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Das Buch beginnt mit dem 30-jährigen Søren Kierkegaard. Er hatte schon „Entweder–Oder“ veröffentlicht und sollte mit den „Philosophischen Brocken“, dem „Begriff der Angst“, dem „Augenblick“ und der „Krankheit zum Tode“ heftige Diskussionen auslösen und zum Begründer der Existenzphilosophie werden. Clare Carlisle, Dozentin am Londoner King's College, hat die Biographie des Philosophen geschrieben, und Gudrun Braunsperger hat sie gelesen.

Clare Carlisles Kierkegaard-Biographie »Der Philosoph des Herzens«

Sein durch Entsagung

Clare Carlisle
Clare Carlisle

Clare Carlisles Kierkegaard-Biographie „Der Philosoph des Herzens“ könnte auch mit „Der Sokrates des Christentums“ überschrieben sein. Die Autorin hat die biographisch bedingten Prägungen des großen Philosophen des Nordens untersucht, um herauszufinden, was diesen dazu motiviert hat, in der Rolle des „Sokrates des Christentums“ die Erneuerung desselben sich zur Lebensaufgabe zu machen: Mit der an dem griechischen Philosophen geschulten Methode des Hinterfragens trat Kierkegaard gegen die Sophisten seiner Zeit an, gegen die kirchlichen Würdenträger und die Samt- und Seide-Pastoren, um die Weltlichkeit des Luthertums des 19. Jahrhunderts zu korrigieren, so wie Luther seinerseits im 16. Jahrhundert die Verdorbenheit und Exzesse der katholischen Kirche angeprangert hatte.

Clare Carlisle, selbst Philosophin, hat sich viele Jahre lang der Auseinandersetzung mit diesem Denker gewidmet. Mit einem besonderen Verständnis für Kierkegaards seelische Zerrissenheit ist sie hineingeschlüpft in seinen Geist und in sein Herz und hat das konfliktreiche Verhältnis all seiner Persönlichkeitsanteile von innen heraus nachvollzogen. Sich hineinzudenken und hineinzufühlen in das innere Erleben dieser „Menschwerdung“, das ist die große Leistung dieser Biographie. Mit dem folgenden Anspruch bezieht sich der dänische Philosoph auf Sokrates: So wie der griechische Philosoph bezweifle auch er, dass eine Person von Geburt an Mensch sei. Kierkegaard wörtlich:

„Man gleitet nicht einfach ins Menschsein oder erhält das Wissen darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.“

Auf die Rolle des „Sokrates des Christentums“ führt die Autorin ihre Leser behutsam hin, indem sie in der ersten Hälfte ihres Buchs Kierkegaards eigene verschlungene Wege mit vielen Rückblenden nachzeichnet.

Die Biographie setzt 1843 ein, Søren Kierkegaard ist soeben 30 geworden, er befindet sich auf dem Weg von Berlin zurück nach Kopenhagen, zum ersten Mal im Waggon einer Eisenbahn – die erste Berlin-Reise hat er noch in der Postkutsche zurückgelegt. „Entweder – Oder“ ist schon erschienen, „Die Wiederholung“ gerade abgeschlossen, mit „Furcht und Zittern“ hat er bereits begonnen. Am Finger trägt er den zu einem diamantenen Kreuz umgearbeiteten Verlobungsring, den er einst Regine Olsen geschenkt hat; die Verlobung hat er eineinhalb Jahre zuvor gelöst. Der Bruch mit Regine wird zur schmerzlichen Erfahrung, die sein Leben fortan begleiten wird.

Das Leben rückwärts verstehen, aber vorwärts leben – ein Satz, der genau besehen, damit ende, so Kierkegaards Kommentar, dass, Zitat: „Das Leben in der Zeitlichkeit nie recht verständlich wird, eben weil ich keinen Augenblick vollkommene Ruhe finden kann, um die Stellung: rückwärts einzunehmen“.

Carlisle legt diesen Blick nicht nur der Erzählweise ihrer Biographie zugrunde, sie erklärt durch diesen Befund Kierkegaards, wodurch sich sein Werk von anderen, geschlossenen philosophischen Systemen seiner Zeit so grundlegend unterscheidet. Sein Denken ist akademisch betrachtet eine Antwort auf die Philosophie der Romantiker, auf Schelling etwa, den er in Berlin selbst gehört hat. Vor allem Hegels dialektische Philosophie als Lösungsangebot begreift er als intellektuelle Hybris. Ihm selbst aber geht es jedoch in seinen Schriften um eine Hilfestellung beim schwierigen Prozess der Menschwerdung jedes Einzelnen, und er benutzt zum philosophischen Erkenntnisgewinn die von Sokrates betriebene Technik des Hinterfragens sowie dessen Mittel der Ironie, um Fragen wie diese zu beantworten: Wie kann ich Mensch sein in der Welt? Wie kann man in der Welt Christ sein oder vielmehr: Christ werden? Er meint damit: Wie ist das Leben zu leben?

Gerade die eigene schmerzliche Lebenserfahrung hat ihn erst dazu ermächtigt, dem inneren Ruf als Schriftsteller und Philosoph zu folgen und seine Lebensaufgabe zu erfüllen. Sie erscheint ihm mit den Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft an einen Ehemann und dessen Rolle in der Welt unvereinbar zu sein, und so erkennt er in seinem Heiratsantrag an Regine Olsen eine Fehlentscheidung. Mit den Konsequenzen seiner Entlobung leben zu müssen, dem Urteil der bürgerlichen Gesellschaft ausgesetzt und vor allem einem anderen Menschen gegenüber schuldig geworden zu sein, um „man selbst“ werden zu können, das wird sein Denken und Schreiben ein Leben lang begleiten.

