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Er glaubte, Natur zu denken ohne Metaphysik, sei irrational. Der Philosoph Karl Heinz Haag hat sich sein Leben lang mit dem Antagonismus von Glauben und Wissen beschäftigt und sah sich in der Lage, das Wesen, das noch bei Heidegger weste und daraufhin verloren ging, wieder in sein Recht einzusetzen. Zehn Jahre nach seinem Tod erinnert Peter Kern an den strengen Denker.

Karl Heinz Haag zum 10. Todestag

Philosophie der wesenhaften Natur

Wer sich in Facebook umschaut, stellt erstaunt fest: Philosophie boomt. Es gibt dort zahlreiche Gruppen mit jeweils mehr als tausend Personen, die über Ethik, Nietzsche, Transzendentalphilosophie oder das Verhältnis von politischer Ökonomie und Materialismus diskutieren. Über das Niveau dieser Diskussionen die Nase zu rümpfen, wäre ein Leichtes. Es verbreiten sich meist kurz gefasste, um den Stand der akademischen Debatte ziemlich unbekümmerte Statements und Erwiderungen. Bevorzugt wird die Frage verhandelt, wie das eigene Leben zu führen sei. Auch die Adorno-Ultras sind auf Facebook namentlich, und es vereint sie wohl mehr als die Freude am Klamauk. Was diese Websites abbilden, zeigt ein keineswegs zu belächelndes, ernsthaftes philosophisches Interesse an, das die an den Universitäten etablierte Lehre wohl nicht aufzugreifen vermag. Diese Misere der Hochschulen und der Boom dieser Internetseiten mögen in einem Entsprechungsverhältnis stehen.

Zur Schulphilosophie seiner Zeit und zum akademischen Betrieb stand Karl Heinz Haag(1) in einem völlig kritischen Verhältnis. Innerakademisch auf Wirkung bedacht war er mit seinen Büchern nicht. Haag wollte keine Philosophie für Spezialisten schreiben. Seine Aufgabe sah er darin, den Nihilismus der Gegenwartsgesellschaften zu negieren. Damit diese Negation einmal statthaben kann, muss sie den Gesellschaftsmitgliedern einleuchten. Haag war in ständiger Sorge, ob das von ihm Geschriebene auch verständlich ist. Seine negative Metaphysik sollte wahr werden, indem sie exoterisch wird, statt esoterisches Wissen für Eingeweihte zu bleiben. Das war Haags Hoffnung, und überflüssig zu sagen, dass sie getrogen hat.

Nihilismus, das klingt nach fehlenden höheren Werten. Die Assoziation führt auf völlig falsches, kulturkritisches Geleis(2). Haags Kritik des Nihilismus ist eine streng erkenntnistheoretische. Und die moralisch-praktische Konsequenz dieser Kritik besteht nicht darin, Individuen für das ihnen Angetane herabzuwürdigen. Einem heutigen Individuum wird etwas angetan? In einer Gesellschaft, die bei aller Verbesserungswürdigkeit im Detail, ihm seine Arbeit halbwegs angemessen entlohnt, ihn sozialstaatlich absichert und seinem pluralen Lebensstil völlig tolerant gegenübersteht? Die Individuen, ihre Gesellschaft und die sie umgebende Natur werden in ihrem Wesen verletzt. Das ist die Quintessenz Haags negativer Metaphysik.

Von Wesen zu reden, Metaphysik, und sei es auch als negative, restituieren zu wollen, ist ein gewagtes Unternehmen. Für die Kritische Theorie, die Haag fortführte, sah er keinen anderen Ausweg. Ohne einen neu gefassten Wesensbegriff bliebe die „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“, von der Max Horkheimer sprach, ohne rationale Grundlage. Horkheimer hat dies genauso gesehen. Liest man die bald zugänglichen Haagschen Notizen oder die Gesprächsprotokolle seiner Freunde, liest man die Zustimmung, die Haag von Seiten seiner Lehrer erfahren hat. Sie könnten das nicht mehr leisten, das müsse er, Haag, machen, heißt es in einer Gesprächsnotiz.

