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Jeder Aspekt blickt vertraut zurück. Und doch macht deren Vielheit in einer Person staunen. Der bittere Ernst seiner Sprachskepsis, die Selbstironie, die schiere Fülle seiner literarischen, philosophischen, musikalischen, filmischen, radiophonen und anderen medialen Erzeugnisse, die Cut-up-Technik, das mäandernde Nachspüren des Bewusstseinsstroms, die Strategie der Wiederholung, die apodiktische Ablehnung von Positionen, das Verharrungsvermögen im Zwischenraum. All das und mehr findet sich in der Arbeit Hartmut Geerkens, wie sie von Rolf Schütte beschrieben wird.

Porträt

Lichtungen im Dickicht des Hartmut Geerken

„der autor ist ja im grunde nichts als der detektiv seiner selbst. er sitzt vor lauter rätseln, die sich ihm erst während des niederschreibens lichten.“
(lb, 539)

Um Leben und Werk des 1939 in Stuttgart geborenen Schriftstellers, Wissenschaftlers, Audio- Künstlers, Musikers, Kulturvermittlers, Mythologen und Mykologen Hartmut Geerken – sicherlich fehlen hier viele weitere Zuschreibungen – zu durchstreifen, müsste, so der Autor, ein Blick in den jeweiligen Index seiner Bücher genügen. „meine eigentliche biografie erschliesst sich in kurzform im index.“ (lb, 342) Viel interessanter allerdings ist eine Annäherung an die Langform. Was 1999 für die Hörstück-Beschreibung des Radiopoeten Hartmut Geerken galt, nämlich: „das beginnt irgendwo hat kein ziel verläuft sich zieht kreise will nirgendwo ankommen & endet an einem beliebigen punkt“ und was Klaus Ramm in seinem gleichnamigen Hör-Essay materialreich zur Sprache brachte, gilt auch heute noch und genauso präzise-unpräzise, wie es damals gemeint war, für Geerkens autobiografische Kreislauf-Literatur. Seine quasi-programmatische Äußerung, die damals auf konkrete Hörspielprozesse bezogen war, suggeriert im ersten Moment Beliebigkeit, Zufälligkeit und ein nicht verortbares freies Flottieren im Umgang mit dem Material. Material als starting point der kreativen Aneignung gestaltet und formuliert Wirklichkeit neu. Dem Autor oder eher noch seiner Arbeit wird so in neuen Zusammenhängen Geltung verschafft. Das Unvorhersehbare in dieser offenen Materialverwendung ist nicht kalkulierbar, und gerade das ist erwünscht und intendiert. Geerken spricht von „organisierter Offenheit“. Dabei „geht (er) von wenigen vorab vereinbarten Parametern aus, die sodann einen kreativen Prozess in Gang setzen“. So beschreibt es Hans-Ulrich Wagner 2001 – auch wieder in Bezug auf eine bestimmte Hörspielarbeit. Was als Kompositionsidee fürs Hörspiel taugt, findet sich, abgewandelt, auch in Geerkens autobiografischen Texten als Gestaltungsmerkmal. Ein Stichwort hierzu lautet: found footage.

