lehm- und Ziegelmauern wie bereits in den früheren, im Nordwesten Irans gedrehten Filmen Kiarostamis, seiner Koker-Trilogie. Hier nun fragt sich Kiarostamis Protagonist, ein Junge aus dem Dorf ihm zur Seite agierend – ein Wiedergänger jener Jungen, die Kiarostamis frühe Filme bevölkern –, seine fixe Idee beharrlich verfolgend, nach dem Zustand der Greisin durch. Die Leute speisen ihn mit ausweichenden Antworten ab, es ist ihnen sichtlich unangenehm, auf diese Art von außen abgelichtet zu werden. Sein Team langweilt sich, bleibt zum Nichtstun verurteilt, solange die Hundertjährige mit ihrem Tod auf sich warten lässt. Er selber bleibt rastlos, mal streift er allein, mal mit dem anhänglichen Jungen durchs Dorf und die Umgegend, immer ist er unterwegs, wie von etwas Namenlosen getrieben. Ein Fixpunkt bleibt dabei der Grabhügel oberhalb des Dorfs, weil sein Handy immer nur dort Empfang hat, um die Anrufe seiner Frau oder der Produzentin aus Teheran anzunehmen. In seinem nimmermüden Unterwegssein ähnelt er jenem Selbstmörder, der im Zentrum von Kiarostamis vorigem Film, Der Geschmack der Kirsche, steht und auf den staubigen Passstraßen in der Umgebung Teherans verzweifelt jemanden ausfindig zu machen sucht, der ihn nach dem beabsichtigten Suizid begraben würde.

Während seiner wegen des schlechten Empfangs permanent unterbrochenen oder abgebrochenen Telefonate mit Frau und Produzentin in Teheran, die für seine Probleme vor Ort wenig Verständnis zeigen, hat Kiarostamis Umhergetriebener Zeit, sich auf dem Friedhof umzusehen. Zerstreut kratzt er an der Oberfläche und ein Knochen liegt zutage, ein menschlicher Armknochen, ein Ellenknochen, den er sich fortan unter die Windschutzscheibe seines Geländewagens legt. Dann ist da der Mann, der im Untergrund gräbt, man weiß nicht recht, wonach und wozu, und mit dem er sich, über die Öffnung des Loches gebeugt, unterhält, ohne ihn je dabei zu sehen.

Er findet heraus, dieser Gräber ist der heimliche Verlobte einer jungen Frau, welcher er in einem anderen Untergrund, einer Höhle im Dorf, beim Milchholen begegnet; die Gesellschaft der Kuh, in der er die Unbekannte antrifft, gibt der Szene etwas Surreales. Die Höhlen und Löcher im Film erwecken den Anschein von kommunizierenden Röhren – als grabe ihr Verlobter vom Friedhof einen Tunnel zu ihr hinab. Alle elementaren Vorgänge scheinen sich schließlich im Dunkel von Höhlen und Löchern abzuspielen und sich so der Darstellbarkeit zu entziehen: Geburt, Liebe, Tod. Die Karsthöhle wird zu einem Insignum des Unsichtbaren, des Abbildlosen, vielleicht eines Göttlichen, einer mystischen Erfahrung inmitten der profanen Dinge. Liebe scheint nur mehr möglich als unterirdische Verständigungsform.

Vor allem zwingt die Höhle Kiarostamis Sucher schließlich zum Handeln und bringt ihn so weit, von seiner fixen Idee abzulassen: Wieder einmal erfolglos mit dem Handyanruf in die Hauptstadt beschäftigt, wird er Zeuge, wie ein Erdfall oder ein Erdrutsch den jungen Gräber in seinem Loch verschüttet. Eine Staubwolke liegt über der Grube, der stumpfe Husten des Gräbers ist zu hören. Jetzt ist jede Minute kostbar und er rennt zum Wagen und fährt hastig in alle Richtungen, um Hilfe zu holen. Am Ende haben die herbeigeeilten Dorfleute den Gräber herausgezogen; zur Wiederbelebung muss er im Geländewagen des Mannes ins Krankenhaus der Stadt gebracht werden.