Karl Heinz Haag links neben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Rechts sitzt der junge Alfred Schmidt.
Foto: Prof. Günther Mensching

Horkheimer schreibt in seiner Kritik der instrumentellen Vernunft von einer Natur, die „allen inneren Wertes oder Sinns entkleidet“ sei. Was bei ihm metaphorisch, beinahe nach Eichendorff klingt, hat Haag in seiner Metaphysik präzise bestimmt. Adorno und Horkheimer sind seine Verbündeten, da sie sich weigern, wissenschaftliche Methode mit Wahrheit zu identifizieren. Aber diese Negation reicht nicht hin. Wenn es um die Folgen dieser Kritik geht, wird er bei den beiden nicht recht fündig. Um zu verhindern, dass Aufklärung wieder in Mythologie oder in politischen Wahn umschlägt, ist eine Reformulierung des Wesensbegriffs notwendig.

Haag leistet diese Reformulierung, das ist sein Lebenswerk. Den Grundriss dieses Werks hat er schon in seinem 1971 veröffentlichten Text Zur Dialektik von Glauben und Wissen skizziert. Mit der Kritik der wissenschaftlichen Methode hebt seine Arbeit an. Es ist eine Kritik im Kantischen Wortsinn. Was vermag Naturwissenschaft, wo ist die Grenze ihrer Naturerklärung? Haag hat den erkenntnistheoretischen Status der Naturgesetze bestimmt, und allein diese Begriffsbestimmung wäre schon Grund genug, um ihm einen bleibenden Platz in der Philosophiegeschichte zu sichern.

Die Naturwissenschaften isolieren aus der Vielzahl natürlicher Prozesse einen zu untersuchenden Zusammenhang und blenden alle störenden Einflüsse aus. So erschließen sie sich beispielsweise den Zusammenhang von Licht und Pflanzenwachstum. Der isolierende Eingriff schafft die ideale Erkenntnisbedingung. Was Hypothese war, lässt sich im Experiment bestätigen und als Gesetz fixieren. Das Gesetz der Fotosynthese fixiert eine messbare Wenn-Dann-Beziehung zwischen einem partikularen Vorgang. Die Fotosynthese erklärt nicht die Genese der Pflanze als Ganzes. Am Pflanzenwachstum sind viele partikulare Naturvorgänge beteiligt, physikalische, chemischen, biologische, genetische. All diese von Gesetzmäßigkeit regierten Sektoren der Natur müssen zweckmäßig koordiniert sein, damit ein ganzes Gebilde entsteht. Es braucht ein die Einzelgesetze koordinierendes Prinzip, das die Gesetzmäßigkeiten als Mittel nutzt und auf ein Ganzes hin anordnet. Dieses Prinzip lässt sich nicht selbst als ein Naturgesetz fixieren.

Die wissenschaftliche Methode fördert demnach nicht hervor, was die Natur in ihren Akten leitet. Die Naturwissenschaften sind in ihrer Erklärungsmacht keineswegs omnipotent. Das zweckmäßig anordnende Prinzip lässt sich nicht per Experiment demonstrieren. Es gehört einer physikalisch nicht zugänglichen Dimension der Natur an. Von ihr kann Metaphysik nur sagen, sie sei empirisch nicht fassbar, aber ohne diese Dimension Natur zu denken, sei schlicht irrational.

Haag unterscheidet mit Kant relative von absoluter Erkenntnis. Der hinreichende Grund der Möglichkeit von Natur bleibt unserer Erkenntnis verschlossen. Wir finden die Natur vor, wir haben sie nicht getan. Aber wir finden sie als in Gattung, Art und Einzelding geordnete vor. Der Farnstrauch im Garten gehört zur Art der Schachtelhalme und zur Gattung der Samenpflanzen. Die von der Biologie entdeckten Gesetzmäßigkeiten der Farngewächse setzen solche Ordnungen voraus. Wäre die Natur in Einzeldinge zerstreut, würden der Farn im eigenen und der im Nachbarsgarten nicht an einem Allgemeinen partizipierten, dann wäre die Natur ein Chaos und kein von Gesetzen regierter Kosmos. Schon das Wort Farn könnte gar nicht sinnvoll gebraucht werden.

