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Sagen, Legenden und Mythen sind Verbindungsstoffe der sufistisch-muslimisch geprägte Stammesgesellschaft, auf denen sich die Realität, die Gewaltherrschaft der Clans und krimineller Vereinigungen eingerichtet hat. Wladimir Medwedew hat mit seinem Roman „Im Strom der Steine“ ein mächtiges Epos über Tadschikistan verfasst und sich damit, findet Gudrun Braunsperger, in die Tradition der großen russischen Literatur gestellt.

Wladimir Medwedew: »Im Strom der Steine«

Der Bürgerkrieg der Clans

Zu Beginn dieses mächtigen Epos über Tadschikistan buddelt Andrej auf einer Baustelle einen Totenschädel aus. Am Schluss begegnet ihm das Todessymbol erneut: Der abgeschnittene Kopf des Tyrannen Suchur besiegelt das Ende von dessen brutaler Herrschaft. Was dazwischen liegt, könnte man für einen bösen Traum halten, in dem Dewen, dämonische Geister des orientalischen Volksglaubens, die Herrschaft übernommen haben. In seinem umfangreichen Roman „Im Strom der Steine“ – in der deutschen Übersetzung sind das mehr als 600 Seiten Lesestoff – verknüpft der russische Autor Wladimir Medwedew eine Vielzahl von Erzählebenen mit Sagen, Legenden und Mythen und schafft mit dem Dekor von Sprüchen und Rätseln aus dieser Volkskultur ein orientalisches Flair des Geschichtenerzählens. In der Gesamtschau ergibt sich ein komplexes Gefüge, das die sufistisch-muslimisch geprägte Stammesgesellschaft in den Wirren des tadschikischen Bürgerkriegs abbildet, der in den neunziger Jahren im Vergleich der OSZE-Länder die Höchstzahl an Opfern gefordert hat. Medwedew bedient sich kriminalistischer Stilmittel für die Rahmenhandlung: Der Roman setzt ein mit dem Mord an Andrejs Vater, dem Arzt Umar, und endet in atemberaubender Spannung mit einem von Unfällen begleiteten Mord, der das sichtbare Ergebnis einer in mehreren Köpfen geplanten Lynchjustiz ist. Die Umstände, die Andrejs Vater das Leben gekostet haben, zwingen das im vergleichsweise liberalen städtischen Leben sozialisierte Geschwisterpaar Andrej und Sarina, gemeinsam mit ihrer Mutter, der Russin Vera, im Heimatdorf des verstorbenen Vaters Zuflucht zu suchen. Schauplatz dieser schicksalhaften Entscheidung, die das Leben von allen dreien auf dramatische Weise verändern wird, sind die in der Gebirgsschlucht des Darwas liegenden Nachbardörfer Talchak und Woruch, zeithistorischer Hintergrund der Ereignisse ist das politische Machtvakuum, das aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetrepublik Tadschikistan erwachsen ist. Während Mafiabosse und Bandenchefs, ehemalige kommunistische Funktionäre und Clanführer erbittert um die Macht kämpfen, während der Drogenhandel erblüht und Vorstellungen von Struktur und Ordnung durch die Herrschaft krimineller Banden abgesteckt werden, gerät eine sittenstrenge wertkonservative Gesellschaft ins Straucheln. Wie eine Naturkatastrophe bricht über die beiden Dörfer eine Willkürherrschaft durch den ehemaligen kommunistischen Parteifunktionär und nunmehr selbst ernannten Machthaber Suchur herein. Mit einer als humanitäre Hilfe deklarierten Lieferung von Mehl erpreßt er die von der Viehwirtschaft lebenden Bergbewohner und sichert sich den Zugriff auf das karge Ackerland. Mit dem Anbau von Mohn für den Drogenhandel beabsichtigt er seine Schulden zu begleichen. Die Brutalität der paramilitärischen Besatzung durch Suchurs Ganoven versetzt die Dörfler in Angst und Schrecken. Zur Begleitung der Mehllieferung wurde von einem anderen lokalen Machthaber, dem Volksführer Sangak, eine Schutztruppe unter dem Kommando von Dawron entsandt, sie wird in die Konflikte hineingezogen und von Partikularinteressen aufgerieben.

Der im sibirischen Transbajkalien geborene russische Autor Wladimir Medwedejew hat den größten Teil seines Lebens in Tadschikistan verbracht. Heute lebt er in Moskau. „Im Strom der Steine“, 2017 erschienen, ist sein erster Roman, er wurde vielfach ausgezeichnet. Der Journalist, Fotograf und Literaturredakteur hat die Bevölkerung in Tadschikistan auch in unterschiedlichen anderen Berufen kennengelernt: Als Monteur, Helfer einer Geologentruppe, Dorflehrer und Sporttrainer hat er einen tiefen Einblick in die dortige Kultur gewonnen. Seinen Roman komponiert er als Zeitzeuge, vereinzelt haben historische Vorbilder in den Reigen der Figuren Eingang gefunden: der Volksführer Sangak Safarow etwa,– mit ihm, so berichtet Medwedew im Nachwort, konnte er unmittelbar vor dessen Tod ein langes Interview führen.