Seines Fortbewegungsmittels beraubt, lässt er sich auf dem Sozius des ebenso herbeigeeilten alten Landarztes ins Dorf hinunter chauffieren. Diese Mopedfahrt und das im Voiceover zu verfolgende Gespräch mit dem Landarzt stellt eine der schönsten Szenen der Filmgeschichte dar. Allein die knatternde Tour durch das bucklig weit in der Sonne liegende Terrain und die verblüffenden Worte des Landarztes zur Schönheit der Welt, zur Feier jedes einzelnen Augenblicks, zur Freude am Dasein, solang uns die Sinne dazu verliehen sind – die innere Ruhe, der Stoizismus dieses Landarztes heilen den Mann von seiner ihn umtreibenden fixen Idee. Sein Filmteam hat ihn längst verlassen, als die Greisin endlich stirbt und er Zeuge ihres Totenrituals wird – ohne seinen Film gedreht zu haben. Bei der Abfahrt wirft er den Ellenknochen in den aus dem Stein hervorbrechenden Fluss, dessen Strudel ihn mit sich forttragen.

Foto: © Alexander Paul Englert
Foto: © Alexander Paul Englert

II

»Ist das, was wir hier vorhaben, nicht von Amts wegen verboten?«, frage ich Alexander, den Frankfurter Fotografenfreund, mit dem ich mich dem Himmelreichtunnel nähere, den die Bahn zwischen Walkenried im Westen und Ellrich im Osten durch das kalkzerklüftete, buchengrüne Himmelreichmassiv schlägt.

Vor sechs Jahren reiste ich mit Alexander quer durch Bulgarien auf der Spur der thrakischen Königsgräber und orphischen Kultstätten, vom Karst der Rhodopen und des Sakargebirges an der Grenze zu Griechenland und der Türkei bis hinauf an die Schwarzmeerküste, das ovidische Exil, wo Nekropolen in den Kalk der Steilklippen gehauen sind. Alexander war zudem schon im tropischen Turmkarst von Madagaskar, Äthiopien und Vietnam unterwegs, aber den Südharz kennt er noch nicht. Am Pfingstmontag trafen wir uns am Nordhäuser Bahnhof und liefen gen Westen auf dem Karstwanderweg bis Walkenried. Der Stollen unter dem Kohnsteinmassiv, wo die Häftlinge von Mittelbau-Dora im letzten Kriegswinter die V2-Raketen zusammensetzten, am Feiertag verschlossen, unter der Woche gehen Gruppenführungen in einen nur kleinen Teil des Höhlensystems hinab, weil seine kompletten Ausmaße noch immer nicht ganz erforscht sind. Hobbyhistoriker schleppten in den 1990er Jahren, als der Eingang ungesichert war, über siebzig Tonnen Kriegsdevotionalien aus dem Objekt heraus, die seither auf dem Schwarzmarkt kursieren; seitdem verriegelt eine Stahltür den Eingang. Ein Streifenwagen der Thüringer Polizei im Gelände postiert. Die Gräser neben den Asphalt- und Schotterwegen aufgeschossen, die Hitze des ersten Junitages drückend. Gegenüber des Stollens eine von den letzten französischen Überlebenden im April 2015, siebzig Jahre nach der Befreiung des Lagers, gepflanzte Rose, die sie zur Erinnerung an die Interpretin des deutsch-französischen Aussöhnungschansons »Göttingen« Barbara tauften.

Foto: © Alexander Paul Englert
Foto: © Alexander Paul Englert

Hinweisschilder zu den Resten von Lagerbahnhof, Rampe, Appellplatz, Zwangsbordell, Lagergefängnis, Krematorium. In der Niederung südöstlich die Dächer und Kirchtürme Nordhausens, von blühenden Feld- und Wiesenrändern umgeben – ein beinah lieblicher Anblick. Wir hielten Mittagsrast auf der Gipskuppe der Sattelköpfe, überblickten das bewaldete Panorama der Harzberge, nach dem Abstieg liefen wir am Waldrand im Schatten der Gipsklippe von Woffleben; Jugendliche auf dröhnenden vierrädrigen Buggies zogen Staubfahnen durchs Feld. Hinter Obersachswerfen bogen wir in einen Hohlweg nordwestlich der ehemaligen Grenze, ungemähtes, windgebogenes Feld bis zum Patrouillenweg der Volksarmee auf dem Kamm der Hügellehne: grüne Burgwälle von Wäldern, die wie Dornröschenhecken von nah und fern die Kornkammer des Thüringer Beckens umhegen, beim Blick zurück. Vor uns im Schatten steinbruchartiger Gipssteilwände schließlich die Giebel Walkenrieds, das von den imposanten Resten seiner Zisterzienserabtei zehrt.