Nach Haag ist die begriffliche Ordnung der Dinge auf der Basis von Einzeldingen gar nicht möglich ist. Hier fängt aber ein Problem an. Denn diese Behauptung weist den Allgemeinbegriffen eine Realität zu. Wie aber kann etwas Sein beanspruchen, das nicht empirisch wahrnehmbar ist? Wie kann man am Begriff des Wesens festhalten – denn diesen rehabilitiert Haag – wo doch der Begriff keines empirischen Beweises fähig ist. Die modernen Philosophien haben diesen Begriff längst verabschiedet.

Haag ein Irrationalist? Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wem das empirisch Feststellbare alles ist, der denkt nicht rational. Wer Haag liest, begegnet einer stringenten Argumentation, die die Philosophiegeschichte gegen den Strich bürstet, in der Absicht, dem Paroli zu bieten, was er Nihilismus nennt. Das Wort ist mit Bedacht gewählt, trotz seines leicht bigotten Anklangs. Es ist auf eine Welt ohne die Dimension des Wesens gemünzt. Diese Weltauffassung lastet er nicht den Naturwissenschaften an, aber einem Denken, das die naturwissenschaftliche Methodik zur letzten Autorität erklärt.

Wäre dies eine bloß innerfachlich-philosophische Debatte, sie wäre wenig bedeutsam. In der Glorifizierung der Naturwissenschaften trifft sich jedoch der Alltagsverstand mit einer Ökonomie, die die Natur in ihrer rastlosen Aneignung als wesenlos ansieht. Diesen Nexus hat Haag im Blick, ihn mit kritischer Analyse aufzulösen, hat er sein Werk gewidmet. Es ist eine Absage an den bürgerlichen Machtanspruch über Natur. Der degradiert die Natur zum bloßen Material der ökonomischen Ausbeutung, zur „rein Sache der Nützlichkeit“, wie es bei Marx heißt. Der Szientismus, der die Natur als wesenlos ausgibt und ihr damit die Aura nimmt, arbeitet diesem Machtanspruch zu.

Haags Hauptwerk, an dem er zehn Jahre gearbeitet hat, Der Fortschritt in der Philosophie, ist 1982 erschienen. Dass es kaum rezipiert wurde, lag an diesem Zeitpunkt. Der Markt für Marx hatte sich längst verlaufen, Philosophie als Kopf der Gesellschaftskritik war längst wieder eine olle Kamelle geworden. Wer hätte sich noch an dem Satz gestoßen, man müsse konsequenterweise Abschied nehmen von jeder materialistischen Weltauffassung? Als Haag diesen Satz schrieb, lange Jahre nachdem er die Frankfurter Universität verlassen hatte, um sich ganz der philosophischen Forschung zu widmen, war der materialistische Hype längst vorbei. Zu Haags Unizeiten war Materialismus noch radical chic.

Einem Autor wie Haag war kaum Resonanz beschieden. Sein Hauptwerk erschien noch bei Suhrkamp, das 200-seitige Folgewerk, Metaphysik als Forderung rationaler Weltauffassung, hat ein kleiner, rühriger Verlag namens Humanities online publiziert. Es ist quasi ein Kommentar zum Hauptwerk, von ihm selbst verfasst, wiederum das Produkt fast zehnjähriger Arbeit.

In diesem 2005 erschienenen Buch ist zu spüren, wie sehr Haag nach einer politischen Kraft Ausschau hält, die theoriefähig wäre und der er seine Metaphysik überantworten könnte. Eine auf den Wesensbegriff verzichtende Naturauffassung hat eine zur Brandschatzung freigegebene Natur zur Folge, schreibt er. Diesen verkehrten Naturbegriff aufzubrechen sei „von höchster Wichtigkeit nicht nur für das Schicksal der Philosophie, sondern hat intensivste Bedeutung … für das Schicksal der Menschheit“. So das Zitat. Es braucht Metaphysik, um Gesellschaftskritik, zu begründen. Es braucht Metaphysik, um eine politische Ökologie zu begründen, die es genauer wissen will.