Die Reflexion über das menschliche Herz war es wiederum, die ihm das Interesse und die Zustimmung vor allem der zeitgenössischen weiblichen Leserschaft so auffallend sicherte. Carlisle hat deren Zeugnisse gut dokumentiert, sie rechtfertigen den Titel ihrer Biographie „Der Philosoph des Herzens“, als den ihn gerade seine Leserinnen erkennen: Eine von ihnen schreibt an Kierkegaard: „Ich bezweifle, dass es eine einzige Saite im menschlichen Herzen gibt, die Sie nicht anschlagen können, keinen Winkel, den Sie nicht durchdrungen hätten.“

Gleichwohl ist Kierkegaards Verhältnis zum weiblichen Geschlecht nicht ohne Widersprüche, so wie er auch andere Widersprüche in seinem Leben zusammenzuführen sucht: Der zum Theologen und Philosophen ausgebildete Schriftsteller fügt die Dichtung der Philosophie hinzu und umgekehrt, der Christ Kierkegaard fordert die Aufwertung des Ideals der Entsagung ein und betont dennoch die Notwendigkeit, in der Welt zu sein.

Seine vielen Seelenanteile verbirgt er nicht zuletzt hinter zahlreichen Pseudonymen, mit denen es ihm lange Zeit gelingt, seine Autorschaft zu verschleiern. Das Zusammenspiel von Nicolas Notabene, Vigilius Haufniensis, Johannes Climacus und Søren Kierkegaard seien Boten von Kierkegaards Innerlichkeit, schreibt Carlisle, ebenso kunstvoll wie lyrisch in der Preisgabe seiner Seele. Die Pseudonyme verschleierten nicht nur Kierkegaards Identität, so das Urteil der Autorin, sondern auch seinen Wunsch nach Anerkennung. Gemeinsam verkörperten sie sein Ideal und wahrten doch den Abstand zur Welt, die dazu angetan war, den hochsensiblen, stets um sich selbst kreisenden Philosophen durch ihr Urteil über ihn herauszufordern.

Porträt Søren Kierkegaard (Gemälde von Luplau Janssen, 1902). Bild: Gemeinfrei, http://www.denstoredanske.dk/@api/deki/files/14898/=319004513.501.jpg, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16949449

Porträt Søren Kierkegaard (Gemälde von Luplau Janssen, 1902)
Foto: Gemeinfrei, http://www.denstoredanske.dk/@api/deki/files/14898/=319004513.501.jpg, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16949449

Regine Olsen wird er ein Leben lang treu bleiben, und zwar auf eine „nur ihm selbst verständliche Weise“, so Carlisle: nämlich durch sein Schreiben. 1855 verlässt Regine Dänemark gemeinsam mit ihrem Mann, der in die Kolonien versetzt worden ist. Kierkegaard stirbt nur acht Monate später. Die Umstände seines Todes sind bemerkenswert: Um Regines christlichen Gefühle nicht zu verletzen, hat er seinen finalen Angriff auf das offizielle Christentum erst nach ihrer Abreise publizistisch lanciert, mit den letzten finanziellen Mitteln, die ihm von seinem Erbe verblieben sind, das ihm bis dahin den Lebensunterhalt gesichert hat. Kurze Zeit nach diesem skandalträchtigen öffentlichen Schlagabtausch erleidet er einen körperlichen Zusammenbruch und stirbt am 11. November 1855 mit nur 42 Jahren vermutlich an den Folgen einer Entzündung des Rückenmarks.

Sein melancholisches Einsiedlertum mit der Anlage zum seelischen Leiden hat er als selbst gewähltes Martyrium empfunden und sich selbst in der Rolle des unangepassten Rebellen gegen die bürgerliche Gesellschaft, der die Wahrheit des Christentums ins rechte Licht rückt, dabei als „Spielzeug der Vorsehung“ begriffen.

Auf die philosophischen Fragen der Moderne hat Søren Kierkegaard großen Einfluss genommen: Ein Jahrhundert später wird die Existenzphilosophie seine Themen aufgreifen, vor allem seinen Fokus auf den Einzelnen. Sein Werk ist aber auch ein Vermächtnis an die Gegenwart: Kierkegaard hat den spirituellen Schatz der europäischen Kultur aufs Neue gehoben, indem er die Forderungen des Urchristentums wieder aus einer eigenen nahezu mystischen Gläubigkeit heraus in den Blick gerückt hat, und zwar in Opposition, ja Rebellion gegen die gesellschaftlich und institutionell befürwortete christliche Praxis. Sätze wie dies lesen sich in Zeiten neuer säkularer Glaubenskriege jedenfalls hoch aktuell:

„Einen Menschen zwingen zu eigener Meinung, einer Überzeugung, einem Glauben, das kann ich in alle Ewigkeit nicht (…) Ich kann ihn zwingen, aufmerksam zu werden.“

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erstellt am 19.4.2021
aktualisiert am 19.4.2021

Buchcover „Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Søren Kierkegaard“, Clare Carlisle, Klett-Cotta, Stuttgart 2020

Clare Carlisle
Der Philosoph des Herzens
Das rastlose Leben des Søren Kierkegaard
Aus dem Englischen von Ursula Held und Sigrid Schmid
Gebunden, 454 Seiten
ISBN: 978-3-608-98224-4
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020

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