»Ich glaube, das geht schon in Ordnung«, meint Alexander. Ein entschiedener schwarzer Strich aus der Spraydose hat das ›Verboten‹ unter dem ›Betreten‹ auf dem Schild vor dem Tunneleingang unkenntlich gemacht. Vom Itelteich am Fuß der Himmelreichklippen dringt Fröschequaken und Kuckucksrufen zu uns. Wir sind am Waldrand, neben der Bahn her, leicht erhöht unter mächtigen Buchenkronen, in einem sich über unseren Köpfen zu einer Art luftigen Dach schließenden, von Einschüssen des Sonnenlichts gesprenkelten Laubgewölbe gegangen und stehen nun, diesen Waldtunnel verlassend, vor der kalkhell ummauerten Schienenröhre. Eine Schneise von 269 Meter durch das Himmelreich, an deren Ende die Sonne hineinscheint. Im Schotter neben den Gleisen durchschreiten wir den Tunnelbogen. Als man die Schienen von Göttingen nach Nordhausen im Jahr 1868 verlegte, bohrte man den Gipssporn des Himmelreichs an und stieß dabei auf die Himmelreichhöhle; der Tunnel vereinigt sich mit dem Höhlenloch, sodass wir mit dem Verlassen des in den Fels eingeschmiegten Bauwerks zugleich am Höhlenausgang stehen. Doch wie weitergehen? Die Schienen laufen geradewegs auf Ellrich zu, sodass wir den dortigen Bahnhof in fünf Minuten erreichen würden; doch die Karstüberhänge sind verlockender. Wir nehmen den Pfad durchs Randgestrüpp zur Linken und stehen mitten im Unterholz vor einer abschüssigen Hangflanke. Es gibt keinen Pfad hinauf, aber wir entscheiden uns zu klettern, die Füße schräg über Wurzelwerk und eine dünne Schicht Mutterboden setzend, mit den Händen in überhängende Äste greifend, Ahorn oder Buche. Oben am Rand des Abhangs angelangt, erwartet uns ein wüstes danteskes Erd- und Felsenchaos. Aufgesprengte Gipsgesteintrümmer auf unebenem, von Dolinen, Erdtrichtern, Spalten aufgerissenem, von umgestürzten Stämmen, Ast- und Wurzelreich übersäten Grund verstreut, kein Weg, Pfad oder auch nur eine Fährte auszumachen. Wir steigen durch tief in den Boden getriebene Dolinenkegel und die hinter umgestürzten Baumstämmen klaffenden Erdlöcher, klippenartige weiße Felszacken ragen über den Hang hinweg, hundert Meter über dem Schienenstrang, der aus dem Tunnelloch schießend schnurgerade ostwärts nach Thüringen hinein verläuft. Beim Umherklettern und Tappen klingt der Grund unter unseren Tritten oft merkwürdig dumpf und hohl, als könne er jeden Augenblick nachgeben und absacken, wir tasten weiter, an vorübergehend Halt gebende Hölzer und Steine geklammert, am Rand des Abgrunds voran, nach Osten bildet das Felsenchaos eine das Waldstück durchziehende abschüssige Schlucht, nur das Dickicht im Nordwesten lässt stabileren Grund erahnen, wir sehen ein Plateau und einen von Nord nach Süd verlaufenden Pfad durchs Dickicht scheinen: der Himmelreichrücken, der unseren Schritten wieder Ebenheit verspricht. Quer in Bahnrichtung von Ost nach West bieten sich im Abstand von gut hundert Metern Ausblicke über den schroffen Klippenrand.