Zunächst als cineastischer Begriff für vorgefundenes, in anderen Formen wieder verwertbares Material im Zuge von Film-Produktionen, hat Geerken für sich found footage adaptiert, im literarischen Prozess eingeführt und nutzbar gemacht. „ich zerschneide einen beliebigen text & setze die einzelteile beliebig aneinander.“ (lb, 311) Die literarische Begriffsaneignung found footage (hir, 13), allen puristischen Sprachhütern zum Trotz, ist insoweit sinnvoll, wie sie, was sich zuvor für den sogenannten experimentellen found-footage-film an Möglichkeiten bezüglich neuer Materialzugriffe ergibt, auch für Geerkens literarische Produktionen ganz allgemein zum Verständnis seines Schreibens beiträgt. Denn auch in seinen biografisch-autobiografischen Büchern – eigentlich sind alle Bücher von Hartmut Geerken biografisch-autobiografisch zu verstehen – spielt die umfassende, zeitlich schwer zu fassende und in neuen Formen umgesetzte materialästhetische Orientierung, wie sie im Umfeld der Neuen Poesie das literarische Schaffen veränderte, eine viel größere Rolle als dem Folgen und Bearbeiten inhaltlich motivierter Literaturkonzepte. Gleichwohl wehrt sich Geerken gegen die Verortung als experimenteller Künstler und Autor, denn „was ein unfug zu sagen, ich machte experimentelle musik oder gar experimentelle literatur! bevor ich überhaupt den ersten ton oder das erste wort manifest mache, sind die experimente längst erledigt! wer mich einen experimentellen künstler nennt, beleidigt mich“. (lb, 45) Die schon in vielen Diskussionen der 70er und 80er Jahre um die „Neue Poesie“ außer Kraft gesetzte Bezeichnung „experimentell“ stellt Geerken zu Recht für sich in Abrede. Found-footage als literarischer Umgang mit sprachlichen und nicht-sprachlichen Materialien wie Erfahrungen, Wahrnehmungen, Träumen und Ideen, denn auch die werden in ihrer vorläufigen Sprachlosigkeit literarisch verarbeitet (lb, 305) und sind zweifelsfrei „umfassender als die Sprache“ (hir, 51), wird zum Textgenerator. Und dies zum einen für den Autor wie zum anderen auch für den Leser. Derart verstandenes kreatives Prozessbewusstsein, das die Leserposition gegen die Autorposition stark macht, durchzieht Geerkens gesamte literarische und künstlerische Produktion. Deutlich wird dies vor allem in seiner Hörspielarbeit aber auch in seinen beiden biografisch-autobiografischen Textkonvoluten hart im raum (hir), 683 Seiten, 2018 und leicht beieinander (lb), 587 Seiten, 2020, beide bei BoD erschienen.

Dem Leser dieser Bücher wird empfohlen, diese nicht im herkömmlichen Lesemodus zu lesen, sondern einfach irgendwo anzufangen, wieder aufzuhören und wieder irgendwo weiterzulesen. „selektives lesen ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.“ (hir, 12) Und dann ganz launisch imperativ: „ich habe schon immer untersagt, dass meine bücher von vorn bis hinten durchgelesen werden. ich sage: schlag auf & lies, was du willst, egal ob vom autor intendiert oder im lesegehirn ausgebrütet. & male am rand deine emojis!“ (lb, 243) Geerkens Lese-Angebot forciert so die Verdoppelung des found-footage-Prinzips aus der autorbedingten Textgestaltung heraus in den Vorgang des Lesens, der, so verstanden, den Lesestoff mit dem Eigensinn des Lesers verbindet.

Auch die beiden Buchtitel sind irgendwann gefundene, einem literarischen Text entlehnte Formulierungen aus Friedrich Schillers „Wallenstein“. Die ganze Passage, vom literarischen Wallenstein gesprochen, lautet: „Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit, leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raum stoßen sich die Sachen, wo eines Platz nimmt, muss das andre rücken.“ Geerken dazu: „meine buchtitel sind oft miteinander verhakt.“ (lb, 73) Was für die Buchtitel gilt, gilt auch für das Schreiben des Text-Finders und -Erfinders Geerken, denn „in den texten anderer finde ich meine eigenen.“ (hir, 317) Abgewandelt findet sich das Schiller-Zitat auch in den Tagebüchern des von Hartmut Geerken hochgeschätzten und von ihm als Werkherausgeber betreuten Philosophen und Schriftstellers Salomo Friedlaender/Mynona. Da heißt es: „wenn die gedanken so leicht beieinander wohnten, würden sich die sachen im raum nicht so hart stossen. aber schon die gedanken der leute sind ungereimt – ergo! (mynona, tagebuch 59 – 1936).“ (lb, 338)