Dass Karl Heinz Haag mit seinen beiden Büchern so erfolglos war, hat einen weiteren Grund. Er leuchtet sofort ein, wenn man seinem entfalteten Wesensbegriff folgt. Was die Naturwissenschaften wissen, ist nicht alles, hinter ihren Phänomenen ist eine andere, ihrer Methode nicht zugängliche Welt – diese Kritik hat natürlich theologische Konsequenzen. Theologie war 1968 ein absolutes No-Go. Die von der Kritischen Theorie inspirierten Köpfe der Studenten- und Schülerbewegung haben deren Selbstverständnis nicht recht wahrgenommen, und so hat dieses theologische Erbstück keine Spuren hinterlassen. Walter Benjamin hat dieses Selbstverständnis in das Bild von einem Denken gefasst, das sich zur Theologie verhält wie die Tinte zum Löschblatt. Das Löschblatt sei ganz vollgesogen, auch wenn die Tinte gar nicht erscheine. In der Revolte von 68 kam ein gegenteiliges Motiv, ein sich progressiv gebender Atheismus zum Vorschein. Er war der kleinste Nenner, der die Antiautoritären und das von ihnen attackierte Establishment verband. Als dann zehn Jahre später die Ökologiebewegung und die Grüne Partei entstand, lag ein religiös angereicherter Naturmystizismus in der Luft. Bei Haag war beides nicht zu holen, weder Atheismus noch Mystizismus. Um im Benjaminschen Bild zu bleiben: Haag hat die verschwundene theologische Tinte der Kritischen Theorie sichtbar gemacht. Er hat sie sichtbar gemacht und den ursprünglichen Text zugleich neu geschrieben. Er war kein bloßer Adept der Kritischen Theorie, der an ihrem Ruhm partizipieren wollte, und auch dies war der Auflage seiner beiden Bücher nicht günstig.

Hätte er nicht wenigstens im Umkreis der Evangelischen und Katholischen Akademien erfolgreich sein können? Seine negative Metaphysik ist dafür viel zu widerborstig. Die ironische Erich Kästner-Frage Wo bleibt das Positive, hätte Haag nur abschlägig beantwortet. Sein Wesensbegriff ist von Fundamentalontologie genauso weit entfernt wie von der Ich-glaube-weil-es-absurd-ist-Theologie. Dabei lässt er keinen Zweifel: Die erste Natur ist göttlichen Ursprungs. Jeder Naturstoff hat eine innere, ohne menschliches Zutun vorhandene Form, die sich durch Arbeit nur umformen lässt. In der zweckmäßigen Auswahl der Naturgesetze und der Symmetrie der sich ergänzenden Naturstoffe ist eine allmächtige Vernunft zu erkennen.

Was aber diese Vernunft an sich selbst ist, bleibt menschlicher Erkenntnis unzugänglich. Haag übersteigt die von Kant der Vernunft gezogene Grenze nicht. Jede Theologie, die sich im Wissen des göttlichen, kosmologischen Plans wähnt, wie die Karl Rahners, lehnt er ab. Das Universum als der Leib Gottes – solcher Anthropozentrismus verfällt unnachgiebig der Kritik. Aber das Kind wird nicht mit dem Bade ausgeschüttet.

Haag will eine Theologie, die vor kritischem Denken bestehen kann. Er nennt „irrationale Konstruktionen“, was einmal theologisch der letzte Schrei war, vermutlich sogar noch ist: Das existentialistische ‚Ich glaube, weil es absurd ist‘. Kardinal Ratzinger, der spätere Papst, vertritt dieses Credo. Haag wird da richtig wütend: Solche Theologie unterziehe sich nicht der Anstrengung eines rational begründeten Gottesbegriffs. Sie ziehe die bequeme irrationale Entscheidung vor und empfehle sie ihren Schäfchen. Dann wundere sie sich, dass diese nicht wie dumme Schafe behandelt werden wollen. Was Kant im ausgehenden 18. Jahrhundert prognostiziert hat, hat sich bewahrheitet: „…eine Religion, die der Vernunft den Krieg ankündigt, wird es auf Dauer gegen sie nicht aushalten.“