Der Russe Medwedew nimmt beide Blickrichtungen ein: Er schildert auch die Wahrnehmung der westlich geprägten russischen Gesellschaft, in der das Individuum über das Kollektiv und die Frau dem Mann gleichgestellt wird, in der Einschätzung durch die muslimisch-sufistisch geprägte Stammeskultur. Für diese gilt das Verhalten der Geschwister Andrej und Sarina als respektlos, man wirft ihnen Mangel an Erziehung sowie die „angeborene Taktlosigkeit der Russen“ vor. Die offensichtliche Unvereinbarkeit von zwei dermaßen konträren Lebensweisen wird für diese Kinder beider Kulturen zur Katastrophe. Die Hoffnung, Schutz bei den Verwandten des Vaters zu finden, erweist sich als Illusion. Stattdessen sehen sich die beiden der sittenstrengen dörflichen Kultur schutzlos ausgeliefert. Sarina gerät in eine ausweglose Lage: Im heiratsfähigen Alter ist die Halbwüchsige Kalkulationsobjekt für das Gemeinwohl des Kollektivs. Als Suchurs Begehrlichkeit auf das exotische Wesen trifft, das sein blondes Haar nicht verhüllt, kauft er die Braut, nicht aus sexuellem Interesse, sondern als Trophäe seines Spiel- und Machttriebs. Ab da nimmt das Verhängnis seinen unaufhaltsamen Lauf.

Über Jahrhunderte hinweg hat im ehemaligen Turkestan, das bis ins 19. Jahrhundert auf dem Gebiet Zentralasiens durch feudale Emirate beherrscht wurde, eine wertkonservative Gesellschaft an einer streng autoritären Organisation des Gemeinwesens festgehalten. Die Praxis dieses Alltags ist eine Erzählebene dieses Romans: Der Einzelne – Frauen wie Männer – hat sich den Interessen des Kollektivs unterzuordnen, dem Ältestenrat, den Wünschen des Clans, der spirituellen Autorität, dem Mullah und dem sufistischen Eschon. Frauen schulden Männern Gehorsam, während Männer die Macht der Frauen und deren nach altem Aberglauben praktizierte Rituale fürchten.

Das kommunistische Regime konnte diese Strukturen letztlich nicht zerstören, es hat ihnen jedoch über viele Jahrzehnte hinweg zugesetzt und sie in ihrer Glaubwürdigkeit erschüttert – so lässt sich der geschilderte Generationenkonflikt deuten. Nach dem Ende der Sowjetunion erwies sich das Fundament dieser Gesellschaft im politischen Umbruch als brüchig, gemäß den historischen Strukturen der Region hatte sich allerdings keine nationale Identität herausgebildet. Stattdessen kämpften von Sippenverbänden bestimmte Gruppierungen – säkulare und islamistische – erbittert um die Vorherrschaft, kontrollierten Territorien oder gründeten wie Suchur private Kleinstaaten. Wer nach oben kommt, das findet der russische Journalist Oleg, Medwedews Alter Ego in „Im Strom der Steine“, heraus, der muss den sogenannten „Weißknochen“ angehören, also Mitglied eines mächtigen Clans sein.

In Zeiten der Anarchie werden Irrsinn und Bösartigkeit in Gestalt von Sadisten und Mördern an die Oberfläche gespült. Der Tyrann Suchur ist ein Psychopath, der den Makel seiner Herkunft kaschiert: Als Sohn eines Fremden, eines sowjetischen Geologen, der später im Gulag landet, fühlt er sich seinem jüngeren Halbbruder Gado unterlegen, der im Ansehen des Dorfs höher steht. Dieser wiederum instrumentalisiert Suchur für die eigenen Machtphantasien, indem er im Hintergrund die Fäden zieht, ohne sich die Finger schmutzig machen zu müssen.

Die Komplexität der Handlung und die Vielfalt der Erzählebenen erinnern ebenso wie die psychologische Ausleuchtung der Figuren an einen von Dostojewskijs großen Romanen. Es sind die „Dämonen“ des späten 20. Jahrhunderts, die hier ihr Unwesen treiben. Der von seinem inneren Schuldkonzept gesteuerte Dawron, der boshafte Clown Schokir, ein Agent Provokateur mit zerstörerischer Kraft, und Eschon Wachab, dem die spirituelle Glaubwürdigkeit seiner Vorfahren fehlt, weil er ursprünglich ein weltliches Leben angestrebt hat und der Verpflichtung durch seine Herkunft ohne innere Überzeugung nachgekommen ist: Sie alle könnten dostojewskijsche Charaktere sein. Medwedew, so scheint es, erweist dem großen russischen Autor mit diesem Roman seine Referenz, indem er mit ihm kommuniziert. „Im Strom der Steine“ reiht sich ein in den Strom der russischen Literaturtradition und bezieht Inspiration aus ihr: ein überwältigendes Meisterwerk.

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erstellt am 02.5.2021
aktualisiert am 03.5.2021

Wladimir Medwedew
Im Strom der Steine
Roman
Aus dem Russischen von Helmut Ettinger
654 Seiten
ISBN 978-3-351-03750-5
Aufbau Verlag, Berlin 2021

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