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Allmählich hat sich während der gegenwärtigen Pandemie das Bewusstsein ausgebreitet, dass wir uns in einer außergewöhnlichen Situation befinden. Viele Menschen haben in dieser Situation angefangen, Tagebuch zu schreiben, das Besondere aufzuzeichnen, selbst wenn es darin besteht, das Allgemeine im Besonderen schriftlich festzuhalten. Die Herausgeber des Literaturmagazins WORTSCHAU baten sechs Autorinnen und Autoren, zu einem vereinbarten Zeitpunkt Notizen zu machen. Diese Beiträge wurden unter dem Titel »Seitenwechsel« in der Zeitschrift veröffentlicht und erscheinen in loser Folge in Faust Kultur. Aus der lettischen Hauptstadt Riga schrieb Gundega Repše.

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Silvester 2020 – Gundega Repše

Donnerstag, 31. Dezember

8:00
Ein dunkler Morgen und ein Vorgefühl der Erleichterung, dass das Jahr 2020 heute Nacht zu Ende geht.
Lettland ist im Lockdown und alle Feierlichkeiten sind natürlich untersagt. Ich backe keinen Kuchen, da wir auch zu Hause nicht feiern werden, denn mein Mann ist krank. Ich hoffe, das Ergebnis des Covid-Tests kommt noch vor Neujahr.

9:00
Wie ein mit Rußpartikeln verklebter Schal schnüren mir die Vorahnungen den Hals zu und trüben mir den Blick. Ich muss einkaufen gehen, bevor das auch mir verboten wird. Ich grabsche und raffe, lade den Einkaufswagen voll und schleppe dann alles schwitzend nach Hause. Gehe mit dem Hund raus. Kämme den Kater. Bereite meinem Mann Tee mit Honig und Zitrone und wische den Fußboden mit Terpentin.

10:00
Das Ergebnis ist da. Covid positiv.

11:00
Ich wechsle alle nur mögliche Bett- und Tischwäsche, Vorhänge und Kissenbezüge. Räuchere das Schlafzimmer mit Tannenzweigen aus, die noch von Weihnachten da sind. Alvils leugnet, dass er krank ist, denn Männer sind nie krank. Ärgert sich. Hausarzt und Pandemiebeauftragter rufen an. Ich muss auch in Quarantäne, aber den Hund darf ich ausführen. Zum Glück habe ich präventiv die Hausapotheke aufgestockt und Tees gekauft, denn auch in die Apotheke darf ich jetzt nicht. Man rät mir, auch Hund Crusoe und Kater Kilimandscharo nicht zu oft zu knuddeln. Die Tiere sind erstarrt wie mein Herz, denn sie glauben, wir hätten uns gestritten, getrennt, seit ich mir mein Bett im Arbeitszimmer eingerichtet habe. Im ganzen Haus herrscht Stille. Ebenso auf der Straße und im Hof. Warten wir ab, was um Mitternacht geschieht.

13:00
Ich friere, obwohl draußen keine Spur vom Winter ist – welkes Gras, Erde und schmutziger Asphalt. Ziehe mir ein zweites Paar Wollsocken an.
Ich putze den Fußboden mit Salzwasser. Wische Bilderrahmen und Türklinken mit Spirituslösung ab. Lege eine Maske an und gehe auf einen Schwatz zu Alvils. Er ist im Schlaf versteinert.

16:00
Ich rufe Alvils an. Er fragt mit schlaftrunkener Stimme, wo ich denn sei. Ja, wo bin ich eigentlich? Im Nebenzimmer. Ich höre ihn sowohl durch die Wand als auch im Telefon, ein Lachanfall und ich gehe hinein. Sage ihm, er solle drei Liter trinken und nicht schlafen. Wir streiten uns. Ich sage ihm, das Virus kommt im Schwall heraus, wenn wir die Stimmen erheben. Klemme ihm das Thermometer unter die Achsel und hocke mich in drei Meter Entfernung neben ihn. Nicht gut.

18:00
Ich weiß nicht, wo die letzten zwei Stunden hin sind. Ich habe versucht, an das durchlebte Jahr zu denken und eine Hoffnung für das kommende zu formulieren, doch jedweder Begriff wird von der Vorstellung erdrückt – wenn Alvis nun erstickt. Was ist besser – wenn man ihn ins Krankenhaus auf die Intensivstation bringt und du ihn nie mehr im Leben lebendig wiedersiehst, oder wenn du ihn aus Egoismus zu Hause behältst? Nein, der Hausarzt sagt, er solle ruhig liegen und literweise Tee trinken.
Radio „Klasika“ beendet gerade Beethovens siebte Symphonie. Ganz schön erhebend. Gleich ist Silvesterabend.

19:00
Ich gehe mit Crusoe spazieren. Der sonst so zappelige, lebensfrohe Hund schleppt sich hinter mir her wie ein alter, kranker Mensch. Wälzt sich im Gras und steht nicht wieder auf. Mir ist kalt, die Augen tränen.

20:00
Ich mache den Prosecco auf und krieche unter die Decke. Flucht in den Schlaf ist das Beste, was der menschliche Organismus zu bieten hat.

24:00
Ich wache vom unausbleiblichen Feuerwerk im Viertel auf.
Frohes, frohes Neues Jahr.

Aus dem Lettischen von Nicole Nau.

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erstellt am 15.4.2021
aktualisiert am 16.4.2021

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Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstanden und in der Zeitschrift WORTSCHAU veröffentlicht wurden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag machten sich 6 Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhielten, woran sie arbeiteten und was sie erlebten.

Gundega Repše
Über die Autorin

Gundega Repše: Lettische Prosa-Autorin und Kunsthistorikerin aus Riga. Studium der Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Arbeit für den Lettischen Künstlerverband (1985-1992) und für die Literaturzeitschrift Liesma, die Zeitung Labrīt und die Literaturzeitschrift Karogs. Seit 1979 Veröffentlichung von Prosa, u. a. zehn Romane, darunter Thumbelina (Īkstīte, 2000), The Orphanage (Bāreņu nams, 2008), die Trilogie Heavy Metal (Smagais metāls, Omnibusausgabe 2012), Nice People (Jauki ļaudis, 2014), sechs Kurzgeschichtensammlungen und viele Sachbücher, Biographien, literarische Tagebücher. Gespräche mit Schriftstellern und Essays.