Nach Westnordwest, auf Walkenried und den Hochharz zielend, die über den Itelteich bis an die Gleise wie Pfeile aufragenden verwitterten Gipssäulen. Erdrutsche am Hangrand haben Bäume samt Wurzelreich über Kopf in die Tiefe hinabgerissen, einer der Vorsprünge erinnert an die von Caspar David Friedrich gemalten Wissower Klinken in Stubbenkammer auf Rügen, die ihrerseits vor einigen Jahren sich lösten und ins Meer abrutschten, sodass es sie nur mehr auf seinem Gemälde gibt. Ich lege mich bäuchlings auf den beim Gehen hohl klingenden Waldboden, die Nase über dem Rand des Abgrunds, und schaue, still daliegend, in die Tiefe hinab. Merkwürdig, dass ich dem Grund vertraue, weiß, dass er mich trägt, solange ich einfach daliege und schaue. Über mir das dichte Buchenblätterdach, zwischen Felskante und Zweigen ein mittagstiller blauer Horizont. Ich empfinde die mutmaßlichen Hohlräume unter meinen Schritten als wenig bedrohlich. Eher verheißen sie Erinnerung an etwas, das erwiesenermaßen da war, sich aber jeder Erinnerung zieht, und die Utopie einer vollkommenen Geborgenheit jenseits der Zeit. Das Bergende der Höhle darunter, das verborgen bleibt, unauffindbar und unbegehbar, obwohl es vorhanden ist: Vielleicht ist dies das Versprechen des Karst.

In ostsüdöstlicher Richtung verlassen wir den Himmelreichbezirk gen Ellrich, immer wieder an Abhängen, Dolinen, Felsaufbrüchen vorbei, über brackigen Wassertümpeln, tief im Unterholz entsorgten menschlichen Hinterlassenschaften; die ehemalige Grenze, die durch die Lagerreste lief, ist ein fluchbeladener Ort. An der Hinweistafel bei den Fundamenten der Krankenbaracke das Foto eines Totenscheins des zweiunddreißigjährigen Mechanikers André Gaudron aus Moustagon, verheiratet, zwei Kinder, römisch-katholisch, der Tod infolge »Pneumonia oder vollständiger Erschöpfung« am 20.Februar 1945 nach Leichenschau von einem »Dr. Stillard« festgestellt. »Man fühlt sich wie von der Unterwelt Nähe so schauerlich kalt umweht, daß man umhersuchen möchte nach der stygischen UfersteIle, wo der Kahn anlegt, in welchem der alte Fährmann die Seelen der Verstorbenen zu der Schattenwelt fährt«, schrieb der Dichter Christoph August Tiedge im Juni 1782 nach dem Besuch der bei Ellrich gelegenen Kellenhöhle, einer inzwischen eingestürzten Karstgrotte, die von einem empfindsamen Kreis um den in Ellrich lebenden Leopold Friedrich Goeckingk, den Halberstädter Johann Ludwig Gleim und den Göttinger Gottfried August Bürger als elysischer Wallfahrtsort besungen wurde.

Wir verlassen von Südwesten kommend das Lagergelände und überqueren die Gleise zum Bahnhof von Ellrich hinüber. Einmal pro Stunde rollt die Regionalbahn Göttingen–Nordhausen in jede Richtung durch den Himmelreichtunnel; am Ellricher Bahnhof treffen sich beide Linien. Zwischen 1949 und 1990 wurden hier lediglich Güterzüge abgefertigt.

Der Karstweg führt im Südosten Ellrichs erhöht an einem Gipsbruch vorüber. Auf der Hangkante stehend sehen wir den Bagger spielzeugautoklein im Gestein picken, bis eine Wand einbricht. Dann lädt er mit seiner Schaufel die herabgestürzten Brocken auf die Wanne des danebenstehenden Kippers. Der Staub des aufgewühlten, in die Wanne geworfenen Kalks liegt in der Luft. Ich muss an eine Szene in Abbas Kiarostamis Film Der Geschmack der Kirsche denken, als sein ziellos im Staub kreisender Held bei einem Steinbruch Halt macht und zusieht, wie ein Schaufelrad das zutage geförderte Gestein zu Kies zermalmt.

