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Auf den Vasen der griechischen Antike sieht man Menschen, die mit Lyra, Kithara oder Aulos musizieren. Was sie gespielt haben und wie das klang, wissen wir nicht. Der Blockflötist und Komponist Conrad Steinmann vergegenwärtigt nicht nur mit seinem „Ensemble Melpomen“ altgriechische Musik, er hat auch in seinem Buch „Nachklänge“ alles Wissenswerte über die Instrumente und die Musik der griechischen Klassik zusammengetragen. Jakob Ullmann empfiehlt, es aufmerksam zu lesen.

Conrad Steinmanns »Nachklänge«

Akoúsate / Horcht!

Conrad Steinmann
Conrad Steinmann

Wenn man die Beschäftigung mit altgriechischer Musik, mit der Klangpraxis der Antike jenen Arealen wissenschaftlicher Tätigkeit, die gern mit dem ebenso blumigen wie pejorativen Begriff der „Orchideen-Wissenschaft“ bezeichnet werden, zurechnet, müsste man kaum mit heftigem Protest, vermutlich nicht einmal ernsthaftem Widerspruch rechnen. Ganz im Gegenteil könnte es durchaus sein, dass die ernsthafte Erforschung von etwas so eindeutig Vergangenem geradezu als Paradebeispiel für ein Feld der Wissenschaft angeführt würde, auf dem die beachtliche Begeisterung der dort Tätigen in umgekehrt proportionalem Verhältnis nicht nur zur Zahl der von den Ergebnissen dieser Forschung Betroffenen, sondern auch zur Relevanz dieser Forschung für den Fortgang der Wissenschaften und die Verbesserung der Gesellschaft steht. Man kann diese Einschätzung für unangemessen, ja für falsch halten und man hätte damit zweifellos recht. Dies enthebt die Kritik an einer solch wenig vorteilhaften Einordnung in den Kanon wissenschaftlicher Tätigkeit jedoch nicht davon, ihrerseits nach Gründen zu suchen, warum dieses Forschungsfeld so merkwürdig ins Abseits geraten ist. Dies schon deshalb nicht, weil es sich hier eben nicht nur um eine kulturelle Praxis handelt, die von der unseren so verschieden war, dass eine tatsächliche Annäherung kaum oder gar nicht möglich zu sein scheint, sondern weil hier Sinn und Nutzen eines ganzen Bereiches des Nachdenkens über die Wurzeln unserer Kultur zur Disposition stehen.

Dies scheint umso vordringlicher, als die Beschäftigung mit der antiken Kultur, mit antikem Denken, antiker Wissenschaft und Kunst ja auch deshalb ein Kernbestand wissenschaftlicher Tätigkeit war und ist, weil diese Kultur zweifellos eines, wenn nicht das wichtigste Fundament heutiger Existenz von Kultur und Gesellschaft nicht nur im Westen Europas darstellt, sondern auch die Basis kulturellen und politischen Handelns auch weit jenseits der Grenzen Europas geworden ist. Allein die nachhaltige Zerstörung seiner wissenschaftlichen Reputation, die Friedrich Nietzsche durch die Veröffentlichung seines Erstlingswerkes „Die Geburt der Tragödie oder Griechentum und Pessimismus“, in dem der Autor bekanntlich sich umfassend dem Phänomen griechischer Musik als Ganzes anzunähern bestrebt ist, verursacht hat, kann als ausreichende Begründung wohl kaum genügen.

Hinzu kommt: jeder angehende Musiker und Musikerin, jeder angehende Musikwissenschaftler und jede Musikwissenschaftlerin kommt nicht umhin, am Beginn der Ausbildung mit den Begriffen und Konzepten der antiken Musik – wenn auch nicht selten in bis zur Sinnentstellung veränderter Form – schon deshalb sich vertraut machen zu müssen, weil diese Begrifflichkeit und diese Konzepte bis heute die Wissenschaft und die Praxis der Musik bis in ihren Kern prägen.

Vielleicht aber liegt gerade hierin schon einer der Gründe für das Randständige der Erforschung der antiken Musik: Man glaubt, das, was es über diese Musik zu wissen gibt, da sie ja nun einmal von Erdboden verschwunden ist (und keine Gründe in Sicht sind, die darauf schließen lassen, dass sich daran noch einmal etwas ändern könnte), bereits in ausreichendem Maß verstanden zu haben – alles weitere, Details aus einer sicherlich reichen und vielfältigen Geschichte, seien allenfalls Arbeitsgebiete der Wissenschaftsgeschichte, der Sprach- und Medienwissenschaft oder der Philosophie, die sich dann auch mit der umstrittenen Stellung von Musik, Musikern und musikalischer Betätigung als Thema politischer Theorie und soziologischer Praxis befassen könne.

