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Mit seinem sechsten Roman kehrt Christoph Poschenrieder in die Zeit des Ersten Weltkriegs, die er in seinen ersten Romanen behandelt hatte, zurück und stellt den heute vergessenen Schriftsteller und Satiriker Gustav Meyrink in den Mittelpunkt der Handlung. Ausgehend von einer politisch wie literaturgeschichtlich pikanten Anekdote um Meyrink entwirft Poschenrieder in „Der unsichtbare Roman“, nun als Taschenbuch erschienen, eine facettenreiche Handlung mit unerwarteten Wendungen. Stefana Sabin hat den klugen, unterhaltsamen und atmosphärischen Roman gelesen.

Christoph Poschenrieder: »Der unsichtbare Roman«

Ein unmoralischer Auftrag

Im Kielwasser der Aufklärung war die Freimaurerei, die sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa und darüber hinaus verbreitete, von fünf Idealen – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität – geleitet, die sie im Alltag umsetzen wollte. Während die Freimaurer einerseits einen freien Meinungsaustausch pflegten, waren sie andererseits der Verschwiegenheit verpflichtet. Diese Aura des Geheimnisvollen hat sie schon immer zu beliebten Akteuren von Verschwörungstheorien gemacht.

Eine solche Verschwörungstheorie sollen sich hohe Politiker im Auswärtigen Amt des Deutschen Reichs mitten im Ersten Weltkrieg ausgedacht haben, nämlich: dass die Freimaurer schuld am Ausbruch des Krieges gewesen seien. Als Handlanger suchten sich dann die Politiker einen damals renommierten Schriftsteller aus, der dies gegen ein üppiges Honorar in einem Roman erzählen sollte.

„Der Auftrag ist nicht erfunden“, präzisiert Christoph Poschenrieder in einer Notiz zu seinem Roman, in dem er ihn zum erzählerischen Angelpunkt macht. Tatsächlich ist dieser Auftrag des reichsdeutschen Auswärtigen Amtes an Gustav Meyrink geradezu prädestiniert für eine Romanhandlung.

Poschenrieder, der an einer jesuitischen Hochschule in München Philosophie und an der Columbia University in New York Journalismus studiert hat, stellt den Auftrag des Auswärtigen Amts an Meyrink an den Anfang der Handlung und beschreibt nun die seelischen und intellektuellen Verrenkungen eines Schriftstellers angesichts eines unmoralischen Angebots.

Denn Meyrink, der sich in größter finanzieller Not befindet, nimmt den Auftrag an, und schon auf der Rückfahrt von Berlin, wo er den Vorschuss kassiert hat, zurück nach Starnberg, wo er in einer schönen Villa wohnt, fängt er an zu schreiben. Er „zeichnet eine flach auslaufende Wellenlinie aufs Papier, als Platzhalter eines noch nicht gefundenen Titels. Er betrachtet diesen müde verendenden Strich und überlegt, ob darin eine Botschaft, ein Zeichen stecken könnte, und packt schließlich das Büchlein weg. Immerhin: ein Anfang ist gemacht, mag er auch dürftig sein.“ Tatsächlich ist das der Anfang einer furchtbaren Schreibblockade.

Das viele Material über die Freimaurer, das man ihm aus Berlin schickt, sichtet Meyrink nicht einmal, und die von den Ministerialen vereinbarten Termine mit auskunftswilligen Freimaurer-Persönlichkeiten lässt er kommentarlos verstreichen, während er die Vorauszahlungen bereitwillig annimmt. Immer wieder versucht er zu schreiben – und immer wieder scheitert er. Gegen die Schreibhemmung rudert er auf dem Starnberger See, entspannt er sich bei ausgedehnten Yogaübungen und treibt sich in Schwabinger Kaffeehäusern herum, wo er vor allem bei dem befreundeten Anarchisten Erich Mühsam Rat sucht. Und mit stets neuen Berichten über die angeblichen Fortschritte des Romans gelingt es Meyrink, seine Auftraggeber hinzuhalten.