Haag sieht die heutige Theologie in einem erbarmungswürdigen Zustand, weil sie sich einmal anstecken ließ vom Nominalismus, der die alleinige Existenz von Einzeldingen behauptet. Haben die Einzeldinge keinen Anteil an einem Wesen, dann glaubt, wer an Gott glaubt, an ein aus der Natur ausgebürgertes Wesen. Es gibt damit nichts mehr im Bereich des Wissens, an dem die Offenbarung sich ausweisen könnte. Glaube wird zum irrationalen Akt, denn in der Ersten Natur inkarniert sich kein göttlicher Logos mehr. Gott ist nur noch ein persönliches Bekenntnis, Religiosität ein Verzicht auf Rationalität. Der einzelne, schreibt Haag, lebt dann als gespaltenes Subjekt: Als denkender Mensch erträgt er eine naturwissenschaftlich entzauberte Welt, als gläubiger hält er tapfer seinen Glauben dagegen.

Statt den Stier an den Hörner zu packen und einer sich als Philosophie aufspreizenden Naturwissenschaft ihre gedankliche Inkonsequenz aufzuzeigen, kapituliert die Kirchenlehre. Dass die sinnlich wahrnehmbare Welt der Naturwissenschaften ein übersinnliches Prinzip zu ihrer Voraussetzung hat, weil sonst die Natur chaotisch und nicht erkennbar wäre – das müsste die Lehre geltend machen. Stattdessen schiebt sie Gott nach draußen und der evolutionäre Prozess findet ohne ihn statt.

Haags „luzide Kosmologie“, wie er sie nennt, hat bei den Theologen so wenig Aufnahme gefunden wie bei den Rebellen von einst. In der philosophisch-theologischen Hochschule in Frankfurt-Oberrad, wo er von den Jesuiten ausgebildet wurde, kennt man ihn nicht mehr. Nell-Breuning, der Nestor der katholischen Soziallehre und einmal in Oberrad zuhause, hat Haags Vorlesungen, sooft es ihm möglich war, besucht. Der Erzieher hat sich von seinem Zögling erziehen lassen. Und der Zögling ist sich treu geblieben, indem er sich gründlich gewandelt hat. In seiner Antrittsvorlesung hat Karl Heinz Haag die Metaphysik mit Hegel noch verabschieden wollen, sehr zur Verwunderung seiner Jesuiten-Lehrer. Später hat er die hegelsche Bewegung vom reinen Sein zum reinen Nichts und zurück verspottet. Das „geht über 1000 Seiten“ hat er bei seinen Freunden geklagt und sei „ein langer Weg bis zum absoluten Geist“.

Haag schreibt, und darin steckt die ganze Herausforderung seines Werkes, „daß es einen Gott gibt. Diese Gewissheit ist erreichbar – in logischer Strenge.“ An dieser Gewissheit hänge, „was die Menschen zu einem sinnvollen Dasein brauchen, das Bewusstsein der Existenz einer absoluten Wahrheit.“ Der von den Wissenschaften imponierte Common Sense glaubt aber eher an die Selbstkonstitution der Natur. Warum diese undenkbar ist, darüber kann man sich bei Haag informieren.

Der Zufall leuchtet dem modernen Alltagsverstand eher ein als eine religiöse Welterklärung. Die frühe griechische Bestimmung der Materie, als Stoff, der sich anzieht und abstößt, und dessen Verbindungen die Vielzahl der Naturdinge erzeugt, wirkt bis in die Gegenwart nach. Moderne Atomphysik wird dafür geplündert. Zerfallsprodukte ihrer Theorie, ominöse Gottesteilchen, sollen das fehlende Puzzle für eine Weltanschauung liefern, die von Physik wie von Metaphysik gleich weit entfernt ist. Das evolutionäre Geschehen ist demnach die Wirkung aus der Vielzahl der Elemente. Ihre einfache, stoffliche Natur bringe inhaltlich Reiches hervor. Aus H2O und Stickstoff entstehe das grüne Farnkraut, aus Aminosäuren entstehe der denkende Mensch. Die Genesis der Natur erscheint als planlos, aber mit dem Resultat einer geordneten Natur.