Eines ist ja leider wahr: Würde man sich vornehmen, allen Dokumente antiker Musik hörbar machen zu wollen, so dürfte die Länge der Darbietung, wenn sie denn möglich wäre, selbst unter dem inzwischen durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus strenggewordenen Blick von Konzertveranstaltern Gnade finden. Anders als im Bereich der Religionswissenschaften, wo durch die Handschriftenfunde von Qumran und vor allem die von Nag Hammadi die Erforschung der antiken Religions- und Geistesgeschichte sowie ihrer Nachwirkung in Mittelalter und Neuzeit auf eine neue und weit solidere Basis gestellt wurde, sind solche Funde, die Theorie und Praxis der Klangkunst der Antike neu zu bewerten erlaubten und zugänglicher machen würden, kaum zu erwarten.

Man muss sich also klarmachen, dass man es bei der antiken Musik mit der Erforschung von etwa 1000 Jahren Geschichte einer kulturellen Praxis zu tun hat, deren Theorie – auch wenn selbst die nur fragmentarisch überliefert ist – weit besser dokumentiert ist als die klangliche Umsetzung und letztere aus der Theorie nur bestenfalls unvollkommen rekonstruiert werden kann. Um sich der Tragweite dieser Feststellung einmal bewusst zu werden, stelle man sich vor, man würde die reichlich 1000 Jahre von Geschichte und Praxis der westeuropäisch-abendländischen Musik aus ein paar Seiten eines mittelalterlichen Choralbuchs, einigen Manuskriptblättern von Bach, Beethoven und Offenbach, sowie Melodiezetteln von Beatles-Songs mit knappen Hinweisen für die Gitarrenbegleitung einerseits, unvollständigen Exemplaren eines anonymen mittelalterlichen Musiktraktats, Rameaus „Traité“, Schoenbergs Harmonielehre und einem Essay-Band von Pierre Boulez zu rekonstruieren versuchen – und dies in einer Situation tun müssen, in der es so selbstverständlich ist, Wagners Musikdramen als Theaterstücke auf der Sprechbühne (je nach Gusto des Regisseurs eher als Tragödien oder eher als Komödien) aufzuführen, dass jedes Ansinnen zu einer solchen Aufführung etwa „Musik“ hinzuzufügen, als eskapistische Wahnidee gelten würde.

Gerade diese Vergegenwärtigung der Lage bei der Erforschung antiker Klangkunst macht auf eine durchaus seltsame Verengung des Blicks aufmerksam. Erst wenn man sich die Folgen dieser Fokussierung einer kulturellen Praxis auf ihre theoretische Durchdringung und ihre codifizierten Ergebnisse der Imagination, d. h. ihre „Werke“ – die Sammlung von Dokumenten griechischer Musikpraxis nennt diese erhellend „Denkmäler“! – bewusst macht, wird die gewaltige Leerstelle der Wahrnehmung sicht- und fühlbar, auf der doch seit mehr als zweitausend Jahren immer und völlig unverborgen die Werkzeuge der antiken Musik vor aller Augen standen.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass ein Musiker, der in seinem Arbeitsleben in besonderer Weise als Lehrer wie als ausübender Musiker mit sog. „alter Musik“ und der „historisch informierten Musikpraxis“ bei ihrer Ausführung konfrontiert war, schon am Anfang seines Buches – sozusagen en passant – ein grobes Missverständnis zurechtrücken kann, das die Erforschung dieser Werkzeuge, der Musikinstrumente, begleitet. Im das ganze Buch Conrad Steinmanns bestimmenden ebenso freundlichen und wie unaufgeregten Stil macht der Autor auf den Unterschied zwischen dem „technítes“ und dem „banaúsos“ in der griechischen Musikkultur aufmerksam. Während Ersterer das Instrument spielt, ist Letzterer der Handwerker, der das Instrument baut. Vielleicht wird schon (und gerade) hier deutlich, mit welchen Widerständen ein Forscher zu rechnen hat, der die Instrumente und ihren Bau ebenso in den Fokus seines Interesses rückt wie ihren Gebrauch, wenn für das weithin herrschende akademische Klima der „banaúsos“ als Instrumentenbauer längst zum Banausen geworden ist.