Aber dann fängt er doch an zu schreiben und tippt immer noch weiter, als das Farbband seiner Schreibmaschine schon verbraucht ist. „Meyrink überfliegt das Geschriebene. Eine Steigerung der Dringlichkeit wird notwendig. Und wohl ein frisches Farbband, denn schon lässt die Lesbarkeit der Buchstaben auf dem Papier nach. … Nach vier oder fünf Seiten ist das Farbband völlig verbraucht. … Meyrink macht weiter, Blatt um Blatt. “ Auf die quälende Schreibhemmung folgt eine fast unheimliche Schreibenthemmung: „Es gab keine Unterbrechungen und Anfälle von Verzweiflung durch die Abscheu, die jeden echten Schriftsteller beim ersten Anblick seiner Worte auf Papier unvermeidlich überkommt, überkommen muss: Er sah ja nichts.“ Das in vier Wochen fertiggestellte Manuskript schickt er dann nach Berlin, wo der Legationsrat im Auswärtigen Amt klagt: „… ist ja kaum zu entziffern“.

Tatsächlich sind die Seiten leer – es handelt sich ja um einen unsichtbaren Roman, dessen Handlung Meyrink so zusammenfasst: „Der Erzähler, ein Schriftsteller, der möglicherweise meinen Namen trägt, ist sich inzwischen der Unmöglichkeit der ihm gestellten Aufgabe bewusst geworden. Immer wieder hat er vergebliche Anläufe genommen, bis ihm ein nachlassendes Farbband die Vergeblichkeit alles Schreibens aufzeigt.“

Denn Poschenrieder macht aus der Geschichte um Meyrinks Schreibblockade einen Roman über das Romanschreiben. Deshalb wechselt er die Perspektive: Mal läßt er Meyrink als Icherzähler auftreten, mal entwirft er einen auktorialen Erzähler. Auch verschränkt Poschenrieder verschiedene Fiktionsebenen, wenn er die Handlung um den Propagandaroman mit Zitaten aus Meyrinks Werken spickt und mit Recherchenotizen durchsetzt – und als kleines selbstreferenzielles Spiel auch einen E-mail-Austausch zwischen ihm und der Verlagslektorin einbaut.

Bei alledem hält Poschenrieder den Werkstatt-Charakter seines Romans streng unter Kontrolle und konzentriert sich auf seine Figur und ihren Kampf um moralischen Anstand angesichts des unmoralischen Auftrags. Mit verbrämtem Sarkasmus zeichnet Poschenrieder die Ministerialen, die sich Verschwörungstheorien ausdenken und Einwände dagegen abwinken. „‚Ach, die Tatsachen’“, erwidert der Auftraggeber auf Meyrinks Frage zu den Freimaurern. „‚Das mag ja modern sein. Aber Fakten können widerlegt werden, es ist mühsam und ermüdend, aber es geht. Im Reich der Fiktion, in Ihrem Roman, spielen Sie mit dem, was die Menschen glauben oder glauben wollen.“

So verwebt Poschenrieder einen subtilen Aktualitätsfaden in die Handlung, wenn er die Propagandamacher gegen die Überschätzung der Fakten argumentieren läßt – zugleich pflegt er einen sarkastischen Ton, wenn er die Ministerialen für die Macht der Fiktion und den Schriftsteller für die Bedeutung der Fakten plädieren lässt. Poschenrieder baut die Spannung vorsichtig auf und lässt sie bis zuletzt steigen. Und er dreht die fiktionale Schraube noch einmal auf, indem er seinen Roman mit demselben leicht gruseligen Satz beendet, mit dem er ihn begonnen hatte – und diesen Satz wiederum macht er zum ersten Satz in Meyrinks fiktionalen, unsichtbaren Roman: „Es klopft.“

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erstellt am 02.5.2021
aktualisiert am 02.5.2021

Christoph Poschenrieder
Der unsichtbare Roman
Roman
Taschenbuch, 256 Seiten
ISBN: 9783257245493
Diogenes Verlag, Zürich

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