Haag macht diesem Vulgärmaterialismus ebenso die Gegenrechnung auf wie der Theologie. Will dieser Materialismus die Evolution der Natur rein naturwissenschaftlich erklären, muss er den dabei beteiligten Naturgesetzen die Fähigkeit der Selbstkoordination zugestehen. Die den Naturstoff regierenden Gesetze müssen sich selbst als Mittel zum Zweck der Hervorbringung und Erhaltung stofflicher Gebilde koordinieren. Oder der Zufall bringt diese Koordination zustande. Dann aber ist der Zufall das göttliche Prinzip, und der Materialismus verstößt gegen sein atheistisches Apriori. Auch die Materie als energiereich zu fassen, löst die Ungereimtheit nicht auf. Nur weil die Atome und Moleküle in Bewegung geraten, kann aus Einfachem nicht inhaltlich Reicheres entstehen. Aus indifferenter Materie und Energie kann kein differenziertes Leben resultieren. Eine rein physikalische Naturauffassung verstrickt sich heillos in Widersprüche. Die Evolution biologischer Natur aus physikalisch und chemisch analysierten Stoffen bleibt weiterhin ungeklärt. Einer über sich selbst aufgeklärten Naturwissenschaft ist die Grenze ihrer Erklärungsmacht im Übrigen durchaus bewusst.

Um den Bogen vom Common Sense noch einmal zur Philosophie zu schlagen: Es ist eine Ironie der neueren Entwicklung, dass in der analytischen Philosophie Gedankengut auftaucht, das mit der negativen Metaphysik von Karl Heinz Haag deutliche Verwandtschaft zeigt. In dieser angelsächsischen, naturwissenschaftlich informierten Debatte ist die Frage verhandelt worden: Soll das Erklärungsmuster des Neodarwinismus wirklich alles sein? Muss es nicht, wenn Selektion und Anpassung der Arten stattfinden, auch Arten und Gattungen geben? Und welche gedankliche Zumutung ist es, entwickeltes menschliches Bewusstsein aus den Bausteinen der Aminosäuren oder aus der Synapsenbildung abzuleiten? Der Szientismus hat sich als schlechte Metaphysik herausgestellt, und eigentlich war es eine Frage der Zeit, bis der Schwindel auffliegen musste. Der Frankfurter Kritischen Theorie hat man gerne vorgehalten, ihr fehle die Anschlussfähigkeit an die Debatten jenseits des Atlantiks. Vielleicht ist es umgekehrt, und die US-amerikanische Diskussion, wie sie beispielsweise von Thomas Nagel führt, hat Motive der Frankfurter aufgegriffen.

Beiden Debatten kommen zu dem gleichen Ergebnis: Eine materialistische Philosophie, die behauptete Selbstkonstitution der Natur, ist nicht durchführbar. Die Widersprüche dieser Philosophie verweisen auf die von Materialismus und Neodarwinismus bestrittene allmächtige Instanz. Aus ihr geht das für die Genesis und den Erhalt der Schöpfung nötige stoffliche Substrat und die zweckdienlichen Naturgesetze hervor. Das Wie dieser Schöpfung ist menschlicher, auf sinnliche Wahrnehmung beschränkter Vernunft nicht zugänglich.