Auf solche Einsichten, auf solche Veränderungen des Blickes und auch das Infragestellen scheinbar festgefügter Normen akademischer Arbeit muss sich einstellen, wer sich mit Conrad Steinmann auf „Nachklänge“ einer Kultur einlassen will, zu deren Hauptmerkmalen gehört, dass die Trennung in Kunst des Wortes und Kunst der Klangpraxis für sie – trotz rein instrumentaler Stücke – nicht existierte. Selbst in der Archäologie hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten die Erkenntnis durchgesetzt, dass neben der Entdeckung und Konservierung von Artefakten der Vergangenheit auch (manchmal vor allem) Formen des experimentellen Umgangs und der praktischen Erprobung von Replikaten solcher Artefakte neue Erkenntnisse ermöglichen. In der Musik muss man sogar eine Schritt weitergehen: während ein mittelalterliches Katapult ein Katapult ist, das man auf seinen (eindeutig festgelegten) Zweck hin praktisch erproben kann, setzt eine solche Erprobung von Musikinstrumenten und ihren Nachbauten die Bereitschaft voraus, Formen experimentellen Musizierens, d. h. der Improvisation als gleichberechtigter Form wissenschaftlicher Erforschung einer uns fremd gewordenen Kultur anzuerkennen. Es sei mindestens darauf hingewiesen, dass inzwischen auch im Bereich der Erforschung (früh-)mittelalterlicher Musik solche Strategien ihre Eignung erwiesen haben, schwierige Fragen der Interpretation zu klären und daher sich gegen manche Widerstände inzwischen etablieren konnten.

Zudem gibt es antike Darstellungen von Musizierenden, die – jedenfalls für mich – durchaus den Eindruck erwecken, als improvisiere da jemand, der sich von einer „aufgeschlagenen“ Buchrolle inspirieren lässt.

Mit derart geöffneten Augen und Ohren begibt sich Conrad Steinmann im langen ersten Teil des Buches – er nimmt fast die Hälfte des gesamten Werkes ein – auf eine Reise von den fassbaren Anfängen der griechisch-antiken Musik bei Pythagoras bis zu den Forschern auf diesem Gebiet in der Gegenwart. Dieser Teil des Buches macht immer wieder deutlich, wie stark – gleichsam aus dem Hintergrund – antike Musik das sog. abendländische Musikdenken herausgefordert und beeinflusst hat. Auch wenn man wenig Wissen darüber hatte, wie diese Musik tatsächlich beschaffen war und klang, ihrem „Geheimnis“ auf die Spur zu kommen, hat die europäische Musik zu mancher Entdeckung und Entwicklung geführt, die ohne dieses Interesse kaum möglich gewesen wäre. Gerade auch für Leser, die sich mit Recht für kompetent in der Geschichte der europäischen Musik halten dürfen, hält dieser Teil spannende Erkenntnisse und Einsichten bereit, die umso stärker nachwirken, als der Autor sie in den Fluss seiner kundigen Erzählung einbettet. Ob es sich um den in einer kurzen Bemerkung versteckten beträchtlichen Wechsel in der Beurteilung von Platons be- und häufig verurteilender, um nicht zu sagen richtender Sicht auf die Musik geht, die der Autor zu Recht in Platons Anliegen der „Paideia“ einordnet, ob der Autor deutlich macht, dass hinsichtlich der Epocheneinteilung europäischer Kunst man sich bei der Musik zwischen „inhaltlicher“ Renaissance“ und einer (auf ganz und gar nicht „antiken“ Wiedererweckungen beruhenden) Einfügung der Musik in die Kunstepoche der Renaissance einem nicht auflösbaren Unterschied gegenüber sieht – der Spiegel antiker Musik lässt Zusammenhänge und Urteile im besten Sinne frag-würdig (d. h. der Frage wert) werden, an die wir uns nur allzu gern gewöhnt haben. Dass die Erzählung Conrad Steinmanns auch Autoren mit freundlicher Aufmerksamkeit würdigt, die mit mehr oder weniger Grund kaum zu den verlässlichen Zeugen ferner und fremder Kulturen gerechnet werden können, auch wenn ihnen gerade an diesem Anschein viel liegt, wie etwa Athanasius Kircher, zählt ebenso zu den Stärken des Buches wie der Nachweis, wie häufig und intensiv sich die Erforschung antiker Musik lange vor der Rehabilitierung experimenteller Verfahren auch in den historischen Wissenschaften sich Forscher (wie z. B. der Belgier August Gevaert) mit der Untersuchung der Werkzeuge antiker Musik auseinandergesetzt haben.

