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Allmählich hat sich während der gegenwärtigen Pandemie das Bewusstsein ausgebreitet, dass wir uns in einer außergewöhnlichen Situation befinden. Viele Menschen haben in dieser Situation angefangen, Tagebuch zu schreiben, das Besondere aufzuzeichnen, selbst wenn es darin besteht, das Allgemeine im Besonderen schriftlich festzuhalten. Die Herausgeber des Literaturmagazins WORTSCHAU baten sechs Autorinnen und Autoren, zu einem vereinbarten Zeitpunkt Notizen zu machen. Diese Beiträge wurden unter dem Titel »Seitenwechsel« in der Zeitschrift veröffentlicht und erscheinen in loser Folge in Faust Kultur. Aus Bonn berichtete David Eisermann.

SEITENWECHSEL

Silvester 2020 – David Eisermann

Donnerstag, 31. Dezember 2020

6.40 Uhr

Als ich zum fünften Mal aufwache, schaffe ich es nicht mehr, wieder zu schlafen. Es ist noch dunkel. Um diese Zeit im Jahr geht die Sonne hier erst um halb neun auf.

12.47 Uhr

Draußen ist es sonnig. Ein wenig falscher Frühling mitten im Winter. Wir bewohnen die dritte Etage in einem Haus, das zehn Jahre vor dem Ersten Weltkrieg errichtet wurde. Die Etage führt um eine Ecke, sodaß ich vom Arbeitszimmer auf den Balkon sehe. Der allerdings nicht mehr da ist. An der Stelle steht nur ein Gerüst, auf dem die Handwerker sonst damit beschäftigt sind, die alten Balkone abzureißen und neue zu errichten. Vom Erdgeschoss an aufwärts. Heute nicht.

Um in den Hof fotografieren zu können, muß ich ins Schlafzimmer. Vom geschlossenen Balkon aus geht es nicht, schon wegen des Gerüsts. Aus dem Fenster mache ich ein Foto. Wolken, die von innen zu leuchten scheinen. Wie Wolken aus einem Ofen. Im Chat antwortet meine Freundin: „Was für ein goldener Glanz!“

17.45 Uhr

„Ein frohes und gesundes neues Jahr wünsche Dir und uns beiden, daß wir hier und auch im wirklichen Leben weiter in Verbindung bleiben!“ „Das wünsche ich uns auch“, schreibt sie zurück. „Vor allem im wirklichen Leben.“ So viele Wege sind einem verwehrt. So vieles ist geschlossen. Die Behörden raten von Kontakten ab. Beim Einkaufen und bei so vielen Gelegenheiten tragen wir den Mundnasenschutz. Die Bundesbehörde zur Erforschung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten meldet zum Jahreswechsel 32.552 Neuinfektionen und 964 neue Todesfälle.

Ruth geht mit mir am frühen Abend „um den Block“. Meiner Chatfreundin schicke ich davon ein Foto. „Da meine ich, eine erleuchtete Buchhandlung zu erkennen“, antwortet sie darauf. Ja! Die Buchhandlung „Sabot“. Jede Menge anarchistischer Texte, wie sonst nirgends – aber geschlossen, wie alles sonst auch. Vorträge, Filmvorführungen. Jetzt natürlich nicht. Weil ich das Erklären nicht lassen kann, schreibe ich ihr, „Le Sabot“ sei das Wort für einen Holzschuh gewesen, wie einfache französische Arbeiter ihn trugen. Wenn sie streikten, warfen sie Holzschuhe ins Räderwerk der Maschinen, um sie zum Stillstand zu bringen. „Schöne Erklärung für Sabotage“, antwortet sie geduldig.

Sie schickt mir ein Foto von früher, auf dem sie etwa dreißig Jahre alt ist. Es könnte auch das Foto einer Bauhaus-Künstlerin sein. Berlin, zur Zeit der Weimarer Republik. „Stimmt“, meint sie. „Ich wurde früher häufiger in diese Zeit gesteckt. Manchmal heute noch.“ Mich haben sie mit Anfang 20 in den USA für einen Indianer gehalten. „Das glaube ich sofort“, schreibt sie. Was ich nicht schreibe und noch nie jemandem geschrieben habe: Die Familie meiner Großmutter Marie-Luise waren Sinti, die von Sachsen nach Preußen ausgewandert sind, wo sie keiner kannte und niemand etwas von ihrer Herkunft wußte. Deshalb sahen wir so aus, wie wir aussehen.