Diesem Gedanken verweigert sich der genannte US-amerikanische Theoretiker, aber diese Weigerung ist inkonsequent und wohl nur zu verstehen, vor dem Hintergrund der dortigen politisierten Debatte. Gegen Darwins Lehre polemisiert die religiöse Rechte, die Evangelikalen, und ihre elaborierten Parteigänger wollen an Stelle der Evolutionstheorie eine Intelligent Design genannte Weltanschauung setzen. Dies wiederrum ist die Anmaßung eines deduktiven Systems, das nach Haag unmöglich ist. Kein System, aber eine negative Metaphysik ist gefordert, damit unser Weltverständnis rational bleibt. Haags Philosophie schlägt eine Brücke von reflektierter Naturerkenntnis zu einem rationalen Sich-selbst-überzeugen, einer Religion, die das Opfer des Intellekts nicht verlangt. Gott lässt sich nicht begrifflich bestimmen, gleichwohl verbleibt er nicht in einer dem Denken entzogenen Sondersphäre. Haags negative Gotteslehre verweist auf das jüdische Bilderverbot.

Die klassische Frontstellung Glauben versus Wissen, lässt Karl Heinz Haag souverän hinter sich. Ebenso überschreitet er die der Aufklärung gesetzten Grenzen, wie sie Adorno und Horkheimer bestimmt haben. Sein Hauptwerk nennt er wohl auch deshalb Der Fortschritt in der Philosophie. Seine Lehrer, schreibt er in seinen Notizen, kritisierten die Identifizierung wissenschaftlicher Methode mit der Wahrheit, aber sie gingen den Folgen ihrer Kritik aus dem Weg.

Ist diese Haagsche Kritik identisch mit der populär gewordenen, Adorno und Horkheimer könnten den Maßstab ihrer Vernunftkritik nicht ausweisen? Der Vorwurf unterstellt wohl erkenntnistheoretische Naivität. Aber die beiden sind, um es schwäbisch auszudrücken, nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen. In der Kritik der instrumentellen Vernunft heißt es: “Ob eine Theorie auf selbstevidenten Prinzipien beruhen kann“, sei „eines der schwierigsten logischen Probleme“.

An der Lösung dieses Problems hat Haag zeitlebens gearbeitet, und er ist erfolgreich dabei gewesen, auch wenn ihm der Erfolg auf dem Markt der intellektuellen Moden versagt geblieben ist. Im genannten Horkheimer-Buch stehen Sätze, wie geschrieben, um Haag zu charakterisieren. „Das Widerstand leistende Individuum wird sich jedem pragmatischen Versuch widersetzen, die Forderungen der Wahrheit und die Irrationalitäten des Daseins zu versöhnen.“ Es wird „darauf bestehen, in seinem Leben so viel Wahrheit auszudrücken, wie es kann; …es muß bereit sein, das Risiko äußerster Einsamkeit einzugehen“. Karl Heinz Haag ist dieses Risiko eingegangen, und viel Wahrheit hat er ausgedrückt. Sie ist wieder als Flaschenpost unterwegs, und diese Post sucht ihren Empfänger.

Fußnoten

(1) Der 1924 in Frankfurt-Hoechst Geborene studierte bei den Jesuiten in Sankt Georgen, wurde von Max Horkheimer habilitiert und beendete seine Uni-Laufbahn, bevor sie begonnen hat. 1971 zog er sich nach Hoechst zurück, um dort in 40 Jahren etwa 400 Seiten, verteilt auf zwei Bücher, zu schreiben. Das macht pro Jahr zehn Seiten. Das schafft mancher heutige Philosoph pro Stunde und zwei Bücher bringt er locker in einem Jahr raus. Aber im Unterschied zu Žižek und Sloterdijk mimte Haag keinen Philosophen, er war wirklich einer. Vor zehn Jahren, am 15. April 2011, ist er in Wiesbaden gestorben.

(2) Kurt Flasch rückt ihn in solche Nähe. Der Mediävist der deutschen Philosophie und wie Haag von Max Horkheimer habilitiert, rechnet den Autor rechtskatholischen Eiferern und einer obskuren Bewegung für Papst und Kirche zu. Dieser Zusammenhang ist selbst völlig obskur. Nicht jeder Kritiker des Nominalismus landet gleich bei der katholischen Reaktion. Haag galten die Sakramente als Humbug, die Vorstellung eines persönlichen Gottes, zu dem sich beten ließe, lehnte er ab. Flaschs Text riecht ein bisschen nach der Abfertigung eines Konkurrenten, der im angestammten Revier des Meisters, Scholastik, Universalienstreit etc., wildert. Vgl. Flasch, Kurt, in: Information Philosophie, 2/2012.