Dies ist für die Lektüre der weiteren Teile des Buches durchaus von besonderer Bedeutung, denn der Leser könnte allzu rasch dem Fehlschluss erliegen, die folgenden Kapitel bis zu den ebenso erhellenden wie anekdotischen Schilderungen der Umstände und Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion altgriechischer Instrumente einfach zu überschlagen. Er würde sich damit nicht nur einer unschätzbaren Fülle an interessantem Wissen berauben, er könnte auch die klangliche Erprobung der Instrumente nicht wirklich verstehen. Die „Improvisationen“, die Conrad Steinmann neben der Umsetzung der raren Zeugnisse antiker Musik mit seinem Ensemble „Melpomen“ sowohl auf CD wie bei Konzerten vorstellt, sind die Frucht präziser und bis ins Detail kontrollierter Arbeit an den Fundstücken und ihrer Replikate. Jeder, der auch nur ein wenig vom Aufbau und der Funktionsweise von Instrumenten versteht, wird wissen, dass Fragen wie die nach Tonumfang und Stimmung, Klangfarbe und spieltechnischen Möglichkeiten in einem Maße von der Beschaffenheit der Instrumente abhängen, die einen im wahrsten Sinne „spielerischen“ Umgang mit den Instrumenten nur zulassen, wenn diese Fragen mit größter Genauigkeit und Sorgfalt beantwortet wurden.

Das Ensemble Melpomen mit Conrad Steinmann (2. v. r.). Foto: Ensemble Melpomen / Conrad Steinmann.

Das Ensemble Melpomen mit Conrad Steinmann (2. v. r.)
Foto: Ensemble Melpomen / Conrad Steinmann

Je weiter man bei der Lektüre des Buches voranschreitet, desto drängender wird der Wunsch, der Aufforderung – die der Autor zwar implizit, aber eigentlich sein ganzes Buch hindurch – an den Leser richtet: nämlich zu Hören, auch nachzukommen. Wer nicht wie der Rezensent das Glück hatte, der altgriechischen Musik im Konzert zum Leben erweckt lauschen zu dürfen und – was das Glück des Hörens im Konzert zwar nur unvollkommen, aber wenigstens etwas nachzubilden in der Lage ist – auch keine CD des Ensembles sein eigen nennt, der hat hoffentlich eine gute Soundkarte und hochwertige Lautsprecher an seinem Computer, um die im Buch mit der entsprechenden Adresse im Internet abrufen zu können.

Man darf dem Verlag danken, dass er ein aufwendiges Buch so einladend gestaltet hat, auch wenn die zu erwartenden Verkaufszahlen sich (leider) in Grenzen halten werden, ebenso den Sponsoren, die die Arbeit Conrad Steinmanns über Jahre hinweg erst ermöglicht haben.

Man hofft, dass all die, die sich mit antiker Kultur beschäftigen und diese – z. B. im Theater – auch in die Gegenwart einzuschreiben versuchen, sich durch dieses Buch herausgefordert und angeleitet sehen, einmal nicht nur die antiken Texte und Bilder zu vergegenwärtigen, d. h. als Material zur eigenen Deutung der Gegenwart zu nutzen, sondern aus der Kenntnis nicht zuletzt der Fremdheit und der wirklichen Klang(um)gebung von antikem Wort und Bild auch zu neuen Einsichten in die Präsenz von Kultur gelangen.

Dies heißt: lest aufmerksam und dann – und dieser Aufforderung des Buches sollte jeder auch jenseits des Interesses an antiker griechischer Musik nachkommen! – HORCHT / AKOÚSATE!

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erstellt am 19.4.2021
aktualisiert am 19.4.2021

Buchcover: „Nachklänge. Instrumente der griechischen Klassik und ihre Musik“, Conrad Steinmann, Schwabe Verlag 2021

Conrad Steinmann
Nachklänge – Instrumente der griechischen Klassik und ihre Musik
Materialien und Zeugnisse von Homer bis heute
Gebunden, 485 Seiten
ISBN: 978-3-7965-4265-7
Schwabe Verlag, Basel 2021

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