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Vor etwa sieben Jahren erfand Alfred Bodenheimer, Professor für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums an der Universität Basel, den Zürcher Rabbi Gabriel Klein als Aushilfsdetektiv der Polizei und – nicht zuletzt – als Erklärer der jüdischen Tradition. Nun tritt Rabbi Klein zum sechsten Mal auf und versucht, bei der Aufklärung eines Mordfalls an der schweizerisch-deutschen Grenze zu helfen. Stefana Sabin hat den Kriminalroman gelesen.

Alfred Bodenheimers Rabbi Klein und der Mord im Musiksalon

Das C im Bechstein

Alfred Bodenheimer. Foto: © Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel, https://jewishstudies.unibas.ch/de/personen/alfred-bodenheimer/
Alfred Bodenheimer

Dass im Lokalen das Universale exemplarisch erkennbar wird, gilt zwar schon lange, aber erst in den letzten Jahrzehnten entdeckte auch die deutschsprachige Kriminalliteratur den Reiz des Lokalkolorits. Die sogenannten Provinzkrimis spielen mit der Angst, dass das Verbrechen sich in nächster Nähe ereignen könnte – dass also der vertraute, vermeintlich friedliche Heimatort jederzeit zum Tatort werden kann.

Gewissermaßen ein Gegenentwurf zu üblichen Provinzkrimis gelingt es Alfred Bodenheimer, wenn er seine Romane im jüdischen Viertel von Zürich spielen lässt und dabei den unübersichtlichen großstädtischen Handlungsort auf einen beschaulichen, quasi provinziellen Tatort reduziert. So lässt er Rabbi Klein sich zwischen seiner Gemeinde als Mikrokosmos und der Großstadt als Makrokosmos bewegen und stets geduldig vermitteln.

Bei seinem nun sechsten Fall muss Rabbi Klein nicht nur zwischen Verdächtigen und Ermittlern, sondern auch noch zwischen dem deutschen Kommissar in Lörrach und der Kommissarin in Zürich vermitteln, weil der Ermordete, mit dem er regelmäßige ‚Seelengespräche‘ führte, in Deutschland unweit der Schweizer Grenze wohnte und der Tatverdächtige ein angesehenes Mitglied seiner Zürcher Gemeinde ist.

Schon als er der Witwe des Ermordeten einen Kondolenzbesuch macht, fallen dem beobachtungsbegabten Rabbi Unstimmigkeiten am Tatort auf. Die Einschüsse scheinen nicht zueinander zu passen. Ein Schuss verfehlte sein Ziel. „Beherrscht wurde der Salon von einem riesigen Konzertflügel. Mitten im C von BECHSTEIN, als hätte jemand darauf gezielt, klaffte ein hässliches kleines, von Splittern umgebenes Loch, um das eine ziemlich ungeschickte Polizeihand einen Kreidekreis gemalt hatte.“ Ein weiterer Schuss traf. „Eine Kugel ins Herz.“ Überall Fingerabdrücke, von denen manche sich nicht einordnen lassen. Die Witwe ist merkwürdig gefasst, die Gäste auf der Beerdigung überraschend gelassen. Die deutsche Polizei tappt im Dunkeln und bittet um Amtshilfe in Zürich, wo sie einen Verdächtigen vermutet. Die Zürcher Kommissarin ihrerseits wendet sich an Rabbi Klein.

Und der Rabbi fängt an, eigenständig zu ermitteln – nicht zuletzt, um sich von dem Riesenstreit abzulenken, der die Gemeinde kurz vor den Hohen Feiertagen erschüttert hat und ihm eine Klage vorm europäischen rabbinischen Gerichtshof einzubringen droht. So fährt Rabbi Klein hin und her über die Grenze und versucht zu verstehen, was passiert ist.

Der Fall ist komplizierter, als er zuerst scheint, und obwohl es Rabbi Klein schließlich gelingt, bei der Lösung wieder hilfreich zu sein, ist er sich dieses Mal am Ende nicht sicher, dass er richtig gehandelt hat.

Tatsächlich konzentriert sich der Autor mehr auf die Befindlichkeiten der Beteiligten und auf die Beziehungen zwischen ihnen als auf die Stringenz der Handlung und auf das Lokalkolorit. Zwar büßt der Roman dabei die besondere Note des ‚Provinzkrimis‘ ein, aber die Lektüre bleibt dennoch kurzweilig.

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erstellt am 23.4.2021
aktualisiert am 24.4.2021

Buchcover „Der böse Trieb“, Alfred Bodenheimer, Kampa Verlag, Zürich 2021

Alfred Bodenheimer
Der böse Trieb
Ein Fall für Rabbi Klein
Kriminalroman
Pappband mit Farbschnitt, 256 Seiten
ISBN: 978-3-311-12530-3
Kampa Verlag, Zürich 2021

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