0.01 Uhr

Wir sind gemeinsam mit unseren Freunden in der Küche. Draußen gibt es so gut wie gar kein Feuerwerk, weil die Behörden vorher mitgeteilt haben, das Böllern sei zu unterlassen. Ruth mit den Freunden am Fenster, einer von uns kurz dahinter. Alle haben warme Sachen an. Ruth öffnet das Fenster, damit alle besser sehen können. „Das war hier ja sonst immer die Hölle“, sagt sie. Das spärliche Geböller über den Dächern klingt wie Korkenknallen. „Okay, das war’s“, sagt unser jüngster Freund und wendet sich ab – spaßhaft gelangweilt. Ruth lacht hell auf, prostet sich mit ihrer Freundin zu. Sie kennen sich länger, als sie ihre Männer kennen. Blond und rotblond. Sie verstehen sich gut.

2.29 Uhr

Wir sind noch in der Küche. Die Freunde längst auf dem Heimweg. Wir sind ausgelassen und müde zugleich. Auf dem Tisch steht noch eine Flasche Sekt, fast leer.

In der Nacht ist es eisig im Schlafzimmer. Ich kann nicht erkennen, wie spät es ist. Ruth und ich schauen, ob alle Fenster und Türen geschlossen sind. Es ist vollkommen dunkel. Der Strom ist ausgefallen. Die Heizung hat sich ganz abgekühlt. Der weite Hof zwischen den Straßen mit dem kleinen Park, dem Spielplatz, der sonst den Blick auf Dutzende anderer Fenster und Balkone entlang der Nachbarstraßen freigibt – vollkommen schwarz. Ein brausender Sturm ist aufgezogen. In allen Häusern ist es dunkel. Wenige Lichter wie von Taschenlampen. Die Mobiltelefone empfangen kein Netz mehr, sind aber noch geladen und lassen sich als Taschenlampe verwenden. SMS von unseren Freunden, ein paar Stunden alt: sie haben kein Taxi bekommen. Auf der Kreuzung Kölnstraße steht ein Zug der Straßenbahn. Licht aus. Türen zu. Schneewehe. Festgefahren. „Wir sind zu Hause. Habt Ihr Strom?“ Wir sehen stumm aus dem Fenster. Es hat begonnen, zu schneien. Kein Radio. Kein Fernsehen. Ruth findet meine Armbanduhr. Es ist 10.18 Uhr. „Die Sonne ist noch nicht aufgegangen“, sagt sie nach einer Weile. Wir hören den Hubschrauber zuerst, bevor wir ihn sehen. Er ist sehr groß, mit zwei Rotoren, einer vorn, einer hinten. Er schaukelt, setzt auf und die Rotoren laufen weiter. Die haben Sorge, denke ich, daß sie die Rotoren bei dem starken Wind nicht wieder anlassen können, wenn sie sie erst einmal ausschalten. Im Licht der Scheinwerfer: viele kleine Kinder in der Begleitung weniger Erwachsener unterwegs zum hinteren Ende des Hubschraubers. Irgendetwas schlägt aufs Dach. In der alles verschlingenden Dunkelheit ist nichts zu erkennen.

10.18 Uhr

Ich wache auf. Ruth hat das Fenster aufgemacht. Die Sonne scheint. Kinder spielen, die Eltern immer dabei. Im weiten Hof – gegenüber das Frauenmuseum (einmal war sogar Yoko Ono zu Besuch) – ist es fast mild. Ruth und ich schauen uns an. „Ich habe noch nie so fest geschlafen“, sage ich. „Ich habe die Heizung runtergedreht“, sagt sie. Die Heizung sei ganz warm gewesen. Dann sehen wir uns nur an. Sie schaut wieder in den Hof und sagt leise: „Der Hubschrauber mit den kleinen Kindern. Das war so endgültig. Und so laut, trotz des Sturms.“ Dann, nach einer Pause: „Und obwohl ich wußte, daß wir zurückbleiben mußten, habe ich mir nur gewünscht, daß sie es schaffen.“

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erstellt am 21.4.2021
aktualisiert am 23.4.2021

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Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstanden und in der Zeitschrift WORTSCHAU veröffentlicht wurden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag machten sich 6 Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhielten, woran sie arbeiteten und was sie erlebten.

David Eisermann (Foto: privat)
Über den Autor

David Eisermann war 20 Jahre Moderator und Autor für das Kulturradio WDR3. Bis 2018 Vorsitzender des Vereins Literaturhaus Bonn. Heute Lehrbeauftragter an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Übersetzer aus dem Französischen und dem Englischen (u. a. White Jazz von James Ellroy). 1978-79 DAAD-Stipendium, University of Pittsburgh (Film Studies, Comparative Literature); 1981-84 Doktorandenstudium in Bonn; Akademischer Rat auf Zeit an der Universität Bayreuth im Sonderforschungsbereich der DFG/SFB 214 „Identität in Afrika“; Monographie: Crèvecoeur oder Die Erfindung Amerikas, Rheinbach-Merzbach: CMZ-Verlag, 1985; DVD Propaganda Swing: Dr. Goebbels’ Jazz-Orchester (SWF/SWR-Fernsehen).