Foto: © Alexander Paul Englert
Foto: © Alexander Paul Englert

Der Weg führt uns durch den mit weißen Grenzsteinen markierten Waldrücken des Kammerforst nach Woffleben hinab. Auf den Steinen ist ein ›Z‹ eingraviert, steht es für die Zorge, den Fluss, der die Niederung, von oberhalb Walkenrieds im Hochharz herabschießend, bei Ellrich, Woffleben und Nordhausen durchfließt? Die Herkunft des Namens wird in vielen Quellen mit ›wilder Fluss‹ angegeben, mich erinnert Zorge an das Ungebändigte, Raue, das die Harzgegend noch immer ausmacht. Es gibt mir die Vorstellung, noch längst nicht alles sei hier kartiert, vermessen, abgeschritten, noch immer könnten Waldwege und Hochsteige unbekannte Flecken offenbaren, über die statt Wanderführern Märchen- und Sagenbücher und illuminierte mittelalterliche Chroniken Auskunft gäben.

Foto: © Alexander Paul Englert
Foto: © Alexander Paul Englert

Beim Abstieg zur Klippe von Woffleben ein kreisendes Bussardpärchen am Rande des Forst, wo er in offene Gegend übergeht. Wir kommen an einem Garten mit Bienenkästen vorbei, einer der Kästen mit einem Gipskarstbrocken beschwert. Vom darunter abfallenden Hang sehe ich das goldgelbe Fell und leuchtende Augenpaar eines Fuchses, wir sehen uns kurz in die Augen, dann wendet der Fuchs den Kopf und verschwindet im Holz. Wir passieren das Tal der Zorge, zunächst entlang der Gleise, auf deren Gegenseite sich Woffleben mit seiner weißen Klippe erstreckt, dann südöstlich gen Nordhausen schwenkend eine Kuhherde, braun-weiß gesprenkelte große Wiederkäuer auf einer Lichtung am Waldrand gelagert. Der Weg führt leicht hügelan in den Wald, wir kommen an einem mit Bauschutt und Wellasbest zugeschütteten Erdfall vorbei, gehen durch dichter und dunkler werdenden Baumbestand, bis wir den ehemaligen Zaun des Lagers erreichen. Wieder überschreitenden wir den Komplex, mit seinen Betonfundamenten, Schotterwegen, abgetragenem Gleisbett, den Hinweisschildern, dem über die leeren Appell- und Sammelplätze wehenden Gras, den Narben und Rändern weißen Gesteins. In östlicher Richtung, wo sich der Karstwanderweg am Fuße des Kohnsteins weiter in die Hochebene der Rüdigsdorfer Schweiz verläuft, die Niederungen der Salza und das Nordhäuser Becken überblickend, verbindet sich der Hügelsporn mit der nur mehr als Flurname nachweisbaren Schnabelsburg. Die Grundmauern des auf dem Felssattel sitzenden mittelalterlichen Einsiedler- oder Raubritternests verschwanden in den 1960er Jahren unter einer ihrerseits inzwischen abgetragenen Ausflugsgaststätte. Christoph August Tiedge bringt in seinem Brief vom Besuch der Kelle-Höhle den Karstvorsprung mit der 1731 in Nordhausen gedruckten utopischen Insel Felsenburg des Stolberger Barbiers und Feldschers Johann Gottfried Schnabel zusammen: »Das ganze Kohnsteingebirge stellt übrigens so wunderbar romantische Formen und Gestaltungen dar, daß es wohl zu dem bekannten, alten Roman begeistern konnte, dessen Verfasser ein Buchdruckergeselle in der freien Reichsstadt Nordhausen gewesen sein soll.«

Vom Lagergelände aus wirken die Türme Nordhausens beinahe märchenhaft. Der Sommer, der noch nicht einmal begonnen hat, scheint sich wie in einem Brennglas auf diesen glutheißen zweiten Juninachmittag verdichtet zu haben. Es ist, als schwängen im Flimmern über den Gräsern die Erinnerungen an andere, frühere Sommer mit und blieben zugleich fern, vorgehalten den Augen und vorenthalten dem Zugriff wie ein verfließendes, undeutliches Bild.