Ironisch anmutend, zugleich wohl auch ernst gemeint ist Geerkens Wunsch, dass der Leser mit „interesselosem wohlgefallen“ (lb, 338), so bekanntlich Kants Begriff vom Schönen, seinen Texten begegnen möchte. Aber dieser Wunsch hat einen Haken, denn dem Autor geht es nicht um eine affirmative Beschäftigung mit seinen Texten. Es geht darum, die Schwierigkeiten auszuhalten und als Lesechance zu begreifen. „wem meine bücher zu schwierig sind, der muss sich fragen, bei wem das problem liegt.“ (hir, 7) Eine konzeptionelle Absage an jede Form von Konsum-Literatur mit eindeutiger Hinwendung zur Denk-Literatur, die sich vor allem mit ihren Voraussetzungen auseinanderzusetzen hat. Nicht gerade ein Werben um Leser, aber auch hier gilt: jede Äußerung ist verfänglich und „jede sprachliche äusserung (ist) ein einziges missverständnis“. (lb, 380) Dies betrifft konsequenterweise auch hart im raum und leicht beieinander, bei denen man zwischen fiktional-poetischen Texten, autobiografischen Geschichten, dokumentarischen Texten der Nazi-Zeit, gänzlich unverständlichen Wortfolgen, scripturale Vorlagen lautmalerischer Poesie, theoretischen Reflexionen und vielen anderen Textformen seinen eigenen Lesestandpunkt entwickeln muss. Jede Annäherung an Geerkens Bücher ist eine persönliche, ohne allgemeingültige Steigbügel des Autors, die den Einstieg in die Wirklichkeit und das Verstehen seiner Texte erleichtern könnten.

Aber „falls man überhaupt so etwas wie wirklichkeit begreifen kann, so ist es der augenblick des ,zwischen’“. (lb, vorwort, 216) Die poetische, kreative, erkenntniskritische und auch existentielle Kategorie des „zwischen“ ist für Geerken keine Kuschelzone des künstlerischen und literarischen Ausdrucks, sondern elementare Voraussetzung von kreativem Schaffen, von nicht-linearer, nicht ausschließlich sprachlicher Kommunikation, deren Defizite für Geerken grundsätzlich sind. Jede Form von Austausch, Kommunikation, Zusammenleben und Miteinander beherrscht die Differenz. „im zwischenbereich halt machen“ (lb, 51), so die in aller Knappheit formulierte Devise seiner Überzeugungen. Dieses Zwischen verfängt in Raum und Zeit, wie es schon im alltäglichen Gebrauch der Wörter wie Zwischenraum, zwischenzeitlich oder inzwischen vorkommt. Letztlich, so Geerkens unmissverständliche Einsicht, bleibt „das risiko der sprache“ als „unsere einzige chance“. (lb, 312) Sprache als Aneignungsinstrument und -medium des Wirklichen ist darin nicht unhintergehbar, aber ohne sie gäbe es auch kein Verständnis unserer Wirklichkeit. „das einzige ziel, das ich erreichen will, ist die sprache. eine sprache, mit der kommunikation möglich ist. bis jetzt ist alles nur unzuverlässiges gebabbel in allen bereichen der menschlichen gesellschaft“. (lb, 29-30) Zu gern möchte man dieser Diagnose widersprechen. Im Verhältnis von Sprache, Wissenschaft und Wirklichkeit aber lassen sich für seinen Befund von jedem genügend Belege finden. Der Dissenz herrscht vor, vor allem im Gebrauch der Sprache, die den hoch-differenzierten, algorithmisch gesteuerten Medien analytisch kaum noch gewachsen zu sein scheint. Der Konsens ist einstweilen und notwendigerweise verschoben. Dem Einzelnen bleibt die Hinterfragung der Voraussetzungen seiner Wirklichkeit in der Vielfalt der auf ihn hereinbrechenden Wirklichkeiten, ohne dabei den Blick für eine gemeinsame Wirklichkeit aufzugeben oder gar zu verlieren. In dieser Perspektive sind Geerkens Autobiographien auch Streitschriften, die sich diesem Dilemma stellen, indem sie es sprachlich zu fassen versuchen.