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Kommentare


Ralf Rath - ( 02-05-2021 03:12:40 )
In Max Horkheimers "Zur Kritik der instrumentellen Vernunft" ist die von Peter Kern angeblich daraus entnommene Frage, "ob eine Theorie auf selbstevidenten Prinzipien beruhen kann, ... eines der schwierigsten logischen Probleme" ist, nirgendwo zu finden.

Joachim Petrick - ( 15-04-2021 01:10:00 )
Danke

Philosophische Phraseologie über existenztheoretische Wesen von Natur und dessen dialektische Negation entfaltet Unterhaltungswert wie das linde Rauschen mit Köhler Rauchzeichen über den Wipfeln von Baumkronen im Blätterwald, solange Philosophie sich nicht ihres eigenen Wesens, ihrer Ursprünge besinnt, vergewissert, als Zwilling mit der Poesie gezeugt, unter Wehen geboren im Schoß der Prophetie, der Orakel auf 5 Sinne Ahnungen, Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten eingeschworen, von Priestern als Hebammen abgenabelt ganz unterschiedlicher Religionen in der menschheitlichen Achsenzeit Epoche vor über 4000 Jahren, Gesetzmäßigkeit der Gleichzeitigkeit von Entwicklungen an jedem Ort unseres Planeten, wenn nicht Kosmos folgend, beschrieben von Karl Jaspers (1882-1969) als „Schwebendes Denken“ hinterlegt, von Hannah Arendt (1906-1975), die sich nicht als Philosophin, den elitären Anspruch könne sie nicht erfüllen, sondern als Gesellschaftstheoretikerin verstand, interpretiert als „Denken ohne Geländer“.

Was soll bitte schön, kann Begriff „moderne Philosophie“ abbilden außer einer Mode?, die lt. Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ ständig ihr Antlitz ändert, intoniert von Ludwig van Beethoven, nachdem Theodor Adorno 1945 über die Poesie, die Schwester der Philosophie, nach dem Holocaust sei es unmöglich noch ein Gedicht zu schreiben.
Im Laufe der Jahrtausende hat sich die Philosophie des Dichtens Darbens-, Hungerleiden matt und müde mehr und mehr von ihrem Zwillinggeschwisterchen Poesie abgewandt, wenn nicht gar Zwillingsschaft verleugnet, Erforschung sog. Naturwissenschaften zugewandt.

Was für die Poesie nach dem Holocaust gilt, wenn es denn gilt, Adorno wollte das später nicht so gemeint haben, gilt für die Philosophie nach ihrem Seitenwechsel zur Naturwissenschaft, voran Physik, Verrat an ihrem ethischen Weltverständnis Wesen durch Unterwerfung an das Primat der Politik in den USA ab 1941allemal, mit dem Manhattan Projekt, Atombomben zu bauen, am 6.8. über Hiroshima, 9.8.1945 über Nagasaki in Japan Atombomben abzuwerfen, Philosophie ohne „Mea Culpa“ ein No Go?, und will bis heute unter Verleugnung eigenen Verantwortungsprinzips, Abwesenheit von Demut bei der Frage, ob es Gott gibt, oder nicht gibt, mit all den atomar radioaktiv strahlenden Folgen, bisher vergeblicher Suche nach atomaren Endlagern für Atommüll, in militärisch-zivilen Nutzung von Atomkraftenergie nicht gemeint sein


Peter Kern - ( 22-07-2021 09:46:41 )
Sehr geehrter Herr Rath, das von Ihnen vermisste Horkheimer-Zitat in Zur Kritik der instrumentellen Vernunft: Gesammelte Schriften, Band 6, p. 87

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erstellt am 14.4.2021
aktualisiert am 15.4.2021

Karl Heinz Haag (1924–2011). -Foto: privat (1978)

Karl Heinz Haag (1924–2011)
Foto: privat (1978)