Wir steigen aus dem Sommerglast des Lagerplateaus durch Hecken und Schrebergärten zur Salzaquelle hinab. Ein teichartiger Krater voll klaren, von unten herauf sich kräuselnden Wassers, von oben mit dem Blütenstaub der die Quelle einfassenden Weiden und Erlen bedeckt. Die Schüttung der Salzaspring beträgt über 700 Liter pro Sekunde, die Herkunft des Wassers ist ungeklärt. Sie trägt gelösten Kalk mit sich, versorgt Gärten und Stadt mit mineralreichem Nass. Die ein paar Schritte weiter, am stadteinwärts in den Nordhäuser Ortsteil Salza mündenden Pfad schüttende Quelle trägt den Namen ›Grundloses Loch‹. Die damit verbundene Sage ist auf der Hinweistafel neben den geologischen Erklärungen wiedergegeben: Ein Bettler, der vom reichen Müller an der Salza statt des erbetenen Almosens einen Haufen Kot erhielt, verfluchte den Böswilligen, sodass sich unter diesem die Erde auftat, den Müller samt seiner Höhle verschluckte und das grund- lose Loch sich mit dem aus der Tiefe dringenden Wasser füllte. Es ist still über der Quelle, ein im Schatten der Zweige sich schwingender Grünspecht bringt mit seinem Ruf für einen Moment die Luft zum Klingen. Der tiefste Punkt des Grundlosen Lochs wurde mit drei Metern vermessen. Schaut man hinein, durchdringen sich Grund und grundlose Tiefe mit dem aus dem verkarsteten Untergrund schüttenden Gestein zu einem dunklen bläulichen Strudel, der die Bilder, die er heraufbringt, gleich wieder zerbricht.

Beim Einsteigen in den leeren Stadtomnibus erinnert uns die Busfahrerin daran, dass wir unsere Masken aufsetzen müssen. Wir passieren das im Januar abgebrannte Stadtparkhotel, in dem ich beim Gehen durch den Karst vor zwei Jahren übernachtete, die Nordhäuser Doppelkornbrennerei, die mittelalterliche Mauer, Kirchtürme, Fachwerkspeicher, Harzer Schmalspurbahn, Bahnhofsvorplatz mit Menschen vor Eiscafés und wilhelminischer Bahnhofsfassade: Wir sind in der Gegenwart eine mitteldeutschen Kreisstadt mit Erholungswert angelangt. Alexander nimmt die westliche Verbindung über Eichenberg und Kassel nach Frankfurt, ich sitze im fast leeren Regionalzug ostwärts nach Halle. Der Karst begleitet mich mit der Restglut des sommersatten Tags am nördlichen Horizont hinter der welligen Harzvorlandkette; im Süden die schroffgrünen Kyffhäuserhänge. Trockenes Wiesengras, Dornensträucher, Getreide, Korn, Gerste, Raps, aufschäumende Dorflindenblüten und halbschattiges Holunderweiß, ganze Milchstraßen von Holunderblüten an einem Ast. Zwischen Oberleitungen schwirrt eine Elster, am Straßenrand der Dörfer abgestellte Pkw, Caravans, Kleintransporter, der Abend verharrt im blauen, hellblauen Bereich, als sei die Zeit, die am Morgen in Walkenried begann, ins Unermessliche gedehnt. Eine gespannte Bogensehne, das griechische Maß für die Dauer des Pfeilflugs, möge mein Maß für die Zeit sein, die ich brauche zurück in den Karst. Ich denke an den Moment auf der Himmelreichklippe, auf der weichen Erde im Blätterschatten liegend und hinauf ins Blau zwischen den im Wind schaukelnden Zweigen sehend, mag es auch inwendig hohl unter mir sein, sich jede Sekunde zu senken drohen. Ich atme. Die Blätter atmen. Der Karst atmet.

Foto: © Alexander Paul Englert
Foto: © Alexander Paul Englert
Auszug aus

Jan Röhnert, Vom Gehen im Karst. Naturkunden No 73, herausgegeben von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz, Berlin 2021, ISBN 978-3-75180-203-1.

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erstellt am 02.5.2021
aktualisiert am 04.5.2021

Jan Röhnert. Foto: © Alexander Paul Englert

Jan Röhnert
Foto: © Alexander Paul Englert

www.janroehnert.de

Buchcover „Vom Gehen im Karst“, Jan Röhnert, Judith Schalansky (Hg.), Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2021

Jan Volker Röhnert, Judith Schalansky (Hg.)
Vom Gehen im Karst
Reihe: Naturkunden Bd. 73
Hardcover geb. Leinenband, 181 Seiten
ISBN: 978-3-75180-203-1
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2021

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