„es soll raum geschaffen werden für traditionen, die den wissenschaften & dem rationalismus widersprechen.“ (lb, 348) Provokant nimmt Geerken hier Gedanken des Philosophen Paul Feyerabend auf, der mit seinen wissenschaftstheoretisch-anarchistischen Theorieansätzen und Ansichten in den 70er und 80er Jahren als Verfechter des „anything goes“ Furore machte und ausführlich in leicht beieinander mitschwingt und der, wie Geerken, gegen jede Form überzogener Wahrheitsansprüche und Welterklärungsmonopolismen argumentiert. (lb, 561, Index) Auch wenn die philosophischen Neo-Universalisten, denen zufolge der menschliche Geist, das Denken, der Verstand und die Vernunft sich an allgemeinen Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien zu orientieren haben, gute Gründe gegen den philosophischen Erkenntnis- und Wahrheitsrelativismus Feyerabends und postmodernem Dekonstruktivismus anführen, so bleiben auch sie mit ihren Äußerungen, Argumenten und Diskursen im Medium Sprache verhaftet. Damit kommen dann auch wieder jene sprachphilosophischen Probleme auf den Tisch, die Geerken uns mit seiner Sprachskepsis aus großem Erfahrungswissen heraus serviert. Längst ist dem erfahrenen Kulturvermittler Geerken bewusst, dass das anarchistische anything goes längst nicht so geht, dass alles geht, sondern dass es als Aufmunterung, als Anstoß für Kreativität zu verstehen ist. Auch wenn Feyerabends Ideen im philosophischen Mainstream längst erledigt scheinen, bleiben sie doch immer wieder Impulsgeber für einen Methodenpluralismus des Erkennens, auf den Geerken anspielt. „mein work in progress ‚wissenschaft & dada’ zeitigt erfolge!“ (lb, 534), was zumindest für die Frei- und Spielräume des Schriftstellers, Philosophen, Künstlers und Menschen Geerken zutrifft, und was darüber hinaus Leser zum Nachdenken über die eigene Freiheit oder über die eigenen Verwicklungen im Wirklichen anregt.

Harmut Geerken bei einem musikalischen Auftritt, 2015. Quelle: YouTube, „Hartmut Geerken feat. Jooklo Duo“

Harmut Geerken bei einem musikalischen Auftritt, 2015
Quelle: YouTube, „Hartmut Geerken feat. Jooklo Duo“

Reflexionen beim Schreiben über das Schreiben durchziehen Geerkens Texte. Schreiben wird in seinem Werk auf unterschiedlichste Art und Weise zum Gegenstand des Schreibens. „Beim Schreiben beobachtet und reflektiert Geerken wie anderes alltägliches Tun auch die Methoden und Erfahrungen, die er dabei macht, und passt diese Metatexte fragmentiert ins Fließkontinuum der Kapitel ein.“ Franz Mon, der sich hier 1999/2000 auf Geerkens fast 1000-seitiges Buch Kant von 1998 bezieht und was sehr genau auch die Schreib-Reflexionsverhältnisse, vor allem in leicht beieinander, beschreibt, hat in seinem Text die Eigenwilligkeit der Schreibweisen Geerkens herausgearbeitet und betont. Die schreibsituative Amnesie des Autors, der sich ganz dem Flow des Schreibens intensiv überlässt, bekräftigt den Moment, den Augenblick der literarischen Produktion, der in Gänze nicht mehr erinnert werden kann. Denn „so, wie ich nicht weiss, wie der leser mein buch liest, weiss auch ich selber nicht, wie ich es geschrieben habe“. (lb, 155) Was zum Lachen reizt, trifft die Situation des Autors im Allgemeinen, denn, wer weiß schon im Detail, wie seine Texte entstanden sind? Für Geerken ist dies kein Grund zum Grübeln, um vielleicht diesem Dilemma irgendwann Klarheit abzugewinnen. Die Gedanken laufen weiter, mit oder ohne Auflösung. Sie laufen so, dass die konkrete Gegenwart nicht erfassen kann, was war und nur ahnungsmäßig auch das, was sein wird. „ich kann nicht davon ausgehen, dass die erinnerung … dem entspricht, was sich in wirklichkeit zugetragen hat.“ (lb, 253) Die Erinnerungen des Autors sind Konstrukte ausgehend von dem, was damals erlebte Gegenwart war, wobei der literarische Autor Geerken nicht der ist und sein kann, der vor Zeiten die Erfahrungen gemacht hat, die er jetzt als Erinnerungen ausgibt.

Das prozessuale Zeitverständnis des Autors, das von einem intensiven Gegenwartsbewusstsein ausgeht, ist charakteristisch für Geerkens Lebensphilosophie, die die eigene Präsenz im jeweils momentanen Augenblick aufs Intensivste herausfordert. Dabei spielen Wiederholungen von Geschichten, Erlebnissen, Einschätzungen und Reflexionen eine wichtige Rolle. „mit fortschreitendem alter erzählt man immer öfter immer wieder dieselben geschichten, die immer öfter zu gleichen geschichten werden.“ (lb, 11) Wiederholungen erzählter Geschichten aus Kairo, aus Afghanistan und geschilderte Begebenheiten in Athen, alles Stationen von Geerkens langjähriger Arbeit im Goetheinstitut oder die manchmal erschütternden Familiengeschichten, die Eltern, Geschwister und Verwandte mit kritischem Blick ins Öffentliche bringen und philosophische Statements oder auch Aphorismen zur Sprache und Sprachverwendung, fallen dem auf, der die Bücher im konservativen Stil von vorne bis hinten liest. Was in den Texten locker verteilt an Wiederholungen vorkommt, kommt dann fast gar nicht vor, wird dann kaum bemerkt, wenn der Leser dem aleatorischen Verfahren, irgendwo in den Text einsteigend, dem Leserat des Autors folgt. Dann wäre es reiner Zufall, wenn Wiederholungen auffallen. Blaise Pascal, der große Mathematiker und Philosoph des 17. Jahrhunderts, hatte die Überzeugungskraft der textuellen Wiederholung in seinem Kapitel „Geist und Stil“ auf den Punkt gebracht: „Finden sich in einem Aufsatz Wortwiederholungen und findet man, wenn man versucht, sie zu verbessern, dass sie so angemessen sind, und dass das den Aufsatz verderben würde, so ist das ein Kennzeichen dafür, dass man sie lassen muss; und das gehört auf die Seite der Missgunst, die blind ist und nicht weiss, dass diese Wiederholung an dieser Stelle nicht falsch ist; denn es gibt keine allgemeine Regel.“ Geerkens lakonische Bemerkung zum Thema: „wiederholungen sind nie langweilig.“ (lb, 214) Das Wiederholte ist immer auch ein Anderes. Die raum-zeitliche Dimension der Erfahrung macht die Wiederholung zu einem angereicherten Phänomen. Geerken Mynona zitierend: „wiederholung ist mehr als wiederholung.“ (lb, 454) Neben diesen philosophischen Aspekten haben Wiederholungen auch ganz triviale Funktionen, denn, so Geerken: „gelegentliche wiederholungen im text dienen der auflockerung.“ (lb, 22)

„literatur messe ich nicht mit literarischen massstäben, sondern mit musikalischen & malerischen. literarische literatur ist seit jahrhunderten ausgezuzelt bis zum gehtnichtmehr.“ (hir, 232) Musik, vor allem die improvisierende Jazzmusik, hat in Geerkens Autobiographien neben der Sprache den größten Stellenwert. Mit Sun Ra und Famoudou Don Moye, mit dem Hartmut Geerken als Duo Infernal Konzerte gibt, werden hier nur zwei von ganz vielen Musikern genannt, deren Einflüsse den Jazzmusiker Geerken zu großartigen Projekten inspiriert haben. Mit intrinsischem Erlebens- und Eigensinn zieht er aus den Begegnungen und Performances das kreative Potential seiner eigenen künstlerischen Äußerungen, ohne dabei auf irgendeinen weitergehenden Sinn fokussiert oder gar aus zu sein. Seine Motivation scheint aus dem Erleben der Ereignisse selbst hergeleitet, wobei er die Sinnhaftigkeit seiner künstlerischen und literarischen Äußerungen gegen einen irgendwie manifesten Sinn wendet: „meine sprache hat weder sinnstiftende noch seinsetzende kraft. dem sinnlosen bedeutung zuzumessen wäre aber verwegen.“ (lb, 483)

Geerkens Aufmerksamkeit und Konzentration im Tun scheinen gerade in der Musik, der Jazzimprovisation und Jazzperformance nicht auf kompositorische Absprachen gerichtet. Spontaneität des Einfalls, situative Ablenkung, Aufnehmen improvisatorischer Befindlichkeiten der Mitmachenden sind ästhetische Kriterien, die das Spielen um des Spielens willen jenseits von klar strukturierter Kompositionsrationalität beschreiben. Erkenntnisse kommen so wie von alleine. Was in den Texten nur angedeutet wird und werden kann, aber als autobiografische Ereignisse vermittelt wird, ist das intuitive Verständnis, das vor allem in der musikalischen Performance die Spiel- und Lebensfreude der Musiker und des Musikers Hartmut Geerken spüren lässt.

Die beiden kurz hintereinander erschienen und miteinander verwobenen autobiografischen Werke, zusammen 1270 Seiten, sind mehr Dekonstrukte als Rekonstrukte des Autors Hartmut Geerken. Sie sind nicht im Montage- oder Collageverfahren verfasst, da diese literarischen und bildnerischen Vorgehensweisen einer gewissen Vorstellung zum ästhetischen Ziel verhelfen sollen und was den Absichten des Autors widersprechen würde. Vielmehr scheint ein anarchisches Produzenten-Bewusstsein, eine Art text-dripping, analog Jackson Pollocks dripping-paints, die Texte zu finden, zu ordnen und zu erfinden – eine situative Entscheidung zeitigt das Ergebnis. Die Flüchtigkeit einer ungemein spannenden Existenz, eines kritisch reflektierten kulturellen Gedächtnisses und interkulturellen Bewusstseins wird so gerade erst recht deutlich.

Für alles das, was hier nicht zum Tragen kam oder als Lichtung entdeckt wurde, wie der zuweilen brisante Klarnamenreigen mit seinen episodischen Verknüpfungen, die politischen Implikate von Kulturarbeit oder die vielen theoretischen Belege der philosophischen, literarischen und künstlerischen Autorenposition oder auch die Beschreibung der unterschiedlichsten Textformen im linksbündig (hir) oder zentriert (lb) gesetzten Text und die entschärften orthografischen Schreibweisen gegenüber anderen Büchern Geerkens oder die Beinahetoderfahrungen des Autors oder die großartige, kreative, lebenslange Zusammenarbeit mit Geerkens Lebenspartnerin Sigrid Hauff oder das herzhafte Lachen aus einem humorvollen Blick aufs Reale, gilt der Rat des Autors Hartmut Geerken: „meine eigentliche biografie erschliesst sich in kurzform im index.“ (lb, 342)

Abkürzungen

(hir) Hartmut Geerken, hart im raum, 683 Seiten, 2018, BoD
(lb) Hartmut Geerken, leicht beieinander, 587 Seiten, 2020, BoD

Siehe auch

Homepage Hartmut Geerken: www.hartmutgeerken.de

Rolf Schütte: Ror Wolf lesen

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erstellt am 13.4.2021
aktualisiert am 13.4.2021

Hartmut Geerken

Hartmut Geerken

Buchcover: Hartmut Geerken, „hart im raum. found footage memorabilia spule eins“, BOD / wartaweil: waitawhile 2019

Hartmut Geerken
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Gebunden, 687 Seiten
ISBN: 978-3748158899
BOD, wartaweil: waitawhile 2019

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Buchcover: Hartmut Geerken, „leicht beieinander. found footage memorabilia spule zwei“, BOD / wartaweil: waitawhile 2020

Hartmut Geerken
leicht beieinander
found footage memorabilia spule zwei
Gebunden, 592 Seiten
ISBN: 978-3751984287
BOD, wartaweil: waitawhile 2020

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